Japan-Katastrophe Warum deutsche Firmen nicht nur leiden

Das Erdbeben in Japan vor zwei Monaten hat die Lieferketten weltweit durcheinandergewirbelt. Manche deutsche Firma stellte auf einmal fest, wie sehr sie von dem asiatischen Land abhängig ist. Andere bemerken dagegen wundersame Umsatzsteigerungen, die nicht nur von kurzer Dauer sein müssen.
Umsatzplus erwartet: Der Roboterhersteller Kuka zählt zu möglichen Gewinnern der Japan-Krise

Umsatzplus erwartet: Der Roboterhersteller Kuka zählt zu möglichen Gewinnern der Japan-Krise

Foto: Stefan Puchner/ picture alliance / dpa

Hamburg - Der Münchener M-Dax-Konzern Wacker Chemie schlägt sich zur Zeit mit einem unerwarteten Personalproblem herum. Für zahlreiche Standorte weltweit sucht der Solar- und Elektronikzulieferer Hunderte Verfahrenstechniker für die Herstellung von Halbleiterwafern.

Seit der Erdbebenkatastrophe in Japan verzeichnet Wacker  eine rasant gestiegene Nachfrage nach Bauteilen, die vor allem Elektronikkonzerne benötigen. Die Konkurrenz aus Nippon liegt nach wie vor am Boden. "Es ist äußerst schwierig, die geeigneten Leute zu bekommen", sagt ein Unternehmenssprecher.

Während viele deutsche Firmen zwei Monate nach dem Beben die Katastrophe und ihre Folgen mit bangem Blick verfolgen, sehen andere in der Krise auch eine Chance. Einerseits kurbelt die aktuelle Nachfrage vielerorts den Umsatz kurzfristig an. Andererseits rechnen manche Firmen damit, dass Kunden in Zukunft nicht mehr so vertrauensvoll auf japanische Lieferanten setzen, sollten diese wie bisher einen Großteil der Lieferkette im eigenen Land haben.

Unisono bekunden die Unternehmen allerdings, aus dem Leid der Japaner keinen Profit ziehen zu wollen. Stattdessen gibt es vielfach Hilfsaktionen.

Pietät vor Profit?

So spendete Volkswagen  Millionen für die Erdbebenopfer. Der Konzern wird den weltgrößten Autobauer Toyota  nach Expertenmeinung bereits in diesem Jahr von der Weltspitze verdrängen, weil die Japaner noch Monate brauchen, bis sie sich von der Katastrophe erholt haben. Konzernchef Martin Winterkorn meidet inzwischen Vergleiche mit Toyota.

Auch andere Industrieunternehmen vermeiden lautes Triumphgeheul. "Wir werden nicht versuchen, deren Kunden aktiv anzusprechen, das wäre unlauter", sagte beispielsweise der Finanzvorstand des Augsburger Roboterherstellers Kuka , Stephan Schulak mit Blick auf die japanische Konkurrenz.

Die japanischen Wettbewerber Fanuc  und Yaskawa Electric dominieren den Weltmarkt mit jeweils 20 Prozent, Kuka liegt mit 10 bis 15 Prozent deutlich dahinter. Branchenbeobachter erwarten , dass Kuka nun etwas zulegen könnte. Yaskawa hatte Ende April wegen des Erdbebens einen verhaltenen Ausblick abgegeben. Ein deutscher Firmensprecher betont nun allerdings, das Unternehmen habe keine Lieferprobleme.

Es war ein selten beobachteter Schock, der die Lieferketten internationaler Konzerne am 11. März ereilte. Binnen Stunden mussten Firmen ihre Lieferungen neu organisieren.

Firmen zögern beim Aufbau neuer Kapazitäten

"Der Markt hat Hamsterkäufe erlebt", sagt der Vorstandsvorsitzende des auf Nachschubfragen spezialisierte Verein Component Obsolescence Group, Ulrich Ermel, der vor allem Firmen aus der Elektronikbranche vertritt. Sofort hätten Firmen andere Regionen als Nachschub erschlossen.

"Betroffene Unternehmen haben verstärkt Bestellungen bei Herstellern aus anderen Regionen platziert. Diesen Trend konnte man besonders bei passiven Bauelementen, wie Quarzen, Kondensatoren oder Widerständen beobachten." Die in dem Verein organisierten Firmen haben Ermels Angaben überwiegend Nachteile aufgrund der Japan-Krise erlitten.

Vor allem bei den Autozulieferern haben sich aber viele deutsche Unternehmen in Stellung gebracht, um ihren Marktanteil zu erhöhen. "Manche Zulieferer wittern nun ein Zusatzgeschäft und tun alles, um die Anfragen erfüllen zu können", sagt Unternehmensberater Marcus Berret von Roland Berger.

Besonders Firmen mit Produktionsstandorten in mehreren Ländern sehen sich nun als mögliche Gewinner mit Blick auf Lehren aus der japanischen Katastrophe. Wacker Chemie hält es für möglich, dass Kunden künftig skeptisch sind, wenn Lieferanten ihre Wertschöpfungskette vor allem an einem Ort haben. "Wir gehen davon aus, dass Kunden künftig eine Situation vermeiden, in der sie nur auf ein Gebiet setzen", sagt der Unternehmenssprecher.

Zusätzliche Schichten, um die Kundennachfrage zu befriedigen

Nach der Erdbebenkatastrophe waren nach Wacker-Angaben 25 Prozent der Waferproduktion ausgefallen. Der wichtigste Konkurrent der Münchener, Shin-Etsu, hat seine Produktion erst zum Teil wieder angefahren.

Wacker Chemie stellt die nun besonders gefragten 300-Millimeter-Wafer in Deutschland und Singapur her. Zusätzliche Schichten sollen die Versorgung der Kundschaft sicherstellen.

Vor der Krise seinen die Produktionsanlagen zu etwa 80 Prozent ausgelastet gewesen, nun sind es dem Unternehmen zufolge mehr als 90 Prozent. Das Unternehmen ist sich aber noch nicht sicher, dass der Aufschwung nachhaltig ist. Neue Kapazitäten baut Wacker Chemie noch nicht auf.

Viele Firmen müssen derzeit abwägen, ob sie ihre Produktion ausbauen, die Preise erhöhen oder den Effekt einfach nur kurzfristig einstecken - vor allem in der Autoindustrie. Zahlreiche deutsche Zulieferer haben dort "heftig profitiert", sagt Unternehmensberater Engelbert Wimmer. "Sie sehen das aber mit einem lachenden und einem weinenden Auge, weil sie möglicherweise neue Kapazitäten aufbauen müssen, von denen nicht klar ist, ob sie langfristig profitabel sind."

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