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Fotovoltaik: Die Boommärkte der Zukunft

Deutsche Solarindustrie Wer zu Hause bleibt, geht unter

Verbissen klammert sich die deutsche Solarbranche an die Subventionen in der Heimat. Den Sprung in aufstrebende Märkte droht sie so zu verpassen. Dort müsste sie ohne Fördermilliarden auskommen - weil der Solarstrom vielerorts schon wettbewerbsfähig ist.
Von Kristian Klooß und Nils-Viktor Sorge

Hamburg - Bisher hat sich die Stadt Vicuña im Norden Chiles vor allem als Produktionsstätte des Nationalgetränks Pisco einen Namen gemacht. Doch neben den Weinbrand gesellt sich nun ein vor Ort weitgehend unbekanntes Produkt - Solarstrom. Das größte Sonnenkraftwerk des Landes soll ab Mitte des Jahres die Bewässerungsanlage einer Clementinen- und Avocadoplantage mit Elektrizität versorgen. Die Früchte wachsen auch zwischen den Modulen.

Neue Solar-Geschäftsmodelle wie dieses sprießen momentan weltweit aus dem Boden - und rechnen sich wie im sonnenreichen Nord-Chile immer häufiger auch ohne Subventionen. Doch anstatt sich auf Chancen in der Ferne zu konzentrieren, kämpfen große Teile der deutschen Fotovoltaikindustrie lieber weiter für den Erhalt ihrer Privilegien auf dem Heimatmarkt.

Der rheinland-pfälzische Projektentwickler Juwi, der das Kraftwerk in Chile baut, ist insofern fast schon eine Ausnahme. "Jeder kann im Ausland erfolgreich sein, wenn er ein wettbewerbsfähiges Produkt hat, eine gute Strategie und eine gewisse Größe", sagt Juwi-Solar-Geschäftsführer Lars Falck gegenüber manager magazin online. "Der Markt wird allerdings diejenigen nicht schonen, die das nicht mitbringen."

Das dürfte auf eine ganze Reihe deutscher Firmen zutreffen, sind Branchenkenner überzeugt. Angesprochen auf die Aussichten der Modulhersteller wie Q-Cells, Solarworld  und Conergy , winken die meisten ohnehin gleich ab. Die gefallenen Stars hätten kaum noch die Kraft, sich auf einen Weltmarkt einzustellen, auf dem beinahe im Wochenrhythmus neue Regionen und Geschäftsmodelle interessant werden.

Bequemes Geschäftsmodell hat ausgedient

"Ich habe einige Probleme nachzuvollziehen, wie sich klassische Modulhersteller in das kleinteilige Distributions-Know-how eines Landes einarbeiten wollen", sagt Erneuerbare-Energien-Analyst Matthias Fawer von der Sarasin Bank. "Denn wenn sie es tun, steigen ihre Kosten."

Beispiel Conergy: Das Hamburger Unternehmen ist in 40 Ländern aktiv. Büros vor Ort gibt es in 14 Staaten. Weite Teile des Globus' bleiben unerschlossen - darunter Südamerika, Südafrika und große Gebiete Südostasiens. Diese Regionen gelten jedoch als Wachstumsmärkte. Dort mal eben ins Geschäft zu kommen, ist schwierig - Wirtschaftsklima und Regularien unterscheiden sich auf allen Märkten deutlich voneinander.

Doch auch manche Kraftwerksbauer haben zu sehr auf Deutschland und das bequeme Geschäftsmodell "Einspeisetarif gemäß Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG)" gesetzt. Projektierer Solarhybrid meldete Insolvenz an, weil zahlreiche Projekte in der Heimat nur mit hohen Fördersätzen funktioniert hätten. Zum Sprung in die USA setzte das Unternehmen viel zu spät an.

"Viele Firmen haben Fett angesetzt"

Die gute, alte Solarwelt funktioniert schon seit einer Weile nicht mehr. Lange haben die deutschen Modulhersteller vom Geschäft auf dem Heimatmarkt gelebt und zuletzt durch ihn überlebt. Dabei haben viele nicht wahrhaben wollen, wie austauschbar ihre Produkte wurden und wie wenig zukunftsweisend auf Dauer das simple Errichten von Solarparks jedweder Größenordnung für sie selbst war.

Seit Jahren bieten chinesische Hersteller Module von nahezu derselben Qualität zu niedrigeren Preisen an. "Viele deutsche Firmen in der Branche haben dank der Subventionen einfach Fett angesetzt", sagt ein Banker, der sich mit der Finanzierung von Projekten aus dem Bereich erneuerbare Energien beschäftigt.

Der Heimatbonus in Deutschland dürfte angesichts der jüngsten Förderkürzung jedoch Makulatur werden. "Die Branche war vorher kaputt und ist nun zweimal kaputt", sagt der Vorstandschef des Solarparkbetreibers Capital Stage , Felix Goedhart. "Die Modulhersteller haben keine Chance."

Ausgerechnet in dem Moment, da die Solarenergie wettbewerbsfähig gegenüber anderen Energieträgern wird, liegen weite Teile der Branche im - noch - wichtigsten Solarland am Boden. Die Rechnung, dass die beachtlichen Kostenfortschritte der Fotovoltaik den Boom in Deutschland verlängern, geht spätestens ab Sommer nicht mehr auf. Dann endet die Schonfrist, es greifen Förderkürzungen von bis zu 30 Prozent.

Vielen fehlt die Kraft für Neues

Von neuen Trends zu profitieren, dafür fehlt vielen Unternehmen nun die Kraft. "In Deutschland sind viele kleinere Firmen nicht richtig vorbereitet", sagt Martin Stickel vom Stuttgarter Ingenieurbüro Fichtner, das weltweit Sonnenkraftwerke plant. "Das Phänomen, dass die Karawane in das Land mit den nächsthöchsten Einspeisetarifen weiterzieht, nimmt ab."

Stattdessen dient Solarenergie wie in Chile häufiger als echte Alternative zu anderen Formen der Stromerzeugung, weil sie billiger ist. So plant Indonesien auf Bali ein 100-Megawatt-Solarkraftwerk. Dieses und weitere Projekte sollen dabei helfen, "die Entwicklung ölbetriebener Kraftwerke so stark wie möglich einzuschränken", erklärte die Behörde für erneuerbare Energien. Damit stellen sich ganz andere Anforderungen an die Wirtschaftlichkeit der Anlagen.

"Wenn die Menschen erkennen, wie günstig Solarstrom im Vergleich zu anderen Energiequellen ist, kann man den Solarstrom auf vielerlei Weise vermarkten: an Endverbraucher, an die Industrie, an Stromversorger oder auch Händler", sagt Juwi-Manager Falck. "Die zukünftige Form des Anlagenbaus wird sich an Kosten und Finanzierbarkeit ausrichten."

Knappe Rohstoffe: Experten erwarten Solarboom in Schwellenländern

Damit sind viele deutsche Firmen offenbar überfordert. Auf Bali kommt der japanische Hersteller Sharp Solar zum Zug. Das Unternehmen muss sein Geld aufgrund des kleinen Heimatmarktes schon lange in aller Welt verdienen, zudem hat es eine Konzernmutter  im Rücken.

Auch in Zukunftsmärkten wie China oder Indien wird die Förderung von Solarparks nicht mehr nur politisch festgesetzt, sondern über Bieterverfahren an die Kostenführer vergeben. "Dabei nennt der Anbieter die Einspeisevergütung, die er benötigt, um profitabel zu sein", sagt Analyst Fawer. Eine solche Herangehensweise hilft vor allem den global flexiblen chinesischen Anbietern - unter ihnen Suntech , Yingli, Trina oder Jinko Solar.

Um trotz solcher Preiskriege Geschäfte zu machen, müssen deutsche Firmen jetzt mit neuen Produkten punkten, mit echten Innovationen. In Ländern wie Brasilien, Argentinien oder Chile gehe es weniger darum, den Kunden Module zu verkaufen, sondern Energiesysteme, sagt Fawer. "Um beispielsweise Dieselgeneratoren zu ersetzen, brauchen die Leute eine umfassende Alternative, nicht nur Module."

Sonnenstrom für weniger als zehn Cent pro Kilowattstunde

In Schwellenländern boomt der Markt für dezentrale Energiesysteme. Die nationalen Stromnetzte sind oft nicht für die Einspeisung regenerativer Energien geeignet. So werden in der Atacamawüste in Chile bereits heute auch Kupferbergwerke unabhängig vom zentralen Stromnetz durch Fotovoltaik-Kraftwerke betrieben.

"Auch in Ländern wie Brasilien oder der Türkei, wo man mit Fotovoltaik Strom für weniger als zehn Cent pro Kilowattstunde erzeugen kann, sind solche dezentralen Kraftwerke denkbar", sagt Branchenanalyst Markus Lohr von der Beratung EuPD.

In den Solarmärkten der Zukunft, etwa in Indien und China, wird Kompetenz in Netzfragen zum Wettbewerbsfaktor. In China lösten die Energiebehörden das Problem kreativ: Dem US-amerikanischen Solarkonzern First Solar  gaben sie den Zuschlag für ein Solarprojekt in der Inneren Mongolei unter der Bedingung, dass der Konzern die Einspeisung des Stroms in das nationale Stromnetz gleich mit übernimmt.

Und selbst in Europa gibt es nach Ansicht der Experten Märkte für netzunabhängige Energieprojekte. Ein Beispiel sind Inseln, etwa in Griechenland.

Wo deutsche Firmen noch Vorreiter sind

Am besten könnten noch die Projektierer und Ingenieurbüros mit den neuen Anforderungen klarkommen, sagt Analyst Lohr. Als Beispiel nennt er die in München und Innsbruck ansässige Ingenieurberatung ILF, die weltweit mehr als 1800 Mitarbeiter zählt. "Solche Unternehmen verfügen als Projektierer schon heute über die nötige Infrastruktur in vielen Ländern, auch in Südafrika und der arabischen Welt."

Auch Fichtner sieht sich auf dem Vormarsch. "Wir haben auf allen Kontinenten laufende Projekte", sagt Solarspezialist Stickel. Belectric und Juwi dringen ebenfalls schnell in neue Märkte vor.

Auch der in Neustadt bei Coburg ansässige Solarprojektierer Gehrlicher könnte künftig weltweit im Solargeschäft Geld verdienen. Seit 1994 plant, baut, finanziert und wartet das rund 400 Mitarbeiter zählende Unternehmen Photovoltaikanlagen. Durch Joint Ventures, beispielsweise in Griechenland, Indien, Südafrika oder der Türkei ist das Unternehmen weltweit vertreten. In Brasilien, das 2014 die Fußball-Weltmeisterschaft ausrichtet, erhielt das Unternehmen den ersten Auftrag für ein Solardach auf einem Stadion.

Bei Speichern könnte deutsche Firmen Vorreiter sein

Auch in Sachen Speichertechnologie können deutsche Firmen punkten. "Neue Batteriespeicher, Energiemanagement und Smart Grids bieten ein riesiges Potenzial", sagt EuPD-Analyst Lohr. "Und ich denke auch, dass Deutschland da Vorreiter sein wird und Lösungen entwickelt." Potenzial für Innovationen sieht Lohr allerdings weniger auf Seiten der Modulfertiger, sondern eher im elektronischen Bereich, allem voran bei Herstellern von Wechselrichtern wie beispielsweise dem hessischen Weltmarktführer SMA .

Gleichwohl bietet unter anderen auch Solarworld bereits Kleinanlagen an, die Strom speichern, Verbrauch und Einspeisung managen. Mittags wird beispielsweise die Wachmaschine betrieben, abends die heimische Batterie angezapft, nachts Strom über das Netz bezogen.

Falls eine Firma neue Geschäftsmodelle nicht allein stemmt, bieten sich Kooperationen an. Ein Beispiel ist die Dresdner Solarwatt AG. Das Unternehmen hat sich von einem Modulhersteller hin zu einem Anbieter von Komplettpaketen und Energiemanagement-Systemen entwickelt. Gemeinsam mit Fertighausanbietern vertreibt das Unternehmen beispielsweise Solaranlagen, die Dachziegel von Schrägdächern ersetzen. Die Module fertigt Solarwatt in Deutschland.

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