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Wachstumsstars: Welche deutschen Unternehmen in Amerika glänzen

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Verkaufserfolge Amerika leidet am Teutonen-Boom

Es ist ein eigentümlicher Erfolg: Trotz wankender US-Konjunktur verdienen nicht nur Deutschlands Autoriesen in Amerika glänzend. Manchen hiesigen Firmen spielt selbst die zunehmende Spaltung der US-Gesellschaft in die Hände. Jetzt werben erste US-Firmen mit ihren deutschen Ahnen.
Von Markus Gärtner

Hamburg - Sie nennen sich "Legenden der Autobahn". Am Wochenende gaben sie sich ein edles Stelldichein am feinen Rancho Canada Golfkurs südlich von Monterey in Kalifornien: Mehr als 400 Oldtimer aus der Vorkriegsproduktion deutscher Edelmarken von BMW bis Mercedes reihten sich auf dem satten Rasen im Carmel Valley aneinander - die womöglich größte automobile Teutonenschau Nordamerikas in diesem Jahr. Das Gipfeltreffen der Autonarren hätte zeitlich nicht besser gewählt werden können.

In den USA erleben europäische Autohersteller, vor allem die deutschen Produzenten, einen Höhenflug. Das hat nicht nur mit deren wachsender Produktion in lokalen Fabriken zu tun. BMW  hat seit 2008 seine Fertigungskapazität in Spartanburg verdoppelt - sie soll bis im kommenden Jahr weiter wachsen, von jetzt 240.000 Fahrzeuge auf 300.000. Daimler  kündigte im Juni an, für zwei Milliarden Dollar die Produktion in Tuscaloosa auszubauen. Volkswagen  greift mit seinem eine Milliarde Dollar teuren Werk in Chattanooga, aus dem der neue Passat kommt, den Weltmarktführer Toyota  an.

Der Höhenflug deutscher Autohersteller in den USA hat noch einen anderen wichtigen Grund. Die US-Gesellschaft teilt sich seit der Finanzkrise mit wachsendem Tempo. Das Einkommensgefälle erreicht neue historische Höchstwerte: Oben eine wachsende Einkommenselite, die sich alles leisten kann, unten immer mehr Geringverdiener und Arbeitlose. Dazwischen ein schwindsüchtiger Mittelstand - und nicht wenigen deutschen Produzenten hochwertiger Waren spielt die Polarisierung in Amerikas Wirtschaft derzeit in die Hände. Denn wer es sich leisten kann, gibt mehr Geld aus, wenn er dafür langlebige und hochwertige Produkte bekommt, die Energie sparen, weniger Reparaturen benötigen oder einfach mehr Technik und Luxus für's Geld bieten. Amerikas Mittelstand dagegen ist oftmals US-orientiert.

Deutscher Akzent als Werbebotschaft

Das führt dazu, dass General Motors  für seinen neuen Buick Regal mit dem Verweis auf deutsches Engineering wirbt. Bis vor ein paar Jahren wäre das unvorstellbar gewesen. "Hören Sie mal genau hin", heißt es in Zeitungsanzeigen für das Auto, das auf dem Opel Insignia basiert und auch in Deutschland gebaut wird, "vielleicht bemerken Sie einen deutschen Akzent". Der Regal wurde konzipiert, als General Motors auf die Pleite zusteuerte und das Geld so knapp wurde, dass in Detroit die Aufzüge angehalten wurden, um Strom zu sparen, sagen Spötter.

Jetzt soll er mit Technik und Design aus Deutschland den Rebound der Amerikaner befördern. Das Beispiel spricht auch Bände über die industrielle Entleerung Amerikas, das seit Beginn des vergangenen Jahrzehnts 32 Prozent aller Jobs in der gewerblichen Wirtschaft verloren hat, überwiegend durch Verlagerung in Schwellenländer. 2010 war das erste Jahr, in dem die US-Industrie mehr Stellen im Ausland besetzte als auf dem Heimatmarkt.

Im Werbefernsehen wird der "German Buick", wie manche Experten ihn nennen, als "erster mit deutscher Technik" angepriesen. Die GM-Werbung im US-Fernsehen endet mit einem eindeutigen Kommentar: "Wenn es je an der Zeit für eine amerikanische Autobahn war, dann jetzt".

Auftrag für US-Nationaldenkmal an ThyssenKrupp

Der Wink mit deutscher Technik hat gute Gründe: Die mit Abstand häufigste unter den zehn Topbeschwerden von US-Konsumenten hat mit dem Auto zu tun, berichtet die Consumer Federation of America. Das betrifft sowohl die Finanzierung als auch die Anfälligkeit der Karossen. In Zeiten eskalierender Benzinpreise - die trotz der jüngsten Korrektur immer noch 39 Prozent über Vorjahr liegen - will niemand auch noch in der Werkstatt viel Geld ausgeben.

Doch deutsche Edel- und Sportkarossen werden in den USA mit Präzision, Funktionalität und Qualität gleichgesetzt. Das versuchte vor drei Jahren auch schon Porsche  in Erfolg umzumünzen, mit Werbung für den 911: "Wir Deutschen sind pedantische, pingelige und kleinkarierte Erbsenzähler", hieß der ironische Slogan. Die Botschaft an Amerikas Autofahrer: Präzision bis zur letzten Schraube.

Die Zahlen geben den deutschen Autoschmieden in den USA Recht. Beim Vergleich der ersten sieben Monate 2011 mit dem selben Vorjahreszeitraum erzielte VW ein Absatzplus von 22 Prozent, doppelt so viel wie der Gesamtmarkt, der um 11 Prozent wuchs. BMW konnte 17 Prozent zulegen, Porsche 34 Prozent. Die hiesigen Autohersteller sind jedoch längst nicht die einzigen deutschen Firmen, die in der schwachen US-Konjunktur gute Geschäfte machen und von der Spaltung der amerikanischen Konsumgesellschaft profitieren.

Auch der Elektrokonzern Siemens  profitiert in diesen Monaten davon, wie er in Amerika wahrgenommen wird: Boeing Energy, ein kleiner Ableger des Flugzeugherstellers, der erst 2009 als Spezialist für smartes Energiemanagement gegründet worden war, tat sich in diesem Monat nach einem Jahr Verhandlungen mit Siemens zusammen.

Neue amerikanisch-deutsche Allianzen

Das Ziel der neuen Allianz: Die Kombination von Boeings Regierungskontakten zum Pentagon und dem Renommé von Siemens  soll Aufträge im Energiesektor bescheren. Der Hintergrund: Das US-Verteidigungsministerium gibt im Jahr 20 Milliarden Dollar für Treibstoff und Strom aus, denn es kommt für ein Prozent des gesamten Energiekonsums in den USA auf. Judy Marks, bei Siemens in den USA für die Regierungsgeschäfte zuständig, erklärt die Allianz mit vielsagenden Worten so: "Wir brauchten einen Partner, der noch besser als wir versteht, wie die Regierung arbeitet". Zwischen den Zeilen soll das heißen: "Die Technik liefern wir Deutschen".

Auch der Sportschuh-Hersteller Adidas  verspürt in den USA trotz Krise kräftigen Aufwind. Das Unternehmen erzielte im ersten Halbjahr in Nordamerika das größte Wachstum seit 2006. Der zweitgrößte Hersteller von Sportbekleidung auf dem Planeten hat in diesem Jahr seine Geschäftsprognose schon zwei Mal nach oben korrigiert, und Amerika hat daran einen kräftigen Anteil. "Ganz egal, mit welchem Einzelhändler ich spreche, unser Produktabsatz ist besser als er es jemals war", sagt Adidas-Chef Herbert Hainer.

Auch ThyssenKrupp  bekommt diesen Teutonen-Effekt zu spüren. Satte 250 Tonnen Edelstahl aus den Schmelzöfen von Nirosta werden die Ecken der Fassade des neuen One World Trade Center in New York zieren, das symbolträchtige Gebäude, das an jenem Ort in den Himmel aufragt, wo im September 2001 Terroristen den furchtbaren Anschlag verübten. Deutsche Firmen versuchen, sich diesen Effekt zunutze zu machen.

Der Hausgerätehersteller Miele hat einen "Made in Germany"-Button auf seine Webseite geklebt, und stellt sich als "deutscher Produzent mit hoher Qualität" vor. Auf der Internetseite "germanoriginality.com" werden deutsche Erfindungen vom Airbag über den Computer bis hin zur Zahnpasta aufgezählt. Und auf Twitter wirbt der Riesling-Händler "Teutonic Wine" für sein Angebot.

Eigentümliche Überhöhung deutscher Wirtschaftskraft

Auf der Webseite der German American Chamber of Commerce in New York bestätigt derweil die neue Rangliste der "Top 50 German Firms in the US" den germanischen Rückenwind in der schwach wachsenden Wirtschaftssupermacht. "2010 war ein gutes Jahr für die meisten deutschen Niederlassungen in den USA", heißt es dort. "Der Gesamtumsatz nahm um 6 Prozent auf 281 Milliarden Dollar zu". Kein Schlechtes Ergebnis in einer Volkswirtschaft, die 2010 real um 2,8 Prozent wuchs. Die Bilanz der Kammer: "Zwei Drittel aller deutschen Firmen im Land berichteten von steigenden Umsätzen".

Die Bewunderung für deutsche Produkte - aber auch die Furcht vor einer möglichen Übermacht der ausländischen Konkurrenz - schimmert mittlerweile zwischen den Zeilen einiger US-Zeitungen durch. In einem Bericht des Autoblogs über die Strategie von Volkswagen in den USA werden die Wolfsburger als "das Heilige Römische Reich der Autohersteller" bezeichnet. Und in der New York Times wurde die Bundesrepublik kürzlich bewundernd als das Land beschrieben, "das über dem ökonomischen Sturm schwebt". Der Bericht kam freilich nur wenige Tage, bevor das Statistische Bundesamt der deutschen Wirtschaft mit 0,1 Prozent Zuwachs im zweiten Quartal (gegenüber Vorquartal) eine Vollbremsung bescheinigte.

Auch in der US-Industrie scheint man sich die deutsche Wirtschaft unter dem Eindruck der jüngsten Sonderkonjunktur inzwischen genauer anzusehen. "Wie haben sie das bloß gemacht?", fragte kürzlich in einem Kommentar für das lokale Branchenjournal die Vizepräsidentin des Immobilienbrokers Arthur J. Rogers & Co. in Illinois, Jeanne Rogers. Ihre Antwort: Deutschland habe im Gegensatz zu den USA trotz der aufkommenden Konkurrenz durch Schwellenländer wie China nicht den Glauben daran verloren, dass "Qualitätsprodukte auf Dauer der beste Weg zu Wohlstand sind".

Das "deutsche Modell" bewähre sich durch solide öffentliche Finanzen, eine Balance zwischen Flexibilität und sozialer Sicherung sowie den Glauben, dass hochwertige Produkte - und nicht raffinierte Finanzderivate - ein nachhaltiges wirtschaftliches Fundament schaffen. Auch Amerika müsse sich auf die Trilogie "Ausbildung, Talente und Qualität" besinnen.