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Strom, Kork, Gold: Welche Schätze Portugal heben kann

Foto: ? Sebastien Pirlet / Reuters/ REUTERS

Privatisierungen Portugals Schätze im Schlussverkauf

Portugal will eine Zitterpartie wie derzeit in Griechenland vermeiden. Der Staat soll Unternehmensanteile für 5,5 Milliarden Euro verkaufen, um das vorgegebene Defizitziel doch noch zu halten. Das wird knapp. Energie- und Infrastrukturfirmen dürften rasch unter den Hammer kommen.

Hamburg - Für Pedro Passos Coelho wird die Zeit knapp. Nur noch drei Monate, dann muss die von ihm geführte portugiesische Regierung ihre wichtigsten Aktienbeteiligungen verkauft haben: den Energieversorger EDP , den Netzbetreiber REN , die Fluggesellschaft Tap. Weitere sollen folgen, damit der Staat 5,5 Milliarden Euro einnimmt. So sieht es das Abkommen mit Internationalem Währungsfonds, Europäischer Zentralbank und Europäischer Union vor, die Portugal mit Notkrediten von 85 Milliarden Euro stützen.

Der Druck ist vor allem deshalb hoch, weil die portugiesische Regierung eine Zitterpartie wie derzeit in Griechenland vermeiden will.

Die Geldgeber haben in Athen deutlich gemacht, dass sie die vereinbarten Notkredite nur unter Einhaltung strenger Bedingungen auszahlen. Portugal haben sie bisher gute Fortschritte beim Schuldenabbau bescheinigt, aber auch zusätzliche Einsparungen von einer Milliarde Euro für 2012 angemahnt. Dazu zählt auch, über den bestehenden Privatisierungsplan hinaus zwei weitere Unternehmen zu verkaufen.

Die Ex-Kolonie schlägt zurück

Der Zeitdruck wirkt, ist aber nicht immer gut für die Staatskasse, wie der Fall BPN (Banco Português de Negócios) zeigt. Die Bank war Ende 2008 verstaatlicht worden, die Regierung investierte 2,4 Milliarden Euro, um eine Pleite zu verhindern. Am späten Abend des 31. Juli verkündete sie den Weiterverkauf für 40 Millionen Euro an die angolanische Bank BIC - gerade noch rechtzeitig für das Ultimatum des Kreditabkommens. Der Preis durfte keine Rolle mehr spielen.

In Portugal wurde Kritik an dem Deal laut, zumal die Angolaner nur die Hälfte der Beschäftigten übernehmen. Zugleich war es der wohl größte Coup von Isabel dos Santos, Tochter des seit 32 Jahren regierenden angolanischen Präsidenten José Eduardo dos Santos. "Isabela die Mächtige", wie sie die Lissabonner Presse nennt, verwaltet mit 38 Jahren ein riesiges Vermögen, das sich aus Öl- und Diamantenverkäufen speist. Das US-Blatt "Forbes" kürte sie zur reichsten Frau Afrikas.

Besonders Unternehmen aus der einstigen Kolonialmacht Portugal stehen oft auf ihrer Einkaufsliste, neben diversen Banken besitzt sie große Anteile an den Energieriesen EDP und Galp Energia , den Telekommunikationsfirmen Portugal Telecom , Zon Multimedia  und anderen. Beim Einstieg half oft Américo Amorim, der reichste Mann Portugals, der den Rückzug des Staats aus der Wirtschaft dazu nutzt, das in der Nelkenrevolution von 1974 zerschlagene Familienimperium wieder zu alter Größe zu führen; ebenso hält es die Unternehmensgruppe José de Mello.

Standortstudie: "Die goldenen Jahre sind vorbei"

Allerdings hat Portugal schon das meiste verkauft, was zu verkaufen war. Und das war nach den Verstaatlichungen der 70er Jahre, als das private Unternehmertum sogar per Gesetz auf wenige Branchen beschränkt wurde, eine Menge. Doch seitdem setzte Portugal "eines der ambitioniertesten Privatisierungsprogramme der Welt" um, wie es in einer Studie der Universität Coimbra heißt. Bis 1999 trennte sich der Staat von mehr als 100 Großunternehmen.

Heute sind nicht nur die Ertragsperlen vom Öl- und Gaskonzern Galp Energia bis zum Autobahnbetreiber Brisa  weitgehend in privater Hand, auch die Nachfrage ist deutlich schwächer als damals - ganz abgesehen von den aktuell niedrigen Börsenkursen. "Die Aussichten, ausländische Investoren zu gewinnen, sind nicht gut", erklären die Lissabonner Ökonomen Vitor Corado Simões und Rui Manuel Cartaxo in einer Studie der New Yorker Columbia-Universität. "Die goldenen Jahre der frühen 90er, als Portugal zum attraktiven und modischen Investitionsziel aufstieg, sind vorbei."

Wenige natürliche Stärken: Kork, Wind und Sonne

Den Vorteil niedriger Lohnkosten habe das Land an neue Wettbewerber aus Osteuropa und Asien abgegeben, könne zugleich aber nicht mit der Produktivität technisch fortgeschrittener Nationen konkurrieren - und die inländische Konsumwelle ist längst abgeebbt. Im vergangenen Jahrzehnt hätten beispielsweise deutsche Konzerne sogar mehr Kapital aus Portugal abgezogen als investiert, registrieren die Ökonomen. Den Standort von Volkswagen  in Palmela habe die Regierung nur mit direkten Lohnsubventionen halten können. Besonders problematisch sei die Aufgabe der Chipfabrik des insolventen Halbleiterherstellers Qimonda in Vila do Conde, die Portugal zu exportstarken, hoch qualifizierten Jobs verhelfen sollte.

Als Stärken des Standorts bleiben die Rolle als Bindeglied Europas zu den boomenden Ex-Kolonien in Afrika und Brasilien sowie die natürlichen Ressourcen des Landes - nicht nur Kork, der zumeist aus Portugal kommt und zwar seltener als Flaschenverschluss, dafür zunehmend als Baustoff gefragt ist. Vor allem Sonne und Wind verhelfen dem Land zu einem Status als Vorreiter für erneuerbare Energien. Beispielsweise wurden dort die weltweit ersten Versuche für Wellenkraftwerke unternommen.

Zu den interessantesten aktuellen Verkaufsobjekten zählt die 25-prozentige Beteiligung am Energieversorger EDP, der einst ganz staatlich war. An der Börse ist der Anteil 2,15 Milliarden Euro wert, die ebenfalls börsennotierte Tochter EDP Renováveis  zählt zu den führenden Windkraftbetreibern. Auch EDP selbst erzeugt die Hälfte des Stroms in Portugal aus erneuerbaren Quellen, zumeist aus Wasserkraft.

Rettung verspricht nur die Goldreserve

Allein schon, um ihren CO2-Ausstoß zu senken und so hohen Ausgaben für Verschmutzungsrechte in der Zukunft vorzubeugen, kann ein Anteil an EDP für andere Versorger lohnend sein. Der deutsche Branchenführer Eon  soll bereits Interesse bekundet haben, ebenso der brasilianische Konzern Eletrobras . Die spanische Iberdrola , selbst stark im Geschäft mit Erneuerbaren, hält bereits 6,8 Prozent der EDP-Anteile. Weil der Staat auf Druck der EU auf sein Vetorecht per "Goldener Aktie" verzichtet und Stimmrechtsgrenzen aufhebt, steht einem Zukauf nichts mehr im Weg.

Vollständig in staatlicher Hand ist die Fluglinie Tap, die schwierig zu bewerten ist, da sie nicht an der Börse notiert ist. Die Tap zählt zwar zu den sichersten Fluggesellschaften, hat den wichtigsten regionalen Wettbewerber Portugália geschluckt und besitzt ein dichtes Liniennetz zwischen Europa, Afrika und Brasilien. Doch schon zeichnet sich ab, dass der bis Jahresende geplante Verkauf platzt. Im ersten Halbjahr flog die Linie 137 Millionen Euro Verlust ein, die Schulden übersteigen das Eigenkapital um 406 Millionen, Tendenz steigend. Kein Wunder, dass die von Passos Coelho umworbene Lufthansa , mit der Tap in der Star Alliance verbunden, wenig Begeisterung zeigt.

Bis März 2012 muss die Regierung weitere Verkaufskandidaten finden, heftig spekuliert wird derzeit über den Wasserversorger Aguas de Portugal, der laut früheren Angaben drei Milliarden Euro einbringen soll, und den Rundfunksender RTP. Doch wirkliche Geldbringer wie die spanische Lotterie (deren Verkauf wegen der Börsenschwäche trotzdem abgesagt wurde) oder der üppige staatliche Grundbesitz in Griechenland sind im Portfolio nicht zu finden. Am meisten Dividende brachte der Beteiligungsholding Parpública im Jahr 2010 mit zehn Millionen Euro der Flughafenbetreiber Ana, doch der steht ohnehin zum Verkauf.

An den größten Staatsschatz kommt die Regierung nicht heran: Die Bank von Portugal, die in der Lissabonner Rua do Ouro (Goldstraße) residiert, hortet 382,5 Tonnen Gold . Kein Land der Erde hat einen höheren Anteil seiner Devisenreserven in das Edelmetall investiert.

Nach aktuellem Kurs ist der Bestand etwa 14,7 Milliarden Euro wert - mehr als das für 2011 erlaubte Haushaltsdefizit von zehn Milliarden Euro. Doch Forderungen deutscher Politiker von CDU, FDP und SPD, Portugal solle sein Gold verkaufen, sind unrealistisch: Die Zentralbank ist unabhängig und außerdem Teil des Euro-Systems, politische Einflussnahme würde also auch den Ruf der Europäischen Zentralbank beschädigen. Hinzu kommt, dass ein forcierter Verkauf solcher Mengen den Goldpreis wohl deutlich drücken würde.

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