Streit mit US-Firmen EU-Finanzaufseher droht Ratingagenturen

Der Unmut über die Macht der drei Ratingagenturen ist bei vielen europäischen Politikern groß. Nun hat der Chef der neuen EU-Finanzaufsicht gewarnt, die Behörde könne den US-Firmen die Lizenz entziehen. Gleichzeitig wird in Frankfurt offenbar über die Gründung einer neuen Agentur nachgedacht.
Europäische Union: Im Streit mit US-Ratingfirmen

Europäische Union: Im Streit mit US-Ratingfirmen

Foto: dapd

Berlin - Die neue EU-Wertpapieraufsicht ESMA legt sich mit den großen US-geprägten Ratingagenturen an. "Wir sollten nicht blindlings das regulatorische System von Drittländern übernehmen", sagte ESMA-Chef Steven Maijoor der "Financial Times Deutschland". Er drohte den drei großen US-Ratingagenturen - Standard & Poor's, Moody's und Fitch -, ihnen die Zulassung zu entziehen, wenn sie sich nicht an die Regeln in Europa hielten.

Damit unterstrich Maijoor den Anspruch der Europäer, mit ihren Regulierungsregeln in Abgrenzung zu den USA eigene Standards für die Risikobewertung zu setzen. Ab 7. Juli wird die ESMA alleiniger Aufseher über die Ratingagenturen in Europa. Auch Agenturen aus Drittstaaten wie den USA müssen von ihr dann lizenziert werden. Das ist die Voraussetzung dafür, dass ihre Ratings in Europa genutzt werden, hieß es in der Zeitung.

Die Ratingagenturen sind mit der großen Finanzkrise selbst massiv in die Kritik geraten. Ihnen wurden Fehlbewertungen vorgeworfen und damit eine Mitschuld an der Krise. Als Bewerter des Risikos nicht nur von Unternehmen, sondern auch Staaten und ihren Kreditpapieren stehen sie zudem aktuell in Verbindung mit der Schuldenkrise in Teilen des Euro-Raumes wieder im Fokus.

Neue europäische Agentur geplant

Die Bonitätseinschätzung der großen Ratingagenturen für Problemländer wie Griechenland stellt einen entscheidenden Faktor für die Marktakzeptanz oder -ablehnung von Rettungsplänen dar.

Zur ESMA-Kritik passend wurde heute bekannt, dass in Deutschland möglicherweise bald eine neue europäische Ratingagentur entstehen wird. Wie das Beratungsunternehmen Roland Berger mitteilte, gebe es Sondierungsgespräche mit Vertretern der hessischen Landesregierung, von Frankfurt Main Finance e.V. und der Deutschen Börse. Ziel sei, "eine europäische Ratingagentur in Frankfurt am Main zu gründen, zu etablieren und zu entwickeln". An der Initiative sollten sich Unternehmen und Institutionen aus ganz Europa beteiligen.

Über die Gründung einer unabhängigen europäischen Ratingagentur wird seit Jahren diskutiert, zuletzt hatten sich das Europaparlament und auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) für eine solche europäische Antwort auf die mächtigen US-Agenturen ausgesprochen. Diese spielen eine zentrale Rolle bei der aktuellen europäischen Schuldenkrise: Je tiefer sie den Daumen senken, umso schwieriger wird die Refinanzierung der betroffenen Länder. Im Falle Griechenlands droht beispielsweise die Pleite, falls die Agenturen die Beteiligung privater Gläubiger als Zahlungsausfall bewerten.

Der Vorsitzende des Börsenrates der Frankfurter Börse und Präsidiumssprecher der Initiative Frankfurt Main Finance e.V., Lutz Raettig, forderte, dass die europäische Agentur vollkommen unabhängig sein müsse. Gleichzeitig sprach er sich für den Standort Frankfurt aus: "Frankfurt empfiehlt sich als Standort aufgrund der Nähe und des intensiven Austausches mit der Europäischen Zentralbank und dem Europäischen Ausschuss für Systemrisiken."/hqs/hgo/DP/bgf

cte/cr/rtr/dpa-afx
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