Fotostrecke

Tiefseerohstoffe: Wie Deutschland den Meeresboden plündern will

Foto: BGR

Wertvolle Mineralien Deutschland verbummelt globales Tiefsee-Rennen

Es könnte eine fatale Verzögerung werden: Weil sich weder die Bundesregierung noch deutsche Unternehmen einig sind, wer die Führung im Wettlauf um begehrte Rohstoffreserven auf dem Meeresgrund übernehmen soll, starten jetzt ausländische Firmen durch. Deutschland droht eine empfindliche Schlappe.
Von Janina Liersch

Hamburg - Als der wuchtige Kran der Rem Etive, eines der modernsten Tiefseebohrschiffe der Welt, kürzlich sein kleines und wendiges Tauchboot über die Reling hievte und es einen Moment lang über dem freien Wasser schweben ließ, lag auch Historisches in der Luft: Nicht nur der Startschuss für eines der ehrgeizigsten und womöglich lukrativsten Bergbauprojekte der Welt, sondern auch eine Zeitenwende: Die mögliche Ausbeutung der Rohstoffvorkommen in der Tiefsee, und zwar durch ein privates Unternehmen.

Der Startschuss fiel, als der Käpt'n der Rem Etive das tiefseetaugliche Erkundungsboot vom Kranhaken freigab, die Sicherungsösen lösen ließ, und das Tauchboot klatschend auf der hier etwa 1800 Meter tiefen Bismarck Sea aufschlug. Ab dann konnten Experten des kanadischen Unternehmens Nautilus, in dessen Auftrag die Rem Etive unterwegs ist, hinabtauchen zum weltweit am weitest fortgeschrittenen Abbaugebiet wertvoller Rohstofflagerstätten - und nebenbei deutsche Unternehmen in die zweite Reihe verweisen.

"Ab dem Jahre 2013 starten wir in der Tat als erstes Unternehmen mit echtem Unterwasserabbau, und nicht mehr nur mit irgendwelchen Vorerkundigungen", bestätigt Nautilus-Sprecher Jonathan Elias manager magazin Online. "Diesen Vorsprung gegenüber der Konkurrenz haben wir uns gesichert, indem wir uns einfach als Erste um die nötigen Abbaulizenzen gekümmert haben", sagt Elias - in teils zähen Verhandlungen mit den Staaten Tonga und Papua-Neuguinea, in deren Gewässer die Rem Etive jetzt in Stellung gegangen ist. Das hätten vielleicht auch deutsche Unternehmen gekonnt.

"Schon vor 30 Jahren war die Rohstoffförderung aus der Tiefsee hier in Deutschland ein Thema, kräftig vorangetrieben von dem damals noch selbstständigen Unternehmen Preussag", sagt Branchenkenner Michael Jarowinsky, Inhaber des gleichnamigen Beratungsunternehmens MC Marketing Consulting. Doch schon als der Wettlauf um die milliardenschweren unterseeischen Rohstoffvorkommen losging, gab es die Preussag so nicht mehr. Und andere deutsche Unternehmen konnten diese Lücke nie schließen. Bis heute.

Multimilliarden-Rally um Kupfer und Nickel

Deutschlands Technologiekonzern Nummer eins beispielsweise, die Münchener Siemens , bastelt derzeit lediglich an der Verbesserung der Öl- und Gasförderung an Land und an der Versorgung von Unterwasserfabriken mit Strom. "Die Entwicklung von Unterwasserabbaugeräten beispielsweise haben wir aber noch gar nicht auf dem Programm", sagt Siemens-Sprecherin Eva-Maria Baumann gegenüber manager magazin Online. Und die ostdeutschen Werften in Wismar und Warnemünde der Firma Nordic Yards, technisch nach Expertenmeinung durchaus in der Lage in dieses hoch spezialisierte Geschäft einzusteigen, trauen sich an das neue Geschäftsfeld bisher ebenfalls nicht heran: Nordic Yards setzte weiter "auf Offshore-Plattformen und Offshore-Windenergie. Der maritime Bergbau ist, zumindest gegenwärtig, kein Spezialbereich unserer Werften", gibt Nordic-Sprecherin Tina Mentner gegenüber manager magazin Online zu.

Deutsche Technik baut kanadischen Vorsprung aus

Während die Deutschen noch überlegen, verfolgt das kanadische Unternehmen Nautilus längst eine ganz anders klingende Agenda: In zwei Jahren soll es in der Bismack Sea so richtig losgehen. Auf einem Abbaufeld, das Solwara 1 genannt wird, das etwa 1,3 Kilometer lang und 200 breit ist - und reich an Kupfer und Goldvorkommen. Und die sollen offenbar mit einer Technik gefördert werden, die sich die Kanadier von der Kohleindustrie an Land abgeschaut haben. "Zuerst wird eine Plattform am Meeresboden gebaut, auf der die großen Steine aufgebrochen werden", sagt Nautilus-Experte Jonathan Pulse zu manager magazin Online. Dann würden die zerkleinerten Steine nach oben an die Wasseroberfläche gebracht. Anschließend soll an Bord des Schiffs unbrauchbares von brauchbarem Gestein getrennt werden. Und die mineralhaltigen Gesteinsbrocken würden schließlich zur Weiterverarbeitung an Land verfrachtet.

Branchenexperten ist bei solch konkreten Abbauplänen des kanadischen Nautilus-Konzerns klar, dass kein deutsches Unternehmen mehr eine Chance hat, ganz vorne in der Multimilliarden-Rally um Kupfer  und Nickel  oder die besonders raren Hightech-Rohstoffe Lanthan oder Neodym mitzumischen. Und das, obwohl die Bundesrepublik als zugleich rohstoffarme wie auch industriell geprägte Volkswirtschaft auf Rohstofflieferungen besonders angewiesen ist; nach Angaben der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) etwa leistet die Industrie hierzulande einen Beitrag von aktuell rund 24 Prozent zum jährlichen Bruttoinlandsprodukt - so viel, wie in kaum einer anderen der etablierten Volkswirtschaften. "Die Botschaft lautet leider dennoch, dass Deutschland in der Erschließung vorhandener maritimer Lagerstätten kein Vorreiter ist", sagt MC-Marketing-Chef Jarowinsky.

Deutsche Unternehmen werden sich deshalb wohl mit den kleineren Brocken des kommenden Geschäfts mit dem Tiefseerohstoffabbau zufrieden geben müssen: Der Zuliefertechnik für die künftigen maritimen Abbaugiganten, die sich um jene Lagerstätten balgen werden, deren Rohstoffe zusammen nach Angaben der Internationalen Meeresbodenbehörde (ISA) die fantastische Summe von schätzungsweise 33 Billionen Dollar wert sein sollen. Und zumindest auf dem Gebiet der Zuliefertechnik sind die Chancen hiesiger Unternehmen auch gar nicht so schlecht.

Weltvorreiter Nautilus etwa setzt bereits auf Technik aus Deutschland. Die Reedereigruppe Harren & Partner soll für das kanadische Unternehmen ein Spezialschiff für den Tiefseeabbau fertigen. "Dieses Vorhaben besteht", bestätigt Unternehmenschefin Brigitta Harren manager magazin Online. Allerdings sei es noch nicht im Bau. "Da es sich um einen neuen Markt handelt, gibt es noch Vorbehalte", bekennt Harren. Die Reederei ist indes nicht der einzige hiesige maritime Spezialist, der sich Hoffnungen als Zulieferer der neuen maritimen Bergbaubranche machen kann.

Das Bremer Wehrtechnikunternehmen Atlas Elektronik beispielsweise, ein Gemeinschaftsunternehmen von ThyssenKrupp  und EADS , gilt als stark in der Unterwassererkundung. Das Marinetechnikunternehmen Elac Nautik aus Kiel wiederum zählt in der Unterwasserakustik und Vermessungstechnik zu den Branchengrößen. Und das Maschinenbauunternehmen Aker Wirth aus dem niederrheinischen Erkelenz in Nordrhein-Westalen hat sogar bereits Pläne in der Schublade liegen, wie die künftige Förderung von Tiefseerohstoffen klappen könnte. "Deutsche Unternehmen haben deshalb durchaus Chancen, in dem möglichen neuen Geschäftsgebiet des Tiefseebergbaus eigene Technologielösungen anzubieten", sagt Michael Wiedicke-Hombach zu manager magazin Online, Experte für maritime Rohstoffe der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) in Hannover.

Deutsche Unternehmen warten auf Fördergelder

An dem niederrheinischen Maschinenbauer Aker Wirth sind aber nicht nur die künftigen Chancen, sondern auch die aktuellen Probleme deutscher Unternehmen mit dem möglichen Milliardengeschäft Unterwasserabbau ablesbar: Zwar haben die Rheinländer eine mögliche Unterwasserfördertechnologie für wertvolle Rohstoffe entworfen; dabei werden beispielsweise manganhaltige Knollen auf dem Meeresboden von einem Fächersystem aufgenommen, danach zerkleinert, und mithilfe eines Airlifts an die Oberfläche gespült. Doch die Umsetzung dieses Projekts wird, wenn überhaupt, offenbar noch Jahre dauern. Branchenkenner sagen, dass es derzeit nicht einmal einen festen Zeitpunkt für die Umsetzung des Projekts gäbe.

Vor allem die immensen Investitionen in das neue Tiefseegeschäftsfeld sind für die zumeist mittelständischen hiesigen Spezialunternehmen offenbar kaum zu stemmen. Nach einer Schätzung der Aker-Leute würden etwa 240 Millionen Euro allein für den Bau eines Hightech-Förderschiffs anfallen, das besonders ruhig im Wasser liegen kann, sowie für das geeignete Abbaugerät und die vertikale Förderung, also das Airlift-System zur Beförderung der Rohstoffe an die Oberfläche.

China wartet nicht auf Deutschland

"Ein einzelnes Unternehmen kann die Kosten eines solchen Projekts nicht tragen", sagt dann auch Aker-Wirth-Forschungschef Steffen Knodt gegenüber manager magazin Online, und er steht mit seiner Meinung nicht allein. "Aufgrund des hohen wirtschaftlichen Risikos brauchen wir eine staatliche Förderung", springt Unternehmensberater Jarowinsky der Branche bei, die zuletzt immerhin einen ersten Achtungserfolg im Kampf um Subventionen errungen hat: "Die Bundesanstalt für Geowissenschaften versucht derzeit beim Bundeswirtschaftsministerium eine solche Starthilfe zu organisieren", sagt BGR-Experte Wiedicke-Hombach.

Doch ob die kommt, ist ungewiss. Denn mitten in der größten Schuldenkrise, die Europa je verzeichnet hat, sind auch die Kassen der Bundesrepublik leer. Und so fällt der mögliche Umfang der ohnehin unsicheren Staatsubvention für die deutschen Tiefseespezialisten wahrscheinlich auch noch verschwindend gering aus.

Das Bundeswirtschaftsministerium hat zwar erst vor wenigen Monaten sein Programm zur Forschungs- und Entwicklungsförderung im maritimen Bereich überarbeitet. Doch der neue Plan sieht gerade einmal Staatssubventionen in Höhe von rund 30 Millionen Euro für den gesamten maritimen Sektor vor. Für den Tiefseebergbau im Speziellen ist nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums als nächstes sogar nur "die Finanzierung von Workshops" geplant, sagt Ministeriumssprecher Tobias Pierlings gegenüber manager magazin Online.

Die internationale Konkurrenz jedenfalls scheint nicht abzuwarten, bis sich in Deutschland Entscheidendes tut. China, Frankreich, Indien, Japan, Korea, Polen und Russland besitzen bereits Lizenzen für die Erkundung der Lagerstätten unterseeischer Manganknollenvorkommen. Und China ist jetzt noch weiter vorgeprescht:

Das chinesische U-Boot "Jiaolong", was übersetzt "Seedrache" heißt, tauchte vor wenigen Wochen erstmals bis auf 5075 Meter Tiefe im Pazifischen Ozean. Das chinesische Institut für Ozeanographie (SOA) will das Unterseeboot künftig für geologische Forschungen einsetzen - und mit der "Jiaolong" den Meeresgrund nach Bodenschätzen absuchen.

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.