Fachkräftemangel Wie Dax-Konzerne den Nachwuchs einfangen

Die Zahl der Arbeitslosen fällt unter die Drei-Millionen-Marke. Gut ausgebildeter Nachwuchs ist ohnehin Mangelware. Bricht jetzt der Fachkräftemangel aus? Dax-Unternehmen verfolgen im Kampf um die besten Köpfe unterschiedliche Strategien. Ein Überblick.
Von Kristian Klooß
Jobmessen sind Standard, wenn es um die Rekrutierung von Fachkräften geht. Darüber hinaus suchen Konzerne heute auch über Onlineportale, Twitter und Facebook nach geeigneten Kandidaten

Jobmessen sind Standard, wenn es um die Rekrutierung von Fachkräften geht. Darüber hinaus suchen Konzerne heute auch über Onlineportale, Twitter und Facebook nach geeigneten Kandidaten

Foto: ddp

Hamburg - Ralf Memmel muss es wissen. Denn kaum ein Unternehmen in Deutschland ist auf Ingenieure, Elektrotechniker, Informatiker und Physiker so angewiesen wie die Infineon AG. Und Memmel leitet das Personalmarketing des Dax-Konzerns. Eine jener Zahlen, die der Personalexperte stets im Kopf hat, ist in diesen Wochen die 40. So viele Tage dauert es bei Infineon im Schnitt von der Ausschreibung bis zur Stellenbesetzung. "Damit sind wir ganz zufrieden", sagt Memmel, dessen Arbeitgeber auch in diesen Tagen wieder ein paar Hundert Stellen ausgeschrieben.

Einen Fachkräftemangel auszurufen, davor hütet sich der Personalexperte. "Wir sind über die Rahmenbedingungen, vor allem mit der Hochschulausbildung, in Deutschland sehr zufrieden", sagt er. Einige Unterschiede im Vergleich zum Ausland gebe es allerdings schon. "In Asien, speziell in Singapur und Malaysia, ist die Bereitschaft zur Fluktuation verbreiteter als in Europa." In Bezug auf Deutschland würde sich Memmel wünschen, dass es gelänge, mehr Frauen für technische Berufe zu begeistern. In Dresden gelinge dies bereits gut, in München weniger.

Im Vergleich zum einstigen Mutterkonzern Siemens  gehört Infineon  mit seinen deutschlandweit rund 7500 Mitarbeitern eher zu den kleineren Arbeitgebern. Schließlich beschäftigt Siemens Jahr für Jahr allein rund 10.000 Auszubildende. "Wir investieren unter anderem massiv in die Ausbildung junger Menschen, um einem Fachkräftemangel vorzubeugen", sagt ein Sprecher des Konzerns. Gut ein Drittel der Ausbildungsanfänger bei Siemens starten in einem dualen Studiengang, in dem gleichzeitig der Bachelor und ein IHK-Abschluss erworben werden. Siemens ist innerhalb der Riege deutscher Großkonzerne allerdings nur ein Beispiel für ein solches Konzept.

Lufthansa: 115.000 Bewerbungen im Jahr 2010

Die Lufthansa , bei der im vergangenen Jahr rund 115.000 Bewerbungen eingingen, setzt beispielsweise auf die Kooperation mit 18 dualen Studiengängen an verschiedenen Hochschulen. "Dennoch ist etwa im Bereich der technischen Berufe spürbar, dass das Angebot an entsprechenden Spezialisten knapper wird und größere Recruiting-Anstrengungen notwendig werden", sagt ein Sprecher des Unternehmens.

Eine Aussage, die wohl auch Jörg Leuninger, Leiter Rekrutierung Europa bei der BASF , unterschreiben würde. "Der Markt für einige Fachrichtungen wird enger", sagt er. So dauere es mitunter länger, um passende Kandidaten zu finden. "Dies gilt gerade für ingenieurwissenschaftliche Spezialdisziplinen oder Chemiekanten in der Produktion." Diese Stellen könnten oftmals nicht auf Anhieb besetzt werden.

Für den Chemiekonzern geht das Personalmarketing daher inzwischen über die klassischen Rekrutierungsmöglichkeiten wie Bewerbermessen, Hochschulveranstaltungen hinaus. "Virtual Career Days", Twitter und Facebook gehören längst zum Repertoire der Ludwigshafener.

Mangel an Fachkräften in der Krebsforschung und der IT

Beim Chemie- und Pharmakonzern Merck KGaA  ist es ähnlich. "Wir spüren den Fachkräftemangel bei einigen wenigen Qualifikationen leicht", sagt Markku Klingelhoefer, verantwortlich für das Personalmarketing bei Merck. Merck könne zwar alle Stellen besetzen, es sei aber zeitaufwändiger geworden, die geeigneten Mitarbeiter zu finden.

Zu Verzögerungen sei es im vergangenen Jahr unter anderem beim Rekrutieren von Chemikanten und bei Stellen im Bereich der Onkologie gekommen. "Vor allem in der Krebsforschung gibt es international einen Mangel an Fachkräften", sagt Klingelhoefer. Doch auch in der IT suche Merck stets berufserfahrene Spezialisten, da der Markt in Deutschland sehr eng sei.

SAP weicht ins Ausland aus, Allianz fördert Aktuare

Deutschlands größter Softwarekonzern SAP  sieht sich indes nicht mit einem Fachkräftemangel "im engeren Sinne" konfrontiert. Abgesehen davon, dass die SAP ein attraktiver Arbeitgeber für hochqualifizierte Bewerber sei, nennt eine Sprecherin der Walldorfer einen weiteren Grund. "Als global operierendes Unternehmen haben wir die Möglichkeit, Engpässe durch Verlagerung von Projekten auf andere Standorte abzufedern." Dies bringe allerdings auch Verzögerungen und einen hohen Verwaltungsaufwand mit sich.

Fachkräftemangel mache sich darüber hinaus eher bei den zahlreichen kleineren High-Tech-Unternehmen bemerkbar, die im Partnernetzwerk der SAP mit dem Konzern verbunden seien. "Dies", so die Sprecherin, "trifft langfristig auch die SAP."

Den Mangel an hochqualifiziertem Personal spüren jedoch nicht nur die Vertreter der Technologie-Branchen. "Auch die Munich Re ist in den Geschäftsfeldern Erst- und Rückversicherung vom Fachkräftemangel betroffen", sagt Katja Bucher, Leiterin des Personalmanagements des Dax-Konzerns. Seit Jahren versuche die Munich Re  dem mit verschiedenen Maßnahmen entgegen zu wirken.

Allianz-Chef Diekmann: "Fachkräftemangel ist kein Mythos"

Um dem Fachkräftemangel zu begegnen, hat auch Wettbewerber Allianz  erst im November vergangenen Jahres ein konzernweites Programm gestartet, das eine systematische und langfristige Personalplanung über einen Zeitraum von zehn Jahren vorsieht. Es soll zudem Frauen fördern und der Knappheit bei besonders nachwuchsarmen Berufsgruppen begegnen. Auf der Basis einer weltweiten Personalplanung könne die Allianz analysieren, wie sich die Personalzahlen bis 2020 in den einzelnen Gesellschaften entwickeln und die Planung sogar auf einzelne Funktionen herunterbrechen, verkündete Allianz-Chef Michael Diekmann bei der Präsentation des Konzepts.

"Damit ist das Ausmaß des Fachkräftemangels für uns klar messbar. Wir wissen jetzt: Fachkräftemangel ist kein Mythos", so Diekmann. Als erste Maßnahme hat die Allianz bereits ein weltweites Entwicklungsprogramm für angehende Aktuare gestartet. Denn Versicherungsmathematiker mit Aktuars-Ausbildung gelten in der Branche schon heute als rar. Ein Wechsel innerhalb der Branche ist durchaus üblich.

Die Wechselbereitschaft steigt

Ein Phänomen, das auch in anderen Branchen inzwischen verbreitet ist. "Was wir in den vergangenen Jahren beobachten können, ist eine Erhöhung der Wechselbereitschaft, weil für sehr gut ausgebildete Fachkräfte und Spezialisten das Angebot an interessanten Jobs derzeit hoch ist", sagt Markus Olbert, Bereichsleiter Personal beim Medizintechnik- und Gesundheitskonzern Fresenius . Seinen Arbeitgeber hält er aber grundsätzlich für gut aufgestellt, wenn es um die Besetzung freier Stellen geht. "Der Fresenius-Konzern genießt einen hervorragenden Ruf als Arbeitgeber", sagt Olbert.

Einen Ruf, den sich der Handel erst noch erarbeiten muss. "Wir wissen, dass die Handelsberufe vielfach aus Unkenntnis über die vorhandenen Berufsperspektiven bei den Schulabgängern nicht ganz oben auf der Wunschliste stehen", sagt eine Sprecherin der Metro AG . Auch die Demografie spiele den Handelskonzernen nicht eben in die Hände. "Bereits jetzt kommt es in einzelnen Regionen aufgrund der Bewerberlage zu Verzögerungen und zur Nicht-Besetzung einzelner Lehrstellen", so die Sprecherin. Vor allem in den süddeutschen Ballungsgebieten, zum Beispiel in München, sei die Schieflage am größten.

Für die Metro war dies zuletzt Anlass, sich als Arbeitgeber neu zu positionieren. "Wir müssen wegkommen von dem immer noch sehr weitverbreiteten aber unzutreffenden Kistenschieber-Image." Dem setzt die Metro-Gruppe inzwischen bundesweit mehr als 130 Lernpartnerschaften mit Schulen im direkten Umfeld ihrer Märkte und Filialen entgegen. Bei Studenten soll das Interesse an einer Laufbahn bei der Metro-Gruppe durch Kooperationen mit verschiedenen Hochschulen geweckt werden.

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