Herausforderung Change Management Die Übermacht der Gewohnheit

Die Euro-Krise kann ein Unternehmen in Schwierigkeiten bringen. Aber auch durch interne Entwicklungen. Genau deswegen ist das "Change Management", die unternehmerische Steuerung des Wandels, auch so wichtig. Worauf es ankommt, erklärt der Führungsexperte Alexander Groth.
Von Arne Gottschalck
Lochen, abheften - und weg damit: Kreative Änderungen innerhalb eines Unternehmens sind so nicht zu bewerkstelligen

Lochen, abheften - und weg damit: Kreative Änderungen innerhalb eines Unternehmens sind so nicht zu bewerkstelligen

Foto: dapd

mm.de: Provokativ gefragt: Wozu eigentlich Wandel, wenn es läuft? Es heißt doch, "Never change a Winning Team"?

Groth: Die Amerikaner sagen auch: "If it ain't broke, don't fix it.". Das gilt aber nicht für komplexe Unternehmen in einem knallharten globalen Wettbewerb. Wenn Sie warten, bis etwas am Markt nicht mehr funktioniert, kann dies für Ihr Unternehmen tödlich sein. Wenn Sie dagegen zu den Besten Ihrer Branche zählen wollen, müssen Sie kontinuierliche Verbesserungen einführen. Leider wehren sich Mitarbeiter oft gegen solche durchaus sinnvollen Maßnahmen, selbst dann, wenn es für sie gar keinen Nachteil mit sich bringt.

mm.de: Was ist beim Change-Management das Kernproblem?

Groth: In den meisten Unternehmen wissen weder die Unternehmensleitung noch der einzelne Manager genügend darüber, warum Menschen sich in Veränderungen oft irrational verhalten. Dabei steckt dahinter eine durchaus nachvollziehbare Logik der Gefühle, wie ich in meinem neuen Buch zeige. Wenn man diese "emotionale Achterbahn" nicht berücksichtigt, wird es sehr schwierig, Veränderungen umzusetzen.

mm.de: Was wird beim Wandel von der Führungskraft gefordert?

Groth: Manchmal fast Unerreichbares. Sie soll als Vorbild mit viel Energie voranschreiten, während sie oft selbst am Sinn einer Maßnahme oder aber der Art der Umsetzung zweifelt. Die Zeitpläne und Meilensteine sind fast immer zu knapp bemessen, weil man die Macht der Emotionen und dadurch verursachte Verzögerungen nicht einkalkuliert hat. Und schließlich bringen Change-Vorhaben die ohnehin schlechte Work-Life-Balance vieler Manager endgültig zum Kippen.

mm.de: Wie bewerkstelligt man es, dass ein Wandel dauerhaft bleibt und nicht alle zurückmarschieren, sobald der Chef sich umdreht?

Groth: Sie müssen es schaffen, dass die Mitarbeiter neue Gewohnheiten entwickeln und nicht in die alten zurückfallen. Das ist aber schwer. Stellen Sie sich vor, Sie erleiden einen Herzinfarkt. Der Arzt sagt Ihnen bei Ihrer Entlassung: "Sorgen Sie für weniger Stress, mehr Bewegung und fettärmeres Essen, sonst sehen wir uns schon bald wieder. Und der zweite Infarkt könnte tödlich sein." Würden Sie sich verändern? Studien belegen, dass 90 Prozent der Infarktpatienten weiterleben wie bisher und entsprechend früh sterben. Nur einer von zehn schafft es, seine Gewohnheiten dauerhaft zu verändern und damit sein Leben zu retten.

mm.de: Was fordert Change-Management eigentlich vom betroffenen Mitarbeiter?

Groth: Wenn es nach der Geschäftsleitung ginge, dann würden die Mitarbeiter den Plan ohne Murren in die Praxis umzusetzen. Tatsächlich aber steht die Funktionsweise des Gehirns dem erst einmal entgegen und verursacht Widerstand. Wir nehmen zum Beispiel Verschlechterungen psychologisch viel stärker wahr als die gleichzeitigen Verbesserungen. Außerdem aktiviert ein Wandel all die Gefühle, die das emotionale Langzeitgedächtnis aus früheren Erfahrungen mit Veränderungen gespeichert hat. Und das sind selten angenehme Gefühle.

mm.de: Letzte Frage: Stellen Sie sich vor, Deutschland wäre ein Unternehmen und Angela Merkel dessen CEO. Sie soll die Bürger/Mitarbeiter auf schwere Zeiten und Flexibilität einschwören. Was wäre Ihr Rat?

[AG1]Anmerkung: Im organisatorischen Kontext würde ich von running system sprechen. "Winning team" bezieht sich eher auf die Zusammensetzung einer Gruppe, ginge aber auch.

Groth: Sie muss die Emotionen der Menschen ansprechen und bewegen! Schauen Sie in die Geschichte: Die "I have a Dream"-Rede von Martin Luther King oder die "Blood, Sweat and Tears"-Rede von Winston Churchill bewegten Nationen. Sie werden feststellen, dass diese Reden fast ausschließlich aus emotionalen Bildern bestehen. Und sie wurden mit authentischer Leidenschaft überzeugend vorgetragen. Frei nach dem heiligen Augustinus: "In dir muss brennen, was du in anderen entzünden willst."

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.