Munich Re Nach Japan müssen alle neu rechnen

Bei der Bilanzvorlage in der vergangenen Woche hatte der Rückversicherer mitgeteilt, die Schäden aus Naturkatastrophen im ersten Quartal 2011 seien schon so hoch, wie man sie für das ganze Jahr veranschlagt hatte. Nun kommt es durch Japan vielleicht noch schlimmer. Der Konzern versucht zu beruhigen. 
Von Cornelia Knust
Schäden in Milliardenhöhe: Nach dem Abfließen des Wassers wird das Ausmaß der Zerstörung offensichtlich

Schäden in Milliardenhöhe: Nach dem Abfließen des Wassers wird das Ausmaß der Zerstörung offensichtlich

Foto: AFP/ JIJI PRESS

München - Der Rückversicherer Munich Re sitzt in der Klemme. Die Aktie ist seit Freitag in Folge der Katastrophe in Japan massiv unter Druck. Versicherungsanalysten beeilen sich, das Kursziel der Aktie nach unten zu revidieren. Gleichzeitig kann der Rückversicherer das Ausmaß der Schäden insgesamt, den Anteil der versicherten Schäden und vor allem den Anteil der in ihren Büchern stehenden rückversicherten Schäden offenbar noch nicht seriös abschätzen.

In einer Pressemitteilung heute morgen behalf sich der Konzern zunächst mit allgemeinen Feststellungen: "Fest steht, dass bei Erdbebendeckungen im japanischen Privatkundengeschäft nur ein sehr kleiner Teil des Risikos ins Ausland transferiert wird".

Zwar dürfte zumindest bei den Erstversicherern längst ein Stab von wissenschaftlichen Mitarbeitern ausgeschwärmt sein, die an der Seite von Technischem Hilfswerk und Rettungskräften aller Art die Erdbebengebiete in Nord-Ost-Japan besichtigen, um die Schäden zu schätzen und Daten für künftige Katastrophen zu sammeln. Eine Sprecherin der Munich Re  sagte aber, sie gehe nicht davon aus, dass aus ihrem Haus schon jemand im Katastrophengebiet sei.

Keine signifikanten Belastungen aus japanischen Atommeilern

Sie sagte weiter, aus einem Unfall in einem Atomkraftwerk seien keine signifikanten Belastungen zu erwarten. Schäden durch Erdbeben und Tsunami seien in den Versicherungsverträgen teilweise ausgenommen, zumindest bei den Verträgen des sogenannten Atom-Pools, in das sich Versicherer zusammengeschlossen hätten, um die Betreiber von Atommeilern in aller Welt abzusichern. Dort gälten zudem Limits; jenseits dieser Limits hafte der jeweilige Staat.

Darüber hinaus gebe es Einzelverträge von Versicherungsunternehmen mit den Betreibergesellschaften der Atomkraftwerke, bei denen Schäden etwa durch einen Tsunami nicht unbedingt ausgeschlossen seien. Bei diesen Verträgen sei die Munich Re als Rückversicherer solcher Risiken aber nicht signifikant betroffen.

Ein Sprecher der Munich Re erläuterte zudem, die am Freitag genannte Zahl von zwei Milliarden Euro Höchstschaden für die Munich Re. Der Vorstandsvorsitzende Nikolaus von Bomhard hatte sie am Freitag vor Analysten in London genannt. Dies sei eine theoretische Zahl, sagte der Sprecher. Danach handelt es sich um die maximale Exponierung des Konzerns im Falle eines Erdbebens in Japan, wie es nur alle 200 Jahre vorkommt, und zwar unter der Annahme, dass ein Ballungs- und Wirtschaftsraum wie Tokio betroffen ist. Dieser angenomme Selbstbehalt sei noch einmal durch einen Risikopuffer im Faktor von 1,75 der Summe abgesichert.

Neue Preisschilder

Haben wir richtig kalkuliert? Diese Frage ist entscheidend für jedes Versicherungsunternehmen und auch für einen Rückversicherer wie die Munich Re. "Wir lernen aus jedem Großereignis", sagt ein Unternehmenssprecher. So sei der Hurrikan Katrina, der 2005 die Südküste der USA und vor allem die Stadt New Orleans verwüstete, eine wichtige Lernstunde für den Konzern gewesen, der daraus Schäden im Wert von 1,6 Milliarden Euro schultern musste.

Nicht die Schwere des Sturms sei damals überraschend gewesen, sondern die Tatsache, dass die Mauern entlang der Kanäle in der Stadt gebrochen seien. Aus solchen Beobachtungen ziehe das Unternehmen Rückschlüsse, wie Risiken künftig getragen, gestreut und verkraftbar gemacht werden könnten und - welches "Preisschild" sie bekämen. Genauso werde man auch aus der Katastrophe in Japan lernen.

Seit Jahren beklagen Rückversicherer die ruinöse Preisentwicklung in der Branche. Sie ist geprägt von Überkapazitäten und starkem Wettbewerb. Seriöse Anbieter wie die Munich Re geben seit langem die Devise aus: Nicht rentierliche Risiken werden nicht gezeichnet. Branchenkenner spekulieren nun, ob die Katastrophe in Japan endlich Bewegung in die Preise bringt - Bewegung nach oben.

Ein Stab eigener Geowissenschaftler

Um die Risiken zu kalkulieren beschäftigt die Munich Re einen Stab von 17 Geowissenschaftlern unter der Leitung des Meteorologen Peter Höppe. Sie betrachten die Gefahren aus Plattentektonik und Erderwärmung, aber auch aus Gentechnik, Nanotechnologie oder Pandemien und entwickeln Modelle zur Risikoabschätzung - oft im Kontakt mit Wissenschaftlern an Universitäten und Forschungseinrichtungen.

Aber auch beliefert von Spezialisten wie die amerikanischen Firma Risk Management Solutions (RMS) in Newark (Kalifornien) mit 1500 Mitarbeitern. RMS bezeichnet sich als Weltmarktführer für die Quantifizierung und das Management von Katastrophenrisiken. Ihren Kunden hat sie für den heutigen Montag ein Update für das Erdbeben in Japan angekündigt.

Der Gründer und langjährige Leiter der Georisikogruppe der Munich Re, Professor Gerhard Berz, hat Anfang 2010 ein Buch veröffentlicht ("Wie aus heiterem Himmel?", dtv), in dem er äußerst beunruhigende Katastrophen-Szenarien entwickelt, besonders im Hinblick auf die Verstädterung. Nicht nur die auffällige Häufung von Naturkatastrophen sei bedenklich, sondern die zunehmende Anfälligkeit von Regionen mit großer Bevölkerungs- und Wertedichte. In diesen Gebieten sind auch bei vergleichsweise geringeren Todeszahlen und Verwüstungen die versicherten Schäden regelmäßig sehr hoch.

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