Telekom und Co. Das Beteiligungsmonopoly der Dax-Konzerne

Die Deutsche Telekom bekommt bald eine von AT&T, die BASF will ihre an K+S loswerden, Volkswagen die eigene an MAN erhöhen. Dax-Konzerne beteiligen sich regelmäßig an anderen Unternehmen und stoßen ihre Anteile oft schnell wieder ab. Experten erklären, worauf es dabei ankommt.
Von Kristian Klooß
Strategische Beteiligung: Bis zu 8 Prozent des größten amerikanischen Telekomkonzerns AT&T (im Bild CEO Randall Stephenson, r.) wird künftig der Deutschen Telekom (im Bild Vorstandschef René Obermann) gehören. Ein guter Deal?

Strategische Beteiligung: Bis zu 8 Prozent des größten amerikanischen Telekomkonzerns AT&T (im Bild CEO Randall Stephenson, r.) wird künftig der Deutschen Telekom (im Bild Vorstandschef René Obermann) gehören. Ein guter Deal?

Foto: AP/ Newscast

Hamburg - Telekom-Chef René Obermann wird auf der heutigen Hauptversammlung der Deutschen Telekom wohl noch einmal verschont bleiben. Verschont vor den Forderungen jener Aktionäre, die sich lieber eine Ausschüttung der Einnahmen aus dem jüngst verkündeten Verkauf der amerikanischen Tochter T-Mobile USA gewünscht hätten - statt einer achtprozentigen Beteiligung der Deutschen am US-Telefonkonzern AT&T .

Sofern die Kartellbehörden dem Deal zustimmen, ist die Entscheidung für das 8-Prozent-Paket gefallen. Frühestens nach einem Jahr - diese Haltefrist haben AT&T und die Deutsche Telekom  vereinbart - dürfen die Deutschen ihre Beteiligung abstoßen.

Doch daran scheint die Konzernführung derzeit keinen Gedanken zu verschwenden. "Ich hatte nicht den Eindruck, dass die Telekom das als kurzfristiges Investment sieht", sagt Commerzbank-Analystin Heike Pauls. "Ganz im Gegenteil wird sogar über eine Aufstockung der Beteiligung gesprochen, um so möglicherweise die Steuerquote zu optimieren."

Schon aus rein finanziellen Gesichtspunkten hält Pauls die AT&T-Beteiligung der Telekom für ein gutes Geschäft. "Allein das Dividendeneinkommen ist sehr sicher und attraktiv", sagt sie. Zuletzt lag die Dividendenrendite der US-Amerikaner bei 5,2 Prozent.

Doch reicht es für einen Dax-Konzern, wenn er sich auf das Kassieren von Dividenden aus Beteiligungen beschränkt?

Finanzbeteiligungen sind nicht für die Ewigkeit

Die Antwort ist nach Einschätzung der meisten Experten eindeutig. "Wenn es um eine reine Finanzbeteiligung geht, kann ein Konzern diese nicht ewig halten", sagt Daniel Stelter, Senior Partner bei BCG. Grundvoraussetzung sei, dass die Finanzbeteiligung einen besseren Return und Wertzuwachs als alternative Anlagen erbringe. "Dazu muss die Konzernführung das Geschäft besser verstehen als andere und die Entwicklung sehr intensiv beobachten", sagt Stelter. Abgesehen davon sei nicht alles, was als Finanzbeteiligung geführt werde, auch wirklich nur finanziell motiviert. "Oftmals geht es auch um die Absicherung einer Strategie oder einer Kooperation."

Bezüglich solcher Kriterien hält Commerzbank-Analystin Pauls den AT & T-Deal der Deutschen Telekom für ein lukratives Investment. "Das Datenwachstum in den USA ist höher als in anderen Märkten", sagt sie. Das Problem der Telekom in Nordamerika sei nicht ein unattraktiver Markt gewesen, sondern ein zu kleiner Marktanteil in diesem Markt. Den strategischen Wert der Beteiligung dokumentiert nach Ansicht der Expertin auch der künftige Sitz der Telekom im AT&T-Board.

Eine Ansicht, die auch Ulrich Trabert, Analyst beim Bankhaus Metzler, teilt. Eine solche finanzielle und personelle Verflechtung unterstütze die Zusammenarbeit von AT & T und Telekom zum Beispiel in der Positionierung gegen Internettefonieanbieter wie Google  und Skype oder im Hinblick auf Forschung und Entwicklung. "Wenn man sich überlegt, wo das iPhone entwickelt wurde, dann erkennt man die mögliche Bedeutung der US-Beteiligung", sagt Trabert.

Zugang zu Kulturen, Technologien und Märkten

"Finanzbeteiligungen von Großkonzernen sollten mehr sein als Finanzanlagen", sagt Volker Strack, Leiter Transaction Services bei PwC. "Sonst machen sie keinen Sinn." So gingen Konzerne Minderheitsbeteiligungen an Unternehmen vor allem dann ein, wenn sie eine mit dem eigenen Geschäft verknüpfte Absicht verfolgten. "Hier geht es zum Beispiel darum, die Kultur eines anderen Unternehmens zu verstehen." Weitere Fragen, die sich in diesem Zusammenhang stellten, seien: "Wie bekomme ich Zugang zu Technologien und zu Branchen-Know-how?" Auf dieser Grundlage könne dann auch eine weitergehende strategische Beteiligung vorbereitet werden.

Während die Telekom ihren AT&T-Anteil kaum signifikant erhöhen dürfte, macht derzeit der VW-Konzern vor, welche Dynamik Beteiligungen entwickeln können.

Die Wolfsburger halten seit Anfang Mai 30 Prozent der Stimmrechte am Lkw-Hersteller MAN. Bis zur MAN-Hauptversammlung Ende Juni soll der Aktienanteil nach Aussagen des VW-Finanzvorstands Hans-Dieter Pötsch bei 35 bis 40 Prozent der Stimmrechte liegen. Dies entspräche einer Hauptversammlungsmehrheit.

"Es war nur die Frage, wann die 30-Prozent-Marke übersprungen wird", sagt Florian Fautz, Bereichsvorstand Investment Banking bei HSBC Trinkaus. Die Beteiligung zu erhöhen, sei in diesem Fall sinnvoll, denn die Verschmelzung der VW-Beteiligungen Scania und MAN  zu einem gemeinsamen Nutzfahrzeugkonzern sei eine jener Baustellen, die Volkswagen noch zu schließen habe.

"Wer das Heft in die Hand nehmen will, wie Piëch bei VW mit Scania und MAN, der braucht die Mehrheit", sagt Fautz. Minderheitsbeteiligungen hätten hingegen meist den Nachteil einer zu geringen Durchgriffsmöglichkeit.

Tesla als Musterbeispiel für eine Minderheitsbeteiligung

Dass es strategisch jedoch auch Sinn machen kann, sich mit einer Minderheitsbeteiligung zufriedenzugeben, zeigt nach Ansicht von Fautz ebenfalls der Volkswagenkonzern. Anfang März verkündeten die Wolfsburger überraschend, 8,18 Prozent der Aktien am Wiesbadener Kohlefaserverbundstoff-Produzenten SGL Carbon  erworben zu haben. Damit ist VW zum zweitgrößten Anteilseigner aufgestiegen. 22,25 Prozent der Anteile hält Quandt-Erbin und BMW-Großaktionärin Susanne Klatten über ihre Investmentgesellschaft Skion. Als weiteres Musterbeispiel für einen an Forschung und Entwicklung orientierten Firmenanteilserwerb nennt Fautz die die 5,46-prozentige Beteiligung Daimlers am kalifornischen Elektrosportwagenbauer Tesla. "Das ist eine absolut sinnvolle Investition."

Auch dass es sich um eine Minderheitsbeteiligung handelt, wie im Falle BMWs und VWs an SGL Carbon, hält er für richtig. "Bei Beteiligungen von mehr als 50 Prozent kann es passieren, dass die Innovationskraft beim kleinen Unternehmen verloren geht, wenn ihm die Unternehmenskultur des Großkonzerns übergestülpt wird."

Wie wichtig die Höhe der Beteiligungen ist, ob 50, 30 oder 25 Prozent, zeigt wiederum ein Blick auf die Skion-Beteiligung an SGL Caron. "Wenn eine Sperrminorität erforderlich sein sollte, könnten wir das in Kürze bewerkstelligen", sagte ein Sprecher der Investmentgesellschaft Anfang März in Anbetracht des für BMW und Skion-Eignerin Klatten überraschenden Einstiegs von Volkswagen beim Kohlefaserspezialisten.

In Deutschland ist zudem die 30-Prozent-Hürde bedeutsam. Denn wer sie überspringt, muss den Aktionären ein Übernahmeangebot unterbreiten. So geschehen im Falle Volkswagen und MAN. So geschehen auch im Falle des spanischen Baukonzerns ACS und dem größten deutschen Baukonzern Hochtief  . ACS hatte im März 2007 ein Aktienpaket über 25,01 Prozent der Hochtiefanteile erworben. Im September mussten die Spanier aufgrund der Überschreitung der 30-Prozent-Hürde ein Pflichtübernahmeangebot an die anderen Hochtief-Aktionäre unterbreiten. Die inzwischen durch die Kartellbehörden genehmigte Übernahme scheint damit nur noch eine Frage der Zeit zu sein.

Warum BASF sich von K+S verabschiedet

Mit Interesse dürfte ACS im Zuge der eigenen Übernahmebestrebungen wahrgenommen haben, dass sich kürzlich ein weiterer Großaktionär finanziell am deutschen Baukonzern beteiligt hat. So wurde im Dezember vergangenen Jahres bekannt, dass das die Holding des Emirats Katar als Großaktionär knapp 9,1 Prozent der Hochtief-Anteile hält.

"Für einen Baukonzern ist so eine Finanzbeteiligung ein Zuckerschlecken", sagt HSBC-Investmentbanker Fautz. Denn über die Investoren aus dem Nahen Osten bekämen deutsche Unternehmen eher Zugang zu lukrativen Aufträgen. "Im Falle von Hochtief ist hier zum Beispiel im Hinblick auf die WM 2022 an Stadionbauten und Infrastrukturprojekte zu denken", sagt er.

Ohne solche strategischen Aspekte machen Minderheitsbeteiligungen nach Ansicht des Experten keinen Sinn.

Als Beispiel für einen solchen Fall diente jüngst der Dax-Konzern BASF. Die Ludwigshafener hielten lange einen Anteil von 10,3 Prozent an ihrer ehemaligen Konzerntochter K+S. Im März verkündete der Chemiekonzern den Verkauf dieser Anteile. BASF begründete dies ausdrücklich damit, dass die Beteiligung an K+S als eine "finanzielle Beteiligung" zu sehen sei und nicht als eine strategische.

Diesen neuen Status erhielt die Beteiligung allerdings erst, nachdem sich der Chemiekonzern im Frühling für einen Verkauf eines Großteils des Düngemittelgeschäfts bis Anfang 2012 entschieden hatte. Bislang produziert der Konzern noch stickstoffhaltige Felddünger in Antwerpen und im Stammwerk in Ludwigshafen. Vertrieben und vermarktet wurden diese seit der Jahrtausendwende über K+S.

Den Weg von der Konzernsparte hin zur reinen Finanzbeteiligung, den die BASF im Falle K+S vorgemacht hat, vollzieht sie derzeit auch mit dem Milliardengeschäft mit Styrolkunststoffen, aus denen zum Beispiel Lebensmittelverpackungen bestehen. Dort vereinbarte der Konzern im November vergangenen Jahres eine 50:50-Partnerschaft mit dem britisch-schweizerischen Wettbewerber Ineos. Der BASF-Anteil an dem gemeinsamen Unternehmen hat nach Aussagen der Ludwigshafener schon jetzt nur noch den Charakter einer Finanzbeteiligung.

Siemens bewies häufig gutes Timing

Der Münchener Siemens-Konzern, der erst Anfang Mai den für Herbst anvisierten Börsengang seiner Tochter Osram bekanntgegeben hat, greift ebenfalls auf reichlich Erfahrung zurück, wenn es darum geht, Geschäftsfelder in Finanzbeteiligungen umzuwandeln. "Siemens hat den Ruf, ein gutes Timing zu haben", sagt Theo Kitz, Analyst bei Merck Finck & Co.

Der aus dem Konzern hervorgegangene Elektronikhersteller Epcos schaffte es bald nach der Erstnotierung im Jahr 1999 in den Dax, die einstige Siemens-Halbleitersparte Infineon  ist bis heute einer der wichtigsten dreißig deutschen Bluechips. Beide Börsengänge - zum Höhepunkt der Aktien-Euphorie in Deutschland - brachten Siemens viel Geld ein. "Auch bei Osram wird der Zeitpunkt des Börsengangs gut gewählt sein", sagt Kitz.

Vor ein paar Jahren lag Siemens allerdings auch einmal kräftig daneben. Der Verkauf der Mobilfunksparte des Konzerns an das taiwanesische Unternehmen BenQ im Jahr 2005 entwickelte sich zu einem Fiasko. Schon 2006 reichte BenQ Mobile in Deutschland den Insolvenzantrag ein. Einige Monate später wurde bekannt, dass die taiwanesische Konzernmutter kurz vor der Pleite gut 500 Millionen Euro von BenQ Mobile abgezweigt hatte.

Auch in solchen Fällen können kleinere Finanzbeteiligungen einen Sinn ergeben. "So kann zum Beispiel sichergestellt werden, dass kaufvertragsrelevante Themen eingehalten werden", sagt Transaktionsexperte Strack.

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