Montag, 22. April 2019

Merkels Trip nach Afrika "Die Deutschen wachen Jahre zu spät auf"

Kenia, Angola, Nigeria: Kanzlerin Merkel und ihr Afrika-Trip
DPA

Angela Merkel wirbt in Afrika für die deutsche Wirtschaft. Doch die Kanzlerin kommt zu spät, meint Helmut Asche. Der Ökonom und Afrika-Experte sagt zudem, was die Bundesregierung tun muss, damit sich künftig deutsche Maschinen, Anlagen und Autos in Afrika besser verkaufen. 

mm: Herr Professor Asche, nach Jahren, in denen Deutschland in Afrika vor allem der uneigennützige Helfer sein wollte, hat sich nun auch die Bundesregierung entschlossen, offen zu wirtschaftlichen Interessen auf dem schwarzen Kontinent zu stehen. Andere Länder wie vor allem China dagegen stecken dort schon seit Jahren ihre Claims ab. Kommt der deutsche Sinneswandel zu spät?

Asche: Tatsächlich hat Deutschland die Bereiche Entwicklungshilfe und Wirtschaftsförderung in Afrika jahrzehntelang weitgehend säuberlich auseinandergehalten. Gleichzeitig hat uns China vorgemacht, dass man beides so eng kombinieren kann, dass kaum noch Grenzen erkennbar sind. Und anders als vielfach behauptet zeigen die Chinesen, dass man mit dieser Methode durchaus Arbeitsplätze schaffen kann, und zwar sowohl in der Landwirtschaft als auch in der verarbeitenden Industrie. Die westliche Entwicklungshilfe dagegen weist bei der Förderung der Realwirtschaft in Afrika eine sehr schlechte Erfolgsbilanz auf. Genau genommen ist die direkte Förderung der afrikanischen Landwirtschaft und Industrie bis zur Mitte des vergangenen Jahrzehnts auf nahe Null zurückgegangen. Daher kann man sagen, dass der Schritt, in dieser Situation die eigene Wirtschaft anders ins Boot zu holen, durchaus Sinn macht.

mm: Aber noch mal, kommt dieser Schwenk nicht zu spät?

Asche: Doch, die Deutschen wachen in verschiedener Hinsicht einige Jahre zu spät auf. Das bezieht sich einmal auf das Zusammenspiel von Wirtschaftsförderung und Entwicklungshilfe. Das bezieht sich zum Zweiten auf das Thema Rohstoffsicherung, bei dem die Bundesregierung inklusive der Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft lange Jahre fest davon überzeugt waren, dass wir uns auf den Terminmärkten schon hinreichend eindecken können und eigene Quellen nicht brauchen. Das hat sich inzwischen als fahrlässig herausgestellt und wird jetzt korrigiert. Und drittens: Wir kommen auch ein bisschen spät in der Wahrnehmung Afrikas als letztem großen Zukunftsmarkt auf diesem Globus. In allen drei Punkten waren uns die Chinesen Jahre voraus.

mm: Angesichts des frühen wirtschaftlichen Entwicklungsstadiums im größten Teil Afrikas dürfte der Rückstand Deutschlands aber noch aufzuholen sein, oder?

Asche: Afrika befindet sich mit einer kurzen Unterbrechung durch die Weltwirtschaftskrise in der längsten und stärksten Wachstumsperiode seit den frühen 1960er Jahren. Dieser Aufschwung ist allerdings vor allem ein Rohstoffboom sowie eine Reihe von Spezialkonjunkturen, etwa im Telekommunikationssektor. Eine wirkliche Diversifizierung des verarbeitenden Gewerbes hat es bislang nicht gegeben. Und da liegen auch für die deutsche Wirtschaft noch große Chancen. Marktkräfte allein werden an der Situation nicht viel ändern. Es bedarf einer bewussten wirtschaftspolitischen Steuerung. Und daran fehlt es in Afrika noch.

mm: Die Bundesregierung sieht Afrika nicht nur als Rohstofflieferanten, sondern vor allem als Partner im Energiebereich. Wo liegen nach Ihrer Einschätzung die größten Chancen für deutsche Unternehmen?

Asche: Der Bereich der Energiepartnerschaft ist zweifellos ein Schlüsselsektor. Afrika hat einen gigantischen Nachholbedarf in der Energieversorgung, der jetzt in der Wachstumsphase immer deutlicher wird. Bei dem Vorhaben, diese Lücke mit einem anderen als dem klassischen fossilen Energiemix zu schließen, kann Afrika die deutsche Wirtschaft gut als Partner gebrauchen.

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