Develey "Übergewicht ist ein Erziehungsproblem"

Am Samstag startet die Nahrungsmittelmesse Anuga in Köln. Deutschlands größter Senfhersteller Develey präsentiert sich dort als verantwortungsvolles Familienunternehmen. Obwohl Partner von McDonald's: In die Ecke der Dickmacher will es sich nicht drängen lassen.
Von Cornelia Knust
Weißwurst, Breze und der kleine Klecks: Ohne Senf geht es in Bayern nicht.

Weißwurst, Breze und der kleine Klecks: Ohne Senf geht es in Bayern nicht.

Foto: dapd

München - Im Osten Deutschlands ist der Senf grau. Er muss es sein, sonst kauft ihn keiner, isst ihn keiner. Höchstens vielleicht die paar Zugereisten aus Westdeutschland. Im Westen ist der Senf senffarben, was mit dem verwendeten Gewürzkurkuma zu tun hat. Allerdings liegen zwischen Senf in Düsseldorf und in München wiederum Welten. Auch an Tube, Glas oder Plastebecher scheiden sich die Geister. Sicher ist aus Sicht der Verbraucher: Keinesfalls darf die scharfe Masse quietschgelb sein wie in den USA.

Dass Senf nicht gelb ist, davon musste auch eine bekannte amerikanische Schnellimbisskette erst überzeugt werden, erzählt Develey-Geschäftsführer Michael Durach. McDonald's betrat 1971 den westdeutschen Markt, wählte München als Sitz und suchte wie üblich nach lokalen Produkten von lokalen Zulieferern. Für Senf, Ketschup und Saucen fiel ihre Wahl bald auf das Familienunternehmen in Unterhaching bei München, damals unter der Führung von Vater Herbert Durach und seinem später an Krebs verstorbenen Bruder.

Mit McDonald's gewachsen

"Wir sind mit McDonald's gewachsen", sagt heute Sohn Michael, betont aber, parallel seien das Geschäft mit dem Handel und auch der Export ausgebaut worden. Derzeit mache die Sparte Gastronomie etwa die Hälfte von den rund 300 Millionen Euro Umsatz aus, und davon entfalle "nur ein Teil" auf McDonald's, wenn auch vermutlich ein großer.

Stolz feiert man die 40jährige Partnerschaft mit der Restaurantkette. Doch mit dicken Kindern, die in Burger beißen, will Develey nicht assoziiert werden. Man fördert den Nachwuchs in örtlichen Sportvereinen, beteiligt sich an der McDonald's Kinderhilfe und unterstützt eine Jugend-Initiative, die zwecks Klimaschutz weltweit Bäume pflanzt. Übergewicht bei Kindern durch ungesunde Ernährung bezeichnet Durach als "Erziehungsproblem". Die Eltern seien oft gezwungen zu arbeiten, setzten den Kindern zu wenig Grenzen und kompensierten damit ihr schlechtes Gewissen.

Gegen die Ampel

Er befürwortet daher Aufklärungsarbeit und noch genauere Inhaltsangaben für Nahrungsmittel. Die Kennzeichnung fett- und zuckerreicher Lebensmittel wie Mayonaise oder Ketchup durch eine so genannte Ampel lehnt Durach aber ab: "Die Ampel sagt nichts über die Qualität des Lebensmittels aus und über seine Natürlichkeit", sagt er. "Wer den natürlichen Konservator Zucker durch künstliche Konservierungsstoffe ersetze, schafft damit kein besseres Lebensmittel."

EU-Parlament und Ministerrat sind dieser Sichtweise der Lebensmittelindustrie gefolgt: Die vergangene Woche endgültig beschlossene gesetzliche Regelung sieht keine Ampel vor, sondern weiterhin recht kleingedruckte Angaben zu Kalorien, Zucker und Fett auf der Packungsrückseite - vorgeschrieben erst in ein paar Jahren. Rechtzeitig zur weltgrößten Branchenmesse Anuga in Köln (8. bis 12. Oktober) ist das jahrelange Bemühen der Verbraucherschützer um eine deutliche Warnung vor Dickmachern also gescheitert.

Nur schwarze Schafe

Durach glaubt, dass der normale Verbraucher genügend gesunden Verstand hat, um zu ahnen, dass eine Mayonaise viel Fettl enthält. Er will eine Lanze brechen für die Industrie als ganzes, die in Sachen Sicherheit in den letzten Jahrzehnten enorme Fortschritte gemacht habe: "Man muß nur die schwarzen Schafe aus dem Rennen holen".

"Qualität und Offenheit ist der einzige Weg, das Vertrauen des Verbrauchers zu gewinnen", sagt Durach. Der habe aber leider verlernt, das Lebensmittel auch Geld kosten dürften.

Verbraucherschutzorganisationen wie Food Watch begegnet Durach zwiespältig: "Man muss Respekt haben, dass sie den Finger in die Wunde legen. Aber sie agieren auch sehr populistisch". Manchmal wäre es besser, die Dinge vorher konstruktiv zu lösen, bevor der Verbraucher verunsichert wird, meint er: "Aber die haben eben auch ihr Geschäftsmodell".

Hauptsache unabhängig

Wie viel Geschäft er genau mit Mc Donald's macht, dazu schweigt Durach. Er predigt Unabhängigkeit: von einzelnen Kunden, bestimmten Sortimenten, von Banken, von Menschen. Ja, sogar von ihm persönlich und seinem Bruder als Geschäftsführer soll das eigene Unternehmen unabhängig sein. Beide gerade erst jenseits der 40, beide mit noch jungen Kindern, haben sie bereits Nachfolger für sich und alle weiteren Schlüsselpositionen aufgebaut und einen Generationenvertrag ausgearbeitet, der für jegliche Erb- und Streitfälle in der Familie eine Regelung enthält.

Diese Sorgfalt erklärt sich vielleicht aus der wechselvollen Geschichte des Unternehmens. Denn mit Johann Conrad Develey, der 1854 in der Kaufinger Straße in München den süßen Senf erfand, haben die Juniorchefs keinerlei Verwandtschaft. Ihr Vorfahr ist Urgroßvater Durach, der in dem Münchner Schlachthofviertel eine Fabrik für Sauerkraut und saure Gurken gegründet hatte. Sein Enkel Herbert hatte dort 1967 die Marke "Specht" für Sauerkonserven kreiert - mit Erfolg. Doch der Wettbewerb war hart und die Abhängigkeit von guten Ernten groß.

Warum nicht nebenher auch Senf herstellen? Develey saß in der Nachbarschaft und war längst kein stolzer Hoflieferant mehr. Die Firma gehörte damals dem Hilti-Konzern und sollte gerade einmal wieder den Besitzer wechseln. Die Durachs übernahmen 1971, ließen aber den Geschäftsführer Alfred Reicherzer im Amt und behielten auch den Firmennamen Develey bei.

Noch heute stehen bei Develey Senf, Feinkost und Sauerkonserven nebeneinander, wobei beim Senf seit den neunziger Jahren viel zugekauft wurde: Bautz'ner in Sachsen (1991), Reine de Dijon in Frankreich (1995), zuletzt Löwensenf in Düsseldorf (2001). Überall wurden die regionalen Besonderheiten, die Standorte und möglichst auch die Führungsfiguren beibehalten. Mehr als die Hälfte vom Umsatz entfällt heute auf Senf.

Löwensenf seit 10 Jahren bayerisch

Besonders pikant war die Löwensenf-Übernahme. "Denn vor zwanzig Jahren hätten die fast uns gekauft", erzählt Michael Durach über die ehemalige Löwensenf-Mutter Appel & Frenzel. Die vielen Fusionen und die dadurch wachsende Marktmacht im Handel hatten Develey damals vorübergehend in Bedrängnis gebracht.

Der Vater Herbert Durach verhandelte über einen Zusammenschluss mit den Düsseldorfern. Als klar wurde, dass ihm nur eine Minderheitsposition als Gesellschafter zustehen würde, machte er einen Rückzieher und kämpfte alleine weiter. Erst zwei Jahrzehnte später kamen die Durachs nach Düsseldorf zurück: diesmal als Übernehmer.

"Wir haben die Probleme immer durch harte Arbeit gelöst", sagt der Junior. Groß, schlank, schnell, höflich und völlig unprätentiös ist dieser Michael Durach, der für Vertrieb und Marketing zuständig ist und sich als Außenminister von Develey bezeichnet. Während er in der kultigen "Develounge" der Unterhachinger Senffabrik höchst selbst den Espresso braut und serviert, bekommt man seinen Bruder, den Innenminister (Kaufmännisches, Finanzen, Produktion), nicht zu sehen. "Das funktioniert wunderbar, weil es dem jeweiligen Naturell entspricht", sagt der Außenminister.

Rechtzeitig losgelassen

Der Vater, 79 Jahre, heute Landwirt, komme noch regelmäßig vorbei. "Wir können uns immer Rat holen, aber er redet uns nicht rein", sagt Durach. Am selben Tag im Jahre 1995, an dem er, der Sohn, von der Firma Knorr in das väterliche Unternehmen gewechselt sei, habe der Vater es verlassen.

"Schon als Schüler, als ich mit zum Großmarkt fuhr zum Gurkenkaufen oder auf dem Sauerkrautkarren mit zum Oktoberfest, wusste ich, ich will das machen", sagt Durach. Die Erziehung muss durchaus fordernd gewesen sein, aber die Söhne hatten immerhin die Wahl. Für sich selber habe der Senior die Maxime gehabt: "Du musst was leisten, solange Du in die Pflicht genommen bist. Dann musst Du auch loslassen".

So ähnlich will Michael Durach (verheiratet mit einer selbstständigen Apothekerin) es mit seinen Kindern wohl auch halten. Sie sollen einmal frei entscheiden können, ob sie die Verantwortung für die rund 1300 Mitarbeiter übernehmen. Auch wenn der Vater von seinem Laden komplett begeistert ist: "Bei uns bringt jeder selber die Dinge voran", schwärmt er. "So eine Kultur können Sie nicht kaufen."

Zum Thema Wirtschaftskrise sagt er: "Da haben wir einfach nicht mitgemacht." Im Gegenteil: Man habe Mitarbeiter eingestellt, Investitionen getätigt, Budgets erhöht. Für Develey sei auch die jetzige unsichere wirtschaftliche Lage nichts Besonderes, auch wenn Durach "natürlich sauer" ist: "Die Banken haben nichts dazu gelernt. Wieder zahlt der Mittelstand die Zeche".

Von Ehec gebeutelt

Die Ehec-Krise kam dazu in diesem Jahr. Da aß plötzlich keiner mehr Salat und die von Develey hergestellten Dressings eben auch nicht mehr. Doch man ist breit positioniert - Ketschup, Saucen, Mayonaisen, Brotaufstriche - und produziert auch mal im Unterauftrag für die Lebensmittelindustrie. Erfolg in der System-Gastronomie bringen selbst entwickelte "Dispenser", also Schnell-Portionierer, die praktisch und hygienisch einwandfrei sein müssen, zum Beispiel für Fußballstadien.

Senf ist immer noch das wichtigste Produkt. Mit den drei Senfmarken habe man den Markt in Deutschland gut abgedeckt, sagt Durach. Wegen der Regionalität der Produkte genüge auch vergleichsweise preiswerte regionale Werbung. Nationale Fernsehkampagnen brauche Develey nicht. Das Verhältnis zum Handel und dessen Wünschen beschreibt Durach selbstbewusst: "Da gilt Leistung gegen Leistung." Man müsse sich eine Position erarbeiten, aus der heraus man auch mal nein sagen könne. 10 Prozent Umsatz stamme aus Handelsmarken. Bei Discountern seien die Develey-Produkte aber eher unterrepräsentiert.

Durach zeigt Sendungsbewusstsein auch beim Thema Umweltschutz. Statt Umweltberichte auf Hochglanzpapier zu erstellen ("Das ist nur ein Marketing-Instrument"), setzt Develey auf Maßnahmen für nachhaltiges Wirtschaften, zum Beispiel den Betrieb einer Erdwärme-Anlage. Ziel ist, den Münchner Betrieb bis 2012 CO2-neutral zu machen: durch neuartige Kühl- und Erhitzungssysteme und am Ende durch Kauf von Umwelt-Zertifikaten.

Die Herkunft soll klar sein

Der Unternehmer sagt, er wolle Verantwortung gegenüber der Gesellschaft beweisen. Seit Jahren werde für die Produkte nur Soja verwendet, das nicht-genmodifiziert sei. Bei bestimmten Senfsorten sei man bio-zertifiziert, und bei den Gurken gebe es genaue Anbau-Vorgaben für die niederbayerischen Vertragsbauern.

Auch bei der Senfsaat - sie kommt bislang überwiegend aus Kanada und Osteuropa - versuche man "dem Verbraucherbedürfnis nach Transparenz und regionaler Herkunft" zunehmend gerecht zu werden: "30 bis 40 Prozent der Senfsaat für unsere Tochtergesellschaft Bautz'ner stammt schon aus ostdeutschem Anbau".

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.