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Fotostrecke: Boond soll Licht aufs Land bringen

Foto: Benjamin Füglister

Heimkehr nach Indien Der Lichtbringer

Nicht in jedem Land freuen sich Menschen zu Weihnachten über Smartphone und Schmuck wie im Westen. In manchen Ländern wären sie schon mit Licht und sauberem Wasser zufrieden. Der indische Unternehmer Rustam Sengupta kennt beide Welten. Entschieden hat er sich für letztere.
Von Kristian Klooß

Udaipur - Rustam Sengupta sitzt in Jeans, Hemd und Sonnenbrille im Kofferraum eines weißen Toyotas, den rechten Arm über die vibrierende Lehne des vollbesetzten Rücksitzes vor ihm gelehnt. Zwei Jahre ist es her, als sich der 31-jährige Inder entschied, nach Hause zurückzukehren.

Es war kurz vor Weihnachten. Und seine Eltern waren froh, ihren Jungen einmal wieder zu sehen. "Als ich nach Hause kam, dachten sie, ich würde für ein paar Wochen Urlaub machen", sagt Sengupta. Als dann aus wenigen Wochen mehrere Monate geworden seien, wären sie davon ausgegangen, er mache nur ein Sabbatical. Dann lächelt er. "Nach einem Jahr hat mein Vater gesagt: Junge, wir müssen reden!"

Denn der Weg des aus der großen Businesswelt heimgekehrten Sohns hätte nach Ansicht seiner Eltern eigentlich ein anderer sein sollen. Schon seinen Bruder hatten sie nach Amerika geschickt. An der Stanford University im Silicon Valley hatte dieser studiert. Heute ist er Manager bei Google . Und auch der Karriereweg von Rustam Sengupta glich einem Highway direkt ins Herz des amerikanischen Hightech-Kapitalismus.

Mit 21 Jahren hatte er im indischen Agra seinen Abschluss als Elektroingenieur gemacht. Danach folgte ein Studium an der University of California. Nach dem Abschluss begann er 2005 nahe Los Angeles seine Karriere als Unternehmensberater bei Deloitte. Seit 2008 erstellte er dann im Auftrag des Schweizer Düngemittelkonzern Syngenta Wettbewerbsanalysen für den brasilianischen Markt. Parallel machte er an der französischen Eliteuniversität Insead seinen MBA. 2009 landete er schließlich in Singapur, wo er Anleihegeschäfte für die britische Standard Chartered Bank einfädelte.

Das Hupen der Laster und Autos nimmt kein Ende. Ruckelnd schiebt sich der Geländewagen über die zweispurige Hauptstraße von Udaipur ins drei Stunden entfernte Sagwada, ein Ort im nordindischen Nirgendwo. Vor dem Wagen, hinter ihm und auf der Gegenspur reihen sich weiße und rostrote Lkws wie Elefanten aneinander, manche bemalt wie Zirkuswagen.

Als Banker wickelte Sengupta Anleihen für Luftfahrt- und Energiekonzerne mit Milliardenumsätzen ab. "Ich hatte alles", sagt er und blickt durch die Rückfensterscheibe auf die Stromleitungen, die an staubigen Masten aus Holz, Metall und Beton dem Straßenverlauf folgen.

Vom Big Business zum Micro Business

Dass er sich mit Ende zwanzig dafür entschied, einen neuen Weg zu gehen, lag letztlich auch daran. Er hatte alles. Und er hatte alles gesehen. Er kannte Indien, Amerika, Europa und Asien, hatte 29 Länder auf fünf Kontinenten bereist, in ihnen gelebt, Erfahrungen gesammelt. Er hatte gesehen, wie das Big Business der Reichen funktioniert. Und er hatte begriffen, warum das Micro Business der Armen in seiner Heimat so oft scheiterte.

"Wenn man Wohltätigkeit stiften will, dann kann man einen Lastwagen mieten und schöne Dinge an die Menschen auf dem Land verteilen", sagt der 31-Jährige. Große Firmen würden dies tun. Es gebe viele Konzerne, die etwas ankündigten, sagt er, dann aber passiere nichts. "Die Manager versprechen, in einer Region ein Elektrizitätsnetz aufzubauen." Doch wenn Sie fertig seien, gebe es keinen Strom.

Wenn Sengupta über Konzerne spricht, über Politiker und die indische Regierung, dann fallen oft Worte wie "crap" oder "bullshiters". Keine Worte, die einer Übersetzung bedürften.

"Wir", sagt er, "gehen da anders heran." Wir, damit meint er sein Unternehmen "Boond". Boond, das bedeutet auf Hindi "Wassertropfen".

Der Slogan, den sich der Unternehmer dazu ausgedacht hat, lautet: "Every drop makes a difference." Die Tropfen, die den Unterschied zu anderen wohltätigen Projekten ausmachen sollen, sind die Mikrounternehmer, die Boond auswählt, ausbildet und betreut, bis sie vom Verkauf ihrer Produkte leben können. Die Produkte, die sie an die Menschen in ihren Dörfern verkaufen, werden ebenfalls von Boond geliefert: zum Beispiel Solarlampen, Dynamos und Wasserfilter.

Auf der langen Fahrt ist es inzwischen fast dunkel geworden, als der Geländewagen langsamer wird. Der Fahrer blinkt. Dann biegt er rechts in eine schmale, einspurige Straße ab. Sie führt eine Hügelkette hinauf.

460 Euro für ein Coaching und ein Starterkit

Auf der Straße nach Sagwada rappeln Steine und Schlaglöcher unter den Achsen des Wagens. Manchmal läuft ein Hund durch die Scheinwerferkegel. Vorsichtig überholt der Fahrer zwei in bunte Kleider gehüllte Frauen, die am Straßenrand gehen. Eine trägt eine große Tüte mit Kleidern auf dem Kopf, die andere ein paar Töpfe. Ein Roller, auf dem drei junge Inder sitzen, schiebt sich schnell noch zwischen den Frauen und dem Geländewagen vorbei. Das rote Rücklicht des Rollers verschwinden bald hinter der nächsten Kurve.

Seit seiner Rückkehr nach Indien im Dezember 2009, hat Rustam Sengupta an seiner Idee, den Dorfbewohnern seiner Heimat zu helfen, gearbeitet. Mit eigenem Geld finanzierte er zunächst zwei Pilotprojekte im ländlichen Norden des Landes. Mit diesen ersten Erfahrungen und Erfolgen überzeugte er schließlich auch einen Geldgeber, sich mit 50.000 Euro Seed Capital an dem Projekt zu beteiligen - das regierungsfinanzierte Centre for Innovation, Incubation & Entrepreneurship, kurz CIIE.

Mit dem CIIE-Kapital wuchs das Projekt. In mittlerweile sechs indischen Distrikten - sie sind mit deutschen Landkreisen vergleichbar - arbeitet Boond inzwischen mit Mikrounternehmern zusammen. Es sind vor allem ländliche Gebiete, die Sengupta im Blick hat.

Zwischen den Hügelketten jenseits der schmalen Straße herrscht inzwischen Dunkelheit. Stromleitungen an schmalen Masten kreuzen die Straße mal von links, dann wieder von rechts. In der Ferne leuchten vereinzelte gelbe Lichter. "Das sind die Lampen derjenigen, die an das staatliche Stromnetz angeschlossen sind", sagt Sengupta. Dann zeigt er durch die Fensterscheibe auf ein anderes Licht auf einem der anderen Hügel. "Das dort leuchtet nicht gelblich, sondern weiß", sagt er. "Da sind solarbetriebene LEDs im Einsatz, vielleicht sogar unsere."

Ein DHL-Manager aus Holland gab 15.000 Euro

Das Startkapital, das Senguptas Unternehmen Boond den Gründern zur Verfügung stellet, stammt stets von externen Spendern. Denn aus eigenen Ersparnissen könnte sich keiner der Kleinstunternehmer jenes Starterkit leisten, mit dem sie den Verkauf an Freunde, Nachbarn und Dorfbewohner beginnen: mit 5 Solarlampen, 2 Heimsolarsysteme, 10 Dynamotaschenlampen, 10 Dynamoladegeräten und 2 Kochstövchen geht es in der Regel los.

Die meisten der Mikrounternehmer sind männlich und um die dreißig Jahre alt. Zum Leben hatte die Mehrheit von ihnen zuvor rund 30 bis 50 Euro im Monat zur Verfügung.

In Sagwada verkaufen Mikrounternehmer seit März 2010 Produkte von Boond. "Ein holländischer DHL-Manager hat das Geld dafür gespendet", sagt Sengupta. 15.000 Euro habe er an die Boond Foundation überwiesen. "Es beginnt immer damit, dass uns ein Spender ein wenig Startkapital zur Verfügung stellt." Rund 32.000 Rupien brauche ein Unternehmer, der Solarlampen und ähnliches für Boond verkauft, um mittelfristig auf eigenen Beinen stehen zu können. 32.000 Rupien, das sind gut 460 Euro.

Es ist bereits dunkel als der Fahrer vom Gas, der Toyota langsamer wird und der Fahrer ihn auf den knirschenden Schotter neben der Straße lenkt. Nachdem der Wagen zum Stehen gekommen ist, schaltet der Fahrer den Motor aus.

Rustam Sengupta öffnet die Kofferraumtür und klettert hinaus. Es ist stockdunkel. Nur das Zirpen von hunderttausend Grillen ist zu hören. Am Himmel steht eine schmale weiße Mondsichel. "Hallo Ronak", sagt er einem jungen Mann, der inzwischen zum Wagen gelaufen ist. "Hallo Rustam", sagt Ronak Shah und klopft Sengupta auf die Schulter. Dann gehen sie zusammen zu einer Hütte, deren Umrisse dank eines weißen Lichts schon aus der Ferne zu erkennen sind.

Fünf von dreißig Bewerbern setzen sich durch

Ronak Shah betreut die Zusammenarbeit der indischen Nichtregierungsorganisation Seva Mandir mit Boond. Seva Mandir widmet sich seit Jahrzehnten dem Umweltschutz und der Bildung der ländlichen Bevölkerung. Auf der Vorderseite seiner Visitenkarte steht "Programme Coordinator", auf der Rückseite ist ein altes hölzernes Spinnrad abgebildet. "Wir wollten unser Bildungsprogramm bewusst mit dem Projekt für Unternehmer verbinden", sagt der 31-Jährige. Denn nur so ließe sich verhindern, dass die Menschen, vor allem jene, die lesen können, aus den Dörfern in die Städte ziehen. "Ein gebildeter Mensch in einem Dorf bringt das Dorf weiter", sagt er. Schon Gandhi habe die Menschen dazu bewegt, selbst unternehmerisch tätig zu werden. "Seine Spinnradkampagne ist bis heute ein Vorbild - auch für dieses Projekt", sagt Shah.

Er hat jene Jungunternehmer in Sagwada ausgesucht, die er für geeignet hält, das Projekt voranzutreiben. Fünfzehn Entrepreneure hatten sich bei ihm beworben. Doch nicht jeder brachte Voraussetzungen und Willen mit, um sich durchzusetzen. Wie funktionieren Solarlampen? Warum sind sie gesünder und günstiger als Öllampen? Was ist der Unterschied zwischen Umsatz und Gewinn? Wie führe ich Buch? Nicht jeder schaffte das Training.

Nach vier Wochen blieben in Sagwada sechs Unternehmer übrig. "Diese Quote ist gut", sagt Ronak Shah. "Normalerweise schaffen es vielleicht fünf von dreißig."

Die sechs Ausgewählten ziehen inzwischen täglich mit ihren Solarlampen und Moskitonetzen unter dem Arm von Hütte zu Hütte, erklären Bauern und Hirten, die nach Sonnenuntergang in der Finsternis leben, wie Solarlampen funktionieren, warum sie gesünder und günstiger sind als Öllampen. Und wenn sie etwas verkaufen, führen sie Buch. Einer von ihnen ist Lalit.

Ein Licht zum Düngen, Kochen und Lesen

Lalit ist 19 Jahre alt. Er ist schlaksig, trägt Jeans und einen lila Pullover, den er mit hochgekrempelten Ärmeln über ein hellblaues Nadelstreifenhemd gezogen hat. Lalit verkauft seine Produkte in drei Dörfern, in denen gut tausend Familien leben. Er ist noch nicht lange dabei. Drei bis sechs Monate dauert es in der Regel, bis Kleinstunternehmer wie er von ihrem neuen Gelderwerb leben können.

Zuletzt lief es allerdings schon ganz gut. "In vergangenen Monat habe ich sechs Solarlampen, zwei Moskitonetze und zwei Wasserfilter verkauft", sagt Lalit. Damit verdiente er rund 4000 Rupien, was knapp 60 Euro entspricht. Früher hatte er im Monat rund 3000 Rupien zur Verfügung.

Gemeinsam mit dem Unternehmer Rustam Sengupta, dem Projektkoordinator Ronak Shah und einem Dutzend Menschen, denen an diesem Abend ein wenig über das Projekt erzählt werden soll, steht Lalit vor der Hütte von Ranjeet, eines seiner Kunden.

Ranjeet ist Farmer. Seine Hütte ist so gebaut, wie auch die Hütten der meisten anderen Dorfbewohner. Sie ist aus Lehm, das Dach aus Holz; es wird von drei Längsbalken und drei Schrägbalken gehalten. Im Gitter der scheibenlosen Fenster hängt eine Sichel, daneben ein Regenschirm. Auf der Fensterbank stehen ein halbes Dutzend ineinander gestapelter Metalltöpfe mit tellerförmigen Deckeln. Daneben brennt ein Flämmchen an einem Docht, der aus einer einfachen Dose ragt. Es riecht nach Kerosin. Der Wind weht den Ruß der Flamme in das Zimmer.

Ein Spiegel, groß wie ein Platt Papier, hängt an der Wand. Daneben eine runde Plastikuhr mit goldenem Rand und rosafarbenen Märchenmotiven. Auf einem Balken an der Wand liegen ein paar Schuhe, hängen Decken, steht ein Glas mit weißer Creme. In der Ecke lehnt ein einfacher Besen. In der Mitte der Hütte führt ein Loch in die Tiefe, groß genug, um sich mit gespreizten Beinen darüber zu hocken.

50 Cent für Kerosin machen den Unterschied

Ranjeet, der Farmer, hat auch zwei Büffel, die schmatzend im stockfinsteren Stall neben der Hütte stehen. Die Hälfte des Jahres kann Ranjeet seine Familie mit den Erträgen seiner kleinen Landwirtschaft ernähren. Die andere Hälfte des Jahres arbeitet er, wo er gebraucht wird - manchmal als Bauarbeiter, manchmal als Küchenhilfe. Nur so kann er seine Frau, seinen achtjährigen Sohn und seine sechsjährige Tochter ernähren.

Vor zwei Monaten hat Ranjeet bei Lalit eine Solarlampe gekauft. Sie sieht aus wie eine gelbe Teekanne mit silbernem Metallgriff, in der eine große runde Energiesparlampe steckt. 2400 Rupien hat Ranjeet dafür bezahlt. Lalit hat er dafür eine Anzahlung von 1500 Rupien gegeben. Den Rest des Geldes will der Bauer im kommenden Monat abstottern.

Nutzen kann seine Familie die Lampe aber schon heute. Anders als das Öllämpchen, das auf der Fensterbank flackert, könne er die Solarlampe auch dann schnell ein und ausschalten, wenn Wildtiere sich seinen Bullen oder dem Eingang seiner Hütte näherten.

Er nutzt das Licht, wenn er nach Sonnenuntergang seine Felder bewässert. Auch wenn seine Frau kocht, hängt die Lampe nahe der Feuerstelle. Seinen Kindern dient das Licht abends als Leselampe. Sie gehen in die Dorfschule, die nur einen Fußmarsch entfernt liegt.

Wichtiger als Licht ist Wasser

Einen Fußmarsch entfernt lebt auch ein weiterer Kunde Lalits. Er heißt Shankar, und er ist mit Gujri, einer zierlichen Frau in einem bunten Kleid verheiratet. Sie haben einen dreijährigen Sohn und eine noch kleine Tochter. Shankar ist 18 Jahre alt. Die Lampe hat ihm sein Vater Gemeram bezahlt, der in einer Hütte den Hügel hinauf lebt. Shankar hat einen kleinen Laden im Dorf. Außerdem besitzt er zwei Kühe und ein Kalb.

Die Solarlampe, die er von Lalit gekauft hat, nutzen er und seine Frau im Abenddunkel, wenn sie kochen, fegen oder Wasser aus dem Brunnen holen. "Wichtiger als das Licht ist für uns das frische Wasser", sagt Shankar.

Es waren am Ende die Kosten, die ihn und seinen Vater davon überzeugt haben, eine Solarlampe zu kaufen. Schließlich zahlt er für zwei Liter Kerosin, die er sonst im Monat für sein Öllämpchen verbraucht, bislang 34 Rupien - das ist ein halber Euro.

Der Boond-Gründer Rustam Sengupta lächelt, während er Shankar zuhört. Sein Business-Plan sieht vor, sechzig bis siebzig Kleinstunternehmer wie Lalit zu gewinnen, um Dorfbewohnern wie Ranjeet, Shankar und ihren Familien Lampen, Wasserfilter und Moskitonetze zu verkaufen. "So viele Unternehmer sind erforderlich, damit mein Unternehmen sich rentiert", sagt er. Dann überlegt er kurz und fügt an: "Ich meine damit, es würde sich dann auf indische Verhältnisse bezogen rentieren."

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