Sonntag, 15. Dezember 2019

TV-Stars "Die Machtverhältnisse haben sich verschoben"

Gottschalk, Jauch, Raab und Co.: Die einträglichen Geschäfte der TV-Stars
DPA

TV-Stars gewinnen gegenüber den Sendern an Macht. Fred Kogel, Ex-Chef von Sat.1, sagt im Interview, warum die "Big Four" Günther Jauch, Thomas Gottschalk, Harald Schmidt und Stefan Raab nicht nur um Geld pokern, warum Schmidt Verspätungen hasst - und welche Risiken Jauch mit seinem Wechsel zur ARD eingeht.

mm: Herr Kogel, in der Branche herrscht großes Hin und Her: Günther Jauch tritt künftig auch im Ersten auf, Stefan Raab hat dort bereits sein Gastspiel absolviert, Thomas Gottschalk geht zur ARD. Harald Schmidt, Matthias Opdenhövel, Kai Pflaume und andere haben ihre Senderwechsel erklärt oder vollzogen. Alles nur Zufall oder steckt System dahinter?

Fred Kogel: Das hat, glaube ich, jeweils individuelle Gründe. Jauch bekam die Chance, die populärste politische Talkshow zu moderieren mit dem besten Vorlauf im deutschen Fernsehen: dem "Tatort", der zwischen acht und elf Millionen Zuschauer mitbringt. Umgekehrt bekommt die ARD derzeit Deutschlands populärsten Moderator. Bei Gottschalk und dem ZDF geht nach Gottschalks Entscheidung, "Wetten das …?" nicht mehr zu moderieren und mit dem Ende der Amtszeit von Intendant Markus Schächter eine Ehe einfach einmal zu Ende - ähnlich wie bei Kai Pflaume und Sat.1, den ich 1995 zum Sender geholt hatte. Da mögen Ermüdungserscheinungen aufgetreten sein, und man sagt sich: Vielleicht gehe ich einfach mal woanders hin und suche eine neue Herausforderung.

mm: Was halten Sie von dem Jauch- und dem Gottschalk-Deal?

Kogel: Bei der ARD wird es infolge der Talkshow-Flut trotz Talk-Koordinator ein Hauen und Stechen um die besten Gäste für die fünf Talkshows geben - so ist nun mal das Geschäft. Für Günther Jauch ist der Wechsel nicht ohne Risiko. Er macht sich mit Kollegen wie Plasberg und Will in einem für ihn neuen Genre vergleichbar. Welche anderen Fragen kann er stellen? Es wird wohl am Ende auf eine dauerhaft hohe Quote ankommen.

Zu Gottschalk: das Vorabendprogramm hat seine eigenen Gesetze. Bislang kann im ARD Vorabend alleine schon aus programmstrukturellen Gründen - ich sage nur die "krummen" Anfangszeiten der Programme zwischen 18.00 und 20.00 Uhr und die unglücklichen letzten 15 Minuten vor der Tagesschau - kein Programm wirklich erfolgreich sein. Vorausgesetzt mit Thomas Gottschalks neuer Sendung hält tatsächlich einmal Planbarkeit Einzug in das Vorabendschema des Ersten, wird es davon abhängen, ob sich Thomas noch 140mal in Serie - auch bei medialem Gegenwind und schlechter Themenlage - motivieren kann, gut vorbreitet vor die Kamera zu treten.

mm: Und was sagt sich Ihr Kompagnon Harald Schmidt?

Kogel: Ihm geht es um Kontinuität, um Sendeplätze und um klare Anfangszeiten. Allein in der Staffel 2009/2010 hatten etwa 20 seiner 24 ARD-Sendungen verspätet angefangen.

mm: Was war da los?

Kogel: Es gab eine Reihe von Gründen. In den vergangenen Jahren hat die ARD zum Beispiel Sondersendungen wie die "Brennpunkte" intensiviert, wodurch das folgende Programm in Verzug gerät, oder sie produzierte am Sendetag Donnerstag Shows mit Überlänge. Bei Sat.1, wo Harald Schmidt künftig zweimal wöchentlich auftreten wird - mit der klaren Absicht, wieder daily zu gehen -, haben wir die Zusicherung auf feste Wochentage und feste Anfangszeiten. Wie früher um 23:15 Uhr, um mehr Relevanz zu bekommen.

mm: Man erzählt sich, dass die ARD wenig getan hat, um Harald Schmidt, dessen Quoten zuletzt miserabel waren, zu halten.

Kogel: Schwierig zu sagen. Zum zuständigen Sender WDR, zu Intendantin Monika Piel und Programmdirektorin Verena Kulenkampff haben wir ein gutes Verhältnis. Als Harald Schmidt 2004 zur ARD ging, hießen die zuständigen Intendanten Jobst Plog und Fritz Pleitgen, Günter Struwe war Programmdirektor. Mittlerweile gibt es neue Leute, da wechseln Stimmungen, Meinungen. Das gilt aber auch für den Künstler, der sich in bestimmten Konstellationen wohler fühlt oder nicht. Die ARD, so wurde uns versichert, hätte uns gerne gehalten. Aber es gab auch andere Gründe, zum Beispiel den Willen, wieder mehr Sendungen machen zu wollen.

mm: Verbessert sich Schmidt durch seinen Wechsel?

Kogel: Ja - von den Sendeplätzen und der Kontinuität her gesehen eindeutig. Oder unterstellen Sie etwa, dass ARD und ZDF nicht so gut bezahlen würden wie die Privaten?

mm: Tun sie das?

Kogel: Die Finanzen geben nicht den Ausschlag für einen Senderwechsel, zumindest nicht für die Big Four: Moderatoren wie Jauch, Gottschalk, Schmidt und Raab geht es um Inhalte, Eigenständigkeit und darum, dass sie sich wohlfühlen.

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