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Stotternder Motor: Deutschlands gefährliche Abhängigkeit vom Tiger-Boom

Foto: STRINGER SHANGHAI/ REUTERS

Arbeitsmarkt China-Schwäche gefährdet deutsches Jobwunder

Deutschlands weltweit bestauntem Aufschwung droht ein empfindlicher Rückschlag. Denn die neuen deutschen Megakunden in den Schwellenländern ordern wohl bald weniger. Für Deutschlands Arbeitsmarkt ist das eine Gefahr, die nicht zu unterschätzen ist.
Von Markus Gärtner

Berlin - Bevor sich Premier Wen Jiabao in der vergangenen Woche brav aus Berlin verabschiedete, versprach er, China werde langfristig am europäischen Anleihemarkt investieren. Die Zusage verheißt Stabilität in turbulenten Zeiten. Doch sie kommt aus einem Land, das als Hort hoher Wachstumsraten und sozialer Stabilität selbst nicht mehr über alle Zweifel erhaben ist. Im Gegenteil.

Von Daimler-Chef Dieter Zetsche über die Weltbank bis hin zu dem bekannten Finanzexperten Gary Shilling kommen ominöse Warnungen, dass sich in den Schwellenländern angesichts steigender Preise, strafferer Geldpolitik und heißgelaufener Märkte Ungemach zusammenbraut. Und zeitgleich droht auch schon der deutschen Wirtschaft ein zyklischer Abschwung, der für die kommenden zwölf Monate nichts Gutes verheißt.

Für den deutschen Arbeitsmarkt, der im April die magische Marke von drei Millionen Arbeitslosen nach unten durchbrechen konnte und im Juni erneut leicht weniger Jobsucher aufwies, bedeutet das eine Rückschlagsgefahr, die kaum zu unterschätzen ist. Denn große Dax-Konzerne setzen serienweise mit ehrgeizigen Investitionsplänen und Exportstrategien auf einen Dauerboom in den Schwellenländern. Investoren aus Indien, China, Russland und Brasilien schaffen derweil mit Übernahmen und Fabrikgründungen hierzulande immer mehr Arbeitsplätze. Mehr noch: Galoppierende Preise für Komponenten und Bauteile aus Schwellenländern beginnen schon jetzt, deutschen Firmen vom Maschinenbau bis zur Autobranche die Margen zu verhageln. Das ist nicht der Stoff, aus dem zusätzliche Arbeitsplätze gemacht werden.

Dieter Zetsche verriet Journalisten vor einer Woche in New York, er sehe in den Schwellenländern "Wolken am blauen Himmel". Diese hätten das Zeug, den Motor in der Autoindustrie stottern zu lassen. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich warnte in dieser Woche mit Blick auf die rasant wachsenden Schwellenmärkte, "dass Kredite die Immobilienpreise anheizen und den Konsum beflügeln, damit jedoch Verwerfungen hevorrufen, wie sie derzeit etablierte Volkswirtschaften plagen".

Nouriel Roubini: "Hohe Wahrscheinlichkeit" für harte Landung

Auch bei der Weltbank wird es einigen Beobachtern mulmig. Die Organisation empfahl vor wenigen Tagen den aufsteigenden Volkswirtschaften, mit Sparen und höheren Zinsen energisch gegen Inflation und Überhitzung vorzugehen. Zwischen Shanghai, Moskau, Delhi und Rio wird seit Jahren ein drei Mal höheres Wachstum des Bruttoinlandsproduks (BIP) erzielt als in Europa und den USA. Dass sich die deutsche Industrie mit der richtigen Produktpalette von Autos über Maschinen bis hin zur Chemie in diesen Boom einbetten konnte, trägt maßgeblich zu der weltweit bestaunten Sonderkonjunktur bei - auch auf dem deutschen Arbeitsmarkt, denn die Unternehmen hierzulande stellen vielfach nur wegen der neuen Nachfrage ein. Umgekehrt aber kann es auch einen empfindlichen Rückschlag geben, sollte der Schwellenmarktboom ins Stocken geraten.

In vielen Schwellenländern seien die Zinsen noch so niedrig, dass die Inflation zu negativen Realzinsen führe, bemängelt die Weltbank. Das treibe Immobilienpreise und Aktienkurse in gefährliche Höhen. Galoppierende Rohstoffpreise und massive Kapitalströme aus dem Westen haben Immobilien in Teilen Chinas binnen drei Jahren um 100 Prozent verteuert. Im Konzert mit eskalierenden Nahrungspreisen sorgt dies dafür, dass immer mehr Chinesen sich trotz harter Arbeit nicht ihre Konsumträume erfüllen können. Die Folge sind sichtbar steigende soziale Spannungen.

Warnungen renommierter Volkswirte und Manager bleiben nicht aus. "Die Wachstumsperspektiven trüben sich wegen des ungewissen Einflusses steigender Leitzinsen ein", haben jetzt die Analysten der Großbank HSBC  vorgerechnet. Die Inflation sei dabei, zu einem "eingebauten Problem" zu werden. So habe die Teuerungsrate bei den Inputpreisen, die Fabriken für ihre Zutaten bezahlen, das höchste Tempo seit Mitte 2008 erreicht. Hinzu kämen stockende Lieferketten wegen Japan und Überkapazitäten. Bei den Exporten gehe bereits Momentum verloren.

Gary Shilling sagt China daher eine "harte Landung" vorher. Die Abhängigkeit vom Export erweise sich wegen schwacher westlicher Absatzmärkte und rasant steigender Löhne in China als großes Problem. Und die meisten Chinesen könnten nicht die Früchte ihrer harten Arbeit ernten. So entspreche ein Quadratmeter Wohnfläche in China 164 Durchschnittseinkommen. Auch Nouriel Roubini von der New York University, einer der wenigen, die vor der Finanzkrise 2008 gewarnt hatten, sieht eine "hohe Wahrscheinlichkeit" für eine harte Landung in China. Allerdings erst ab dem Jahr 2013. Vor allem die hohe Verschuldung lokaler Regierungen, die jetzt einen Bailout von Peking erwarten, hat viele an die Finanzkrise im Reich der Mitte Anfang 1999 erinnert.

Wichtige Großaufträge wackeln

Dass Chinas Premier Wen Jiabao in dieser Situation zugeben muss, dass seine Regierung die Inflation im laufenden Jahr nicht mehr unter 4 Prozent drücken kann, lässt aufhorchen. Die Teuerungsrate kletterte in der Volksrepublik im Mai auf ein 34-Monatshoch bei 5,5 Prozent. China ist damit nicht allein. Brasiliens Notenbank musste, um sich gegen grassierende Inflation zu stemmen, die Leitzinsen auf 12,5 Prozent hochschrauben, ein Weltrekord unter den großen Volkswirtschaften. Nicht wenige fürchten, dass dieses Zinskorsett den wachstumsverwöhnten Turbo-Konjunkturen in Asien und Lateinamerika die Luft abschnüren könnte, zumal wenn westliche Konsumenten schlapp machen und auch noch die Exporte langsamer wachsen.

Positive Einschätzungen wie die der Analysten der Citigroup  werden derzeit mit Blick in die Schwellenmärkte seltener. Im jüngsten Ausblick für Asien stellen die Citibanker fest, "die Konjunktur in China bremst nicht so stark ab wie befürchtet". Moody's hob sogar das Rating für Brasilien auf Investmentniveau an, weil eine Überhitzung erfolgreich abgewendet worden sei. Doch der Strom spekulativen Kapitals, der sich aus niedrig verzinsten Dollarkrediten speist und sich wie ein Tsunami ins Land ergießt, reißt nicht ab, warnt das Institute of International Finance, das in diesem Jahr 1000 Milliarden Dollar Kapital in die Schwellenmärkte strömen sieht.

Die Folgen werden jetzt überdeutlich: In Teilen von Rio de Janeiro sind die Immobilienpreise seit Juni 2010 um 80 Prozent gestiegen. Die Börse und der Anleihemarkt erweisen sich bei 12,5 Proeznt Zinsen als unwiderstehlicher Magnet. Von Januar bis März strömten netto 35 Milliarden Dollar in das südamerikanische Land. Das war mehr als im gesamten Vorjahr. Das führt zu enormem Aufwertungsdruck für die Währung. Der Real ist so teuer geworden, dass er beginnt, die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie aufzuzehren. "Das langsamere Wachstum in den Schwellenmärkten wird das große Thema für den Rest des Jahres", prognostiziert Eswar Prasad, Professor an der Cornell-Universität in New York. Prasad war vorher Leiter der Chinaabteilung beim IWF.

Die Bremsspuren sind aber jetzt schon sichtbar. Das beste Beispiel ist Chinas Bedeutung für Deutschlands Autoindustrie: In dem asiatischen Staat haben sich hohe Benzinpreise, stockende Lieferketten und administrative Eingriffe zu einem Cocktail gemischt, der die brummenden asiatischen Märkte aus der Bahn werfen kann. Der Autoabsatz in China legte im Mai mit Minus 0,1 Prozent den Rückwärtsgang ein. In den ersten fünf Monaten hatte der Zuwachs noch 6,1 Prozent betragen. Selbst das war schon ein müder Abgesang von jenen 32 Prozent, die der weltgrößte Pkw-Markt 2010 zulegen konnte. In Indien zogen die Autoverkäufe im Mai noch um 7 Prozent an, meldet die Society of Indian Automobile Manufacturers (SIAM). Für das Finanzjahr bis März 2012 sind noch ehrgeizige 15 Prozent Zuwachs vorhergesagt. Im vergangenen Jahr waren es aber 30 Prozent gewesen.

Hunderte Großprojekte könnten wackeln

Ob sich in diesem Umfeld der Handel zwischen der größten Volkswirtschaft Europas und der größten in Asien bis 2015 auf 200 Milliarden Euro fast verdoppeln lässt - wie in Berlin zu Wochenbeginn angekündigt - ist ungewiss. China war im vergangenen Jahr mit mehr als 38 Prozent Zuwachs im bilateralen Handel zu Deutschlands drittgrößtem Partner hinter Frankreich und den Niederlanden aufgestiegen. Das Reich der Mitte ist jetzt siebtgrößter globaler Absatzmarkt der deutschen Exportwirtschaft und der führende Lieferant.

Im Klartext: Wenn die Tiger stottern, steht viel auf dem Spiel. Eine Umfrage des DIHK im März unter 7000 Firmen ergab, dass China erstmals die führende Zielregion für deutsche Auslandsinvestitionen ist, vor Europa. Satte 43 Prozent aller deutschen Firmen mit Auslandsplänen haben China im Visier. Es sind die Schwellenmärkte, auf die Dax-Schwergewichte wie BASF , Siemens  oder Daimler  ihre ehrgeizigen Expansionspläne setzen. Siemens schafft im Ausland derzeit vier Mal so viele Arbeitsplätze wie in Deutschland. Asien hat bei der BASF im Konzernumsatz Nordamerika abgehängt. Verliert diese Erfolgsstory Dampf, wird auch der deutsche Arbeitsmarkt die Schleifspuren sehen.

Beispiel Daimler: Das Unternehmen will mit seinem chinesischen Partner BAIC in den kommenden Jahren zwei Milliarden Euro in das Gemeinschaftsunternehmen Beijing Benz Automotive investieren. Die Stuttgarter konnten ihren Nettogewinn im ersten Quartal auf 1,18 Milliarden Euro fast verdoppeln. Einer der Hauptgründe: das brummende Chinageschäft. Zuletzt verkaufte Daimler dort 50 Prozent mehr Autos als vor Jahresfrist. Auch die Vervierfachung des BMW-Gewinns wurde maßgeblich von Verkäufen in China angeheizt. Der Absatz im Reich der Mitte nahm um 72 Prozent zu. Und nicht anders bei Audi.

Die Ingolstädter haben im ersten Halbjahr 2011 erneut einen Absatzrekord auf dem chinesischen Markt erzielt. Mit insgesamt 140.699 Auslieferungen in China und Hongkong steigerte das Unternehmen den Absatz um 28 Prozent im Vergleich zum ersten Halbjahr 2010. Im Juni verkaufte Audi 27.658 Automobile, mehr als jemals zuvor in einem Monat. Und auch bei Siemens erhöhte sich der Schwellenmarktanteil am Konzernumsatz seit 2005 um die Hälfte auf 30 Prozent. Davon profitiert haben nicht nur die Aktionäre, sondern auch deutsche Lieferanten und Niederlassungen des Konzerns.

Asieninvestoren unter Druck

In Indien, so verriet der für Asien zuständige Siemens-Vorstand Roland Busch am Dienstag vergangener Woche bei einem Vortrag in Shanghai, nahm der Absatz seit 2005 um 202 Prozent zu - in China um 139 Prozent. Siemens realisierte 2010 allein in China mit 69 Joint Ventures und Tochtergesellschaften 5,5 Milliarden Euro Umsatz. Das Reich der Mitte ist der drittgrößte Markt weltweit für den Münchener Konzern. Wenn Asiens Schwellenländer ihr hohes Wachstumstempo halten, ziehen Siemens und ander deutsche Firmen weiter riesige Stromnetze, Kraftwerke und Autofabriken dort hoch. Wenn die Schwellenmärkte ihren Schwung verlieren, stehen hunderte großer Projekte auf dem Spiel.

Aber nicht nur das. Die Schwellenmärkte treten seit Jahren auch als Investoren und Jobproduzenten hierzulande immer stärker in Erscheinung. Seit 2006 verdoppelten sich die Investitionen chinesischer Firmen in Deutschland auf mehr als 700 Millionen Euro. Was das für den deutschen Arbeitsmarkt bedeutet, sieht man am Beispiel des Betonmaschinenbauers Sany, der seine neue Fabrik bei Köln am 20. Juni in Betrieb nahm. Es ist eine der größten Investitionen der Chinesen in Europa, und die erste von Sany in Deutschland. Binnen fünf Jahren sollen hier 600 Beschäftigte - zu drei Viertel Ingenieure und Facharbeiter aus Deutschland - Arbeit finden. In der Startphase werden 1870 Betonpumpen und Mischmaschinen im Jahr produziert.

Wie wichtig Chinas Engagement ist, machen die jüngsten Zahlen von Eurostat über Europas investive Verzahnung mit dem Rest der Welt deutlich. Ausländische Direktinvestitionen in der EU27 brachen im vergangenen Jahr um drei Viertel auf 54 Milliarden Euro ein. Der Investitionsstrom aus Asien war in der Gemeinschaft aber schon 2010 um drei Viertel zurück gegangen.