Fotostrecke

Machtkampf in Essen: Wer bei der WAZ das Sagen hat

Foto: manager magazin

Medienriese WAZ-Gruppe vor dem Verkauf

In der deutschen Verlagsbranche bahnt sich eine Sensation an: Die Essener WAZ-Gruppe steht vor einem Eigentümerwechsel. Die Herrschaft übernehmen will Petra Grotkamp. Sie hat ihren Mitgesellschaftern von der Brost-Holding 500 Millionen Euro für deren 50-Prozent-Anteil geboten.
Von Klaus Boldt

Hamburg - Deutschlands Medienbranche steht vor einem der aufsehenerregendsten Einschnitte seit Langem: Die Essener WAZ-Gruppe (Umsatz: 1,1 Milliarden Euro, "Westdeutsche Allgemeine", "Neue Rhein/Neue Ruhr-Zeitung", Westfälische Rundschau"), größter Regionalzeitungsverlag Europas, steht vor dem Eigentümerwechsel. Die Herrschaft übernehmen will nach Informationen von manager magazin Petra Grotkamp (67), Tochter des WAZ-Mitgründers Jakob Funke und Ehefrau des langjährigen Verlagschefs Günther Grotkamp (84) und bislang mit durchgerechnet 16,67 Prozent an dem Unternehmen beteiligt.

Grotkamp hat ihren Mitgesellschaftern von der Brost-Holding einen Betrag von 500 Millionen Euro für deren 50-Prozent-Anteil geboten. Das Geschäft soll möglichst in den nächsten vier bis acht Wochen abgewickelt sein.

Der Deal bedeutet nicht nur eine Zeitenwende für die WAZ selbst, sondern könnte weitreichende Folgen auch für die deutsche Zeitungsbranche haben. Die WAZ-Gruppe, einst eines der finanzstärksten Medienhäuser des Landes, werde, dies ist aus dem Hause zu hören, mit künftig klaren Eigentümerverhältnissen "endlich wieder eine größere Rolle auf nationaler Ebene spielen".

Der Essener Großverlag gehört zu jeweils 50 Prozent den Nachfahren ihrer Gründer, auf der einen Seite den drei Enkeln von Erich Brost, auf der anderen Seite den Töchtern von Jakob Funke: Renate Schubries (74), besagter Petra Grotkamp und den Erben ihrer im Sommer verstorbenen Schwester Gisela Holthoff (83).

Zwischen Blockade und Kompromiss

In der Vergangenheit hatten sich immer wieder Konflikte zwischen den Gruppierungen entzündet, die noch dadurch verschärft wurden, als beide Parteien auch verschiedenen politischen Lagern zuzurechnen sind: Die Brosts den Sozialdemokraten, die Funkes aber den Christdemokraten.

Gesellschaftsrechtlich aneinandergekettet, war das friedliche Miteinander stets großen Anfechtungen ausgesetzt. Diese hatten sich in jüngster Zeit infolge der Medienkrise und des schlechten Geschäftsverlaufs noch verschärft: Weil alle Entscheidungen einstimmig getroffen werden müssen, kein Gesellschafter den anderen überstimmen, geschweige dominieren oder bisweilen auch mit den besseren Argumenten überzeugen kann, hat sich die WAZ strategisch zwischen Blockade und Kompromiss zerrieben.

Im Regionalzeitungsgeschäft nach wie vor eine Macht, spielen die Pressebarone von der Ruhr weder im Fernsehen noch im Internet oder bei überregionalen Zeitungen eine Rolle. An der Finanzkraft hatte es selten gelegen, wohl aber an den mühsamen Findungsprozessen, die sich häufig im Nichts verliefen.

Seit Jahren versucht man vergeblich, die gegenseitigen Blockaden zu lösen und einen Aufsichtsrat mit verbrieften Mitwirkungs- und Informationsrechten einzusetzen, auch an der Umwandlung in eine börsenfähige KGaA wurde gearbeitet. Doch die Modernisierungs- und Reformprozesse geraten immer wieder ins Stocken.

Endlich klare Verhältnisse

In der Geschäftsführung pflanzen sich die Reibereien fort: Für den früheren Kanzleramtsminister Bodo Hombach (59), der die Brosts vertritt, vor allem aber für Christian Nienhaus, den Mann der Funkes, ist es nicht immer einfach zwischen den Interessen ihrer Gesellschafter und jenen der Verlagsgruppe zu unterscheiden, sie gegeneinander abzuwägen oder zwischen ihnen zu vermitteln. Die Stimmung ist gespannt.

Während Hombach als Vertreter der im vergangenen Jahr verstorbenen Verlegerwitwe Anneliese Brost mit unbehelligter Gelassenheit vorgehen konnte, hatten sich unter den drei Funke-Töchtern verschiedene Strömungen entwickelt, die teilweise zu Verwirbelungen geführt haben.

Erst vor wenigen Wochen war bekannt geworden (siehe mm 7/11), dass der Anwalt Stephan Holthoff-Pförtner (62), Adoptivsohn der verstorbenen Gisela Holthoff, drei Geheimverträge mit Anneliese Brost geschlossen hatte: Um seinen Bruder Frank Holthoff (57) auszuzahlen, hatte sich Holthoff-Pförtner 85 Millionen Euro bei ihr geliehen und im Gegenzug eine Kooperation zugesagt und eine Kaufoption über die Hälfte der Holthoff-Anteile eingeräumt.

All dies ließ bei den Grotkamps den Entschluss reifen, endlich für klare Verhältnisse zu sorgen, deren Fehlen die WAZ-Gruppe so lange und so häufig beklagt hatte: Man wolle das ständige "Tauziehen beenden und eine klare, unternehmerische Führung" garantieren. Dies läge nicht zuletzt im Interesse der WAZ-Beschäftigten.

Erste Einigungen

Mit den drei Brost-Enkeln, die in München leben, wurde bereits Einigung erzielt. Ein sogenanntes Term Sheet ist aufgesetzt und unterschrieben worden.

Die Entscheidung, ob es zu dem Geschäft kommt, das alle Beteiligten wollen, liegt nun bei dem Anwalt Peter Heinemann, Sohn des früheren Bundespräsidenten, der bis 2015 Testamentsvollstrecker für die Brost-Enkel ist und das Grotkamp-Angebot in diesen Tagen prüft.

Heinemann befindet sich in keiner einfachen Lage. Schließlich wurde er nicht zuletzt deshalb mit der Testamentsvollstreckung betraut, um die Eigentümerverhältnisse zu bewahren.

Die Verhandlungen auf Grotkamp-Seite führte der Advokat Andreas Urban von der Kanzlei Heuking Kühn Lüer Wojtek. Weder die Brost- noch die Funke-Seite war bisher zu einer Stellungnahme bereit.

Die Finanzierung der Anteilsübernahme, bei der es sich für eine 67-Jährige wie Petra Grotkamp um einen sehr mutigen Schritt handelt, soll "ohne Weiteres" möglich sein. Die Hälfte des Kaufpreises wird wohl in bar entrichtet.

Auch die Generationenfolge ist sichergestellt: Ihr Sohn aus erster Ehe, Nikolas Wilcke, Jurist in Essen, dürfte im Falle eines gelungenen Handels, künftig eine tragende Rolle im Gesellschafterkreis spielen.

Sollte die WAZ-Gruppe erstmals in ihrer Geschichte einen Mehrheitseigentümer haben, ist es mit der Doppelspitze vorbei: Bodo Hombach wird in diesem Fall keine Zukunft in dem Verlagshaus haben. Ob Christian Nienhaus oder sogar der für seine Arbeit in der Zeitschriftensparte (Gong-Verlag) gepriesene Manfred Braun die WAZ-Führung übernehmen wird, sei keine Frage, mit der man sich zurzeit beschäftige, heißt es intern.

Man lässt Vorsicht walten. Denn man weiß auch um den Einfluss Bodo Hombachs im Revier und möglicherweise auch auf Testamentsvollstrecker Heinemann - beides Sozialdemokraten, könnte Heinemann durchaus auf die Idee verfallen, dass es nicht im Interesse der WAZ liege, die so tief in Nordrhein-Westfalen verwurzelt ist, wenn sie unter konservativer Kontrolle stünde. Doch am Ende ist er seinen Schutzbefohlenen, den Brost-Enkeln, verpflichtet.

Verwandte Artikel