Hungerkrise Nicht mit 100 Jahre alten Methoden

Nahrungsmittel sind knapp. Stefan Marcinowski, im Vorstand der BASF zuständig für Pflanzenschutz- und Agrarforschung, sagt im Gespräch mit dem manager magazin, warum die weltweite Ernährungskrise mit moderner Technik gelöst werden kann. Und einer besseren Politik für die Dritte Welt.
Konventionelle Methoden: Der Einsatz von Hochleistungssaatgut und Pflanzenschutzmittel könnten deutlich höhere und stabilere Ernteerträge liefern

Konventionelle Methoden: Der Einsatz von Hochleistungssaatgut und Pflanzenschutzmittel könnten deutlich höhere und stabilere Ernteerträge liefern

Foto: © Paulo Whitaker / Reuters / REUTERS

mm: In Ägypten und Tunesien haben die Menschen auch gegen die hohen Lebensmittelpreise protestiert. Gefährdet eine schlechtere Versorgung mit Nahrung die politische Stabilität?

Marcinowski: Essen und Trinken sind Grundbedürfnisse der Menschen. Deshalb ist die sichere Versorgung mit gesunden und erschwinglichen Lebensmitteln von zentraler Bedeutung für die politische Stabilität weltweit. Schon 2008 hat die sogenannte Tortillakrise in Mexiko gezeigt, dass gestiegene Lebensmittelpreise weitreichende politische Krisen nach sich ziehen.

mm: Wie hat sich die Situation seither verändert?

Marcinowski: Die Gefährdung besteht unverändert: Wir erleben aktuell bereits zum zweiten Mal im neuen Jahrtausend Rekordpreise für landwirtschaftliche Rohstoffe wie Weizen, Mais und Reis. Deren weltweite Vorräte sind vergleichsweise gering, und die Qualität und Menge der Ernten in diesem Jahr sind noch nicht sicher abzuschätzen.

mm: In Australien zerstörte die große Flut Teile der Ernten. China steht vor einer gefährlichen Dürre. In Japan haben Erdbeben und Tsunami riesige Landstriche vernichtet. Ist die Ernährung der Welt überhaupt noch sicher?

Marcinowski: Generell gilt: Viele Länder sind schon heute kaum in der Lage, ihre wachsende Bevölkerung zu ernähren und zugleich mit den vorhandenen Agrarflächen auszukommen. Auch die exzellente Versorgung in Europa kommt nur dadurch zustande, weil wir es uns leisten können, Jahr für Jahr zusätzliche Agrarprodukte zu importieren. Für deren Herstellung werden auf anderen Kontinenten 35 Millionen Hektar Anbaufläche beansprucht. Das entspricht etwa einem Drittel der gesamten europäischen Ackerfläche.

mm: Und dabei nimmt die Weltbevölkerung noch ständig zu. Wie soll unser Planet denn die 9 Milliarden Menschen, die ihn nach Schätzung der Weltbank 2050 bevölkern werden, mit ausreichend Nahrung versorgen?

Marcinowski: Der globale Bedarf an Nahrungsmitteln wird bis 2050 um 70 Prozent steigen. Wenn es uns nicht gelingt, durch höhere Produktivität auf den gleichen Ackerflächen mehr Nahrung zu erzeugen, werden wir weltweit mehr Hunger sehen. Das könnte die geopolitische Stabilität erheblich gefährden.

mm: Wie kann die weltweite Landwirtschaft ihre Produktivität so stark steigern?

Marcinowski: Die Landwirtschaft hat global große Potenziale, die aber zur Zeit vielfach noch nicht ausgeschöpft werden. In vielen Schwellen- und Entwicklungsländern könnte allein der konsequente Einsatz von konventionellen Methoden wie Hochleistungssaatgut und Pflanzenschutzmittel deutlich höhere und stabilere Ernteerträge liefern.

mm: Sinkt nicht der Produktivitätszuwachs durch solche Methoden seit vielen Jahren?

Marcinowski: Das stimmt für die hochentwickelte Landwirtschaft in weiten Teilen Europas und den USA. Dort sind die herkömmlichen Strategien weitgehend ausgereizt. Hier können wir mehr Produktivität durch innovative Agrartechnik wie zum Beispiel GPS-gesteuerte Düngung und Schädlingsbekämpfung erreichen.

mm: Und wie stehen Sie zu der umstrittenen Gentechnik?

Marcinowski: Sie sprechen die Pflanzenbiotechnologie an: Mit ihrer Hilfe werden deutliche Ertragsteigerungen erreicht. Wir können zum Beispiel gezielt Pflanzen mit Eigenschaften wie Toleranz gegen Trockenheit oder salzige Böden ausstatten. Letztlich müssen wir alle vorhandenen Technologien nutzen, um Nahrung, Futtermittel und Energie in ausreichendem Maß für alle Menschen erzeugen zu können. Innovation ist dazu der zentrale Schlüssel.

mm: Von Innovationen in der Landwirtschaft - mal abgesehen vom umstrittenen Genmais - haben wir in den vergangenen zwei Jahrzehnten aber nicht viel gehört. Woran liegt das?

Marcinowski: Die Ursachen, dass bei uns Innovationen nur langsam auf den Markt kommen, sind vielfältig. In Europa zum Beispiel wurde die Agrarforschung im öffentlichen Bereich zurück gefahren. Der private Agrarsektor wird durch politische Rahmenbedingungen und Technikskepsis behindert. Das bremst den Produktivitätsfortschritt. Dabei könnte moderne Agrartechnik und Pflanzenbiotechnologie die Erträge messbar und gezielt steigern, wie Daten vom amerikanischen Kontinent, aber auch aus Entwicklungsländern eindrucksvoll belegen.

mm: Und an dem mangelnden Fortschritt sind nur die fehlenden Forschungsgelder und die Technikangst der Europäer schuld?

Marcinowski: Für mehr Produktivität in der Landwirtschaft ist neben der Technik auch die Politik gefragt. Ich wünsche mir, dass Politiker auch hier in Europa das Thema Landwirtschaft und Ernährung als globale Aufgabe verstehen.

mm: Was heißt das konkret?

Marcinowski: Wir brauchen eine stärkere internationale Vernetzung der Agrarpolitik, bei der die jeweiligen landwirtschaftlichen Organisationen in den einzelnen Ländern besser eingebunden werden und man voneinander lernt. Das Thema muss dauerhaft auf der Tagesordnung bleiben und nicht nur behandelt werden, wenn die Preise für landwirtschaftliche Rohstoffe in die Höhe schnellen und Menschen auf die Straße gehen. Das würde auch helfen, die gesellschaftliche Akzeptanz für die moderne Hochleistungslandwirtschaft zu steigern. Denn wir können nun mal nicht mit den Methoden von vor 100 Jahren die Weltbevölkerung von heute und morgen satt machen.

mm: Dann müssen Sie uns jetzt aber einmal beweisen, dass die industrielle Landwirtschaft tatsächlich große Produktivitätssprünge ermöglicht.

Marcinowski: Nur ein Beispiel: Heute geht weltweit immer noch rund ein Drittel der Ernten durch Krankheiten, Schädlinge oder Unkräuter verloren. Pilze können durch Stoffwechselprodukte Lebensmittel so verunreinigen, dass ihr Verzehr gesundheitsschädigend wirkt. Moderne Pflanzenschutzmittel - wie sie die BASF anbietet - sichern nicht nur die Ernten, sondern sorgen auch dafür, dass Lebensmittel verfügbar, bezahlbar und von hoher Qualität sind.

mm: Hochleistungssaatgut und teure Pflanzenschutzmittel können sich nur Großbauern oder Agrarkonzerne leisten. Wie sollen die vielen Kleinbauern in der Dritten Welt ihre Produktivität steigern?

Marcinowski: Die BASF  arbeitet seit 2007 mit neuen Geschäftsmodellen für kleine und mittlere Landwirte in Entwicklungsländern. Begonnen haben wir in Indien: Anstatt Pflanzenschutzprodukte für hochwertige Kulturen nur durch Händler zu verkaufen, arbeiten die Kollegen dort direkt mit Landwirten und beraten sie während der ganzen Anbausaison. Das Projekt ist ein Erfolg, nicht nur für die 180.000 teilnehmenden Bauern, sondern auch für unseren Absatz in Indien. Es zeigt, dass ein marktwirtschaftlich erfolgreiches Geschäftsmodel mit Kleinst-Landwirten aufgebaut werden kann - und das übertragen wir nun auf andere Länder wie Sri Lanka, Indonesien, Kenia oder Marokko.

mm: Die Welt verlangt nicht nur nach Lebensmitteln. Die Landwirtschaft soll zusätzlich noch Biosprit und nachwachsende Rohstoffe für die Industrie liefern. Welche Lösungen haben Sie für diese zusätzliche Nachfrage?

Marcinowski: Die Pflanzenbiotechnologie trägt nicht nur zu einer leistungsfähigeren und nachhaltigeren Landwirtschaft bei, sondern erleichtert auch die vereinfachte Gewinnung von nachwachsenden Rohstoffen. Unsere gentechnisch veränderte Kartoffel Amflora etwa produziert nur noch die von der Papier- und Textilindustrie benötigte Stärkeart, so dass ein aufwendiger und energieintensiver Produktionsschritt zur Stärketrennung entfällt.

mm: Die Amflora gibt es schon seit vielen Jahren. Woran forscht die BASF für die Zukunft?

Marcinowski: Unser Fokus liegt auf der Sicherung und Steigerung von Ernten mittels Pflanzenschutzmittel und Züchtungsmethoden. Dafür investieren wir pro Jahr mehr als eine halbe Milliarde Euro in Forschung und Entwicklung. Unsere Pipeline ist voll mit attraktiven neuen Ideen, zum Beispiel Reis mit höherem Ertrag oder Raps, der gesunde Omega-3-Fettsäuren enthält.

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