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Verkäufer, Lagerist, Pfleger: Die neuen Jobs der Roboter

Foto: ? Christian Charisius / Reuters/ REUTERS

Boombranche Enges Wettrennen um Roboterhersteller

Die Fließbänder der Industrie waren ihr Sprungbrett, jetzt marschieren Roboter auch als Gefängniswärter auf. US-Firmen treiben die Automatisierung somit rigoros voran. Und manche kaufen ihrer Konkurrenz gleich die Roboterhersteller weg.
Von Markus Gärtner

Hamburg - Sie machen Aktienhändlern bei Goldman Sachs Konkurrenz. Sie schaffen Eisenerz aus den Minen von Rio Tinto in Australien - ohne Zutun von Menschenhand. Sie patroullieren durch die Zellenblöcke südkoreanischer Gefängnisse. Und sie pflegen eine steigende Zahl von Rentnern in Japan. Roboter und selbstfahrende Maschinen erleben drei Jahre nach der schweren Finanzkrise einen Boom, der alles in den Schatten stellt.

Die Robotic Industries Association (RIA) in den USA berichtet, dass ihre Verbandsmitglieder im Jahr 2011 satte 47 Prozent mehr verkauft haben als im Vorjahr, ein neuer historischer Rekord. Das Schlussquartal 2011 war das beste für die Roboterindustrie seit Beginn der Verbandsstatistik im Jahr 1984. Auch die stark auf den Autosektor fokussierte Kuka  in Augsburg konnte für 2011 rekordhohe Auftragseingänge melden und bei einem Umsatzanstieg von 33 Prozent das operative Ergebnis fast verdreifachen.

"Das wachsende Interesse an der Automatisierung, kombiniert mit einer Renaissance des verarbeitenden Gewerbes - vor allem der Autobranche in den USA - hat uns ein hervorragendes Jahr beschert", erklärt RIA-Präsident Jeff Burnstein diesen Erfolgslauf. Laut Burnstein trägt noch ein weiterer Faktor zu dem Automatisierungsboom bei. Viele Firmen, die zuvor Fertigung nach Fernost verlagerten, müssen jetzt umdenken: Weil die heimischen Märkte in Nordamerika und Europa immer flexiblere Fertigung verlangen und immer kürzere Reaktionszeiten auf veränderte Nachfrage, müssen Maschinen das Fertigungstempo forcieren und den Produktionswechsel zwischen verschiedenen Produktvarianten beschleunigen.

Angetrieben wird die jüngste Automatisierungswelle von einem eisernen Spardiktat, aber auch vom Mangel an Arbeitskräften in einigen Boomindustrien sowie vom technischen Fortschritt: Lange Zeit konnten Roboter nur einprogrammierte Schweißpunkte am Autofließband ansteuern oder auf markierten Bahnen durch Fabrikhallen schleichen. Inzwischen können sie Hochregale ausräumen, aus Google-Meldungen Kaufaufträge für Aktien ableiten und sogar Fleisch in Supermärkten verkaufen.

Rezession hat Automatisierung beschleunigt

Im Klartext: Immer öfter werden jetzt auch Service-Jobs durch Maschinen ersetzt. Der Eroberungszug hat sich weit über die Fließbänder der Autoindustrie ausgedehnt. Laut einem Bericht von David Autor beim Center for American Progress hat die jüngste Rezession die Eliminierung von Jobs, die leicht automatisiert werden können, rasant beschleunigt. Landesweit ging in den USA die Beschäftigung bei Hilfstätigkeiten in Büros - zum Beispiel das Austragen der Post - von 2007 bis 2009 um 8 Prozent zurück. In den acht Jahren bis 2007 hatte die Zahl solcher Jobs aber lediglich um ein Prozent zugenommen.

General Motors  und die Nasa entwickeln gemeinsamen einen Handschuh für Beschäftigte in der Autoindustrie, wo monotone Routinebewegungen die menschliche Hand oft nach kurzer Zeit ermüden. Der sogenannte "K-Glove" soll den Beschäftigten über die Hand gestülpt werden und als Robo-Handschuh häufig wiederholte Bewegungen einfacher und präziser ausführen helfen. Muskeln, Augen und Nerven des Fließbandarbeiters werden zur Steigerung von Genauigkeit und Produktivität durch Sensoren, Kameras und Stellglieder unterstützt.

Mehr noch: Die Citigroup  hat vor wenigen Tagen eine Kooperation mit IBM  bekannt gegeben. Der IBM-Supercomputer Watson soll demnach auf seine Eignung für den Finanzsektor, insbesondere für den Wertpapierhandel, überprüft werden. Die Citigroup gilt als einer der weltweit führenden Player im High-Frequency-Handel. "Im Augenblick geht es mehr um den Support für den existierenden Wertpapierhandel, als um die komplette Ausführung von Orders", skizziert der Chef bei IBM Watson, Manoj Saxena, die Zusammenarbeit. Doch an den nächsten Schritt wird schon gedacht: "Die technischen Möglichkeiten existieren", sagt Saxena, "es ist nur die Frage, ob die Kunden einen voll automatisierten Prozess wollen, oder nicht."

Wie stark sich die Arbeitsautomaten in den vergangenen Jahren verbessert haben, zeigen die jüngsten Nachrichten. Die Investmentbank Goldman Sachs  begann vor etwas mehr als einer Woche mit der jährlichen Schlankheitskur, bei der Tausende von Jobs derjenigen Mitarbeiter eliminiert werden, die ihre Vorgaben nicht erfüllen können. Immer öfter wird dabei automatisiert, denn der Kosten- und Erfolgsdruck eskaliert seit der Finanzkrise. Goldmans 33.300 Beschäftigte erwirtschafteten im vergangenen Jahr 75.375 Dollar Gewinn pro Kopf. Das sind 71 Prozent weniger als 2005. Doch jetzt kommen noch schärfere Kapitalvorschriften, Rückschläge im Eigenhandel und im M&A-Geschäft sowie strengere Regulierung hinzu.

Burger-Roboter im Fast-Food-Laden

Ähnlicher Druck plagt auch die Minenindustrie, wo steigende Material- und Gerätekosten mit fallenden Preisen für die geförderten Rohstoffe wie Eisernerz, Kohle und Gas einhergehen. Das verhagelt die Margen und fordert eisernes Sparen. Rio Tinto , der zweitgrößte Förderer von Eisenerz weltweit, hat kürzlich ein 518 Millionen Dollar umfassendes Investitionsprogramm zur Automatisierung seiner Transportverbindungen zwischen den Minen in Australien bekannt gegeben. Ziel ist die volle Automatisierung des firmeneigenen Eisenbahnnetzes im Nordwesten des Kontinents. Die 1500 Kilometer Schienen mit den beladenen Waggons sollen aus einem Kontrollraum im zwei Flugstunden entfernten Perth gesteuert werden. Ziel ist eine Steigerung des Ausstoßes um 60 Prozent bis zum Jahr 2015. "Hier geht es nicht nur um Jobs", sagt Greg Lilleyman, der Präsident von Rio Tinto in der Region, "hier geht es schlicht darum, wettbewerbsfähig zu bleiben."

Es geht aber auch darum, den grassierenden Mangel an geeigneten Kräften auszugleichen. Der Boom in der Minenindustrie hat allein in Australien zu genehmigten Investitionen von 230 Milliarden Dollar geführt. Das fegt den Arbeitsmarkt in der Branche komplett leer. Resultat: Die Löhne für die knapper werdenden Arbeiter sind so rasant geklettert, dass selbst Fahrer der Trucks, die Rohstoffe aus den Minen bringen, 100.000 Dollar im Jahr verdienen können.

Vergleichbarer Kostendruck herrscht auch im Versandsektor. Vor allem im Onlinehandel. Bei Internetfirmen wie Amazon  ziehen Roboter massenweise in die Lagerhallen ein. Aus den Hochregalen holen sie bestellte Ware und bringen sie in die Versandabteilungen der Onlinefirmen - ohne Pause, ohne Schichtwechsel, ohne Krankheit - und das auch noch mit weniger Fehlern. Die Investitionen in solche Roboter haben seit dem Ende der Großen Rezession in den USA um 26 Prozent zugenommen, weiß man bei Kiva Systems in Boston. Dort werden solche Roboter hergestellt. Die orangen "Kivaner" sehen aus wie eine flache Ausgabe der R2D2-Roboter aus dem Krieg der Sterne, für die es auch eine Lego-Version gibt.

Kiva-Gründer Mick Mountz war einst beim Online-Retailer "Webvan" angestellt, wo die Kunden Brot, Gewürze und Müsli mit einem Mausklick zum Versand orderten. Webvan endete als eine der spektakulären Pleiten im Dotcom-Crash. Aus einem Unternehmen, das mit 4500 Leuten mehr als 1,2 Milliarden Dollar umsetzte, wurde binnen zwei Jahren ein Insolvenzfall. "Die Arbeitskosten haben uns gekillt", erzählt Mountz, "es war schlicht zu teuer, von Leuten die Waren aus dem Hochregal holen und in die Versandabteilung bringen zu lassen." Also gründete Mountz, der seine Karriere als Ingenieur bei Motorola  begonnen hatte, Kiva Systems, holte sich Finanzinvestoren ins Boot und stieg laut dem Magazin der Fast Company zu einem der 25 innovativsten Unternehmen der Welt auf.

Neue Ära für die Hersteller von Robotern

Jetzt hat Mountz Grund zum Jubeln. Amazon kündigte Mitte März an, den Hersteller der kleinen orangen Hochregalroboter für 775 Millionen Dollar zu kaufen. Es ist die zweitgrößte Akquisition in der Firmengeschichte des Online-Buchhändlers. Und sie leitet eine neue Ära für die Hersteller von Robotern ein. Statt die kleinen Roboter nach Bedarf zu bestellen, werden künftig öfter ihre Hersteller komplett übernommen. Das eliminiert für die Konkurrenz von Amazon eine wichtige Versorgungsquelle. Automatisierungsfirmen werden damit zu einem wichtigen Ziel im globalen M&A-Karussell.

Auch bei Amazon steht jedoch zunächst der Kostendruck im Vordergrund. Die Lagerhäuser des Unternehmens waren im vergangenen Jahr mit 4,6 Milliarden Dollar der größte Kostenfaktor im operativen Geschäft. "Da geht es um die interne Infrastruktur bei Amazon", sagt der Analyst Colin Gillis bei BGC Partners in New York, "die Belegschaft wächst derzeit schneller als der Umsatz." Laut Gillis ist die Orderabwicklung für Amazon ein teures manuelles Prozedere. Das Unternehmen steht unter Druck, seine Handling-Kapazität ohne neue Stellen zu erhöhen. Die operative Gewinnmarge, die 2011 um 2,3 Prozentpunkte zurückging, soll im laufenden Jahr auf 1,6 Prozent zusammenschmelzen. Die Kivaner sind jetzt offiziell zur wichtigsten Waffe gegen diesen Schwund geworden.

Investitionen in Maschinen, Software und Roboter steuerten laut dem Bureau of Labor Statistics in den USA von 2000 bis 2007 einen Prozentpunkt zur Produktivitätssteigerung der privaten US-Wirtschaft bei. Ab 2007 stieg dieser Anteil auf 1,7 Prozentpunkte, konnte sich also annähernd verdoppeln. Die Computer-Kiosks der Airlineindustrie waren im vergangenen Jahrzehnt nur der Anfang. Jetzt, so weiß der beim Firmenberater IHL Group für die Technologie im Einzelhandel zuständige Präsident Greg Buzek, legen sich sogar Restaurants und Fast Food-Läden Roboter zu.

EMN8, eine Firma in San Diego für Selbstbedienungs-Kiosks, sieht "eine dramatische Zunahme" der Nachfrage nach ihren Produkten, wie Verkaufschef Brent Christensen erzählt. Die Maschinen von EMN8 sehen aus wie bunte Geldautomaten. Die Kunden tasten sich dort am Bildschirm elektronisch durch das Menü, bestellen ihre Mahlzeit und zahlen auch gleich, indem sie nur ihre Kreditkarte vor dem Gerät schwenken. Den Rest erledigt dann die Küche.

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