Neue ICE-Generation Bahn vergibt Rekordauftrag an Siemens

Der Aufsichtsrat der Deutschen Bahn hat einen historischen Auftrag an Siemens genehmigt: Das Münchener Unternehmen soll für mehr als sechs Milliarden Euro die nächste ICE-Flotte des Schienenkonzerns bauen. Die Inbetriebnahme ist für 2016 geplant.  
ICE in Dortmund: Die Bahn gibt bei Siemens den Bau einer neuen Zugflotte in Auftrag

ICE in Dortmund: Die Bahn gibt bei Siemens den Bau einer neuen Zugflotte in Auftrag

Foto: Bernd Thissen/ picture-alliance/ dpa

Berlin - Der Aufsichtsrat der Deutschen Bahn AG hat den Rekordauftrag an Siemens für ein neues Fernzugsystem gebilligt. Er umfasst mehr als sechs Milliarden Euro, wie die Bahn am Donnerstag mitteilte. Nach Angaben von Verkehrs-Staatssekretär Klaus Scheurle im ZDF sollten für 6,066 Milliarden Euro zunächst 195 Züge bestellt werden. Sie sollen ab 2016 als erstes die teils mehr als 30 Jahre alten Intercity- und Eurocity-Züge ersetzen. Angesichts der Meldung dieses Milliardenauftrags stieg die Siemens-Aktie auf Tageshoch. Zuletzt legte sie knapp darunter 0,83 Prozent auf 96,25 Euro zu. "Das war zwar schon im Gespräch, die Bestätigung kommt aber dennoch gut an", sagte ein Börsianer.

Zum Hintergrund: Die Bahn will ihre Fernflotte mit bis zu 300 neuen Siemens-Zügen nahezu komplett erneuern und damit auch ihre Expansion ins Ausland vorantreiben. Zugleich sollen die Triebzüge nun gegen extreme Witterung wie Eis, Hitze und Platzregen gewappnet sein. Die Bahn verabschiedet sich aber vom Wettlauf um immer höhere Geschwindigkeiten: Die 130 Fahrzeuge der ersten Tranche sollen maximal Tempo 230 fahren, wie Reuters vorliegende Bahn-Papiere zeigen. Die jetzigen ICE-3 erreichen über 300 Kilometer pro Stunde, was wegen des immensen Energieverbrauchs kaum wirtschaftlich ist.

Zudem bringt die Spitzengeschwindigkeit wegen Bahnhofshalten oder Baustellen kaum Reisezeitgewinn. Auch China, das besonders auf den Aufbau eines Fernzugnetzes setzt, hatte kürzlich seine schnellsten Züge auf unter 300 Stundenkilometer gebremst und will dafür Tickets verbilligen.

Einsatz der neuen Züge ab 2016

Bahnkunden werden die neuen ICx-Züge wegen der kompletten Neukonstruktion allerdings erst in fünf Jahren testen können. Ende 2016 sollen sie in den regulären Einsatz kommen. Die Lücke wird ab 2013 zunächst durch Doppelstockzüge gefüllt werden, die bislang nur im Regionalverkehr unterwegs waren. Die Wagen werden aufgerüstet und auf IC-Strecken eingesetzt. Rein äußerlich werden die ICx den bisherigen ICE-3 stark ähneln und auch weiter weiß mit rotem Band lackiert sein. ICx werde sie jedoch nicht heißen, die Bahn denkt noch über einen neuen Namen nach.

Insgesamt werden die Züge den Unterlagen zufolge bis zu 200.000 Sitzplätze mit hohem Komfort und größerer Kniefreiheit als im ICE-3 bieten. Sonderbereiche soll es für die Familien, Behinderte und Fahrräder geben. Größere Bordrestaurants und Infoschirme sind ebenfalls vorgesehen. Für ältere Menschen soll vor allem der Einstieg mit einem neuen Türsystem erleichtert werden.

Der Zugauftrag mit einem Volumen von mehr als sechs Milliarden Euro ist der größte in der Geschichte der Deutschen Bahn. Die Verhandlungen mit Siemens hatten sich über ein Jahr hingezogen, vor allem weil sich die Bahn gegen technische Pannen absichern wollte, die das Unternehmen in vergangenen Jahren immer wieder Negativschlagzeilen eingebracht hatten. Der Vertrag soll im Mai unterzeichnet werden und in der Bahnindustrie auf Jahrzehnte Arbeitsplätze sichern, etwa im Siemens-Werk Krefeld aber auch in Hennigsdorf bei Berlin. Dort produziert der kanadische Bombardier-Konzern, der etwa ein Drittel des Zuges zuliefern soll.

Nach den Erfahrungen mit störanfälligen Neu-Zügen sichert sich die Bahn nun umfassend bei den Herstellern ab: Eine Anzahlung für die Züge gibt es nicht, Siemens muss die Entwicklung also vorfinanzieren. Erst bei Bereitstellung eines Zuges sind 60 Prozent des Kaufpreises fällig. Für die Achsen garantiert Siemens eine Laufleistung von vier Millionen Kilometern. Bei Riss oder Bruch muss Siemens beweisen, dass die Bahn verantwortlich ist. Ultraschall-Untersuchungen sollen alle 240.000 Kilometer ausreichen. Derzeit werden sie zehnmal so häufig geprüft.

Klimaanlagen von minus 25 bis plus 45 Grad

Besonderen Wert legte die Bahn offenkundig auch auf die Wetterfestigkeit der Züge: Schneestürme und Platzregen sollen den Zug ebenso wenig stören wie Hitze. Die Klimaanlagen, die im Sommer 2010 reihenweise versagten, sollen bis 40 Grad einwandfrei arbeiten und auch bei 45 Grad ihren Dienst noch nicht quittieren. Auch bei den Toiletten wurden detaillierte Vorgaben gemacht, um das häufige Versagen in Zukunft auszuschließen. Zwei Monate lang sollen zwei Triebzüge ohne Fahrgäste und ein Jahr mit Passagieren getestet werden, bevor die Serienproduktion beginnt.

Zunächst sollen die teils über 40 Jahre alten IC bis 2020 ersetzt, dann in einer Tranche von 90 Zügen die ICE-1 und ICE-2. Bis 2025 wird dies abgeschlossen sein. Auch hier sollen die ICx nicht mehr als 250 Stundenkilometer fahren. Als letztes könnten im Rahmen des Vertrags die neueren ICE-3 von 80 sogenannten ICx verdrängt werden. Bereits die IC-Nachfolger sollen in Österreich, der Schweiz und den Niederlanden fahren können. Die Züge der zweiten Tranche können auch für Frankreich, Italien, Polen und Tschechien eingesetzt werden. Bislang sind diese Länder weitgehend abgeschottet und können auch aus technischen Gründen von Konkurrenzbahnen anderer Länder kaum befahren werden.

cr/rtr/dpa-afx/apd
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