Neuer Afrika-Star Gewinnhoffnungen wie bei Facebook

Dominikus Collenberg war lange in der Entwicklungsarbeit tätig, dann machte er sich selbstständig. Heute betreibt er in Simbabwe ein Landbauunternehmen - und hat es in Windeseile zu einem der bedeutendsten Unternehmen der gesamten Region aufgebaut.
Von Andrea Jeska
Victoria-Wasserfälle in Simbawe: Beliebtestes Touristenziel

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Foto: JOHN MOORE/ ASSOCIATED PRESS

Harare - Dominikus Collenberg sitzt im Sonnenschein mit seinem Sohn auf der Veranda seines Hauses in Harare, der Hauptstadt von Simbabwe, und spielt mit Lego-Autos. Eine mächtige Bougainvillea wirft gerade ihre letzten Blüten ab, sie fallen ihm auf den Kopf. Das Kind hat Geburtstag. "Meine Frau hat mir gesagt, es wäre gut, wenn ich wenigstens heute mal Zeit zum Spielen hätte", lacht er.

Als Collenberg seinen gut dotierten Job beim Bund Deutscher Industrie hinwarf und verkündete, er werde mit seiner Familie nach Simbabwe gehen, haben seine Freunde die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. Er werde, teilte Collenberg ihnen mit, sein gesamtes Privatkapital in ein Unternehmen investieren, welches mit Produkten aus dem ökologischen Landbau auf den Weltmarkt geht. Eine Idee, die schon lange in seinem Kopf spukte und immer mehr Form annahm, als er Industrieunternehmen darin beriet, in Entwicklungsländern zu investieren.

Simbabwe, die einstige Kornkammer Afrikas, war damals nach Jahren der Misswirtschaft und Korruption zum Armenhaus verkommen, Staatspräsident Robert Mugabe und sein Stab von Kleptokraten regierten diktatorisch, und es zeichnete sich eine schwere Inflationskrise ab. Zudem war durch ausbeuterische Landwirtschaft die Bodenqualität im Land dramatisch gesunken. Statt zehn Tonnen pro Hektar, wie noch Anfang des Jahrtausends, warfen simbabwische Äcker nur noch 500 Kilo pro Hektar ab. Doch Collenberg, damals 42 Jahre alt, schwankte nicht in seiner Entscheidung. Er hatte als Biolandwirt ein Aufbaustudium für Entwicklungshilfe gemacht, lange bei der Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ) gearbeitet und die Nase gestrichen voll von Entwicklungsprojekten. "Niemand übernimmt Verantwortung. Es ist eine ständige Fluktuation von Mitarbeitern. Das hat mich gefuchst.

Wenn man die Berichte der Entwicklungszusammenarbeit liest, ist Afrika ein blühender Kontinent. Aber am Ende bleibt nichts. Das ändert sich erst, wenn sie in Partnerschaften arbeiten und alle Partner wirtschaftliche Ziele verfolgen und daneben soziale und ethische Prinzipien haben." Simbabwe war dem Diplom-Landwirt nicht fremd. Seine Frau wurde dort geboren und Collenberg hatte im Land in seiner GTZ-Zeit bereits landwirtschaftliche Forschungen betrieben. 2007 gründete er das Unternehmen Kaite, ein Wort aus der Sprache der Shona, welches eine Aufgabe beschreibt, die gewissenhaft erledigt werden muss. "Unser Ziel ist zentrale Weiterverarbeitung mit Wertschöpfung. Unsere Partner sind Kleinbauern und Landlose."

Zusammenschluss von 1000 Bauern

Kaite vertreibt weltweit ätherische Öle, Kräuter und Gewürze und Substanzen für die Kosmetikindustrie. Davidoff und Chanel gehören zu Collenbergs Abnehmern. Seine Produkte erzeugt er teilweise aus "Unkraut" wie wilde Tagetes und seit Neustem auch Kampherbusch, den er zufällig wild wachsen sah, abbrach, destillierte und für tauglich befand. "Der ökologische Aspekt hat sich von selbst ergeben, als wir darüber nachdachten, wie man Nachhaltigkeit erzeugen und für die Bauern langfristig die Lebensgrundlage sichern kann. Düngemittel sind teuer, also brachten wir unseren Bauern bei, ihren Dünger selber zu produzieren. Wir arbeiten mit dem, was vorhanden ist: Boden, Wasser, Sonne. Unsere Bauern müssen keine Produkte dazu kaufen."

Klein wie ein Handwerksbetrieb sei er gestartet, sagt Collenberg. Heute arbeitet Kaite mit mehr als 1000 Bauern in vier Regionen, die meisten davon sind Frauen. "Die Frauen sind in Afrika einfach fleißiger und verantwortungsvoller als die Männer. Und weil, bedingt durch das Aids-Sterben der mittleren Generation, viele von ihnen noch ihre Enkelkinder versorgen müssen, fördern wir besonders Bäuerinnen über 50 Jahre. Unsere älteste Anbauerin ist 79 Jahre alt." Als erstes Unternehmen Afrikas wurde Kaite von der Union of Ethical Bio Trade aufgenommen. 2009 erhielt es für seinen ökologisch-ganzheitlichen Ansatz einen Preis der Vereinten Nationen für nachhaltige Entwicklung.

Nach vier Jahren in Simbabwe hält Kaite bei ätherischen Ölen einen Weltmarktanteil von 3 Prozent. Um sich über jeden Verdacht der Bereicherung zu erheben, schuf Collenberg einen gleichnamigen Trust, dessen Mitglieder, schwarze wie weiße Simbabwer, das Unternehmen kontrollieren. "Der wesentliche Grund, warum es keine Entwicklung in Afrika gibt, sind Korruption und politische Inkompetenz. Man braucht also starke Partner, die ökonomisch und sozial aktiv und lokal verankert sind. Wenn man nur NGO-Fürsten hat, die ins Entwicklungshilfeministerium ihres Landes berichten, dann gibt es keine Entwicklung. Und am Jahresende hat man zwar einen Bericht, aber keine Bilanz."

Die dritte Kraft im Bunde ist der gemeinnützige Verein Kaite mit Sitz in Deutschland, der den Trust durch konzeptionelle Beratung unterstützt und sowohl die Ausbildung der Bauern fördert, als auch soziale Aufgaben innerhalb der Gemeinschaft übernimmt. "Jeder dritte Mensch in diesem Land hat Aids, deshalb haben wir in unserem Grundkonzept Medikamentenverfügbarkeit drin. Jedes vierte Kind ist Vollwaise. Wir haben Waisenhäuser und jene Kinder, die in kindergeführten Haushalten leben, werden durch uns beschult und bekommen täglich eine warme Mahlzeit. Man kann nicht die wirtschaftlichen Strukturen verbessern, wenn man nicht auch einen Blick auf die soziale Lage wirft."

Bremsfaktor Banken

Simbabwes schlechter politischer Ruf störte Collenberg nicht, als er mit Kind und Kegel nach Harare zog. Mit seiner Idee von ethischem Unternehmertum, sagt er, hätte er überall hingehen können. "Und es hat mich auch gereizt. Wenn außer einem selber niemand dort hin will, hat man Spielraum für Ideen." Natürlich werde er, wie auch alle anderen, vom Regime beobachtet. "Ich hätte natürlich gerne, dass meine Kinder in einer Demokratie aufwachsen. Darüber hinaus sehe die politische Situation eher als Eigenverpflichtung. Ich kann mich nicht rausziehen, da übernimmt niemand anders."

Kaites Büro ist in einem grünen Garten ein wenig abseits des Zentrums von Harare angesiedelt. Nur ein Haus weiter hat sich Collenberg sein privates Heim geschaffen. Weil Simbabwe von einer Hyperinflation überrollt wurde, kaum dass er im Lande war, Not und Mangel an allem herrschte und das Ausland Simbabwe als Schurkenstaat sah, waren die ersten zwei Jahre hart. "Wir waren auch privat so pleite, dass wir nicht einkaufen gehen konnten" erzählt Collenberg. Seine Frau habe ganz afrikanisch die Familie mit dem Wenigen ernähren müssen, was der Garten hergab.

Inzwischen ist das Unternehmen so groß, dass Collenberg mit 2000 Bauern rechnet, die in diesem Jahr Teil der Partnerschaft werden. Und jene, die bereits mit ihm arbeiten, expandierten jedes Jahr ein wenig. "Menschen, die ihr Leben lang nur für den Eigenbedarf produzieren konnten, sind heute kommerzielle Farmer." Schon jetzt liege das Einkommen seiner Bauern deutlich über dem Durchschnittslohn im Land. "Wenn sie gut sind, können sie bis zu 1000 Dollar verdienen. Bei uns sind die Gewinnerwartungen höher als bei Facebook."

Kaite könnte noch größer werden, hätte die Europäische Union nicht Simbabwe mit Sanktionen belegt, und wäre die Liquidität der Banken höher. "Wir haben große Schwierigkeiten, Kredite zu erhalten. Es gibt nur wenige, und diese kosten 10 bis 15 Prozent im Monat. Aber wir sind zuversichtlich, dass sich auch das in den kommenden Jahren ändern wird."

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