Riester-Rente Tester fällen vernichtendes Urteil

Die Riester-Rente hat einen schweren Stand. Die jüngste "Öko-Test"-Analyse stellt der staatlich geförderten privaten Altersvorsorge ein vernichtendes Zeugnis aus - die Kosten zehren das Gros der Zulagen auf. Verbraucherschützer fordern eine grundlegende Reform.
Geld für die Vorsorge: Viel von dem, was Riester-Sparer investieren, bleibt bei den Anbietern als Kosten hängen

Geld für die Vorsorge: Viel von dem, was Riester-Sparer investieren, bleibt bei den Anbietern als Kosten hängen

Foto: Corbis

Hamburg - Die Querelen um die staatlich geförderte Riester-Rente entwickeln sich für die Bundesregierung allmählich zum Dauer-Task-Force-Einsatz. Gerade versucht der Gesetzgeber, den Brand im Zulagendschungel zu löschen, damit tausende Riester-Sparer zumindest einen Teil der 500 Millionen Euro einbehaltenen Förderung wieder zurückbekommen, da lodert es schon an anderer Stelle.

Transparenz- und Renditeprobleme der Riester-Rente sind zwar nicht neu. Neue Erkenntnisse der jüngsten Öko-Test-Analyse und die aktuell wieder aufflammende Kritik aber könnten der Funke sein, der zum Flächenbrand für die private Altersvorsorge wird, wenn die Bundesregierung nicht eingreift.

Will Berlin verhindern, dass sich immer mehr enttäuschte Riester-Sparer aus ihrem Vertrag verabschieden oder gar nicht mehr vorsorgen, wie das Umfragen nach dem Zulagendesaster befürchten lassen, dann dürfte es mit ein paar kosmetischen Korrekturen auch nicht getan sein. In einem Positionspapier fordert der Bundesverband Verbraucherzentralen (Vzbv) das Bundesfinanz- und das Bundessozialministerium deshalb zu einer grundlegenden Reform der Riester-Rente und der Altersvorsorge in Deutschland auf.

Im Kern stellt Vzbv-Chef Gerd Billen fest: Der Wettbewerb auf dem privaten Altersvorsorgemarkt als vermeintlich effizientester Weg, die Rentenlücken der Menschen in Deutschland zu schließen, habe versagt. Die Qualität der Produkte und ihr Preis-Leistungsverhältnis spielten wegen des vor allem auf attraktive Provisionen ausgerichteten Vertriebs nur eine nachrangige Rolle.

Kosten, die einen erheblichen Einfluss auf die Ertragsstärke der Produkte haben, würden im Wettbewerb oftmals verschwiegen oder in einer Weise dargestellt, die einen Vergleich für den Kunden nahezu unmöglich macht. Ohne Vergleich aber bleibe der Absatz qualitativ hochwertiger Produkte auf der Strecke.

Kosten zehren die Zulagen zum Großteil auf

Eine neue "Öko-Test"-Analyse scheint diese unter Kritikern weit verbreitete Einschätzung zu untermauern. So können die Kosten vieler Riester-Policen die staatlichen Zulagen teilweise oder bis zu 80 Prozent aufzehren, wie der Experte Axel Kleinlein jetzt nachgerechnet hat. Ein Kunde, der um diesen Nachteil weiß, würde so eine Police vermutlich nie kaufen.

Doch dies verschweigen die Anbieter ihren Kunden. Wer dann aber das Recht auf einen Anbieterwechsel nutze, könne das eingezahlte Kapital nahezu vollständig verlieren.

Für die Verbraucherschützer steht fest: Da es sich bei der Riester-Rente in vielen Fällen nicht um das kleine "Sahnehäubchen oben drauf" handelte, sondern um einen existentiell notwendigen Ausgleich sinkender gesetzlicher Rentenansprüche, steht für sie der "Staat in der Pflicht", dass die Bürger nicht nur zusätzlich vorsorgen, sondern ihnen dafür auch wirtschaftlich effiziente, das heißt kostenschlanke Produkte angeboten werden.

Bundesfinanzagentur als Wettbewerber der Assekuranz

Der Vzbv fordert die Regierung auf, die Kosten für Riester-Policen in ihrer Höhe zu begrenzen und "non-profit"-Lösungen zu prüfen. Deutlich günstigere beziehungsweise provisionsfreie Policen könne zum Beispiel die Finanzagentur des Bundes anbieten aber auch ein privates Unternehmen, das den Zuschlag nach einem staatlichen Ausschreibungsverfahren erhält. Andere Experten hatten zuletzt die Deutsche Rentenversicherung für einen möglichen Systemwechsel in der kapitalgedeckten Altersvorsorge in Deutschland ins Spiel gebracht.

Einige europäische Länder praktizieren solche oder ähnliche Modelle bereits mit Erfolg. Gedeckelte Provisionen oder eine (halb)staatliche Institution, die günstige und transparente Qualitätsprodukte konkurrierend auf dem Vorsorgemarkt anbietet, dürften allerdings auf den erbitterten Widerstand der Assekuranz in Deutschland stoßen.

Nicht nur, weil dann vermeintlich zehntausende Jobs bei Versicherern und Finanzinstituten gefährdet wären, sondern auch, weil sich viele teure Anbieter dann gezwungen sehen könnten, ihre tatsächlichen Kosten und Leistungen nachvollziehbar offen zu legen.

Genau das aber tun die meisten Lebensversicherer laut "Öko-Test" bislang nicht. Zum Beispiel wies keiner der 30 Anbieter in den 144 getesteten Riester-Renten die gesamten Kosten einer Police in Euro und Cent aus. "Von Transparenz keine Spur", schimpft Chefredakteur Jürgen Stellpflug, der zugleich Mitglied der Verbraucherkommission Baden-Württembergs ist.

Desinformation auf der Kosten- und der Leistungsseite

Mängelliste und Methoden sind erschreckend: So verschleierten die Anbieter nicht selten die Höhe der gesamten Abschlusskosten, trieben ein trickreiches Verwirrspiel mit den Verwaltungkosten, um den Vertrag günstiger aussehen zu lassen, verschwiegen Angaben zu einzelnen Kostenpositionen oder verhinderten eine Kostenkontrolle dadurch, dass sie weder die Basis der Berechnung noch die Berechnungsmethode angeben, berichten die Tester.

Nicht viel anders sieht es auf der Leistungsseite aus. So weist laut Öko-Test eine ganze Reihe von Anbietern das angesparte Garantiekapital nicht aus. Der Verbraucher kann damit nicht erkennen, wie viel Rentenleistung ihm zu Rentenbeginn überhaupt zusteht - ein klarer Verstoß gegen die gesetzlichen Informationspflichten. Andere Lebensversicherer wiederum geben zwar einen Garantiebetrag an, weisen ihn aber viel zu niedrig aus, weil sie staatliche Zulagen schlicht nicht einrechnen.

"Gezielte Irreführung" bei Modellrechnungen

Auch in Modellrechnungen, die den Kunden über die mögliche Entwicklung des angesparten Kapitals informieren sollen, fielen die Zulagen oft unter den Tisch. Das hat den Effekt, dass die prognostizierten Werte, die dann bei einer Beitragsfreistellung oder einem Anbieterwechsel zur Verfügung stehen, entsprechend mickrig ausfallen.

Vermutlich soll dies die Kunden abschrecken, den Vertrag vorzeitig zu beenden, interpretiert Öko-Test die Strategie dieser Anbieter. "Gezielte Irreführung" betrieben jene Lebensversicherer, die dem Kunden gleich mehrere Modellrechungen anböten, bei denen die Zulagen mal eingerechnet sind, mal unberücksichtigt bleiben und die Anbieter dann auch noch mit abweichenden Zinssätzen agieren. Auch der Vergleich auf der Leistungsseite ist für den Verbraucher damit praktisch unmöglich.

Der unabhängige Finanzmathematiker Axel Kleinlein hat sich durch den Anbebotsdschungel gekämpft und viel gerechnet. Die allermeisten Riester-Policen weisen jämmerliche Renditen auf, können mit Blick auf die garantierte Leistung sogar negativ sein, so das Ergebnis seiner Berechnungen.

Politischen Sprengstoff könnte aber auch die Erkenntnis liefern, dass eine Reihe von Anbietern bei der Verteilung von Zusatzüberschüssen, Geringverdiener oder Familien mit Kindern gegenüber gutverdienenden Singles benachteiligt. Allen voran der Marktführer Allianz Leben. Verbraucherschützer und Tester sprechen von einem sozialpolitischen "Skandal".

"Die politischen Ziele der Riester-Rente wären damit in ihr Gegenteil verkehrt", sagt Gerhard Schick, finanzpolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag. Man darf gespannt sein, wie der Rest des politischen Berlin darauf reagiert und wann das Finanzministerium zum nächsten Task-Force-Einsatz bläst.