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Kenia, Angola, Nigeria: Kanzlerin Merkel und ihr Afrika-Trip

Foto: Michael Kappeler/ dpa

Merkels Trip nach Afrika "Die Deutschen wachen Jahre zu spät auf"

Angela Merkel wirbt in Afrika für die deutsche Wirtschaft. Doch die Kanzlerin kommt zu spät, meint Helmut Asche. Der Ökonom und Afrika-Experte sagt zudem, was die Bundesregierung tun muss, damit sich künftig deutsche Maschinen, Anlagen und Autos in Afrika besser verkaufen. 

mm: Herr Professor Asche, nach Jahren, in denen Deutschland in Afrika vor allem der uneigennützige Helfer sein wollte, hat sich nun auch die Bundesregierung entschlossen, offen zu wirtschaftlichen Interessen auf dem schwarzen Kontinent zu stehen. Andere Länder wie vor allem China dagegen stecken dort schon seit Jahren ihre Claims ab. Kommt der deutsche Sinneswandel zu spät?

Asche: Tatsächlich hat Deutschland die Bereiche Entwicklungshilfe und Wirtschaftsförderung in Afrika jahrzehntelang weitgehend säuberlich auseinandergehalten. Gleichzeitig hat uns China vorgemacht, dass man beides so eng kombinieren kann, dass kaum noch Grenzen erkennbar sind. Und anders als vielfach behauptet zeigen die Chinesen, dass man mit dieser Methode durchaus Arbeitsplätze schaffen kann, und zwar sowohl in der Landwirtschaft als auch in der verarbeitenden Industrie. Die westliche Entwicklungshilfe dagegen weist bei der Förderung der Realwirtschaft in Afrika eine sehr schlechte Erfolgsbilanz auf. Genau genommen ist die direkte Förderung der afrikanischen Landwirtschaft und Industrie bis zur Mitte des vergangenen Jahrzehnts auf nahe Null zurückgegangen. Daher kann man sagen, dass der Schritt, in dieser Situation die eigene Wirtschaft anders ins Boot zu holen, durchaus Sinn macht.

mm: Aber noch mal, kommt dieser Schwenk nicht zu spät?

Asche: Doch, die Deutschen wachen in verschiedener Hinsicht einige Jahre zu spät auf. Das bezieht sich einmal auf das Zusammenspiel von Wirtschaftsförderung und Entwicklungshilfe. Das bezieht sich zum Zweiten auf das Thema Rohstoffsicherung, bei dem die Bundesregierung inklusive der Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft lange Jahre fest davon überzeugt waren, dass wir uns auf den Terminmärkten schon hinreichend eindecken können und eigene Quellen nicht brauchen. Das hat sich inzwischen als fahrlässig herausgestellt und wird jetzt korrigiert. Und drittens: Wir kommen auch ein bisschen spät in der Wahrnehmung Afrikas als letztem großen Zukunftsmarkt auf diesem Globus. In allen drei Punkten waren uns die Chinesen Jahre voraus.

mm: Angesichts des frühen wirtschaftlichen Entwicklungsstadiums im größten Teil Afrikas dürfte der Rückstand Deutschlands aber noch aufzuholen sein, oder?

Asche: Afrika befindet sich mit einer kurzen Unterbrechung durch die Weltwirtschaftskrise in der längsten und stärksten Wachstumsperiode seit den frühen 1960er Jahren. Dieser Aufschwung ist allerdings vor allem ein Rohstoffboom sowie eine Reihe von Spezialkonjunkturen, etwa im Telekommunikationssektor. Eine wirkliche Diversifizierung des verarbeitenden Gewerbes hat es bislang nicht gegeben. Und da liegen auch für die deutsche Wirtschaft noch große Chancen. Marktkräfte allein werden an der Situation nicht viel ändern. Es bedarf einer bewussten wirtschaftspolitischen Steuerung. Und daran fehlt es in Afrika noch.

mm: Die Bundesregierung sieht Afrika nicht nur als Rohstofflieferanten, sondern vor allem als Partner im Energiebereich. Wo liegen nach Ihrer Einschätzung die größten Chancen für deutsche Unternehmen?

Asche: Der Bereich der Energiepartnerschaft ist zweifellos ein Schlüsselsektor. Afrika hat einen gigantischen Nachholbedarf in der Energieversorgung, der jetzt in der Wachstumsphase immer deutlicher wird. Bei dem Vorhaben, diese Lücke mit einem anderen als dem klassischen fossilen Energiemix zu schließen, kann Afrika die deutsche Wirtschaft gut als Partner gebrauchen.

"In Afrika muss Kundschaft für Maschinen- und Fahrzeugbau wachsen"

mm: Und darüber hinaus?

Asche: Viel Potenzial steckt im verarbeitenden Gewerbe. In dem Bereich muss man allerdings sagen: Die Interessen der deutschen Wirtschaft befinden sich nicht in einer prästabilisierten Harmonie mit dem Interesse der afrikanischen Wirtschaft an Diversifizierung.

mm: Das heißt im Klartext?

Asche: Die Bundesregierung unterstützt zurzeit sehr aktiv die EU-Politik, die afrikanischen Länder zu einer weiteren Handelsliberalisierung zu drängen. Das hört sich gut an, ist aber in einer Situation, in der diese Länder zum größten Teil noch gar keine wettbewerbsfähigen Industrien haben, ein sicheres Rezept dafür, dass Afrika auf lange Sicht ein reiner Rohstofflieferant bleiben wird. Es mag im Interesse der deutschen Agrarwirtschaft und manch anderer Branchen liegen, dass diese Liberalisierung fortschreitet.

mm: Aber andere Wirtschaftszweige sehen das anders?

Asche: Sie sollten zumindest. Deutschland ist schließlich der weltgrößte Exporteur von Maschinen und Anlagen. Unser wohlverstandenes Eigeninteresse müsste es also sein, dafür zu sorgen, dass auch in Afrika die Kundschaft für unseren Maschinen-, Anlagen- und Fahrzeugbau wächst. Dazu müssen sich dort aber entsprechende Industrien ausbreiten. Und die brauchen natürlich erst einmal Unterstützung und Schutz durch die Politik. Ihnen dies abzuschneiden, läuft gegen unser eigenes Interesse.

mm: Die Bundesregierung hat gerade ein neues Afrika-Konzept verabschiedet. Finden sich diese Erkenntnisse darin wieder?

Asche: Nein, derart komplexe Zusammenhänge sind in dem Konzept leider noch nicht enthalten. Aber die Grundorientierung, Wirtschaftsbeziehungen mit dem Kontinent an die erste Stelle zu rücken, ist absolut richtig.

mm: Welchen Weg müsste die Bundesregierung Ihrer Ansicht nach beschreiten?

Asche: Die entscheidende Voraussetzung für eine neue Partnerschaft wäre, den afrikanischen Staaten die Souveränität zu lassen, über wirtschaftspolitische Steuerung, auch über Maßnahmen neuer Industriepolitik, selbst zu entscheiden. Während hierzulande das Thema proaktiver Industriepolitik zurück auf die Agenda gekommen ist, auch als ökologische Industriepolitik, versuchen wir es den afrikanischen Ländern weiterhin streitig zu machen. So werden diese Länder aber nie große Kunden für unseren Maschinen- und Anlagenbau.

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