Insolvenzangst "Für eine gute Sanierung brauchen Sie Geld"

Europa droht die Rezession. Michael Baur, Deutschlandchef der Unternehmensberatung Alix Partners, spricht mit manager magazin Online über die Folgen der Bankenkrise für das Restrukurierungsgeschäft und die Probleme deutscher Mittelständler mit dem Sprung nach Asien.
Von Thomas Katzensteiner
Dunkle Wolken über Euro-Land: Die Schuldenkrise droht eine Rezession nach sich zu ziehen - viele Mittelständler halten sich daher mit Expansionsplänen zurück

Dunkle Wolken über Euro-Land: Die Schuldenkrise droht eine Rezession nach sich zu ziehen - viele Mittelständler halten sich daher mit Expansionsplänen zurück

Foto: Frank Rumpenhorst/ dpa

mm: Herr Baur, in den vergangenen Wochen hat sich das Klima bei den deutschen Unternehmen deutlich eingetrübt. Die Aussichten für 2012 werden längst nicht mehr so optimistisch beurteilt wie noch vor wenigen Monaten. Brechen für die Restrukturierungsexperten jetzt wieder goldene Zeiten an?

Baur: Das würde ich so pauschal nicht sagen. Tatsächlich ist unsere Arbeit vor allem durch die Krise der Banken zum Teil sehr schwierig geworden.

mm: Warum?

Baur: Für eine echte Sanierung brauchen Sie Geld. Sie brauchen Geld, um unprofitable Geschäftsbereiche zu schließen und sich von Mitarbeitern zu trennen. Sie brauchen aber auch Geld, um die überlebensfähigen Teile eines Geschäfts besser aufzustellen. Auch für Wachstum brauchen Sie Finanzierung. Dafür müssen die Banken oder auch die Anteilseigner aber bereit sein, noch einmal nachzuschießen. Das passiert zurzeit aber immer seltener.

mm: Dennoch ist die große Pleitewelle seit Beginn der Finanzkrise ausgeblieben. Dabei gab es schon kurz nach der Insolvenz der Investmentbank Lehman Brothers im Jahr 2008 die Situation, dass viele Banken auf stur geschaltet haben und neue Finanzierungen kaum zu bekommen waren.

Baur: Das stimmt. 2008 haben die Banken in vielen Fällen gesagt: Wir bezahlen keine Restrukturierung, sondern wir verlängern die Kreditlinien und warten, bis sich die Situation wieder etwas entspannt hat. Das hat zum Teil auch funktioniert. Die Konjunktur hat sich sehr schnell erholt, die Anleihemärkte kamen zurück und viele Unternehmen konnten sich refinanzieren. Ich bin nur nicht so optimistisch, dass das angesichts der gewaltigen Staatsschuldenkrise in der Euro-Zone dieses Mal auch so funktioniert.

mm: Wie sieht denn derzeit der typische Restrukturierungsfall aus?

Baur: Das sind tatsächlich vielfach mittelständische Unternehmen, die 2008/2009 schon mal in der Krise waren, sich dann aber aufgrund der kurzfristigen Konjunkturerholung wieder gefangen haben. Dadurch fehlte aber auch der Druck, sich strukturell anzupassen und zukunftsfest zu machen.

mm: Woran hapert es denn da ganz konkret?

Baur: Ich beobachte zum Beispiel, dass sich der deutsche Mittelstand sehr schwer mit der Expansion nach Asien tut. Die deutschen Mittelständler rühmen sich zwar oft ihrer Internationalität, aber wenn man genau hinschaut, sind viele zwar in den USA vertreten, aber nur wenige in Asien.

mm: Woran liegt das?

Baur: Das hat häufig den ganz banalen Grund, dass dort wenige deutsche Manager leben und arbeiten möchten.

mm: Wie bitte?

Baur: Schauen Sie sich doch mal an, wie ein deutscher Mittelständler expandiert. Der sieht, da ist ein Land, wohin man müsste. Im nächsten Schritt überlegt er sich - und das ist auch völlig richtig: "Da muss mein bester Mann hin." Bloß verspürt der- oder diejenige meist herzlich wenig Lust, mit der Familie in die chinesische Provinz zu ziehen. Dort spricht niemand ihre Sprache und nur wenige Leute Englisch, dort sind die Freizeitmöglichkeiten sehr eingeschränkt und die Lebensqualität für europäische Verhältnisse schlecht. Aber sie können als Mittelständler nicht nur in die Boomstädte Shanghai oder Peking gehen. Da sind sie von den Kosten her nicht wettbewerbsfähig. Es ist deshalb ein sehr schwieriger Prozess, die richtigen Leute für einen solchen neuen Standort zu finden. Aber für viele wird sich daran entscheiden, ob sie in Zukunft überhaupt noch wettbewerbsfähig sind.

Notfalls an einen strategischen Investor verkaufen

mm: Ist es wirklich so dramatisch? Gerade die mittelständischen deutschen Maschinenbauer genießen doch noch immer einen Weltruf.

Baur: Ich kenne einen ziemlich erfolgreichen Maschinenbauer, der über Jahrzehnte in seinem Spezialsegment führend war und sich auch in Deutschland mit nur wenigen Wettbewerbern messen musste. Doch seit einiger Zeit gibt es mehrere chinesische Konkurrenten, die im Prinzip das gleiche Produkt herstellen und die ihn im vergangenen Jahr in punkto Umsatz bereits überholt haben. Und einer von den beiden Chinesen hat sogar vor kurzem ein sehr wettbewerbsfähiges neues Werk mitten in Deutschland eröffnet. Ich brauche Ihnen jetzt nicht zu erzählen, wie diese Geschichte einmal ausgehen könnte.

mm: Und wie kann das betroffene Unternehmen das noch verhindern?

Baur: Da gibt es sicherlich verschiedene Ansätze und für jeden Einzelfall muss man eine maßgeschneiderte Lösung entwickeln. Aber abwarten, was passiert, ist keine Lösung. In manchen Fällen, das muss man auch ganz hart sagen, ist es vielleicht sogar am sinnvollsten, das eigene Unternehmen an einen strategischen Investor zu verkaufen, wenn man mittelfristig dem asiatischen Wettbewerb nicht standhalten kann. So etwas zu vermitteln, ist natürlich nicht leicht.

mm: Als Restrukturierungsberater sind Sie harte Kritik doch gewohnt. Es kann ja sogar noch viel härter kommen. Vor wenigen Tagen hat ein Schiedsgericht entschieden, dass Sie 14 Millionen Euro Schadenersatz an den Finanzinvestor Kingsbridge zahlen sollen, weil sie diesen beim Kauf des später pleite gegangenen Modelleisenbahnbauers Märklin schlecht beraten haben sollen.

Baur: Der Schiedsspruch bezieht sich ausschließlich auf eine Due Diligence, die AlixPartners im Jahr 2006 über einen Zeitraum von vier Wochen durchgeführt hat. Aufgrund einer Vertraulichkeitsvereinbarung kann ich das Verfahren aber nicht näher kommentieren. Der Schiedsspruch basiert unseres Erachtens auf einer Reihe von offensichtlichen und schweren juristischen und faktischen Mängeln. Beim Oberlandesgericht München haben wir deshalb die Aufhebung des Schiedsspruchs in seiner Gesamtheit beantragt. Wir sind vollkommen überzeugt von der Qualität unserer Arbeit und werden weiterhin unsere Position mit aller Kraft verteidigen.