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Star aus dem Slum: Argentiniens Ein-Mann-Wirtschaftswunder Victor Castillo

Foto: Stefan Biskamp

Argentinien Die unsichtbaren Unternehmer von Buenos Aires

Wer hat den außergewöhnlichsten Managementjob? Victor Castillo müsste auf jeder Skala in die engere Wahl. Dabei hat er nur 25 Mitarbeiter. Doch Leute wie er ziehen mit unbändigem Durchhaltewillen einen Mittelstand besonderer Art auf. Unter verschärften Bedingungen - im Slum von Buenos Aires.
Von Stefan Biskamp

Buenos -Aires - Wer hier ankommt, wird unsichtbar. Über die gut 50 Meter breite Ausfallstraße am Hafen donnern Lastzüge. Ein Bus hält. Eine kleine Schar von Müttern mit Kindern steigt aus und steuert auf eine Seitenstraße zu. Rechterhand ein leeres Hochhaus. Auf der Straße qualmt Müll. Der Asphalt ist gebrochen. Zur Linken als erstes Container, fünf Etagen hoch gestapelt. Gleich hinter ihnen beginnt eine Reihe dicht gedrängter Häuser. Das ist der Eingang in den zentralen Slum von Buenos Aires.

Die Kinder tollen um ihre Mütter herum, dann verschwindet die Gruppe in einer der versteckten Gassen zwischen den Häusern. Menschen, die hier wohnen, nennen sich selbst "los invisibilizados": die unsichtbar gemachten.

Victor Castillo ist einer von ihnen. Er mustert sein Gegenüber mit abtastendem Blick aus zusammengekniffenen Augen, dann ein zögernder Händedruck. Die Geschichte, die er von sich erzählt, handelt von Victor, dem Sträfling, und Victor, dem Rechtsanwalt, vom Träumer - und vom Unternehmer. Wenn ein deutscher Mittelständler von echtem Schrot und Korn über seine Firma redet, dann klingt das etwas anders, als wenn Castillo das tut. Aber nur etwas. Er ist einer jener Unternehmer, die abseits milliardenschwerer Infrastrukturprojekte Südamerikas Aufstieg antreiben.

Und zwar dort, wo aus den vom Rohstoffexport finanzierten Sozialprogrammen kaum etwas ankommt: In den Slums - Dörfern, "Villas", wie sie in Buenos Aires heißen. Da landen nicht nur Einwanderer, sondern auch Familien der argentinischen Mittelschicht, die ihre aufgrund des Booms steigenden Mieten nicht mehr bezahlen können: Paradoxie des wirtschaftlichen Aufstiegs.

Vom Staat aufgegeben

Einmal dort angekommen, werden die Menschen "unsichtbar", ihre Ausstiegschancen sind minimal. Die Adresse "Villa 31" - so heißt der Slum in der Mitte der Metropole - ist bei Bewerbungen ein Makel. Viele sortieren nachts auf den Straßen Karton und Papier aus dem Abfall. Der Drogenhandel beherrscht einige Slums, viele Gegenden hat der Staat aufgegeben.

"Die Villa 31 ist ein Symbol der Ungerechtigkeit", sagt Rocío Sánchez Andía, Oppositionsabgeordnete im Stadtrat. "Die Polizei ist in das Drogengeschäft verwickelt, teils organisiert sie es sogar. Und es gibt Banden, die Menschen aus Bolivien einschleusen und sie als Prostituierte oder als Sklaven für Textilfirmen halten." Die Bewohner seien die Opfer der Kriminalität, nicht die Täter. Doch einige "Opfer" warten nicht auf staatlichen Beistand. Leute wie Castillo bauen gegen allen Widerstand einen eigenen Mittelstand auf - allerdings einen der besonderen Art.

Castillo ist Mitte 30, zweimal war er im Gefängnis. Als seine Mutter starb, war er 15. Er und seine fünf Brüder trieben sich danach als Jugendbande herum. Hier etwas zum Anziehen, dort etwas zum Essen stehlen. Nach der ersten Haftstrafe war Castillo "für die Leute draußen einer aus der Villa, und für die hier drinnen einer aus dem Knast: Ich kenne die doppelte Diskriminierung". Er stahl wieder. Im Gefängnis studierte er Jura, in Freiheit wurde er Rechtsanwalt. "Aber wenn ich mal keinen Anzug anhatte, war ich für Polizisten ein wandelndes Vorstrafenregister." Er gab seine Karriere auf und ging in die Villa 31 zurück. Um Unternehmer zu werden.

Die Villa 31 ist der älteste Slum von Buenos Aires. Vor einem Jahrhundert war er für Einwanderer aus Europa das Tor in eine florierende Wirtschaft und Zuflucht für politisch Verfolgte. "Hoffnung" hieß der Ort damals. Als Argentinien den Anschluss an die Industrienationen verlor, wurde daraus ein Elendsquartier. Ende der 70er Jahre vertrieb die Diktatur alle bis auf 40 Familien, die ihr Bleiberecht todesmutig durch die Instanzen fochten. Nach dem Ende der Junta 1983 entstand die Siedlung neu. Heute leben auf den 20 Hektar rund 30.000 Menschen.

Kriminalität und wilde Immobilienspekulation

Der konservative Bürgermeister Mauricio Macri versprach vor vier Jahren, er werde die Villa 31 erneut "ausradieren". Denn die Armen wohnen hier prekär in bester Lage: Für Neubauwohnungen ließen sich Quadratmeterpreise von mutmaßlich bis zu 6000 Dollar erzielen. Macri ist Spross eines der reichsten Clans des Landes. Der war schon an der Entwicklung anderer Luxusviertel beteiligt.

Stattdessen herrscht im Slum eine Bautätigkeit anderer Art. Wer in einem der nahen Apartmenthochhäuser auf seinen Balkon tritt, kann zusehen, wie unten die Hütten in die Höhe wachsen. Was er von dort oben nicht erkennt, sind die zwei Gesichter des Slums. Am südlichen Ende: Kriminalität und wilde Immobilienspekulation; da müssen Neuankömmlinge für ein nacktes Zimmer so viel bezahlen wie draußen, aber direkt neben dem Hauptbahnhof und ohne große Formalitäten.

Am nördlichen Ende dringt Licht durch ein Fenster in das Halbdunkel eines Lagerraums und schneidet Schattenfurchen in Castillos Gesicht. Über dem Fenster hängt ein schwarzes Banner: "Arbeit + Bildung = Sicherheit." El Salvador heißt die Kooperative, die Castillo vor sechs Jahren gegründet und in dieser Halle untergebracht hat. Die 25 Mitarbeiter der kleinen Baufirma sind zugleich ihre Eigentümer, zehn von ihnen ehemalige Sträflinge wie er und seine Brüder. Sie legen Fundamente und stocken Häuser auf, befestigen Straßen und legen Plätze an. Und befrieden zusammen mit anderen Kooperativen abseits von Drogenhandel und Immobilienspekulation ihre Ecke des Viertels.

Das Geld, das sie mit Aufträgen von den Nachbarn einnehmen, "reinvestieren wir in neue Maschinen damit wir nicht mehr den Staat anbetteln müssen, wenn wir Material brauchen". Der Ort, sagt Castillo, solle "jungen Menschen eine Chance geben"; das Klassenzimmer der Kooperative hat er mit einem Dutzend Computern aus einem Förderprogramm bestückt. "Wenn wir uns an die Regeln halten", sagt er, "schaffen wir einen sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Wandel. Deswegen heißt unsere Kooperative El Salvador: Weil sie uns retten wird." Castillo deutet draußen am Nordeingang zum Slum auf ein Graffiti. "Das ist von uns."

Lebensmittel kosten teils mehr als in Deutschland

"Bienvenidos Barrio 31", willkommen im Viertel 31, steht dort, und "Padre Carlos Mugica". Daneben das Porträt des Mannes, der hier in der Nähe begraben ist. Der Jesuit Mugica rüttelte in den 70er Jahren die Bewohner auf und gab ihnen ein politisches Gesicht. 1974, während der Unruhen vor dem Staatsstreich der Junta, wurden er und seine Lebensgefährtin von Paramilitärs ermordet.

In der Bildlegende des Graffitis nennen die Männer von El Salvador den Ort "Barrio", ein richtiges Stadtviertel. Aber noch ist es ein Slum, umschlossen von Mauern und Zäunen, Containerbergen, Bahngleisen und einer Stadtautobahn. Das Trinkwasser ist einer Studie der Stadt zufolge gesundheitsschädlich, die Kanalisation ein übler Witz; wer umgerechnet 150 Euro im Monat verdient, ist reich, dabei kosten Lebensmittel teils mehr als in Deutschland. "Doch als ich aufhörte zu träumen, fiel ich in den tiefsten Abgrund", sagt Castillo. "Danach begann ich wieder zu träumen, und daraus ist all das entstanden." Dafür sei er zurückgekehrt.

Und dafür sieht es eigentlich gut aus. Denn unter Leitung der Abgeordneten Sánchez Andía verhandeln Politiker, Architekten und Bewohner seit dem vergangenen Jahr, wie aus dem Slum ein Viertel wird. Die Bausubstanz soll fast komplett erhalten bleiben, eine Kanalisation eingezogen, Schulen gebaut und Eigentumsrechte an die Bewohner vergeben werden. Das Parlament verabschiedete sogar ein Gesetz, das den Abriss des Slums verbietet.

Ein Vorzeigeprojekt. Doch es steht dem Gesetz zum Trotz auf wackligen Beinen. Castillo berichtet, Vertreter der Stadt hätten versucht, ihn mit umgerechnet knapp 1000 Euro zu bestechen, damit der er den Runden Tisch boykottiert; das Desinteresse der Bewohner hätte das Projekt im Keim erstickt. Castillo nahm das Geld nicht an, aber er kennt nun seinen Preis. Und das ist nicht die einzige Schikane. Die Verwaltung verbietet El Salvador den selbstständigen Einkauf von Baumaterial, um zu verhindern, dass die Bewohner weiter Fakten schaffen. Wochenlang dreht sie dem ohnehin nur rudimentär angeschlossenen Viertel Strom und Gas komplett ab.

Oase neuer Hoffnung

Rücken neue Häuser zwanzig Zentimeter zu weit ins Stadtgebiet, räumt sie die Polizei unter Tränengaseinsatz. Bilder der gewaltsamen Umsiedlungen von Menschen aus Zeltstädten oder aus Slums nähren in der selbst vom sozialen Abstieg bedrohten Mittelschicht das Image der Armen als verrohte Schmarotzer - das sich weiter festigt wenn die Bewohner der Villa 31 aus Protest mit brennenden Reifen den Fernverkehr auf der nahen Stadtautobahn lahmlegen.

"Aber wenn das eine Demokratie ist, müssen wir für unser Recht kämpfen", sagt Juan Manuel Toconás. "Zum Beispiel für das auf medizinische Versorgung." Er geht in die elfte Klasse Gymnasium, doch das klingt nicht nach Sozialkunde. Vor Jungs wie ihm haben sie draußen Angst: klein und drahtig, braune Augen, tiefschwarzes Haar. Bei der jüngsten Straßenblockade war er dabei.

Er steht in der Küche eines Hauses in der Villa 31. Mate-Tee wird herumgereicht. "Wir haben es satt, dass alle glauben, wir wollen sie ausrauben", sagt er. Vor kurzem sei ein Junge am Eingang angefahren worden, weil der Fahrer aus Angst vor einem Überfall bei Rot über die Ampel gefahren sei. Als vor Jahren sein Bruder angeschossen wurde, hätten sie vergeblich auf den Notarzt gewartet. "Wir haben ihn selbst ins Krankenhaus gebracht, auf dem Weg ist er gestorben. Und meinem besten Freund ging es genauso. Aber wir berauben niemanden, schon gar nicht die Sanitäter. Schau: Wie würde ich dastehen, wenn wegen mir ein Nachbar stirbt?"

Umkleidekabinen mit weißen Kacheln

Juan arbeitet nach der Schule bei El Salvador. Im Zimmer nebenan gießen Kollegen das Fundament für ein neues Stockwerk. Die Häuser der Gasse sind rot, orange oder blau gestrichen. In den Vorgärten sind Gemüsebeete angelegt. Grünzeug rankt die Bretter der Gartenzäune hoch. Eine Kinderhorde spielt Fußball, die Knirpse kreischen, wenn der Ball auf dem holprigen Lehmboden verspringt. Einige Schritte weiter hat die Kooperative einen Platz gepflastert - Treffpunkt und Bolzplatz in einem - und die Umkleidekabinen mit weißen Kacheln verziert. Umgerechnet rund 4000 Euro haben sich die Anwohner für die Steine abgespart, die sie ausnahmsweise kaufen durften.

Ein Vermögen für sie. Auf der Tribüne sitzen Männer, die sich nach der Arbeit auf ein Bier oder eine Cola treffen. Stolz. Hinter ihnen ragen die Container wie eine Gebirgskette im Abendlicht hoch. Eine Reihe selbstgepflanzter Bäume begrenzt den Platz. Der Lärm der Stadt summt im Hintergrund. Keine Spur von verwahrlosten Banden, deren Bilder so eng mit dem Ort verbunden sind, dass Sanitäter Patienten hier sterben lassen.

Jedes Elendsviertel, jeder Abschnitt hat seine Geschichte. Die Villa 31 steht für Argentinien als Einwanderungsland. Der Abschnitt mit dem neuen Platz in der Mitte steht für Widerstand und Durchhalten. Die Angst vor der Villa 31 trifft ausgerechnet die Ecke des Slums, wo vor 40 Jahren initiiert durch einen Jesuitenpater, Kooperativen entstehen. Kleine Modefirmen und Handwerksbetriebe gibt es hier, Baufirmen wie El Salvador. Andere kümmern sich um Unterricht für die Kinder, und die Kooperative Campito ist der örtliche Sportverein. Seine Spezialität ist Rugby, in Argentinien eigentlich ein Sport der Elite. Wenn die jungen Leute zu Turnieren fahren, balgen sie sich mit Söhnen aus besserem Haus.

Früher, sagt Castillo, hätten die Familien hier jede für sich ums Überleben gekämpft: "Wir haben unsere Beute mit unseren Brüdern und der ganzen Familie geteilt". Dann sei ihnen klar geworden, "dass wir uns alle zusammenschließen müssen, wenn wir nicht weiter als Diebe leben wollen".

Die Villa 31 liegt jetzt im Dunkeln. An der Ecke eines Hauses brennt eine vereinzelte Glühbirne. Der verqualmte Müll verbreitet noch einen beißenden Geruch. Ein Bus hält, Studenten und Arbeiter kehren aus der Stadt zurück und werden unsichtbar. Gegenüber, auf der anderen Seite der gut 50 Meter breiten Ausfallstraße ragen die Umrisse eines 100 Jahre alten Gebäudes auf. Dort verbrachten damals die Einwanderer ihre ersten Tage in Argentinien. Mit seinen zwei Türmen gleicht der Bau in der Dunkelheit einer Kathedrale. Ein Auto biegt in die Seitenstraße ein. Die Kegel seiner Scheinwerfer streichen über das Porträt Pater Mugicas.

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