Stresstest Baukonzerne zittern um Stuttgart 21

Bahnchef Rüdiger Grube setzt bei Stuttgart 21 auf Risiko. Für zwei große Tunnelaufträge hat das Staatsunternehmen jetzt Baukonzerne ausgewählt, in Kürze soll der Stresstest die Leistungskraft des Bahnhofs belegen. Dabei wächst der Widerstand gegen das Projekt schon wieder an.
Vertrackte Lage: Stuttgart 21 ist weiterhin heftig umstritten, doch die Bahn vergibt bereits Aufträge und lässt vereinzelt bauen

Vertrackte Lage: Stuttgart 21 ist weiterhin heftig umstritten, doch die Bahn vergibt bereits Aufträge und lässt vereinzelt bauen

Foto: Bernd Weissbrod/ dpa

Hamburg - Bahn-Chef Rüdiger Grube tut derzeit so, als könne ihm beim Bau des neuen Stuttgarter Tiefbahnhofs nichts mehr dazwischen kommen. Obwohl die Gegner beinahe täglich demonstrieren und Berichte über Mehrkosten die Runde machen, hat die Bahn sich Ende vergangener Woche festgelegt, wer die ersten Tunnel für das Großprojekt bauen soll. Am Freitag informierte sie die unterlegenen Bewerber. Diese haben nun zwei Wochen Zeit, gegen die Entscheidung vorzugehen.

Lauter Jubel bei den vermutlichen Gewinnern der 700-Millionen-Euro-Aufträge blieb jedoch aus. Nach Informationen von manager magazin lag der österreichische Konzern Porr bei mindestens einem der beiden Lose deutlich vorn, doch weder aus Wien noch von der Bahn gab es dafür eine offizielle Bestätigung.

In anderen Fällen lassen siegreiche Bieter gern zum frühestmöglichen Zeitpunkt durchsickern, dass sie einen Auftrag so gut wie sicher haben - auch, um Fakten zu schaffen.

Doch im Fall von Stuttgart 21 ist es für Freudentänze in der Bauindustrie zu früh. Beinahe im Wochentakt rütteln Berichte über neue oder angeblich verheimlichte Mehrkosten an der Glaubwürdigkeit der Projektbefürworter. Tausende Demonstranten gehen in Stuttgart trotz Schlichtung durch Alt-Christdemokrat Heiner Geißler wieder auf die Straße. Und im Herbst könnte es zu einem Volksentscheid kommen, in dem die Baden-Württemberg endgültig über das Projekt abstimmen.

Grube will Fakten schaffen

Bahnchef Rüdiger Grube erhöht angesichts des wieder auffrischenden Gegenwindes das Tempo. Die zügige Auftragsvergabe noch vor Bekanntgabe des Stresstest-Ergebnisses für Stuttgart 21 Ende Juli sei aus rechtlichen Gründen alternativlos, begründete sein forsches Vorgehen.

Sein Kalkül: Je weiter der Bauprozess fortschreitet, desto schwieriger wird es, das Vorhaben wieder abzublasen. Dies könnte spätestens bei einem Volksentscheid das schlagende Argument sein, Stuttgart 21 zu verwirklichen.

Zudem sitzt die Bauindustrie Grube im Nacken. Der Finanzchef des Lokalmatadors Züblin, Hans-Joachim Rühlig, hatte zwischenzeitlich mit einer millionenschweren Schadensersatzforderung gegen die Bahn gedroht, weil sie nicht entscheide. "Die Bahn muss die begonnenen Ausschreibungen zu Ende führen." Andernfalls müsse die öffentliche Hand die Kosten erstatten. Nach Informationen der "Stuttgarter Zeitung" wird Züblin in der ersten Vergaberunde allerdings leer ausgehen.

Der Frust in der Branche ist bereits hoch. "Es muss möglich sein, in Deutschland große Infrastrukturprojekte zu verwirklichen, um wettbewerbsfähig zu bleiben", kritisiert ein Sprecher des Essener Baukonzerns Hochtief  das Gerangel um den Tiefbahnhof gegenüber manager magazin. Sein Unternehmen habe sich um einzelne Lose beworben.

Bahn und Bauindustrie müssen ausnahmsweise zusammenstehen

Schnell soll es jetzt gehen - das ist die Forderung, die unisono von Bahn und Baufirmen zu hören ist. Da kommt es allen Beteiligten gelegen, dass im Zuge von Stuttgart 21 alle potenten Bewerber im weiteren Bewerbungsverfahren gute Chancen auf einzelne Bauabschnitte haben. Außer Porr, Hochtief und Züblin/Strabag  will auch Bilfinger Berger  im späteren Verlauf des Projekts kräftig mitverdienen.

"Wenn alle großen Konzerne ihren Teil abbekommen, verringert sich die Wahrscheinlichkeit von langwierigen Prozessen zwischen einzelnen Bietern und der Bahn", sagt ein Beteiligter. Verzögerungen aufgrund von Streitigkeiten unter den Machern von Stuttgart 21 - dieses Szenario wollen alle möglichst vermeiden. Die Bahn wollte sich gegenüber manager magazin nicht zu möglichen Ergebnissen der Vergabeverfahren äußern.

Zügig und diszipliniert wollen die Befürworter derzeit vorgehen, um das Vorzeigeprojekt nicht zu gefährden. "Stuttgart 21 hat hohen Symbolwert für die beteiligten Baukonzerne", sagt Analyst Marc Gabriel vom Bankhaus Lampe. "Ihr internationales Renommee wird gestärkt, wenn gebaut wird."

Verschleierte Kosten

So vermeiden sowohl Bahn als auch Bauunternehmen jeden Eindruck, das Projekt könnte teurer werden als erwartet. Zuletzt hatte der SPIEGEL berichtet, die Bahn habe die wahren Kosten gegenüber der Öffentlichkeit jahrelang verschleiert. Offiziell beträgt der Preis derzeit etwa 4,1 Milliarden Euro. Gravierende Kostensteigerungen - so die Darstellung der Bahn - seien nur vorstellbar, wenn sie die großen Aufträge erneut ausschreiben müsse. Und dies könne der Fall sein, wenn sich das Unternehmen damit nun noch mehr Zeit lasse.

Vergaberechtsexperten zweifeln allerdings an der Darstellung. "Das Signal der Bahn ist klar - sie will die Diskussion um den Stresstest nicht abwarten", sagt der Berliner Anwalt und Experte für Vergabeverfahren, Ralf Leinemann, gegenüber manager-magazin. Die Ankündigung der Bahn, die Ausschreibung aufzuheben, wertet er als "Drohkulisse".

Allerdings könne sich die Bahn mit einer raschen Vergabe die bis Ende Juli verbindlichen Preisangebote der Baufirmen sichern. Aufgrund steigender Kosten für Stahl, Beton und Energie wären zumindest leichte Preiserhöhungen denkbar, wenn es zu Verzögerungen kommt, sagt Leinemann.

Stresstest ist das geringste Problem

Prescht Rüdiger Grube jedoch zu schnell vor, kann es für die Bahn ungemütlich werden. Scheitert Stuttgart 21 beispielsweise noch bei einem Volksentscheid, werden die Baufirmen ihre entstandenen Kosten wohl bei der Bahn einfordern.

Dass die Bahn das Geld ohne weiteres vom Land zurückholen kann, ist aber nicht ausgemachte Sache. "Die Bahn sollte im Vergabeprozess auch die politischen Rahmenbedingungen beachten", sagt Vergaberechtsexperte Holger Schröder von der Kanzlei Rödl & Partner "Falls das Projekt später noch kippt, ist nicht sicher, dass sie bereits entstandene Kosten vom Land Baden-Württemberg ersetzt bekommt." Es sei möglich, den Prozess zu verlangsamen, ohne die Ausschreibung zu gefährden.

Bei allen Unwägbarkeiten, die sich Stuttgart 21 noch in den Weg stellen können - den Stresstest, dessen Ergebnis das Schweizer Ingenieurbüro SMA am kommenden Donnerstag vorlegen will, fürchten Bahn und Baufirmen am wenigsten. Der Bahnhof soll zur Rush-hour 30 Prozent leistungsfähiger sein als der alte Kopfbahnhof.

Dies zu zeigen, sei nicht weiter schwierig, sagt ein ehemaliger Stuttgart-21-Planer. "Wenn man an den entsprechenden Stellschrauben dreht, kann man fast jedes gewünschte Ergebnis erzielen."

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