Donnerstag, 18. Juli 2019

Wolfgang Reitzle Angekommen

Siegerlächeln: Linde-Chef Wolfgang Reitzle hat ein Rekordergebnis präsentiert

Sein Vertrag bei Linde läuft bis zur Hauptversammlung im Mai 2012, dann ist er 63. Allen Anzeichen nach will Wolfgang Reitzle verlängern. Ein Nachfolger ist noch nicht in Sicht. Der Provokateur und ehrgeizige Macher ist nebenbei in seiner alten Branche, der Autoindustrie, zum Friedensstifter geworden.

München - Wäre Wolfgang Reitzle bei seinem ersten Unternehmen BMW geblieben, wäre er also dort wie erhofft die Nummer eins geworden - er hätte nach den internen Regeln des Hauses schon mit 60 ausscheiden müssen. Bei Linde Börsen-Chart zeigen aber darf er offenbar länger machen.

Im November 2010 ließ er gegenüber Journalisten durchblicken, dass sie ihn noch länger sehen würden. Auf der Bilanzpressekonferenz vergangene Woche sagte er, er habe dem nichts hinzuzufügen. Zu vermuten steht, dass sein Vertrag, der mit der Hauptversammlung 2012 ausläuft, noch einmal um drei Jahre verlängert wird.

Schon jetzt wird er ob seiner Verdienste bei dem Hersteller von Industriegasen mit Ehrungen überschüttet. Linde präsentierte schließlich für das Jahr 2010 ein Rekordergebnis sowohl beim Umsatz wie auch beim Gewinn. Sogar die Aktionärsvereinigung DSW hat ihn jüngst ausgezeichnet, ihm unternehmerischen Mut attestiert, ihn für wachsenden Erfindungsgeist und den neuen "Spirit" im Hause Linde gelobt. Reitzle bedankte sich artig bei den Hütern der "Kultur des Eigentums und der Verantwortung".

Beinahe staatsmännisch versucht Schnellredner Reitzle manchmal zu wirken. Das etwas Eitle, etwas Arrogante, das den brillanten Techniker und Schnelldenker stets umwob, ist aber immer noch da. Ebenso das Oberlippenbärtchen, die etwas dandyhafte Kleidung. Reitzle, Ingenieur und Betriebswirt, 1949 in Ulm geboren, ist seit 2002 im Linde-Vorstand und seit 2003 sein Vorsitzender. 2009 übernahm er nebenbei noch eine delikate Zusatzaufgabe: Den Aufsichtsratsvorsitz von Continental Börsen-Chart zeigen, der ihn an mindestens einem von sieben Tagen fordert, wie sein Sprecher sagt.

Großverdiener unter den Dax-Vorständen

In der Presse taucht Reitzle heute fast öfter im Zusammenhang mit Conti auf, wo der Streit über eine Fusion mit dem Mehrheitsaktionär Schaeffler immer wieder Wellen schlägt. Reitzle, der Provokateur, der ehrgeizige Macher, ist in seiner alten Branche, der Autoindustrie, zum Friedensstifter geworden.

Linde allein war ihm wohl auf Dauer zu langweilig, nachdem er dort eine klassische Fokussierungsstory hingelegt hatte, nach einem Fahrplan wie aus dem Lehrbuch für Investmentbanker. Unter Reitzle wurde aus dem Tanker der Deutschland AG eine margenstarken Fregatte, die heute unauffällig und ziemlich mühelos funktioniert. Dafür erhält Reitzle auch regelmäßig eines der höchsten Vorstandsgehälter unter den Lenkern der Dax-Konzerne. 2010 waren es knapp 7 Millionen Euro.

Das ist weit mehr als ein BMW-Vorstandsvorsitzender bekommt, ein Posten, den ihm ein gewisser Eberhard von Kuenheim 1993 nicht gönnte (als Nachfolger seiner selbst) und auch nicht 1999 (als Nachfolger von Bernd Pischetsrieder). Reitzle verließ BMW Börsen-Chart zeigen nach 23 Jahren, machte drei Jahre Station bei Ford Börsen-Chart zeigen in England, führte für die Amerikaner eine Handvoll Marken, schrieb ein Buch.

Dann holte ihn Linde-Aufsichtsratschef Hans Meinhardt in den Vorstand, damals noch nach Wiesbaden. Und siehe da: Fünf Jahre später war Reitzle wieder daheim in München.

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