Wolfgang Reitzle Angekommen

Sein Vertrag bei Linde läuft bis zur Hauptversammlung im Mai 2012, dann ist er 63. Allen Anzeichen nach will Wolfgang Reitzle verlängern. Ein Nachfolger ist noch nicht in Sicht. Der Provokateur und ehrgeizige Macher ist nebenbei in seiner alten Branche, der Autoindustrie, zum Friedensstifter geworden.
Von Cornelia Knust
Siegerlächeln: Linde-Chef Wolfgang Reitzle hat ein Rekordergebnis präsentiert

Siegerlächeln: Linde-Chef Wolfgang Reitzle hat ein Rekordergebnis präsentiert

München - Wäre Wolfgang Reitzle bei seinem ersten Unternehmen BMW geblieben, wäre er also dort wie erhofft die Nummer eins geworden - er hätte nach den internen Regeln des Hauses schon mit 60 ausscheiden müssen. Bei Linde  aber darf er offenbar länger machen.

Im November 2010 ließ er gegenüber Journalisten durchblicken, dass sie ihn noch länger sehen würden. Auf der Bilanzpressekonferenz vergangene Woche sagte er, er habe dem nichts hinzuzufügen. Zu vermuten steht, dass sein Vertrag, der mit der Hauptversammlung 2012 ausläuft, noch einmal um drei Jahre verlängert wird.

Schon jetzt wird er ob seiner Verdienste bei dem Hersteller von Industriegasen mit Ehrungen überschüttet. Linde präsentierte schließlich für das Jahr 2010 ein Rekordergebnis sowohl beim Umsatz wie auch beim Gewinn. Sogar die Aktionärsvereinigung DSW hat ihn jüngst ausgezeichnet, ihm unternehmerischen Mut attestiert, ihn für wachsenden Erfindungsgeist und den neuen "Spirit" im Hause Linde gelobt. Reitzle bedankte sich artig bei den Hütern der "Kultur des Eigentums und der Verantwortung".

Beinahe staatsmännisch versucht Schnellredner Reitzle manchmal zu wirken. Das etwas Eitle, etwas Arrogante, das den brillanten Techniker und Schnelldenker stets umwob, ist aber immer noch da. Ebenso das Oberlippenbärtchen, die etwas dandyhafte Kleidung. Reitzle, Ingenieur und Betriebswirt, 1949 in Ulm geboren, ist seit 2002 im Linde-Vorstand und seit 2003 sein Vorsitzender. 2009 übernahm er nebenbei noch eine delikate Zusatzaufgabe: Den Aufsichtsratsvorsitz von Continental , der ihn an mindestens einem von sieben Tagen fordert, wie sein Sprecher sagt.

Großverdiener unter den Dax-Vorständen

In der Presse taucht Reitzle heute fast öfter im Zusammenhang mit Conti auf, wo der Streit über eine Fusion mit dem Mehrheitsaktionär Schaeffler immer wieder Wellen schlägt. Reitzle, der Provokateur, der ehrgeizige Macher, ist in seiner alten Branche, der Autoindustrie, zum Friedensstifter geworden.

Linde allein war ihm wohl auf Dauer zu langweilig, nachdem er dort eine klassische Fokussierungsstory hingelegt hatte, nach einem Fahrplan wie aus dem Lehrbuch für Investmentbanker. Unter Reitzle wurde aus dem Tanker der Deutschland AG eine margenstarken Fregatte, die heute unauffällig und ziemlich mühelos funktioniert. Dafür erhält Reitzle auch regelmäßig eines der höchsten Vorstandsgehälter unter den Lenkern der Dax-Konzerne. 2010 waren es knapp 7 Millionen Euro.

Das ist weit mehr als ein BMW-Vorstandsvorsitzender bekommt, ein Posten, den ihm ein gewisser Eberhard von Kuenheim 1993 nicht gönnte (als Nachfolger seiner selbst) und auch nicht 1999 (als Nachfolger von Bernd Pischetsrieder). Reitzle verließ BMW  nach 23 Jahren, machte drei Jahre Station bei Ford  in England, führte für die Amerikaner eine Handvoll Marken, schrieb ein Buch.

Dann holte ihn Linde-Aufsichtsratschef Hans Meinhardt in den Vorstand, damals noch nach Wiesbaden. Und siehe da: Fünf Jahre später war Reitzle wieder daheim in München.

Professor und in angenehmer Umgebung

Reitzle hat alles erreicht, trägt sogar den Professoren-Titel seiner Alma Mater TU-München, der das Unternehmen eine Carl von Linde Akademie gestiftet hat. Dieser Carl Linde begann 1879 in Wiesbaden mit der Fertigung von Eismaschinen. 1895 gelang ihm die Verflüssigung von Luft. 1902 funktionierte erstmals die Rektifikation, also die Zerlegung der Luft in ihre Bestandteile. Schneiden, schweißen, kühlen waren die Kompetenzen von Linde - 100 Jahre lang. Die Gabelstapler wurden erst später zugekauft.

Dann kam Reitzle und baute den Konzern komplett um. 2004 wurde die Kältetechnik endgültig abgestoßen, 2006 auch die Gabelstaplersparte; sie firmiert heute unter Kion und gehört Goldman Sachs  und dem Finanzinvestor KKR . Mit dem erlösten Geld traute sich Linde im selben Jahr eine riesige Übernahme zu (die britische BOC) und verlegte außerdem 2007 den Sitz der Unternehmenszentrale von Wiesbaden nach München.

Dort, am Stadtrand, schlug schon vorher das Herz des Anlagenbaus, dort sitzen jede Menge Ingenieure und Entwickler. Doch Reitzle zog eine Residenz mitten in der Stadt vor, in ausgefeilter Architektur gleich neben der neuen Synagoge.

Übernahmekampf der Wettbewerber beendet

Und da scheint es beinahe gemütlich zu sein. Schließlich ist der Gasmarkt ein Oligopol. Der Marktführer heißt Air Liquide  aus Frankreich, Linde folgt auf Platz zwei, hat aber in der Wachstumsregion Asien und auch in Deutschland die Nase vorn. Die etwas kleineren Wettbewerber Air Products und Airgas lieferten sich bis vor ein paar Wochen einen feindlichen Übernahmekampf, der durch einen Gerichtsentscheid beendet wurde. Weitere Anbieter sind die amerikanische Praxair oder das kleine deutsche Familienunternehmen Messer.

Der Markt ist lokal, da sich ein Transport über mehr als 200 Kilometer nicht rechnet, und der Markt ist vielfältig: Keine Branche, von der Stahlindustrie bis zum Gesundheitswesen, trägt mehr als 10 Prozent zum Linde-Umsatz bei. Neben dem Handel mit Gas betreibt Linde auch den Anlagenbau für die Gasherstellung.

Zunehmend beliebt sind Betreibermodelle mit einer Laufzeit von in der Regel 15 Jahren; da unterhält der Gashersteller eigene Anlagen auf dem Gelände des jeweiligen Abnehmerunternehmens. Auch Tankstellen für Wasserstoffautos bieten Zukunftschancen; geplant sind zusammen mit Partnern erstmal 1000 in Deutschland, Kostenpunkt für jede: 1,5 Millionen Euro.

Am Ende gar Aufsichtsratschef?

2003, als Reitzle kam, war Linde als Unternehmen nicht gerade eine Perle, sondern ein unübersichtliches Gebilde unter dem Einfluss des Versicherungskonzerns Allianz , der Deutschen Bank  und der Commerzbank . Der Aktienkurs dümpelte wegen eines Konglomeratsabschlags bei 23 Euro.

Heute steht der Kurs bei 112 Euro. Der Aktionärskreis ist international mit vielen langfristig orientierten Fonds. Allein die Allianz hält noch 4 Prozent des Kapitals und sitzt zusammen mit den Bankern im Aufsichtsrat.

Doch den Aufsichtsratsvorsitz hat Ex-Bayer-Chef Manfred Schneider, ein Mann der Chemiebranche, zu der sich Linde zählt. Wenn 2015 ein Nachfolger für Reitzle ernannt werden muss, ist Schneider 77 Jahre alt und dürfte den Platz frei machen, womöglich gar für Reitzle. Noch ist aber kein Kandidat für den Vorstandschef in Sicht, auch nicht unter Reitzles vier Vorstandskollegen, von denen drei noch etwas jünger sind.

Die sonstigen Risiken für die Zukunft scheinen übersichtlich. Natürlich ist Lindes Erfolg mit dem Konjunkturverlauf korreliert, aber nicht eins zu eins, weil die Branchen sich unterschiedlich bewegen. Natürlich ist Gas ein Commodity-Produkt, weshalb es immer neue Anwendungen zu finden gilt, um gut im Geschäft zu bleiben.

Kaum Währungsrisiken

Aber wer in 100 Ländern aktiv ist, vor allem in Schwellenländern stark wächst und wegen der lokalen Produktion nicht einmal Währungsrisiken schultern muss, der geht wohl glatt als Globalisierungsgewinner durch und kann in Ruhe wirtschaften. Vielleicht kann sich Reitzle auch deshalb derzeit so dezidiert und offen zum Thema Risiko äußern - in dieser zwischen Krisen taumelnden Weltwirtschaft.

Privat ist Reitzle den Schlagzeilen etwas entwachsen. Seit 2001 ist er in zweiter Ehe mit der Moderatorin Nina Ruge, 54, verheiratet, und unterhält mit ihr ein Haus in der Toskana. Aus erster Ehe hat er zwei erwachsene Töchter. Über sein stets einstelliges Handicap beim Golfspielen hat man länger nichts gelesen. Auch seinem in den Rezensionen vor zehn Jahren eher nachsichtig bedachten Buch "Luxus schafft Wohlstand" folgte bislang keine weitere Veröffentlichung. Schriftliche Betrachtungen über seine Gipfelstürme hat der extravagante Reitzle bisher unterlassen.

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