Freitag, 6. Dezember 2019

Wechsel Bertelsmann-Manager fährt zur See

Rickmer Rickmers im Hamburger Hafen: Die Reederei betreibt eine Flotte von mehr als 120 Schiffen

Abschied von Bertelsmann: Mark-Ken Erdmann, Direktor der Beratungstochter Bertelsmann Business Consulting, wechselt zur Jahresmitte zur Reederei Rickmers. Der Wechsel im Management hat auch mit einer vakanten Position im Bertelsmann-Vorstand zu tun, die in Gütersloh für Unruhe sorgt.

Hamburg - Bertelsmann verliert einen guten Mann, wenn auch nur einen aus der zweiten Reihe: Mark-Ken Erdmann (38), Direktor der Beratungstochter Bertelsmann Business Consulting (BeBC), will das Gütersloher Unternehmen in Bälde verlassen und spätestens am 1. Juli eine neue Stellung antreten, und zwar eine in Hamburg.

Die Reederei Rickmers, eine der größten und angesehensten ihrer Art auf dem Kontinent, nimmt eine Umbesetzung ihrer Führung vor und hat sich den Berater Erdmann als sogenannten Deputy CFO ausgesucht, also als Stellvertreter ihres Finanzvorstands Ignace Van Meenen (44), der seinerseits zum Vize des künftigen Holding-Chefs Ronald D. Widdows (59) aufrückt und offenbar einen Mann sucht, der ihm den Rücken freihält.

Die Rickmers Gruppe, im Besitz der Familie Rickmers, betreibt eine Flotte von mehr als 120 Container- und Massengutschiffen, Frachtern und Autotransportern. Im März soll Erdmanns Transfer ins Schifffahrtsgewerbe offiziell bekanntgemacht werden. Bis dahin wird man sich in Gütersloh "keinen Kommentar" einhandeln.

Über die Gründe für den Wechsel ihres Kollegen vermögen Eingeweihte in Gütersloh nur Spekulationen anzustellen. Angeblich soll sich der Manager, der auch als CIO der Hauptverwaltung operiert, Hoffnungen - wenngleich nur falsche - auf den vakanten Posten des Finanzvorstandes der Bertelsmann AG gemacht haben, der zur Zeit noch von dem neuen Vorstandschef Thomas Rabe (46) mitbetreut wird.

Vakanter Posten des Finanzvorstands sorgt für Unruhe

Erdmann ist nicht der einzige, der sich Chancen ausgerechnet hatte. Auch Roger Schweitzer (50), Leiter Finanzen in der Bertelsmannzentrale und direkt Rabe zugeordnet, zählte oder zählt sich immer noch zu den geeignetsten Aspiranten. Im Hause Bertelsmann, heißt es, sei die Unruhe wegen der offenen Stelle, die unmittelbare Reize ausübt, nicht unbeträchtlich.

Bertelsmann Business Consulting, Erdmanns hauptsächliches Einsatzgebiet, ist ein Kind der Diversifikation, mit dem Gewerbe des Medienschaffens hat die Firma wenig zu tun: "Maßgeschneiderte betriebswirtschaftliche Konzeptionen über die Systemimplementierung bis hin zu den täglichen Aufgaben des Rechnungswesens" - von dieser Art sind die Angebote, die BeBC ihrer Kundschaft unterbreitet.

Erdmann gilt als schlauer Bursche, seine Vorträge und Lesungen ("Der Impairment-Test in der Phase des wirtschaftlichen Abschwungs") an der TU München sind gut besucht. Gebürtiger Tokioter, spricht Erdmann Englisch, Französisch, natürlich Deutsch, aber auch Japanisch.

Seine Reisen führten ihn zuletzt nach Istanbul, in die Dolomiten, nach Kapstadt und San Francisco, nach New York, Boston, Rügen und Rom, nach Florenz und an den fälschlicherweise von ihm mit Doppel-E geschriebenen "Teegernsee". Auf Facebook verfügt er über 389 Freunde, was für normalerweise eher zugeknöpfte und gehemmte Zahlenmenschen ein außergewöhnlich gutes Ergebnis ist.

Sein Wechsel vom Beratungszweig eines Medienunternehmens in die Geschäftsführung einer Reederei zeigt, dass Finanzleute überall auf der Welt ihren Spaß haben können. Ignace van Meenen, dem Erdmann künftig zugeordnet werden soll, wirtschaftete vor seiner Reedereikarriere als Finanzvorstand der Immobilienfirma DIC Beteiligungs AG.

Wie groß die Lücke ist, die Erdmann bei Bertelsmann reißt, wird wie immer erst die Zukunft zeigen. Ersetzbar, dies lehrt die Geschichte, war bislang noch jeder.

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