Kredite werden teurer Wirtschaft fürchtet Zinswende nicht

Die von der EZB eingeleitete Zinswende verteuert Kredite für Unternehmen. Die deutsche Wirtschaft kann damit aber gut leben. Höhere Zinsen würden den Aufschwung nicht abwürgen.
"Das sehen wir eher entspannt." Auch die Bauindustrie bleibt gelassen

"Das sehen wir eher entspannt." Auch die Bauindustrie bleibt gelassen

Foto: Justin Sullivan/ Getty Images

Berlin - Die Zeit des billigen Geldes geht zu Ende - und die deutsche Wirtschaft findet das okay. Wegen zunehmender Inflationsgefahren unterstützt sie die am Donnerstag von der EZB eingeleitete Zinswende. Obwohl Kredite damit teurer werden, sind Familienunternehmer, Banken, Metall-, Elektro- und Bauindustrie für die erste Zinserhöhung seit knapp drei Jahren. Aus dem Gewerkschaftslager kommen dagegen kritische Töne.

"Die Erhöhung des Leitzinses liegt wegen der rasanten Geldvermehrung der letzten Monate und der wachsenden inflationären Tendenzen nahe", sagte der Präsident des Verbandes "Die Familienunternehmen, Patrick Adenauer. "Nach der monatelangen spottbilligen Refinanzierung der Geschäftsbanken setzt damit die notwendige Normalisierung der Märkte ein."

Bauindustrie und Metallarbeitgeber bleiben gelassen

Die höheren Zinsen gefährden den Aufschwung nach Einschätzung des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall nicht. "Die Risiken liegen eher in steigenden Preisen, vor allem für Energie und Rohstoffe", sagte dessen Chefvolkswirt Michael Stahl. "Deshalb ist der Zinsschritt der EZB als Signal zur Inflationsbekämpfung jetzt geboten." Zwar treffe die Verteuerung von Krediten die Metall- und Elektro-Industrie besonders, weil häufig auch die Kunden auf die längerfristige Finanzierung ihrer Bestellungen von Maschinen, Anlagen oder Fahrzeugen angewiesen seien. Eine moderate Erhöhung gefährde den Erholungsprozess aber nicht.

Auch die Bauindustrie rechnet nicht mit negativen Folgen für ihr Geschäft. "Das sehen wir eher entspannt", sagte der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des Branchenverbandes HDB, Heiko Stiepelmann. Er befürchtet kein abruptes Ende des boomenden Wohnungsbaus, der auch von niedrigen Zinsen befeuert wurde. "Für den Häuslebauer ist es wichtiger, dass er einen sicheren Job hat und gute Einkommensperspektiven", sagte Stiepelmann. "Dann sind solche Zinsanhebungen auch verkraftbar." Irgendwann gebe es zwar eine Schmerzgrenze. "Aber davon sind wir noch weit entfernt. Das Zinsniveau ist auch nach einigen Schritten noch niedrig."

Gewerkschaftsnahe Forscher: Zinserhöhung kommt zu früh

Für das gewerkschaftsnahe Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) kommt eine Zinserhöhung dagegen zu früh. "So ist die Krise im Euroraum derzeit keinesfalls schon überwunden", schrieb IMK-Direktor Gustav Horn in einem Gastbeitrag für Reuters. Staaten wie Griechenland würden in dramatischer Weise noch unter den Folgen der Finanzkrise leiden.

"Die Verhältnisse sind also noch nicht normal, folglich gibt es auch noch keinen Grund für eine Normalisierung des Zinsniveaus", schrieb Horn. Auch die Sorge vor einer Inflationsspirale sei unbegründet. Die höhere Teuerung resultiere fast ausschließlich aus dem spürbaren Anstieg der Rohstoffpreise. "Dieser ist aber von der EZB allein überhaupt nicht zu beeinflussen, da er sich aus der guten Weltkonjunktur vor allem in Asien und in den Schwellenländern speist."

Banken fürchten höhere Refinanzierungskosten nicht

Den Banken bereiten steigende Refinanzierungskosten dagegen keine Sorgen. "Die EZB unterstreicht mit dem Beginn des Zinserhöhungszyklus ihre strikte Orientierung am Ziel stabiler Preise", sagte der Chefvolkswirt des Bundesverbandes der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR), Andreas Bley. "So wie es im Herbst 2008 richtig war, den Geldmarkt zu fluten, ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, die Schleusentore Schritt für Schritt wieder zu schließen. Denn in den vergangenen Monaten ist der Leitzins immer mehr in ein Spannungsverhältnis zu der sich erholenden Konjunktur und den erhöhten Inflationsrisiken getreten."

Bis Jahresende rechnet der BVR noch mit mindestens zwei weiteren Zinsschritten auf dann 1,75 Prozent - vorausgesetzt, die Konjunkturaussichten bleiben freundlich und Verwerfungen an den Finanzmärkten bleiben aus.

rei/reuters

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