Griechische Schuldenkrise Warum Herr Tassakos jetzt in Athen investiert

Ein Marshall-Plan kann auch im Kleinen beginnen - davon ist der deutsch-griechische Unternehmer Lambis Tassakos überzeugt. Der Chef eines Stuttgarter Autozulieferers baut sein Geschäft in Hellas kräftig aus. Die Gelegenheit sei optimal, andere Firmen sollten sich ein Beispiel nehmen.
Wiederaufbau nötig: Wirtschaftsexperten fordern einen Marshall-Plan für Griechenland, erste Unternehmer investieren

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Foto: Matt Cardy/ Getty Images

Hamburg - Bei all dem Optimismus, den Lambis Tassakos ausstrahlt - auch er hat den rauen Wind für Besucher aus Deutschland in Griechenland schon gespürt. "Die Zinsbanditen kommen", habe ein Taxifahrer nur geraunt, als der Chef des kleinen Stuttgarter Autozulieferers Inos mit einer Delegation aus der Bundesrepublik jüngst in Athen unterwegs war. Viele Griechen zürnen den Deutschen, weil das EU-Rettungspaket für den Staatshaushalt mit drastischen Sparauflagen verbunden ist.

Doch das schreckt den Griechen Tassakos von seinem großen Vorhaben nicht ab. Deutsches Geld soll die Privatwirtschaft im hochverschuldeten Hellas wieder in Schwung bringen - das ist die Vision des 51-Jährigen. Die Voraussetzungen seien gut für einen Marshall-Plan für Athen unter deutscher Führung.

Gerade hat Tassakos gezeigt, wie er das meint. Die Belegschaft seiner Athener Tochterfirma hat er mitten in der Schuldenkrise um die Hälfte auf 37 Mitarbeiter vergrößert. Die zwölf neuen Mitarbeiter entwickeln fortan Konzepte für den intelligenten Einsatz von Robotern in der weltweiten Automobilproduktion.

"Wir bringen den Robotern das Sehen bei", sagt Tassakos. Den Roboterbauer Kuka  zählt er zu seinen Kunden, ebenso die Hersteller Daimler  und General Motors .

Spitzentechnologie aus Griechenland - eine verwegene Idee?

Spitzentechnologie, konzipiert in Griechenland - dieser Ausweg aus der dramatischen Schuldenkrise mutet angesichts der wachsenden Probleme an Europas südöstlichem Rand verwegen an. Am Mittwoch haben wieder Tausende gestreikt und sind gegen die Sparmaßnahmen auf die Straße gegangen. Konjunktur und Konsum geraten unter Druck, die Arbeitslosigkeit steigt, die Banken hängen am seidenen Faden und vergeben kaum noch Kredite. Die industrielle Basis ist spätestens seit der EU-Osterweiterung erodiert.

Kein Wunder, dass der Standort Griechenland bei vielen Unternehmen zuletzt Fluchtreflexe ausgelöst hat. Aldi zieht sich zurück. Auch mehrere von manager magazin befragte Konzerne halten in Hellas bestenfalls die Füße still.

Die derzeit zu Schnäppchenpreisen angebotenen Staatsbeteiligungen locken kaum jemanden aus der Deckung. "Das haben wir überhaupt nicht auf dem Schirm", heißt es bei einem Logistikunternehmen. Die Deutschen Telekom  hat ihr Engagement beim örtlichen Anbieter OTE nur zähneknirschend ausgebaut, weil der griechische Staat eine entsprechende Option gezogen hatte.

"Die Schnäppchen sind da", hält Unternehmer Tassakos dagegen. "Die Frage ist nur, ob man sich traut."

Argument Nummer eins für ein Investment ist aus Sicht des Griechen das Heer an ordentlich ausgebildeten Hochschulabsolventen, die vielfach ins Beuteschema deutscher Firmen passen. Die suchen bekanntlich händeringend nach Fachkräften, vor allem Ingenieure sind gefragt.

"Griechenland hat viele Ingenieure, und niemand weiß wohin mit ihnen"

"Griechenland hat überproportional viele Ingenieure, aber viel zu wenig Jobs in dem Sektor", sagt Tassakos, der selbst in Thessaloniki Physik studiert und anschließend in Aachen in Maschinenbau promoviert hat. "In Thessaloniki studieren 35.000 junge Leute, aber niemand weiß, wohin mit den Absolventen."

Die steigende Jugendarbeitslosigkeit als Chance für deutsche Firmen? Bei Inos haben sich 300 Kandidaten für die angebotenen zwölf Arbeitsplätze beworben - Tassakos hatte die Qual der Wahl. Genommen habe er unter anderem den Jahrgangsbesten einer renommierten Londoner Universität. "In Stuttgart konkurrieren wir mit Porsche  und Daimler um Fachkräfte", sagt Tassakos. "In Griechenland kann ich die Elite an unser Unternehmen binden."

Und das zu einem vergleichsweise günstigen Preis. "Durch die Krise sind die Löhne deutlich wieder gesunken", sagt Tassakos. "Mitunter bekommt ein Ingenieur als Berufsanfänger nur 1000 Euro im Monat." Vielen Griechen sei daran gelegen, in der Heimat zu arbeiten - auch wenn sie im Ausland studiert haben und dort ein Vielfaches verdienen könnten. Diesen Umstand könnten sich andere deutsche Firmen ebenfalls zunutze machen.

Die deutsch-griechische Handelskammer in Athen ist angesichts des Engagements von Tassakos hocherfreut. "Das Beispiel ist für uns wegweisend", sagt Geschäftsführer Martin Knapp. Europa müsse endlich auf sein ungenutztes und vergleichsweise billiges Fachkräftepotenzial im Süden zurückgreifen.

Bisher ist der Stuttgarter Autozulieferer allerdings eine von wenigen deutschen Firmen, die in der griechischen Krise eine Chance sehen. Hier und da gebe es Interesse an seiner Idee, sagt Tassakos. Die meisten Unternehmen machen um Hellas indes einen Bogen. Dabei kann Griechenland aus Sicht vieler Topmanager seine Schuldenproblematik langfristig nur in den Griff bekommen, wenn die Realwirtschaft wieder auf die Beine kommt.

Topmanager fordern Aufbauhilfe für Griechenland

"Das Land braucht vor allem ein Wiedererstarken der industriellen Basis, also einen Anstieg des Bruttoinlandsprodukts und des Exports", hatte jüngst Siemens-Finanzvorstand Joe Kaeser zu Protokoll gegeben. Rückendeckung erhielt er von Allianz-Chef Michael Diekmann: "Es müsste Arbeit und Produktion aus ganz Europa in das Land verlagert werden. Was spricht dagegen, Fabriken nach Griechenland statt nach Osteuropa oder Asien auszulagern?"

Als mehr oder weniger karitative Aufgabe wird das Projekt einer Re-Industrialisierung Griechenlands allerdings wohl kaum funktionieren. "Der Chef eines großen Unternehmens kann eine Investition in Griechenland oder Portugal nicht einfach damit rechtfertigen, dass er den Euro retten will", sagt Handelskammer-Geschäftsführer Knapp.

Inos-Chef Tassakos besteht darauf, dass er aus rein rationalen Gründen in Griechenland investiert - das Preis-Leistungs-Verhältnis bei qualifizierten Arbeitskräften sei unschlagbar.

Griechenland als High-Tech-Freihandelszone

Ohne Anreize von außen wird der Autozulieferer Inos wohl trotz dieser Einschätzung ein Einzelfall bleiben. "Die Idee eines Marshallplans für Griechenland wird stiefmütterlich behandelt", sagt der Essener Ökonom Ansgar Belke gegenüber manager magazin. "Kleine und mittlere Unternehmen in Griechenland brauchen einen verlässlichen Rahmen für ihre Investitionen." Vorher müsse die Verwaltung allerdings reformiert und flächendeckend Kataster eingeführt werden.

Wünschenswert seien verbilligte Kredite der Europäischen Investitionsbank. Deren Vizepräsident Matthias Kollatz-Ahnen hatte bereits Sympathie für ein breit angelegtes Aufbauprogramm gezeigt.

Unternehmer Tassakos könnte sich auch eine Art Freihandelszone vorstellen, in die Griechenland High-Tech-Firmen mit Steuervorteilen lockt. Er selbst investiert auch ohne derartige Vorteile weiter in seiner Heimat - derzeit sucht er drei zusätzliche Fachkräfte für seine Firma in Athen.

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