Hochtief Lütkestratkötter räumt Feld für ACS

Über Monate hinweg hat Hochtief-Chef Lütkestratkötter für die Unabhängigkeit des größten deutschen Baukonzerns gekämpft. Nun muss der 60-Jährige gehen - der Weg für ACS ist frei. Ins Stolpern geriet der Manager durch einen Gewinneinbruch bei der Tochter Leighton.
Hochtief-Chef Lütkestratkötter: Macht den Weg für ACS frei

Hochtief-Chef Lütkestratkötter: Macht den Weg für ACS frei

Foto: Oliver Berg/ picture alliance / dpa

Essen - Es ist eine fast schon tragische Niederlage: Hochtief-Chef Herbert Lütkestratkötter gilt als bodenständig und ungekünstelt und nicht als Freund der großen Worte. Jetzt wurde ihm ausgerechnet eine allzu vollmundige Prognose zum Hochtief-Ergebnis zum Verhängnis. Damit ist der Weg endgültig frei für die feindliche Übernahme durch den spanischen Großaktionär ACS.

Den Rückzug musste der Hochtief-Chef am Sonntagabend antreten, Hintergrund sind desaströse Verluste bei der australischen Hochtief-Tochter Leighton. Offiziell geschah dies in "bestem beiderseitigen Einvernehmen". Dem 60-Jährigen - wegen seines sperrigen Nachnamens kurz "Dr. Lü" genannt - wird der Schritt durch eine Abfindung von 4,08 Millionen Euro versüßt.

Seit der Nacht zum Montag ist klar: Bereits nach dem Ende der Hochtief-Hauptversammlung am 12. Mai wird Lütkestratkötter den Sessel für seinen Vorstandskollegen Frank Stieler räumen. Eine "hervorragende Wahl" kommentierte ACS knapp den Wechsel hin zu dem in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannten Juristen, der bislang das Europa-Geschäft verantwortete.

Für seine Zurückhaltung war der Münsterländer an der Hochtief-Spitze bekannt. Doch mitten im dramatischen Abwehrkampf gegen den spanischen Angreifer ACS hatte er plötzlich kräftig zugelangt: Statt der gewohnten vorsichtigen Prognose kündigte er im November 2010 - mitten in der heißen Phase der Übernahmeschlacht - glänzende Zukunftsaussichten für Hochtief an.

Vom Gewinnschub bleibt wenig übrig

Lütkestratkötter, dessen Vertrag ohnehin im Frühjahr kommenden Jahres ausgelaufen wäre, hatte damit einen Kurswechsel vollzogen: Immer wieder war dem im operativen Geschäft des Konzerns erfolgreichen Konzernchef vorgeworfen worden, internationale Investoren nicht locken und dem Aktienkurs zu wenig Auftrieb verleihen zu können.

Mit dem vor sich hin dümpelnden Aktienkurs habe er ACS-Chef Pérez erst die Tür für den geplanten Durchmarsch zur Hochtief-Mehrheit geöffnet, hieß es. "Deutsche Zurückhaltung kommt da nicht so gut an", meint Marc Tüngler von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW).

Trotz sich bereits abzeichnender Probleme bei Leighton hatte Lütkestratkötter noch vor gut zwei Wochen bei der Bilanzvorlage an seiner Prognose festgehalten und für das laufende Geschäftsjahr eine Verdoppelung des Konzerngewinns von 288 Millionen Euro im vergangenen Jahr auf rund 600 Millionen Euro angekündigt. Das Vorsteuerergebnis sollte von knapp 757 Millionen Euro auf mehr als eine Milliarde Euro steigen.

Jetzt ist urplötzlich von massiven Problemen bei der australischen Tochter Leighton die Rede, die Kapital kostet statt bringt. Und Lütkestratkötter muss sich vorhalten lassen, ja selbst im Kontrollgremium von Leighton gesessen zu haben.

Vom angekündigten Hochtief-Gewinnschub bleibt wenig übrig: Beim Vorsteuerergebnis musste das Unternehmen seine Prognose halbieren, beim Ergebnis nach Steuern soll nun nur noch der Vorjahreswert in unbezifferter Höhe übertroffen werden.

Kursrutsch bei Hochtief: Übernahme wird für ACS nun billiger

"Wenn er keine Prognose abgegeben hätte, hätte man ihm kein Bein stellen können", ist sich Tüngler sicher. Lütkestratkötter habe mit seiner Prognose damals eine "richtige Rakete" abgelassen. "Nun führt das dazu, dass es ihm das Genick bricht", sagte der Aktionärsschützer.

Statt des erhofften Kursfeuerwerks gab es einen Kursrutsch bei Hochtief  . Glück für den spanischen Angreifer ACS: Der geplante Kauf der noch fehlenden Aktien bis zur Hochtief-Mehrheit wird nun deutlich billiger. Spätestens zur Jahresmitte wollen die Spanier dieses Ziel erreicht haben. Doch mit einem Anteil von bislang bereits mehr als 40 Prozent dürfte der Großaktionär schon bei der Hochtief-Hauptversammlung am 12. Mai die Abstimmungsmehrheit auf seiner Seite haben.

Damit dürfte der Essener Konzern seinen Kampf um die Unabhängigkeit verloren haben - das Ende eines Dramas, das 2006 begonnen hatte. Damals sorgte der Verkauf eines Hochtief-Aktienpakets von 25,08 Prozent durch die Münchner Custodia-Holding von August von Finck für Spekulationen, Hochtief könne seine Unabhängigkeit verlieren. Für trügerische Ruhe sorgte schließlich der Einstieg eines neuen Großaktionärs: ACS.

Uta Knapp, dpa
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