Sonntag, 22. September 2019

Umstrittene Reform EU will Wirtschaftsprüfer entmachten

Deutschlandzentrale der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG in Berlin: "drastischen Intervention"

EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier macht ernst mit der geplanten Reform der Wirtschaftsprüferbranche. Gegen seine Pläne, die die Geschäfte der großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften empfindlich beschneiden würden, laufen KPMG, Deloitte und Co. nun Sturm.

Frankfurt/London - Die EU will die Macht der großen Wirtschaftsprüfer empfindlich beschneiden. Laut einem Entwurf des Binnenmarktkommissars Michel Barnier zur Neuregelung der Branche soll es den Marktführern KPMG , Ernst & Young, Deloitte und PwC künftig nicht mehr erlaubt sein, in ein und demselben Konzern als Wirtschaftsprüfer und Unternehmensberater aufzutreten.

Die Neuregelung soll Interessenskonflikten einen Riegel vorschieben. Denn Beratungsmandate sind lukrativ und könnten die Unabhängigkeit der Prüfer in Zweifel ziehen. Am Ende ist auch eine Aufspaltung der Gesellschaften denkbar.

Die Pläne müssen aber noch vom Europäischen Parlament und den Mitgliedstaaten abgesegnet werden. Widerstand wird vor allem aus Großbritannien erwartet, wo die "großen Vier" ihren Europasitz haben. Barnier hatte zu Jahresbeginn eine Richtlinie bis November angekündigt, die für mehr Wettbewerb in der Branche sorgen soll.

KPMG, Ernst & Young, Deloitte und PwC prüfen praktisch alle großen Konzerne weltweit. In die Kritik sind sie vor allem während der Finanzkrise geraten: Sie hatten die Bilanzen vieler Banken testiert, die wenig später vom Steuerzahler gerettet werden mussten - Ernst & Young etwa war bei der Pleite-Bank Lehman Brothers an Bord.

Künftig möglicherweise zwei Prüfer pro Konzern

Erwogen wird nun, Prüfungen künftig immer von zwei Gesellschaften durchführen zu lassen - wobei einer der Prüfer nicht von den Marktführern kommen soll.

"Wirtschaftsprüfer spielen auf den Finanzmärkten eine zentrale Rolle", sagte Barnier der "Financial Times". Die Akteure an den Märkten müssten ihnen vertrauen können, begründete er seinen Vorstoß.

Doch die Branche läuft dagegen Sturm und befürchtet eine Überregulierung. Am Finanzplatz London wird bereits vor einer Übernahme der Marktführer etwa durch die aufstrebende Konkurrenz aus China gewarnt. Das deutsche Institut der Wirtschaftsprüfer (IDW) bezeichnete Barniers Pläne als "Irrweg ohne Beispiel". "Es geht dem Kommissar augenscheinlich nicht mehr darum, die Abschlussprüfung auf der Grundlage der Erfahrungen aus der Finanzmarktkrise qualitativ weiterzuentwickeln, sondern den Prüfungsmarkt nach seinen Vorstellungen und auf Kosten der prüfungspflichtigen Unternehmen umzugestalten", kritisierte IDW-Vorstandssprecher Klaus-Peter Naumann.

Der Deutschland-Chef von KPMG, Rolf Nonnenmacher, sprach von einer "drastischen Intervention" der EU-Kommission in den Prüfungsmarkt. "Wir werden uns mit aller Macht gegen Vorschläge wehren, die die Qualität der Prüfung gefährden."

krk/rtr

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