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Desasterfolgen: Japans Riesenkampf gegen das Wirtschaftsbeben

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Rückversicherer "Sie werden von der Katastrophe auch profitieren"

Das Japan-Beben reißt Löcher in die Bilanzen der Rückversicherer. Experte Carsten Zielke schließt weitere Gewinnwarnungen in der Branche und auch Kapitalerhöhungen nicht aus. Die Gefahr einer existentiellen Notlage sieht er aber nicht. Denn die Rückversicherer dürften von diesem ungewöhnlichen Katastrophenjahr auch profitieren.

mm: Herr Zielke, knapp zwei Wochen nach dem Japan-Beben haben sich die weltgrößten Rückversicherer einen ersten Überblick verschafft. Die Munich Re hat ihre Gewinnprognose einkassiert. Rechnen Sie damit auch bei Swiss Re und Hannover Rück?

Zielke: Das dürfte stark von ihrem Engagement in der Katastrophenregion abhängen. Genaue Angaben machen die Unternehmen dazu nicht. Ich halte das Ausmaß der Katastrophe allerdings für so groß, dass wohl auch diese beiden Rückversicherer empfindliche Gewinneinbußen werden hinnehmen müssen.

mm: Nun hat auch die Hannover Rück ihr Großschadensbudget im ersten Quartal bereits ausgeschöpft. Haben die Konzerne womöglich zu knapp, zu unvorsichtig kalkuliert?

Zielke: Das denke ich nicht. In den ersten Monaten dieses Jahres haben wir eine Häufung von Naturkatastrophen gesehen, die es in der Vergangenheit so nicht gab. Die Rückversicherer rechnen viel mit Wahrscheinlichkeiten, und auf das Jahr hochgerechnet haben die Unternehmen sicherlich nicht zu aggressiv gerechnet. Diese Konzentration von Großkatastrophen auf wenige Monate wirbelt die Risikomodelle und Wahrscheinlichkeitsrechnungen der Unternehmen aber gehörig durcheinander.

mm: Munich Re spricht von 1,5 Milliarden, Swiss Re von 850 Millionen, die Hannover Rück veranschlagt zunächst 250 Millionen Euro Schadensbelastung in Folge des Japan-Bebens. Welches Unternehmen - gemessen an seiner Leistungskraft - wird die Belastung am besten wegstecken können?

Zielke: Ich würde das an der Fähigkeit festmachen, sich unter Umständen neue Eigenmittel besorgen zu müssen. Und da sehe ich die Munich Re am besten positioniert, weil sie den Kapitalmarkt bisher am wenigsten angezapft hat.

mm: Rechnen Sie denn mit einem erhöhten Kapitalbedarf der Rückversicherer in diesem noch jungen Katastrophenjahr?

Zielke: Bis jetzt sollten wir davon ausgehen, dass die Kapitaldecke der Rückversicherer ausreicht, um die Belastungen aus eigener Kraft stemmen zu können. Allerdings wissen wir nicht, was auf die Unternehmen noch zukommt.

mm: Verfügen die Rückversicherer über ausreichend Eigenkapital, dass sie einen weiteren Großschaden verkraften können, ohne in eine existentielle Schieflage zu geraten?

Zielke: Sollte sich in diesem Jahr eine ähnliche Großkatastrophe wie in Japan ereignen, müssen wir mit Kapitalerhöhungen der Rückversicherer rechnen. Eine Munich Re oder Hannover Rück wird deshalb aber nicht so schnell in existentielle Not geraten. Die Hannover Rück zum Beispiel versichert ein Großteil ihres Risikos bei anderen Rückversicherern, und schließlich reichen alle Rückversicherer einen Teil ihrer Risiken an den Kapitalmarkt etwa in Form von Katastrophenbonds weiter. Letztlich lasten die Risiken auf breiteren Schultern als man denkt.

"Die lang erhoffte Preiswende wird kommen"

mm: Könnte die Erfahrung des Japan-Bebens die Rückversicherer dazu bewegen, bestimmtes Geschäft nicht mehr zu zeichnen, und sei es, weil sie dafür keine bezahlbare Police mehr anbieten können?

Zielke: Die Risikoaversion der Versicherungsnehmer wird steigen und damit ihr Bedarf an Rückversicherungsschutz. Für die Rückversicherer wächst damit zugleich die Chance, deutlich höhere Prämien durchsetzen zu können. In einem zweiten, späteren Schritt also werden sie von dieser Katastrophe auch profitieren.

mm: Nun müssen Rück- und Erstversicherer gerade in Japan zum 1. April viele ihrer Verträge erneuern. Mit welchem Prämienaufschlag rechnen Sie?

Zielke: Angesichts des Ausmaßes des Unglücks in Japan werden sich die Prämiensteigerungen vermutlich im zweistelligen Bereich bewegen. Mit mehr als 20 Prozent im Schnitt rechne ich allerdings nicht. Klar ist, die Kumulation der Katastrophen in diesem Jahr dürfte im Rückversicherungsmarkt zu der lang erhofften Preiswende führen.

mm: Die europäische Versicherungsaufsicht Eiopa will angesichts der Japan-Erfahrungen künftige Stresstests um ein Katastrophenszenario erweitern. Halten Sie das für eine gute Idee?

Zielke: Nein, bereits der letzte Testlauf zu den neuen Eigenkapitalrichtlinien Solvency II hat gezeigt, dass die meisten Versicherer das Naturkatastrophenmodul der Aufsicht schlicht nicht verstanden hatten. Und Naturkatastrophen berühren in erster Linie Rück- und nicht die Erstversicherer.

mm: Die Allianz zum Beispiel ist in Japan als Rückversicherer sowie im Geschäft mit Firmenkunden und Kreditversicherungen aktiv. Ist der erweiterte Stresstest der Eiopa insofern nicht legitim?

Zielke: In gewisser Weise mag das zutreffen. Ich denke aber, dass viele Erstversicherer bereits über entsprechende Risikomodelle verfügen und ohnehin ein internes Modell anstreben. Insofern sehe ich wenig Sinn in zusätzlichen Katastrophenszenarien als weitere Stressfaktoren.

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