Munich Re Viel Sicherheit, wenig Fantasie

Die Münchner Rückversicherung ist ein respektables Unternehmen, das so schnell nichts umhaut, nicht einmal "die schwerste Naturkatastrophe aller Zeiten". Die mit hohen Dividenden gehätschelten Aktionäre zeigen sich dennoch ungeduldig. Wann steigt der Kurs? Stimmt das Geschäftsmodell? 
Von Cornelia Knust
Munich-Re-Chef Nikolaus von Bomhard (r.): Rückschlag in Asien

Munich-Re-Chef Nikolaus von Bomhard (r.): Rückschlag in Asien

Foto: dapd

München - Nikolaus von Bomhard hat eine Botschaft: Die Munich Re steht. Sie ist stark getroffen durch das Erdbeben in Japan und weitere Naturkatastrophen, sie hat zu kämpfen mit den niedrigen Zinsen auf den Kapitalmärkten, sie begnügt sich mit überschaubaren Renditen, um nicht in zu hohe Risiken zu laufen - aber an ihrer Solidität und Kapitalkraft soll es nicht den leisesten Zweifel geben.

Deshalb hat der Konzern einerseits das angekündigte Aktienrückkaufprogramm gestoppt, andererseits die Dividende um 50 Cent auf 6,25 Euro erhöht. "Da gab es nicht den leisesten Zweifel, das ist drin", sagte vom Bomhard auf der Hauptversammlung in München über die Dividendenentscheidung. Die großzügige Ausschüttungspolitik will er auch für die Zukunft beibehalten: "Wir sind nicht gefährdet, deshalb können wir schütten".

Für das laufende Jahr erwartet der Vorstandsvorsitzende der Rückversicherung "einen Gewinn", nannte aber kein neues Gewinnziel, nachdem vor kurzem die ursprüngliche Ankündigung von 2,4 Milliarden Euro Nettogewinn für 2011 wegen des Japan-Schadens von geschätzten 1,5 Milliarden Euro zurückgenommen worden war.

Für das erste Quartal, über das der Konzern am 9. Mai berichten will, kündigte der Vorstand einen deutlichen Verlust an. Das überraschte nicht nach den Katastrophen in Neuseeland, Australien und zuletzt Japan, die sich auf eine Schadenbelastung von 2,7 Milliarden Euro für die Munich Re summierten. Der Aktienkurs reagierte fast gar nicht auf die Ankündigung.

Höhere Preise nicht nur für Erdbebenrisiken

Erwartet waren an der Börse wohl auch die durchaus erfreulichen Nachrichten von der Preisfront - erfreulich zumindest aus Sicht des Versicherers. Wie erwartet ist der Rückversicherungsmarkt in Bewegung geraten, auch wenn die eigentlich zum 1. April fällige Vertragserneuerung mit den japanischen Kunden erst einmal auf Wunsch der Kundschaft verschoben wurde, zumindest teilweise.

"Jedenfalls erwarten wir spartenübergreifend im laufenden Geschäftsjahr Preissteigerungen", sagte von Bomhard. Sein Vorstandskollege Ludger Arnoldussen sprach gar von Preiserhöhungen von bis zu 50 Prozent im Rahmen der April-Erneuerung. Substantielle Preiserhöhungen zeigten sich nicht nur für Erdbebenrisiken, sondern auch in der Deckung von Sturmschäden.

Die Aktionärssprecher spendeten der Unternehmensführung Beifall, äußerten aber auch Sorgen über die Belastbarkeit "ihres" Unternehmens im Falle weiterer, vielleicht noch größerer Katastrophen. "Wir haben natürlich nicht den Worst Case gesehen", sagte von Bomhard über die Auswirkungen der Katastrophe in Japan auf sein Haus. Das sei ein Ereignis, dass durchaus einmal vorkommen könne. Auch wenn es zynisch klinge: Die Modelle zur Risikoabschätzung müssten nach diesem Ereignis zwar aktualisiert, aber nicht neu erfunden werden.

Die größte Erdbeben-Exponierung habe die Munich Re in Kalifornien, die höchste Exponierung insgesamt bei Sturmversicherungen in Europa. Den maximalen Schadenfall bezifferte von Bomhard auf einen höheren einstelligen Milliardenbetrag, für ein Ereignis, das - so zumindest die Modellrechnung - nur alle 1000 Jahre einmal eintritt. "Naturkatastrophen sind unser Kerngeschäft", sagte er. Ihre Häufung gefalle dem Konzern natürlich nicht, aber sie mache ihn auch nicht nervös oder stelle sein Geschäftsmodell in Frage.

Niedrige Zinsen belasten weiter

Bescheiden gab sich der Vorstand beim Thema Rendite und Aktienkurs, das ebenfalls von vielen Aktionärssprechern kritisch hinterfragt wurde. "Es ist für uns sehr schwierig, alle im Dax zu schlagen", sagte von Bomhard. Die Versicherungsbranche insgesamt sei an der Börse nicht wohl gelitten. Die Munich Re wolle dort - zum Beispiel bei der Dividendenrendite - immerhin besser sein als der Rest.

Dass sie 2010 das selbst gesteckte Ziel von 15 Prozent Rendite auf das "an Risiken angepasste Kapital" nicht erreicht hat (sie betrug 13,5 Prozent), begründete vom Bomhard so: "15 Prozent ist ein strammes Ziel, wenn die Zinsen so niedrig sind". Bei der Rendite auf Kapitalanlagen, die 2010 trotz des Zinsumfelds immerhin noch 4,5 Prozent betragen hatte, werde man 2011 wohl "nicht noch mal so gut rauskommen". Dennoch scheint man die Aktienquote nicht (derzeit 4,4 Prozent) nicht leichtfertig anheben zu wollen: "Wir werden da bestimmt nicht zweistellig".

Viele Fragen auf der Hauptversammlung betrafen auch die Zwei-Säulen-Strategie des Konzerns mit dem Erstversicherer Ergo als zweitem Standbein, der immernoch wenig beiträgt zum Konzernergebnis. Vom Bomhard verteidigte die Strategie und vor allem die Zusammenfassung fast aller Erstversicherungstöchter unter einer einheitlichen Marke, die dem Kunden transparente und verständliche Versicherungsprodukte bieten will. "Wir meinen es sehr ernst", sagte er und fügte gleichmütig hinzu: "Wir werden uns dafür immer wieder Kritik in der Öffentlichkeit anhören müssen".

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