Neuer Investitionsfavorit Ghana mausert sich zum Öldorado

"Jubilee" hat alles verändert. Ghana ist durch das Ölfeld zu Afrikas stärkster Wachstumsregion geworden und auf der Begehrlichkeitsliste ausländischer Investoren weit nach vorn gerückt. Kanzlerin Angela Merkel macht auf ihrer Afrika-Reise dennoch nicht hier Station. Deutsche Unternehmer schon.
Von Andrea Jeska
Ölbohrplattform für Ghana: Rohstoff fließt seit Ende 2010

Ölbohrplattform für Ghana: Rohstoff fließt seit Ende 2010

Foto: PIUS UTOMI EKPEI/ AFP

Kokrobite/Ghana - Wäre das Leben ein Garten, so wäre es der von Big Millys in Kokrobite. Von Sonntag bis Donnerstag ist es dort paradiesisch still. Nur den Wind hört man durch Millys 25 Palmen wehen, begleitet vom Rauschen des Meeres. Am Wochenende ist es dort paradiesisch laut. Dann tanzen Touristen und Einheimische zu Reggae Beats, solange, bis die afrikanischen Sterne erlischen und sich theatralisch die Morgensonne erhebt.

Jahrzehntelang war Kokrobite an der Küste Ghanas, 25 Kilometer westlich der Hauptstadt Accra gelegen, nicht mehr als ein Fischerdorf und Big Millys Backyard Ghanas Geheimtipp für Rucksackreisende und Afrikafreaks. Die Unterkünfte waren bescheiden, die Hütten in Kokrobite waren noch bescheidener, aber niemanden störte es. Kokrobite war Happiness in der Hängematte. Nicht einmal eine geteerte Straße führte dorthin.

Und dann kam Jubilee. Ein Erdölfeld, 60 Kilometer vor Ghanas Küste in einer Tiefe von gut 1000 Metern gelegen. Bei seiner Entdeckung im Jahr 2007 wurde es noch für klein gehalten, doch bald war klar, dass Ghana mit dieser Entdeckung zum sechstgrößten Erdölproduzenten Afrikas werden würde.

Jubilee 1 wurde in Windeseile zur Förderung bereitet, und im Dezember 2010 begann das Erdöl zu fließen. Zurzeit sind es 17,5 Millionen Tonnen am Tag, die gefördert werden, bis zum nächsten Jahr sollen es doppelt so viele sein. Bei der Förderung kommt zugleich Erdgas an die Oberfläche und wird nur zum Teil abgebrannt. Der andere Teil, nach Schätzungen bis zu drei Millionen Kubikmeter am Tag, soll an Land gebracht und für dringend benötigte Energiegewinnung genutzt werden. Von diesen Funden und dem daraus zu erwartenden Gewinn beeindruckt, erklärte die Weltbank Ghana im vergangenen Jahr zur derzeit stärksten Wachstumsregion in Afrika und prognostizierte für 2011 ein Wirtschaftswachstum von mehr als 9 Prozent, das tatsächlich noch um weitere 3 Prozentpunkte übertroffen wurde.

90 deutsche Firmen vor Ort

Mit der Ruhe ist es in Kokrobite seither vorbei. Mit den Ölfunden landete Ghana auf der Begehrlichkeitsliste ausländischer Investoren und Großunternehmer. Das internationale Interesse an Ghana ist zurzeit so groß wie an den bisherigen Investitionsfavoriten in Süd- und Ostafrika. Im Januar dieses Jahres hat dann auch der Verband der deutschen Wirtschaft in der Hauptstadt ein Delegiertenbüro eröffnet und wird im September eine große Wirtschaftskonferenz in Accra abhalten. Das ist zunächst zwar eine politische Entscheidung für eine stärkere Präsenz in Afrika. Aber auch deutsche Unternehmen sind bereits im Lande.

90 deutsche Firmen oder lokale Unternehmen unter deutscher Leitung sind schon in Ghana ansässig, darunter Allianz, Bayer, Siemens, BASF und die ThyssenKrupp-Tochter Polysius. Interessenvertretung und Lobbygruppe ist neben der AHK die Ghanaian-German-Economic-Association (GGEA), die in Ghana "blendende Chancen für den deutschen Mittelstand" sieht. Als zukünftige Investitionsprojekte werden von den Wirtschaftsverbänden zuerst die Förderung von Erdöl, Verarbeitung und Veredelung von Erdgas angepriesen, doch auch der Spin-off-Effekt des Öl- und Gasbooms lässt noch genügend Chancen übrig. Diese liegen nach Angaben der GGEA im Bereich erneuerbare Energien, Wasserkraft, Bauwesen, Transport, Telekommunikation und Tourismus.

Schon seit 20 Jahren ist das mittelständische Stuttgarter Exportunternehmen für Früchte, Schumacher, in Ghana ansässig. "Ein ruhiges Land", sagt Annette Schumacher. Sie befürchtet nun, der Ölboom werde die Arbeitslöhne in die Höhe treiben.

Begonnen hat zumindest schon die Bodenspekulation für neue touristische Einrichtungen, für Hotels und Konferenzzentren, für Baugrund für Zulieferbetriebe und Öl- bzw. Gaskonsortien. Überall entlang der Goldküste tauchten Spekulanten auf und bei Big Millys fürchtet man, schon bald könne jede Party dort die letzte sein. Wenn erstmal der Reggae zur Folklore verkommt, der Massentourismus die ehemalige Goldküste erobert, ist das Leben in Kokrobite kein Garten mehr, heißt es. Dass tatsächlich die Straße geteert wurde, sah mancher als Vorbote des Unglücks.

Jubilee 1 bringt die erste Milliarde

Noch ist Ghana eines der ärmeren Länder Afrikas. Das durchschnittliche Pro-Kopf-Jahreseinkommen liegt bei 578 US Dollar. Ungefähr 35 Prozent der Bevölkerung sind Analphabeten. Das Haushaltsdefizit des Landes beträgt trotz eines Schuldenerlasses in Höhe von 7,4 Milliarden US Dollar, davon 494 Millionen aus Deutschland, zurzeit 10 Prozent und die Inflationsrate liegt bei 13,2 Prozent. Laut Auskunft des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit ist ein Drittel des Staatshaushaltes Geber-finanziert. Solche Zahlen dämpfen allzu großen wirtschaftlichen Optimismus.

Patrick Martens, Geschäftsführer der deutschen Außenhandelskammer (AHK) in Ghana, warnt davor, allzu blauäugig zu investieren. "Jedes Unternehmen muss zu 100 Prozent vom europäischen Unternehmer finanziert werden", sagt Mertens. Andererseits gilt Ghana als politisch stabil und hat nach Ansicht internationaler Organisationen einen gelungenen Demokratisierungsprozess absolviert. Garant für diese Demokratie ist der 2008 gewählte und stets breit lächelnde Präsident John Evans Atta Mills, der mit dem großen Wahlversprechen, das Volk aus der Armut zu befreien, Stimmen bekam. Ein Jahr später erhielten Mills Demokratisierungs- und Reformprozesse den Ritterschlag durch den Besuch des US-Präsidenten Barack Obama in Accra.

Ökonomisch gesehen liegen Angola und Nigeria noch immer weit vorn. Jubilee 1 wird Ghana demnächst eine Milliarde US Dollar Gewinn bescheren, im Ölbusiness eine eher bescheidene Summe. Dennoch sieht Martens Vorteile darin, zunächst in Ghana zu investieren: "Die Marktbedingungen sind besser. Es gibt ein Rechtssystem, die Regierung ist stabil, die Stromversorgung funktioniert." Investoren, die in die großen Ölstaaten wollten, sollten Ghana als Experimentierland nehmen, empfiehlt Martens. Ghanas Regierung hat versprochen, die Zusammenarbeit mit den Ölkonsortien transparent zu machen und die Gewinne in die nachhaltige Entwicklung zu stecken.

Zumindest in Big Millys Backyard wird selbst dann die Aussicht auf Hotels als Konkurrenz wenig Freude bringen. Bis es soweit ist, werden sie tanzen, bis der Morgen anbricht.

Mehr lesen über

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.