Spitzenplatz gefährdet Hochtief bremst ACS-Chef Perez aus

ACS-Chef Florentino Perez will den größten Baukonzern der westlichen Welt schaffen. Die Hochtief-Übernahme soll dabei helfen. Doch die Deutschen straucheln, während Konkurrenten wie Vinci und Bouygues Rekordumsätzen entgegeneilen. Geplante Verkäufe rücken das ACS-Ziel in weite Ferne. Hat sich Perez verrechnet?
Von Kristian Klooß
Florentino Perez, Chef des spanischen Baukonzerns ACS, hatte sich für dieses Jahr mehr versprochen

Florentino Perez, Chef des spanischen Baukonzerns ACS, hatte sich für dieses Jahr mehr versprochen

Foto: REUTERS

Hamburg - Die Vision des Florentino Perez ist zwar nicht in Stein gemeißelt - aber doch so oft gesagt, geschrieben und gedruckt worden, als wäre es so. Perez, Chef des spanischen Bau- und Infrastrukturkonzerns Actividades de Construccion y Servicios, kurz ACS, will aus seinem Unternehmen den "größten Baukonzern der westlichen Welt" formen. Größer und profitabler als alle Wettbewerber, größer und profitabler selbst als die französischen Giganten Vinci  und Bouygues .

Letztere indes führen seit Jahren das zuletzt vor zwei Wochen veröffentlichte Deloitte-Umsatzranking der größten Baukonzerne Europas an. So auch im Jahr 2010, in dem Vinci 33,4 Milliarden Euro erlöste und Bouygues auf 31,2 Milliarden Euro Umsatz kam.

Die spanische ACS  brachte es 2010 dagegen auf vergleichsweise bescheidene 15,4 Milliarden Euro. Dies bedeutete immerhin Rang vier in der Liste - knapp hinter dem deutschen Konkurrenten Hochtief , der im selben Zeitraum 20,2 Milliarden Euro umsetzte.

Was seitdem geschah, ist bekannt. ACS, schon in der Vergangenheit durch Dutzende Übernahmen gewachsen, übertölpelte das Hochtief-Management in einer Monate währenden Übernahmeschlacht und sicherte sich schließlich die Kontrolle über mehr als 50 Prozent der Aktien des Essener MDax-Unternehmens. Das Ergebnis: Seit Juni 2011 wird Hochtief voll in der Bilanz des Mehrheitsgesellschafters ACS konsolidiert.

Für ACS samt Hochtief hätte es mit einem kumulierten 2010er-Umsatz von rund 35,5 Milliarden Euro im vergangenen Jahr sogar für die Spitzenposition gereicht. Dass es im Jahr 2011 reicht, ist hingegen längst noch nicht ausgemacht.

Der größte Konkurrent Vinci wächst rasant

So hat Bouygues für dieses Jahr Rekordumsätze von rund 32 Milliarden Euro angekündigt. Und die bisherige Nummer eins, Vinci, hat am Dienstag nach einem starken ersten Halbjahr die eigene Prognose kräftig angehoben. Der Konzern geht jetzt von einem Umsatzwachstum von 7 Prozent aus. Bislang hatte Vinci ein Wachstum von mindestens 5 Prozent prognostiziert. Für 2011 ergäbe sich somit ein Jahresumsatz von rund 35,7 Milliarden Euro.

Wie diese Prognosen die bisherigen Erwartungen von ACS durcheinanderwirbeln, zeigt ein Blick in jene internen Planzahlen, die ACS im Zuge der Übernahmeschlacht um Hochtief noch im September 2010 den Analysten und Investoren präsentiert hatte. Darin geben die Spanier für den Konkurrenten Vinci im Jahr 2012 einen geschätzten Umsatz von 36,3 Milliarden Euro an, für Bouygues einen Umsatz von 31,9 Milliarden. Doch während die zwei französischen Wettbewerber diese Zahlen bereits in diesem Jahr streifen, dürfte es für das spanisch-deutsche Paar ACS/Hochtief schwierig werden, die für 2012 erhofften 37,5 Milliarden Euro zu erreichen. Zumal Hochtief für 2011 erst vor zwei Wochen eine Stagnation des Umsatzes auf Vorjahresniveau angekündigt hat.

Zwar hat ACS kurzfristig durch die bilanzielle Konsolidierung Hochtiefs einen Umsatzsprung um 26,5 Prozent auf 9,47 Milliarden Euro hingelegt - wozu allein der Essener Baukonzern 2,08 Milliarden Euro beitrug. Dennoch hätte es für die Spanier besser laufen können - und wohl auch sollen. Zwar steigerte der Baukonzern aus Madrid den Nettogewinn im ersten Halbjahr um rund ein Fünftel auf 604 Millionen Euro. Doch ohne die Tochter aus Essen wäre das Ergebnis weit besser ausgefallen.

Der Grund: Im ACS-Ergebnis sind Abschreibungen von 49 Millionen Euro enthalten, die ganz wesentlich auf die australische Hochtief-Tochter Leighton zurückgehen. Diese hatte im April die Deutschen - und damit auch die Spanier - mit einer Gewinnwarnung aufgeschreckt, die sogar eine Kapitalerhöhung nötig machte. Zuvor waren insbesondere zwei Großprojekte durch Wetterkapriolen, Nachtragsforderungen und Gewerkschaftsproteste aus dem Ruder gelaufen: der Bau einer Meerwasserentsalzungsanlage in Melbourne und das Straßenprojekt Airport Link in Brisbane.

Hochtief-Tochter Leighton: Sorgenkind und Musterknabe

So war es aus gegebenem Anlass eine der ersten Aufgaben des seit Mai amtierenden neuen Hochtief-Chefs Frank Stieler, die Probleme im Sinne des neuen Großaktionärs zu lösen. Dies ist inzwischen geschehen: Künftig soll ein Group Risk Manager bei Leighton dafür sorgen, dass nur noch solche Aufträge angenommen werden, deren Komplexität zu beherrschen ist.

Auch einige Manager mussten inzwischen gehen - zuletzt auch in der Führungsetage Leightons. Nachdem Anfang vergangener Woche schon Aufsichtsratschef David Mortimer "aus persönlichen Gründen" seinen Hut nahm, folgte ihm wenige Tage später auch Vorstandschef David Stewart. Nachfolger des nur acht Monate amtierenden Managers wird Hamish Tyrwhitt, der bislang die Asien-Sparte von Leighton geleitet hat. Für den seit Juni 2007 amtierenden Mortimer wiederum wurde Stephen Jones als neuer Chairman benannt.

Und dennoch, trotz solcher Turbulenzen zeigt ausgerechnet Leighton, dass ein Konstrukt, bei dem ein Baukonzern einen anderen dank Mehrheit beherrscht, funktionieren kann. Denn seit vielen Jahren sind die Deutschen am australischen Baukonzern mit knapp 55 Prozent beteiligt und stellt vier der zehn Mitglieder im Board. Wobei das Engagement für die Deutschen über Jahre hinweg lukrativ war und maßgeblich zu den guten Konzernergebnissen der Vergangenheit beitrug.

ACS kontrolliert inzwischen ebenfalls einen Aktienanteil von knapp 55 Prozent an Hochtief. Und, schenkt man den Experten glauben, könnte diese Kombination in den kommenden Jahren durchaus für Profitabilität und Wachstum stehen.

Diversifikation wichtiger als Schuldenabbau

"Eine gewisse Komplementarität der beiden Konzerne ist nicht von der Hand zu weisen", sagt Commerzbank-Analyst Norbert Kretlow mit Blick auf die Weltregionen, in denen Hochtief und ACS ihre bisherigen Claims abgesteckt haben. Denn ACS wickelte bis zur Übernahme rund drei Viertel der Geschäfte im spanischen Heimatmarkt ab. Abgesehen davon war der Konzern vor allem in Mittel- und Südamerika präsent, sowie in einigen afrikanischen Staaten. Hochtief - dessen Deutschland-Geschäft bis zur Übernahme nur rund 12 Prozent ausmachte - betreibt seine Geschäfte vor allem in Osteuropa, Nordamerika, Indien, China, Südostasien und - dank Leighton - in Australien.

"Bei einer Transaktion wie im Falle ACS und Hochtief geht es weniger um schiere Größe", sagt Kretlow. Denn Economies of Scale gebe es im Bau kaum. "Ein strategischer Faktor ist vielmehr, dass man dahin gehen kann, wo die Projekte sind." Dies gelte sowohl in geografischer Hinsicht als auch mit Blick auf die Geschäftsfelder, in denen ein Bau- und Infrastrukturkonzern tätig sei.

Franz Klinger, Partner Real Estate bei Deloitte, sieht dies ähnlich. Internationalisierung und Diversifizierung bieten den Unternehmen einfach gewisse Vorteile", sagt er. Weshalb sich kaum ein Baukonzern diesem Trend entziehen könne. "Vinci beispielsweise ist stark im Konzessionsgeschäft tätig und verdient Geld mit Mautstraßen und Parkhäusern, Bouygues ist auch im Mobilfunkgeschäft unterwegs." Solcher Dienstleistungsgeschäfte brächten den Vorteil langfristiger und stabiler Cashflows mit sich. "Wenn hingegen die Baukonjunktur einbricht, fällt der Umsatz weg", sagt Klinger. Vor diesem Hintergrund sei auch ein gewisser Internationalisierungsgrad bedeutsam, um sich nicht abhängig zu machen von einzelnen Märkten oder Regionen.

Nach Ansicht des Commerzbank-Analysten Kretlow waren Diversifizierung und Internationalisierung von vornherein die beiden wichtigsten Gründe für die Übernahme Hochtiefs durch ACS. "Da ging es nicht primär um Bilanzkosmetik", sagt er.

ACS-Ziel Iberdrola: Zermürbender Übernahmekampf

Für ein wenig Entlastung sorgen und die Nettoschulden von rund 9,8 Milliarden Euro senken könnte auch der seit Ende vergangenen Jahres von ACS geplante und inzwischen vermeldete Verkauf zahlreicher Beteiligungen an Projekten für regenerative Energien. Für elf Windparks im Wert von 636 Millionen Euro fanden die Spanier jüngst Käufer. Der größte Teil der vor allem in Spanien installierten Anlagen geht an die europäische Beteiligungsgesellschaft Bridgepoint. Bereits im Juli hatte ACS ihre Engagements in zwei Solaranlagen an den von der Deutschen Bank  kontrollierten Rreef-Infrastruktur-Fonds und Antin Infrastructure verkauft. Weitere Windpark-Beteiligungen gingen an die spanische Gas Natural Fenosa.

Aus rein bilanzieller Hinsicht hat sich ACS-Chef Perez indes auch in diesem Falle nicht von den Beteiligungen getrennt. Denn vom Geschäft mit erneuerbaren Energien ist er im Grunde überzeugt.

Dies zeigt schon der Blick auf die künftige Ausrichtung bei Hochtief. Die Deutschen haben jüngst eine Kooperation mit dem belgischen Offshore-Spezialisten Geosea vereinbart. Hochtief und Geosa sind dabei je hälftig an der Beluga Hochtief Offshore GmbH & Co. KG beteiligt, die aus der insolventen Bremer Reederei Beluga hervorgegangen ist. Hochtief will so im Geschäft mit Offshore-Dienstleistungen und Spezialschiffen Fuß fassen. Ab 2012 wollen die Essener mit Errichtung, Instandhaltung, Betrieb und Rückbau von Windrädern auf hoher See jährlich rund 400 bis 500 Millionen Euro umsetzen.

Dass ACS sich jetzt von seinen eigenen Windkraftparks trennt dürfte daher einen anderen Grund haben: die seit Jahren stagnierende Übernahme des spanischen Versorgers Iberdrola . Anders als bei Hochtief, hat es ACS bei Iberdrola noch nicht zu einem Verwaltungsratssitz gebracht. Allerdings sind die Dimensionen der Übernahme auch andere. Während ACS für die Kontrolle Hochtiefs nach Aussagen von Konzernchef Perez bislang gut zwei Milliarden Euro investiert hat, sind es bei Iberdrola bislang acht Milliarden.

Flughafenbeteiligungen sollen bis zum Jahresende verkauft werden

Das erste Ziel, 30 Prozent der Aktien Iberdrolas unter Kontrolle zu bringen, hat Perez indes bislang verfehlt. Denn so wie einst Hochtief-Vorstandschef Herbert Lütkestratkötter, wehrt sich auch Iberdrola-Chef Ignacio Galan gegen die als feindlich empfundene Übernahme. Mit einigem Erfolg: Hatte ACS-Chef Perez erst im Januar den eigenen Anteil von 15 auf 20,2 Prozent erhöht, konnte Iberdrola-Chef Galan diesen mit mehreren Zukäufen und damit einhergehenden Kapitalerhöhungen auf mittlerweile 19 Prozent verwässern.

Bei den Aktionären hat Iberdrola dabei vor allem deshalb gute Karten, weil der Konzern seinen Energiemix zu einem großen Teil aus Sonne und Wind speist. Ein Argument gegen die Übernahme durch ACS war daher bislang auch die dann gefürchtete Konkurrenz im eigenen Haus durch die von ACS betriebenen Windparks. Dieses Argument hat ACS-Chef Perez durch den Verkauf seiner Renewables den Boden nun allerdings entzogen. Und auch die Unterstützung der spanischen Regierung scheint ihm sicher. Denn diese verabschiedete erst kürzlich ein Gesetz, wonach Stimmrechtsbeschränkungen in Spanien abgeschafft werden sollen. Unterlagen die Stimmrechte pro Aktionär bei Iberdrola zuvor einer Deckelung von 10 Prozent, gilt seither der Grundsatz: eine Aktie, eine Stimme.

Dies dürfte Perez der Übernahme Iberdrolas einen Schritt näher bringen. Und damit seinem Ziel: Europas größten Bau- und Infrastrukturkonzern zu führen. Bis es so weit ist, bleibt das Rennen um die Krone der Bau- und Infrastrukturkonzerne indes offen.

Zumal Hochtief-Chef Stieler angekündigt hat, sich bis zum Jahresende von seinen Flughafenbeteiligungen und damit von weiteren Umsätzen zu trennen. Im Ausland hält der Baukonzern Beteiligungen an den Flughäfen in Athen, Budapest, Tirana und Sydney. In Deutschland ist Hochtief an den Flughäfen in Düsseldorf und Hamburg beteiligt. Die Gebote sollen bei mehr als 1,3 Milliarden Euro liegen. Einer der Interessenten ist der französische Branchenführer Vinci.

Mehr lesen über

Verwandte Artikel

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.