Schuldenkrise Euro-Bond-Debatte entzweit deutsche Wirtschaft

Die einen fordern ihre sofortige Einführung, die anderen verdammen sie als süßes Gift. Die von europäischen Spitzenpolitikern erwogenen Euro-Bonds spalten Deutschlands Wirtschaftslenker in zwei Lager. Dabei beginnt die Front der Kritiker allmählich zu bröckeln.
Wer haftet: Der Ruf nach Euro-Bonds wird lauter - auch in der Wirtschaft- Problemstaaten wie Griechenland würden profitieren

Wer haftet: Der Ruf nach Euro-Bonds wird lauter - auch in der Wirtschaft- Problemstaaten wie Griechenland würden profitieren

Foto: AP

Hamburg - Volkswirte und Analysten streiten schon länger erbittert über die Einführung von Euro-Bonds, nun hat die Auseinandersetzung die deutsche Wirtschaft selbst erreicht. "Sofort, am besten Morgen" sollten gemeinsame Euro-Anleihen vereinbart werden, fordert der Präsident des Außenhandelsverbandes (BGA), Anton Börner. Als "Droge" geißelt der Präsident des Verbandes "Die Familienunternehmer", Lutz Göbel, dagegen die Euro-Bonds.

Die am Montag entflammte hitzige Debatte unter deutschen Wirtschaftsführern zeigt, als wie verfahren die Lage der Gemeinschaftswährung inzwischen wahrgenommen wird. Glauben viele Unternehmensführer immer noch, die Euro-Problemstaaten könnten der Krise mit herkömmlicher Sparpolitik beikommen, halten andere die Situation inzwischen für beinahe ausweglos.

Weil sie ihre eigenen Geschäfte gefährdet sehen, sind sie inzwischen mehr als bereit, die Kröte zu schlucken. Börner forderte Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Staatschef Nicolas Sarkozy sogar dezidiert auf, die Anleihen bei ihrem Treffen am Dienstag dieser Woche zu beschließen.

Prinzip der Euro-Bonds ist, dass alle Euro-Länder gemeinsame Staatsanleihen begeben. Hoch verschuldete Krisenländer sollen so wieder zu relativ günstigen Konditionen Kredite aufnehmen können, weil Länder mit erstklassiger Bonität mithaften. Die Papiere könnten von einer europäischen Schuldenagentur - die noch gegründet werden müsste - zur Versteigerung angeboten werden.

Familienunternehmer: "Mehr von der Droge"

Das Verfahren erregt traditionell Widerspruch bei Unternehmen und ihren Verbänden. Auf diese Weise würden Staaten nachträglich für ihre unsolide Haushaltspolitik belohnt und der Schuldenberg unaufhörlich weiterwachsen. Dies widerspricht nicht zuletzt dem wirtschaftlichen Grundverständnis vieler Unternehmer.

"Die Euro-Krisenländer hatten schon - nach Euro-Einführung - von niedrigeren Zinssätzen profitiert" sagt Familienunternehmer-Präsident Göbel. "Sie waren das süße Gift, durch das sie über ein Jahrzehnt über ihre Verhältnisse gelebt haben. Ihnen jetzt durch Einheitszinssätze für Euro-Bonds noch mehr von dieser Droge zu verabreichen, die dann durch die nur noch wenigen starken Euro-Länder subventioniert würden, wäre der völlig falsche Weg."

Die großen Wirtschaftsverbände tun sich inzwischen jedoch nicht mehr ganz so leicht mit einer pauschalen Ablehnung der Gemeinschaftsanleihen. "Euro-Bonds setzen einen umfassenden Eingriff in die nationalen Politiken der Mitgliedsstaaten voraus - der ist nicht gegeben", nennt der Hautgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Martin Wansleben, gegenüber manager magazin immerhin eine Bedingung für die gemeinsame Anleihe. Allerdings müssten die Krisenstaaten nun vor allem ihre Reformanstrengungen vorantreiben.

Für eine offenbar wachsende Zahl von Managern und Verbandsfunktionären reicht das inzwischen nicht mehr aus, um den Euro - und damit die Grundlage des eigenen wirtschaftlichen Erfolges - zu retten. Die Realität hat die Euro-Bond-Kritiker möglicherweise überholt.

Bankenverband für Euro-Bonds "in Notsituationen"

In "Notsituationen" könnten Euro-Bonds durchaus helfen, sagt auch ein Sprecher des Bundesverbandes deutscher Banken gegenüber manager magazin. Gleichzeitig spricht sich der Verband gegen die dauerhafte Einrichtung von gemeinschaftlichen Anleihen aus, weil der Anreiz zum Sparen verloren ginge.

Die Risiken von Euro-Bonds sind ihren Befürwortern in der Wirtschaft bewusst. Dazu gehört vor allem die Gefahr, dass Deutschland automatisch zahlt, wenn die Krisenländer ihre Anleihen nicht mehr bedienen können. Faktisch sei Deutschland aber schon jetzt Teil einer Haftungsunion, sagt BGA-Präsident Börner.

Über den Krisenfonds EFSF steht die Bundesrepublik mit den anderen Euro-Staaten bereits für Milliardendefizite von Griechenland, Portugal und anderen gerade. Ohne Euro-Bonds, die die Krisenländer stabilisieren, würde früher oder später selbst Deutschland sein Toprating verlieren, erwartet Börner.

Entscheidend ist für viele Wirtschaftslenker nur noch, wie Euro-Bonds ausgestaltet werden. "Wir schlagen Euro-Bonds mit Teilhaftung vor", sagte der Präsident des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft, Mario Ohoven. Bei einem solchen Modell hafte jedes Land nur für den auf ihn entfallenden Anteil der Anleihen. "Deutschland müsste dann zwar vorübergehend höhere Zinsen in Kauf nehmen, ginge aber keine Haftungsrisiken ein", betonte Ohoven. Außerdem bliebe das Prinzip der Eigenverantwortung erhalten.

BGA nennt vier Auflagen für Euro-Bonds

BGA-Mann Börner nennt vier Auflagen, die Länder bei Hilfen über Euro-Bonds erfüllen müssten. Sie müssten eine Schuldenbremse in der Verfassung aufnehmen, ihre Arbeitsmärkte flexibilisieren, die Verwaltung modernisieren sowie massiv in Ausbildung und Bildung investierten. Ein Land, dass die Auflage breche, dürfe in Brüssel nichts mehr zu sagen haben.

Dass Teile der Wirtschaft plötzlich auf die harte Hand Brüssels gegenüber Schuldensündern setzen, macht den Grad ihrer Verzweiflung deutlich - haben sich EU-Bürokratie und die Regierungen der Mitgliedsstaaten bisher doch als untauglich erwiesen, Regeln wie den Stabilitätspakt durchzusetzen.

Doch insbesondere das Rückgrat der deutschen Wirtschaft will ein Aus des Euro um beinahe jeden Preis vermeiden. "Für den exportierenden Mittelstand ist ein stabiles Europa und eine gefestigte Euro-Zone daher von noch größerem Belang als für die Großkonzerne in Deutschland", sagt Chefanalyst Folker Hellmeyer von der Bremer Landesbank. 70 Prozent der Exporte des deutschen Mittelstands gingen in die Euro-Zone. Eine harte Nordwährung als derzeit diskutierte Alternative zum Euro würde vielen Firmen schwer zusetzen, so dass ihnen die einst gefürchtete Euro-Bonds als geradezu harmlos erscheinen.

mit Material von rtr und dpa-afx