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Promotion und Karriere: Die Dax-Doktoren

Foto: A3216 Peter Kneffel/ dpa

Doktortitel in der Wirtschaft "Es gibt viele Leute, die jetzt zittern"

Karl-Theodor zu Guttenberg, Silvana Koch-Mehrin, Veronica Saß - die Fälle erschummelter Doktortitel lassen auch Firmen bangen. Schon nehmen Plagiatsjäger Führungskräfte ins Visier und sind sicher, fündig zu werden. Ertappten droht der Jobverlust, dem Unternehmen ein herber Imageschaden.
Von Kristian Klooß und Nils-Viktor Sorge

Hamburg - Die Liste umfasst 200 Namen, viele von ihnen klangvoll. Josef Ackermann, Chef der Deutschen Bank. Nikolaus von Bomhard, Vorstandsvorsitzender der Münchener Rück. Thomas Middelhoff, ehemaliger Vormann des Warenhauskonzerns Arcandor. Dirk Nonnenmacher, Ex-Chef der HSH Nordbank. Ihre und zahlreiche weitere Doktorarbeiten wollen die Plagiatsjäger von PlagPedi im Internet überprüfen. Unabhängig davon, ob es einen Anfangsverdacht gibt oder ob - wie in den oben genannten Fällen - kein Anfangsverdacht besteht.

Nach den Politikern stehen nun auch Manager unter besonderer Beobachtung der kritischen Internetgemeinde. Manche sprechen indes von Generalverdacht. Die Fälle Karl-Theodor zu Guttenberg, Silvana Koch-Mehrin und Edmund Stoibers Tochter Veronica Saß haben jedenfalls hellhörig gemacht.

"Die Plagiatsjäger erreicht zurzeit eine Flut von Hinweisen auf Doktorarbeiten von Managern", sagt die Berliner Professorin für Medieninformatik, Debora Weber-Wulff. Sie ist selbst eine der profiliertesten Plagiatsjägerinnen. Oft kämen die ersten Hinweise aus dem direkten Umfeld der Führungskräfte. Neider wittern offenbar eine Chance.

"Es gibt viele Leute, die jetzt zittern", sagt der Geschäftsführer der Personalberatung Kienbaum, Soerge Drosten, gegenüber manager magazin. Wenn auf mehr als 10 Prozent der Seiten Plagiate gefunden sind, informieren die Plagiatsjäger die Universität. In einem ersten Fall ist das passiert. manager magazin ist der Name eines Managers aus der Energiebranche bekannt, dessen frühere Universität derzeit seine Doktorarbeit überprüft.

Nur die Spitze des Eisbergs?

Als "Spitze des Eisbergs" hatte zuletzt der Berliner Medienwissenschaftler Norbert Bolz die prominenten Schummelfälle in der Politik bezeichnet. Viele Menschen seien "getrieben von dem Wunsch, sich dieses Statussymbol eines Doktortitels an die Brust zu heften". Das gilt auch in der Wirtschaft. "Manager sind noch stärker in Versuchung zu schummeln als Politiker", sagt Weber-Wulff gegenüber manager magazin. "Gerade in der Wirtschaft wird sehr viel auf diesen Titel gegeben."

Manager ohne Doktortitel sind in den Chefetagen mancher deutscher Konzerne rar geworden. Von neun Vorständen bei der Münchener Rück  weist lediglich einer diesen akademischen Grad nicht vor, bei BASF  tragen sechs von acht Vorständen den Titel, bei BMW  haben die Doktoren mit vier zu drei knapp die Mehrheit im Vorstand. Von den 30 Dax-Chefs haben 18 promoviert, einige haben einen Professorentitel.

Das Signal an den Führungskräftenachwuchs ist klar: Wer den Doktortitel trägt, schafft es leichter bis ganz nach oben. In vielen Fällen ist er sogar Voraussetzung für den Aufstieg.

Firmen wollen, dass Personalberater genauer hinschauen

Tatsächlich messen Personalberater dem Namenszusatz eine hohe Bedeutung bei. "Angesichts einer wachsenden Akademikerquote ist der Doktortitel ein zunehmend gefragtes Mittel, sich positiv abzugrenzen", sagt Soerge Drosten. "Wer promovieren will, muss zu den 10 bis 15 Prozent der besten Absolventen gehören. Das allein zeigt die Aussagekraft des Doktortitels für Arbeitgeber."

In der Forschung ist der Doktor sogar oft Pflicht. BASF erwartet von Naturwissenschaftlern und Ingenieuren eine erfolgreich abgeschlossene Promotion. Der Doktortitel sei der Nachweis darüber, dass eine umfassende wissenschaftliche Fragestellung gelöst worden sei, sagt Linda von dem Bussche, Leiterin Talent Management.

Entscheidend ist laut Berater Drosten auch die lange Leidenszeit, die Träger des Doktortitels durchgestanden haben - das gilt für Forscher wie für Manager. "Viele Personaler sagen dann - dieser Kandidat hat sich durchgebissen, arbeitet akribisch, steht Krisenzeiten durch und wirft nicht gleich hin."

Für Kandidaten, die sich ihren Titel mit zweifelhaften Methoden erworben haben, dürfte das genaue Gegenteil gelten. Deshalb achten Firmen verstärkt darauf, dass sich bei ihnen kein Scharlatan einschleicht. "Die Unternehmen fordern, dass wir genauer hinschauen", sagt Drosten. Noch sei es aber nicht üblich, die Doktorarbeiten selbst zu überprüfen. "Man schaut auf die Universität, auf den Namen des Doktorvaters."

Drastische Reaktionen der Firmen denkbar

Auf diese Weise will auch die Personalberatung Russell Reynolds Schaden von ihren Kunden abwenden. "Die Überprüfung von akademischen Abschlüssen ist verstärkt Teil unserer Arbeit geworden", sagt der für die Suche nach Topmanagern zuständige Berater Thomas Tomkos.

Muss eine Führungskraft ihren Titel abgeben, sei dies ein gravierender Vorgang. "Glaubwürdigkeit, Authentizität und Vertrauenswürdigkeit gehören zu den wichtigsten Eigenschaften von Führungskräften", sagt Tomkos. Wenn ein Titel aberkannt werde, ließe das keinen Arbeitgeber kalt. "In einem solchen Fall sind drastische Reaktionen eines Unternehmens denkbar."

Diese haben in der Vergangenheit schon manche Manager zu spüren bekommen. Schlagzeilen machte der Fall des Chefs der Telekom-Tochter T-Venture, der 2005 seinen Posten räumen musste.

Andere kamen mit einem Rufschaden davon. Der inzwischen verstorbene ehemalige Finanzvorstand des Armaturenherstellers Grohe, Thorsten Knopp, hatte zum Beispiel Probleme wegen eines gekauften Titels. Und auch der Geschäftsführer der Managementberatung Batten & Company, Udo Klein-Bölting, musste einen Titel abgeben, den er an einer dubiosen Schweizer Universität erworben hatte. Die Sache beschrieb er später als "schmerzhafte Erfahrung".

Es geht auch ohne - das Beispiel René Obermann

Richtlinien oder ein eindeutiges Prozedere, das den Umgang mit betroffenen Mitarbeitern regelt, gibt es allerdings bei keinem der von manager magazin befragten Konzerne. "Es kommt auf den Einzelfall an", sagt BASF-Personalexpertin von dem Bussche. Wichtig bei der Beurteilung eines Falls sei die Frage, wie sehr ein Mitarbeiter einen akademischen Grad benötige, um seine berufliche Tätigkeit auszuüben. Ähnlich äußert sich die Deutsche Telekom .

"Wenn jemand Urkunden gefälscht hat, ist das natürlich eine eindeutige Sache", heißt es bei der Telekom. Wie mit einem Mitarbeiter umgegangen werde, der beim Lebenslauf ein bisschen geschönt habe, der als Mitarbeiter aber seine fachliche Qualifikation bestätigt habe, müsse im Einzelfall entschieden werden. Titel seien jedoch ohnehin nicht entscheidend. "Der Trend geht zur Persönlichkeit", sagt ein Sprecher des Bonner Konzerns. "Die Gespräche mit Bewerbern sind bei uns wichtiger als das, was sie vorher schriftlich eingereicht haben."

Das wundersame Comeback des Michael Träm

Telekom-Chef René Obermann selbst ist das beste Beispiel, wie eine Karriere ohne Hochschulabschluss und Doktorwürde gelingen kann. Er absolvierte von 1984 bis 1986 eine Ausbildung zum Industriekaufmann bei BMW. Dann schrieb er sich an der Universität Münster für ein Studium der Volkswirtschaftslehre ein.

Noch vor dem Vordiplom warf er allerdings hin. Stattdessen widmete er sich ganz seinem 1986 gegründeten Handelsunternehmen ABC Telekom, das mit Telefonen, Anrufbeantwortern und Kopierern handelte. Denn ABC Telekom verbuchte schon im ersten Geschäftsjahr einen Millionenumsatz (in D-Mark).

Aus Sicht von Plagiatsjägerin Weber-Wulff wird die Promotion in Deutschland ohnehin zu hoch gehängt. "Der Doktortitel hat in Politik und Wirtschaft nichts zu suchen", sagt die Amerikanerin. In den USA gilt der vergleichbare "PhD" eher als Eintrittskarte in die Forschungswelt denn in die Führungsetagen von Unternehmen.

Dass echte Qualifikation wichtiger ist als ein Titel, zeigt der Fall Michael Träm. Der vormalige Europa-Chef der Unternehmensberatung A.T. Kearney musste seinen Posten wegen eines zu Unrecht getragenen Doktortitels räumen. Inzwischen ist er bei der Konkurrenz von Arthur D. Little untergekommen - als Weltchef. Dabei hat er es sich nicht nehmen lassen, seinen Doktortitel zu erwerben. Und zwar auf anerkannte Weise.

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