Dienstag, 17. September 2019

Währungskrise "Ein Zerfall des Euro wäre ein Desaster"

Ulrich Kater: Wenn kein anderer Kurs signalisiert wird, bietet die Union auch künftig genug Spielraum für weitere Währungskrisen

Die Europäer müssten viel mehr tun als bisher, um die Währungsunion zu retten, meint Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Dekabank. Ein Gespräch über den Einstieg in die vielgeschmähte Transferunion - und die Widerstände der Deutschen.

mm: Herr Kater, der Zerfall des Euro-Gebietes wird immer häufiger als realistische Zukunftsvision diskutiert. Im aktuellen Heft zeigen wir in einem umfangreichen Report, wie sich die Bundesbank unter ihrem neuen Präsidenten Jens Weidmann positioniert. Halten Sie es für möglich, dass Weidmann in seiner Amtszeit die D-Mark wieder einführen muss?

Kater: Ich glaube es nicht, aber wenn uns die vergangenen Jahre eines gelehrt haben, dann ist es der Respekt vor dem Unwahrscheinlichen, den schwarzen Schwänen. Aber der Zerfall des Euro-Gebiets wäre ein Desaster. Sechs Jahrzehnte europäische Integration - inklusive Binnenmarkt und Niederlassungsfreiheit - würden auf einen Schlag rückabgewickelt. Ein extrem düsteres Szenario. Aber wenn wir den Euro erhalten wollen, dann müssen wir mehr dafür tun, als das gegenwärtige Griechenlandproblem lösen - dann müssen wir deutliche Schritte in Richtung mehr europäischer Integration gehen. Da vermisse ich politische Impulse.

mm: Die öffentliche Debatte wird dominiert von Euro-Kritikern und Populisten. Inzwischen glauben mehr als Dreiviertel der Bundesbürger nicht mehr an die Stabilität des Euro.

Kater: Das ist in der Tat ein Problem. Es gibt hierzulande kaum noch jemanden von Gewicht, der den Bürgern erklärt, wozu diese Währungsunion eigentlich dient und vor allem auch wo sie hinführen wird. Gegenwärtig haben viele Bürger den Eindruck, hier wird etwas gegen ihre Interessen durchgepeitscht. Da ist Kommunikation gefragt. Diese Lücke könnte Weidmann teilweise füllen, aber hier ist auch die Politik in der Pflicht. Schließlich hat nicht die Bundesbank den Euro gegründet, sie verwaltet ihn lediglich mit.

mm: Wie soll sich denn die Währungsunion Ihrer Meinung nach weiterentwickeln?

Kater: Der Stabilisierungsfonds EFSF und sein geplanter Nachfolger ESM sind wichtig, ebenso wie die Stärkung der Budgetregeln im verschärften Stabilitäts- und Wachstumspakt und die Verbesserung der Angebotsseite über den "Euro-Plus-Pakt". Das ist noch keine Fiskal- oder gar Transferunion und mit diesem Kredit- und Überwachungssystem kann man es eine Weile lang versuchen. Irgendwann aber brauchen wir ein engeres Zusammenwachsen der Finanzpolitik, und das hat mit Abtretung von Kompetenzen zu tun. Am Anfang würde es ausreichen, wenn etwa die Finanzminister mit Mehrheit oder die Kommission verbindlich darüber entscheiden dürften wie viel Defizit ein Euro-Mitgliedsland noch machen darf. Ganz am Ende werden wir aber wohl auch nicht ohne regionale Ausgleichsmechanismen auskommen - eine Form von fiskalischem Transfersystem.

mm: Was meinen Sie damit?

Kater: Das kann viele Formen annehmen, zum Beispiel eine Euro-Land-weite Arbeitslosenversicherung.

Seite 1 von 2

© manager magazin 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung