Fotostrecke

Regionalbörsen: Die Davids gegen den Goliath aus Frankfurt

Foto: Ralph Orlowski/ Getty Images

Regionalbörsen gegen Global Player Wie deutsche Davids den globalen Goliaths trotzen

Die Fusion zwischen Nyse und Deutscher Börse nimmt Fahrt auf - andere Weltbörsen planen eigene Zusammenschlüsse. Regionale Börsen geraten unter Druck - doch in Deutschland ringen noch immer sieben Wertpapierbörsen um die Gunst der Anleger. Der Wettstreit um Indizes, Segmente und Plattformen ist ein Knochengeschäft.
Von Kristian Klooß

Hamburg - Auf dem Weg zu ihrer angestrebten Fusion werden die beiden Börsenbetreiber Nyse Euronext und Deutsche Börse  heute einen weiteren Schritt vorankommen. Die Zustimmung der Nyse-Aktionäre gilt inzwischen als sicher - auch dank einer von den Konzernchefs Duncan Niederauer (NYSE) und Reto Francioni (Deutsche Börse) zugesagten Sonderdividende.

Sollten auch die Anteilseigner der Deutschen Börse AG ihre Aktien bis zum 13. Juli in Aktien der eigens für die Fusion gegründeten gemeinsamen Holding von Deutsche Börse und Nyse Euronext umtauschen, und sollte die Fusion durch die EU-Kommission und die US-Aufsichtsbehörden genehmigt werden, entstünde ein Börsenkonzern mit einer Marktkapitalisierung von derzeit rund 16,7 Milliarden Euro.

Ein Trend, dem sich auch andere Großbörsen nicht entziehen können, darunter die New Yorker Nasdaq oder die Londoner Börse London Stock Exchange (LSE) . Sie alle streben dank Computerisierung und Dezentralisierung des Börsenhandels nach globalen Partnerschaften, nach hohen Skalenerträgen und niedrigen Preisen. Weltweit mussten vor allem kleine, regionale Börsen dem Preiswettbewerb und der Konzentration auf große, liquide Handelsplätze Tribut zollen.

Nur eine Region hat sich dem Trend zur Konsolidierung und Globalisierung bislang entzogen: Deutschland. Sieben Wertpapierbörsen ringen hierzulande um das Geld der Anleger: Hamburg und Hannover im Norden, Berlin im Osten, München und Stuttgart im Süden, Düsseldorf im Westen und allen voran Frankfurt am Main in der Mitte Deutschlands.

"Eine Börse ist immer auch Statussymbol und Imagefaktor"

"Dies lässt sich zum Teil durch die historisch gewachsenen föderalen Strukturen der Bundesrepublik erklären", sagt Constantin Rohrbach, Analyst der NordLB. Entscheidender sei jedoch, dass die noch bestehenden Börsen derzeit nur einen geringen Kostendruck verspürten. So verfügten beispielsweise auch kleinere Börsen wie Düsseldorf oder München dank des von allen Regionalbörsen gemeinsam betriebenen und längst abgeschriebenen Handelssystems Xontro über eine kostengünstige IT-Infrastruktur.

"Da der Präsenzhandel praktisch auf ein Minimum reduziert wurde, fallen auch kaum Personalkosten an", sagt Rohbach. Darüber verfügten die Regionalbörsen bis heute über genügend Kapital, da sie sich im Zuge des Börsengangs der Deutsche Börse AG als einstige Teilhaber hätten auszahlen lassen. "Nicht zuletzt ist eine Börse auch immer ein Statussymbol, ein politischer Imagefaktor", sagt Rohrbach.

Die Fusion von Frankfurt und New York wird nach Ansicht Rohrbachs dem Wettbewerbsszenario nur ein weiteres Puzzlestück hinzufügen. Das Gesamtbild ist längst erkennbar. Schon in den vergangenen Jahren habe der Aktienhandel unter verschiedenen Trends gelitten. "Fast alle Aktien werden inzwischen in Frankfurt über Xetra gehandelt", sagt Rohrbach.

Darüber hinaus hätten sich die großen institutionellen Anleger, vor allem Versicherungen, aber auch Banken, aus dem Aktiengeschäft zurückgezogen, da die Margen seit Mitte der 90er Jahre, auch im Zuge des aufkommenden Onlinebrokings, in den Keller gegangen seien. Nicht zuletzt sorgten seit einigen Jahren außerbörsliche Handelsplätze wie Chi-X und BATS für Preisdruck.

Langfristig sei eine Konsolidierung, etwa durch Fusionen oder die Schließung von Börsenplätzen, nicht zu vermeiden. "Gerade die Berliner werden als Erstes ein Problem mit der deutschen Börse/Nyse bekommen, weil sie sehr stark auf das Geschäft mit Auslandsaktien setzen", sagt Rohrbach.

Börse Berlin: Die Kopierten

Jörg Walter, Geschäftsführer der Börse Berlin, sieht das anders. "Ich glaube nicht, dass das Problem mit dem Handel ausländischer Werte größer wird als es heute schon ist", sagt er. Die Wettbewerbssituation mit Euronext gebe es ja schon heute. Und der Trend zur Konzentration des Handels in Frankfurt sei ebenfalls nicht neu. Unabhängig von der Qualität der Orderabwicklung gelte die Regel: Liquidität zieht Liquidität an.

Regionalbörsen haben nach Ansicht Walters zwei Möglichkeiten, darauf zu reagieren. "Sie können versuchen, Nischen zu besetzen." Das habe sich in der Vergangenheit allerdings nur bedingt ausgezahlt. "Immer wenn eine Nische sich für eine Regionalbörse als lukrativ erweist, kopiert die Deutsche Börse das Modell und setzt sich größenbedingt durch", meint Walter.

Beispiele dafür gebe es viele. So waren es die Börsen in Berlin und München, die sich als Erste den Handel mit ausländischen Aktien auf die Fahnen schrieben, eine Nische, die von Frankfurt lange stiefmütterlich behandelt wurde. "Es sind immer noch alle Nasdaq-Werte in Berlin handelbar", sagt Walter. Seit die Deutsche Börse nachzog, hat sich das Handelsvolumen allerdings entsprechend verlagert.

Eine weitere Erfindung der Regionalbörsen war der von Hamburg und Berlin vorangetriebene Handel mit Investmentfondsanteilen. "Bis 2003 gab es das nicht", sagt Walter. "Nachdem es einige Jahre erfolgreich lief, hat Frankfurt gesagt, das machen wir auch", so Walter.

Auf jede erfolgreiche Innovation folgt die Imitation

Ein weiteres Beispiel ist der Wandel der Handelszeiten. So hatte die Börse Berlin 1995 die Initiative zur Handelszeitverlängerung von drei auf fünfeinhalb Stunden am Tag ergriffen. Federführend waren die Berliner auch bei der jüngsten Vorverlegung des maklergestützten Spezialistenhandels auf acht Uhr. Die Bilanz: Mehr als 16 Prozent des gesamten Tagesumsatzes mit internationalen Aktien und Dax-Titeln erzielen die Berliner mittlerweile zwischen acht und neun Uhr.

Die Folge: Seit Anfang Juni startet die Frankfurter Wertpapierbörse ihren Aktienhandel ebenfalls um acht Uhr, und damit eine Stunde früher als zuvor.

Um aus diesem Kreislauf auszubrechen, setzt die Börse Berlin inzwischen nicht mehr nur darauf, Nischen zu besetzen. Vielmehr arbeiten die Berliner seit Jahren daran, ein eigenes Produkt zu etablieren: eine pan-europäische Handelsplattform. Der erste Versuch, den die Berliner Börse im Jahre 2003 gemeinsam mit dem US-amerikanischen Börsenbetreiber Nasdaq unternahm, scheiterte jedoch. Für die ebenfalls an dem Projekt beteiligte Bremer Börse bedeutete dies im Jahr 2007 das Aus. Im selben Jahr nahmen die Berliner einen zweiten Anlauf, indem sie eine Mehrheitsbeteiligung am europäischen Nasdaq-Ableger Easdaq NV übernahm und damit auch die vollelektronische Handelsplattform Equiduct. 2009 gaben sie den größten Teil ihrer Beteiligung an den Hedgefonds und Handelssystembetreiber Citadel wieder ab - heute halten sie noch 10 Prozent.

Nachdem die Plattform, auf der rund 1100 europäische Aktien gehandelt werden, einige Jahre kaum Umsätze auf sich vereinte, hat sie seit Ende 2010 einen Wachstumspfad eingeschlagen. So erzielte Equiduct im ersten Quartal 2011 einen Umsatz von 8,3 Milliarden Euro, ein Anstieg um 141 Prozent im Vergleich zum vierten Quartal 2010. Von Gewinnen kann dennoch bislang keine Rede sein. Auf eine erste Dividende hofft die Börse Berlin frühestens im Jahr 2013.

Börse Stuttgart: Die Bewunderten

Die Börse Stuttgart gilt als Vorbild innerhalb der Branche. Mit knapp 300 Mitarbeitern ist sie im Vergleich zu den Berlinern mit ihren rund 15 Mitarbeitern, aber auch im Vergleich zu den ähnlich schlank geführten Börsen in Düsseldorf, München und Hamburg/Hannover, ein Riese. Im Vergleich zur Deutschen Börse AG, die rund 3500 Mitarbeiter zählt, ist die Börse Stuttgart jedoch ein Zwerg.

Börsenchef Christoph Lammersdorf stört das nicht. Die geplante Fusion der NYSE und der Deutschen Börse hält er mit Blick auf den deutschen Finanzmarkt sogar für einen positiven Schritt. "Durch den Zusammenschluss ist sichergestellt, dass der Finanzplatz Deutschland im Aktiengeschäft, dem Terminhandel und der Abwicklung global nicht abgehängt wird."

Und auch für die Börse Stuttgart sieht Lammersdorf die Fusion eher positiv. "Wenn die Bälle immer größer werden, dann bleibt zwischen ihnen mehr Platz für die kleinen Bälle." Dazu zähle die Betreuung von Privatanlegern und der Handel mit weniger liquiden Werten. "Das wird unsere Stärke und Chance sein", sagt er.

Dass die Stuttgarter Chancen zu nutzen wissen, bewiesen sie erstmals zur Jahrtausendwende. Vor dem Hintergrund des sich durchsetzenden dezentralen elektronischen Handels konzentrierten sich schon damals immer mehr Orders auf die Börse in Frankfurt. Die Schwaben reagierten, in dem sie sich auf ein Nischengeschäft konzentrierten: den Optionshandel.

Plattform Euwax: Die Schwaben exportieren ihr Geschäftsmodell nach Europa

Die entsprechende Handelsplattform Euwax, an der inzwischen Optionsscheine, Knock-out-Produkte und zahlreiche andere Hebelprodukte gehandelt werden, trägt heute nicht nur in erheblichem Maße zum Konzernergebnis bei, sie wird seit 2008 auch ins Ausland exportiert. "Wir haben in Schweden einen Marktanteil von 60 Prozent, in Finnland fast 50 Prozent im Zertifikategeschäft", sagt Lammersdorf. Als Nächstes steht Norwegen auf seinem Zettel.

Gemessen am Ordervolumen hat die Börse Stuttgart mittlerweile sogar Börsen wie Wien hinter sich gelassen.

Die jüngste Nische, in der sich Deutschland zweitgrößte Börse eingenistet hat, ist die Mittelstandsfinanzierung. Auch vor dem Hintergrund der im Zuge der Finanzkrise schwierigeren Kreditversorgung haben die Stuttgarter ein neues Handelssegment namens "Bondm" geschaffen. Im Mai 2010 ging Bondm an den Start. Die erste große Anleihe im September 2010 im Volumen von 150 Millionen Euro - Emittent war der Anlagenbauer Dürr  - war innerhalb weniger Stunden überzeichnet

"Seitdem wurden von Mittelständlern weitere 16 Anleihen emittiert und im Bondm gehandelt", sagt Lammersdorf. Fast 1,5 Milliarden Euro sammelten die Unternehmen so am Markt ein. "Damit sind wir mit Bondm First Mover und mit einem Anteil von 70 Prozent Marktführer in Deutschland."

Börse Hamburg/Hannover: Die Kooperativen

Der Erfolg der Stuttgarter wird mittlerweile von mehreren Börsen kopiert. Dabei setzen nicht nur die Frankfurter auf den Mittelstand, sondern auch die mit Stuttgart wetteifernden Regionalbörsen.

So platzierte die Katjes International GmbH & Co. KG erst diese Woche eine Anleihe im Volumen von 30 Millionen Euro an der Börse Düsseldorf. Und vor vier Wochen vermeldeten die unter dem Dach einer gemeinsamen Trägergesellschaft zusammengeschlossenen Börsen Hamburg und Hannover die Platzierung einer Anleihe der BKN Biostrom AG. Es ist die erste Anleihe, die an der seit Januar existierenden "Deutschen Mittelstandsbörse" emittiert wurde.

Um sich von der Konkurrenz abzuheben, haben sich die Norddeutschen dafür entschieden, den mittelständischen Anleiheemittenten einige Erleichterungen gegenüber dem üblichen Prozedere einzuräumen. "Wir wollen, dass Mittelständler ihren Kapitalbedarf unkompliziert über die Börse decken können", sagt Sandra Lüth, Co-Chefin des Börsenverbunds. So setzen die Norddeutschen kein Mindestemissionsvolumen fest, zwingen kein Unternehmen zu einem Rating und stellen es den Emittenten frei, ob sie sich im Zuge der Anleihebegebung einen Berater zur Seite stellen wollen.

Auch die Norddeutschen blicken auf den Mittelstand

Lüth nimmt als Co-Chefin der mit einem Ordervolumen von 28 Milliarden Euro in 2010 drittgrößten Börsengesellschaft Deutschlands für sich in Anspruch, zu den Innovationstreibern zu zählen - so wie es auch die Berliner und Stuttgarter tun. "Die Einführung des börslichen Fondshandels war 2002 eine absolute Innovation", sagt sie. Solche Ideen entstünden immer wieder in Gesprächen mit Marktteilnehmern wie Banken und Anlegern.

Als weiteres Beispiel nennt sie den 2007 aufgelegten, 50 Unternehmen umfassenden und auf Nachhaltigkeit setzenden Global Challenges Index (GCX), der der Börse AG einige Lizenzeinnahmen in die Kasse spült. "Das, was es bis dahin an Indizes gab, entsprach nicht unseren Vorstellungen von dem, was ein Nachhaltigkeitsindex erfüllen sollte", sagt sie. So habe die Börse AG gemeinsam mit der Ratingagentur Oekom Research einen auf Transparenz ausgerichteten Index entwickelt. "Wir ermöglichen es Investoren, stets nachzuvollziehen, warum der Index zum Beispiel eine Aurubis AG enthält", sagt Lüth.

Hinter Xetra steht ein Fragezeichen

Dennoch räumt die Börsen-Chefin ein, dass der wichtigste Umsatzanteil immer noch durch den Handel mit Aktien zustande komme. Um der Konkurrenz aus Frankfurt - und künftig wohl auch aus New York - etwas entgegenzusetzen, verzichtet die Börse bis zu einem Ordervolumen von 50.000 Euro zum Beispiel auf eine Courtage. Liquidität wird durch Makler gewährleistet und Kurse werden mindestens so gut wie auf dem Referenzmarkt Xetra abgerechnet.

"Die Hauptaktienumsätze, egal welcher Börse, liegen natürlich im Bereich des Dax ", sagt Lüth. Wie sich ein mit New York fusionierter Börsenplatz Frankfurt künftig dem Wettbewerb stellen werde, sei noch nicht ausgemacht. "Wir gehen davon aus, dass die Fusion auch eine Chance für uns ist", sagt die Börsenchefin. Es sei schließlich ein Unterschied, ob man einer Maschine gegenüberstehe oder einem Makler, mit dem man sich vielleicht noch mal über ein Limit austauschen könne. "Da hat man den direkten Kontakt und ist nicht die Nummer 1536."

"Es gab auch immer wieder mal ein Fragezeichen, ob das Xetra-System nach der Fusion weiterbetrieben wird", sagt Lüth. Das könne für jene Handelsteilnehmer relevant sein, die auf Kontinuität setzten. Und schließlich, so die Börsenchefin, sei auch die Vernetzung und der Schulterschluss mit den Handelsteilnehmern ein Argument für die Regionalbörsen.

Von der Idee einer Fusion der Börsenplätze Hamburg und Hannover und der Konzentration in einer Stadt hält sie indes nichts. "Das Thema Zusammenschluss wird intern nicht diskutiert", sagt Lüth.

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.