Bezahlfernsehen Deutsche TV-Zukunft von Tiefrot bis Magenta

Der deutsche Pay-TV-Markt wird geprägt von zwei Anbietern: Während der Bezahlsender Sky Deutschland seit Jahren auf schwarze Zahlen hofft, träumt die Deutsche Telekom von einer Fernsehzukunft in Magenta. Jetzt dehnt sich der Zweikampf auf die Übertragungsrechte der Fußball-Bundesliga aus.
Von Kristian Klooß
Objekt der Begierde: Telekom und Sky kämpfen um die Übertragungsrechte der Fußball-Bundesliga (im Bild: Spieler von Borussia Dortmund)

Objekt der Begierde: Telekom und Sky kämpfen um die Übertragungsrechte der Fußball-Bundesliga (im Bild: Spieler von Borussia Dortmund)

Foto: THOMAS BOHLEN/ REUTERS

Hamburg - Der Wettbewerb um deutsche Pay-TV-Kunden ist vor allem eins: unübersichtlich. Knapp sechs Millionen Bezahlfernsehkunden gibt es in der Bundesrepublik - je nach Definition. Sie verteilen sich im Wesentlichen auf den Premiere-Nachfolger Sky Deutschland , die Deutsche Telekom  und einige Kabelnetz- und Satellitenbetreiber.

Doch die Strategien der zwei wichtigsten Spieler im Markt, von Sky und Telekom, könnten kaum unterschiedlicher sein. Während Sky bislang vor allem auf das klassische Fernsehen als Plattform seiner Film- und Sportprogramme setzt, dominiert die Telekom mit den Produkten "Entertain" und "Liga Total" das Onlinegeschäft.

Kooperation bei der "Grundversorgung"

Zuletzt machten die Wettbewerber zwar durch eine Kooperation auf sich aufmerksam: Der Bonner Konzern wird künftig die Angebote des Münchener Senders verbreiten. Doch der Deal hat einen Haken: Er gilt nur für das neue lokale Kabelfernsehangebot der Telekom, das sie unter dem Namen "TV-Grundversorgung" vertreibt.

Dieses Geschäft mit Wohnungsgesellschaften und Hausgemeinschaften bauen die Bonner derzeit neu auf. Denn die EU-Kommission hatte den Konzern 2003 zu einer Abspaltung seines Fernsehkabelgeschäfts gezwungen.

Unternehmen wie Kabel Deutschland, Kabel BW und Unitymedia gingen aus dieser Abspaltung hervor. Auch sie bieten heute Bezahlfernsehen an. Auch sie haben die Sky-Sender seit Kurzem im Programm.

Beim Pay-TV Partner, vor Gericht Gegner

Jahrelang hatte sich der einst als Premiere firmierende Bezahlsender vor solchen Kooperationen gesträubt. Und auch die Zusammenarbeit mit der Deutschen Telekom ist insofern bemerkenswert, da Sky und die Telekom bis 2009 bereits miteinander kooperiert hatten. Damals beendete Sky allerdings die Partnerschaft, nachdem die Bonner damit begonnen hatten, die Fußball-Bundesliga im Internet zu übertragen.

Das via Internet empfangbare IPTV-Angebot der Telekom, über das der Konzern seine Entertain-Angebote in die deutschen Wohnzimmer überträgt, ist von der aktuellen Kooperation ausgenommen. Sky-Spielfilme in HD-Bildqualität wird es auf den Onlinekanälen der Telekom somit vorerst nicht geben.

Im Gegenteil, im Streit um die Vermarktung ihrer konkurrierenden Plattformen trafen sich die Kontrahenten zuletzt vor Gericht. Das Landgericht Hamburg gab Ende Januar einer einstweiligen Verfügung statt, die Sky gegen die Deutsche Telekom im August 2010 angestrengt hatte. Sky bemängelte, dass die Werbung für die Fußball-Bundesliga-Berichterstattung der Telekom den Anschein erwecke, das mobile Angebot sei mit jedem Handy verfügbar.

Künftig muss die Telekom deutlich machen, dass ein Smartphone nötig ist, um das Fußballprogramm der Bonner zu empfangen.

Die Telekom will fünf, Sky wäre mit drei Millionen zufrieden

Für Telekom-Chef René Obermann, der an diesem Freitag die Jahresergebnisse des Konzerns präsentiert, dürfte die Klage eine Randnotiz bleiben. Dies gilt zumindest dann, wenn seine Pay-TV-Pläne wahr werden. Denn bis 2013 will der Magenta-Riese die Marktführerschaft im Pay-TV übernehmen.

Bis 2015 will die Telekom fünf Millionen Pay-TV-Kunden gewinnen. Schon heute sind es nach Angaben des Unternehmens mehr als eine Million.

"Ich denke, dass die Deutsche Telekom aus unterschiedlichen Gründen Chancen hat, diese Ziele zu erreichen", sagt Thomas Liskamm, Analyst bei der Commerzbank. Gerade bei der jüngeren Generation sei das Interesse an einem multimedialen Gesamtangebot über DSL groß. "Junge Menschen verzichten in ihren Haushalten immer häufiger auf den klassischen Telefon-, Kabel- oder Satellitenanschluss."

Und umso schneller der Anschluss, desto besser. Vor diesem Hintergrund investiert die Telekom derzeit Milliarden in den Ausbau von Glasfasernetzen, die das VDSL-Netz ergänzen sollen. Bis 2012 werden so rund 10 Prozent der deutschen Haushalte an die schnellen Glasfasern angeschlossen sein, mit denen sich hochauflösende Pay-TV-Programme ruckelfrei übertragen lassen.

Nur einmal beendete der Bezahlsender ein Jahr im Plus

Während Obermann in Bonn von fünf Millionen Pay-TV-Nutzern träumt, wäre Brian Sullivan im 500 Kilometer entfernten Unterföhring schon mit drei Millionen zufrieden. Denn mit so vielen Abonnenten könnte der Chef des Bezahlsenders Sky erstmals schwarze Zahlen in die Schaltzentrale des Medienunternehmers Rupert Murdoch nach New York schicken, der 49,9 Prozent des Senders besitzt.

Am Donnerstag musste das Unternehmen allerdings einen kräftigen Verlust vermelden. Die Sky Deutschland AG  hat unter dem Strich ein Minus von rund 407 Millionen Euro verbucht.

In der Branche frotzeln Wettbewerber schon einmal über den von Sky neu definierten Begriff des "Pay-TV" - wobei das "Pay" nicht für die Zuseher, sondern für die Eigner stehe. Denn das einzige Jahr, in dem der Sender Gewinne schrieb, war das Jahr 2005. Damals debütierte das Unternehmen an der Börse - seitdem schreibt der MDax-Wert Quartal um Quartal Verluste.

Seit dem Börsengang wurden schon acht Kapitalerhöhungen auf den Weg gebracht. Nach einem Verlust von 677 Millionen Euro im Geschäftsjahr 2010 stockte Großaktionär Rupert Murdoch die zuletzt vereinbarte Finanzspritze von 340 Millionen Euro auf 400 Millionen Euro auf.

Es war das vierte Mal, dass Murdoch Geld aus eigener Tasche zuschoss. Am Donnerstag gab er bekannt, dass die nächsten 48 Millionen für den Aufbau eines neuen Sportsenders auch schon bereitstehen - rund eine Milliarde Euro an Zuschüssen sind so seit seiner Übernahme der Aktienmehrheit zusammengekommen.

Die jüngsten Zahlen geben Sky Hoffnung

Und doch machte ihm seine deutsche Beteiligung zuletzt durchaus Hoffnung. Denn im viertel Quartal gewann der Sender 131.000 neue Abonnenten dazu - im vierten Quartal des Vorjahres waren es im Vergleich dazu nur 39.000. Und die Kündigungsrate lag zuletzt niedriger als die des britischen Schwestersenders BSkyB. Die Zahl der Abonnenten liegt derzeit bei gut 2,65 Millionen.

Abschreiben mögen Analysten den Sender daher noch nicht. "Sky profitiert aktuell vom konjunkturellen Aufschwung", sagt Commerzbank-Analyst Thomas Liskamm. Darüber hinaus habe der Sender die Attraktivität der Programmpakete erhöht und das Preis-Leistungs-Verhältnis verbessert. Langfristig werde Sky auch von der Abschaltung des analogen Satellitensignals Ende April 2012 profitieren, da sich die Haushalte nach Alternativen umsehen müssten.

"Dass Sky Deutschland bis Mitte 2012 die Kundenzahl auf drei Millionen erhöht und so möglicherweise die Gewinnschwelle erreicht, ist realistisch", sagt Liskamm.

Die Bundesliga als Puzzlestück in der Strategie

Um bald endlich die erhofften drei Millionen Kunden in die Sky-Welt zu locken, setzt das Unternehmen auf eine aggressive Vermarktung neuer Techniken. Dazu zählt das digitale und hochauflösende HDTV, das heute von fast allen Flachbildfernsehern unterstützt wird.

Dazu zählt auch das 3D-Fernsehen. Seit Januar überträgt Sky eine Fußballpartie pro Bundesligaspieltag dreidimensional. Der Bezahlsender hat dafür in Berlin, Düsseldorf und allen Bundesligastädten Sportbars mit 3D-Fernsehern und 3D-Brillen ausgestattet. Doch eine Alleinstellung hat Sky nicht. Auch die Telekom testet die neue Technik.

Ein weiteres Puzzlestück der Strategie sind die Übertragungsrechte für die Fußball-Bundesliga. Seit 2009 besitzt Sky die Bundesliga-Übertragungsrechte für Pay-TV und Web-TV. Bei einer Laufzeit von vier Jahren zahlt das Unternehmen dafür knapp eine Milliarde Euro. Die IPTV-Rechte liegen indes bei der Deutschen Telekom - die der Deutschen Fußballliga (DFL) dafür nur rund ein Zehntel dessen zahlt, was Sky entrichtet. Weitere Lizenzen, zum Beispiel für die Sportschau am Samstag, halten die öffentlich-rechtlichen Sender und der Privatsender Sport1.

Ob Sky bei den im Herbst anstehenden Verhandlungen um die künftigen Übertragungsrechte erneut so viel Geld wie bislang in die Hand nehmen wird, ist fraglich. Vor allem die bisherige Abgrenzung von Pay-TV, Web-TV und IPTV-Rechten dürfte die Verhandlungen verkomplizieren. Zumal die Grenzen dieser Empfangsplattformen dank neuer Geräte mehr und mehr verschwimmen.

Neue Spieler, neue Regeln

Bezahlfernsehen, das heißt seit einigen Jahren nicht mehr Premiere gegen den Rest. Bezahlfernsehen, das heißt heute Sky gegen Telekom, Kabelnetzbetreiber, Satellitenanbieter und IT-Konzerne.

So hat beispielsweise Apple mittlerweile ein eigenes Pay-per-View-TV-Programm gestartet - iTV. Noch-Google-Chef Eric Schmidt verkündete die eigenen TV-Pläne für Deutschland im September 2010. In Übersee hat der Konzern  bereits ein eigenes Pay-TV-Angebot am Markt - ebenso wie das Unternehmen Yahoo  , das auch als potenzieller Bieter um einen Teil der künftigen Bundesliga-Verwertungsrechte gilt.

Dieses "TV total" wird darüber hinaus durch neue Geräte vorangetrieben, die immer mehr können: Hochauflösende Videoübertragungen aus dem Netz sind nicht mehr nur auf Smartphones, Tablets und Laptops zu haben, sondern auch auf dem Flachbildfernseher im Wohnzimmer.

Lineares und zeitversetztes Fernsehen vermischen sich

"Die technischen Plattformen wachsen zusammen", sagt Klaus Böhm, Leiter Media Practice bei Deloitte. So vermische sich das an fixe Sendezeiten gebundene lineare Programm immer mehr mit On-Demand-Programmen, die in Mediatheken angeboten werden. "Die Steigerungsrate für die Nutzung des zeitversetzten Fernsehens ist hoch", sagt Böhm. Dies müsse im Fokus jeder Pay-TV-Strategie stehen.

Ob Sky oder die Deutsche Telekom, Vodafone  oder Apple  - jeder möchte ein Stück vom Kuchen abhaben. Die Privatsender ProSiebenSat.1 und RTL planen zum Beispiel eine gemeinsame Onlinevideoplattform. Ein Plan, der noch bis Mitte März das der Idee kritisch gegenübestehende Kartellamt beschäftigt. Vorbild wäre das US-amerikanische Videoportal Hulu, das derzeit kostenlos ist, aber in absehbarer Zeit in eine Pay-TV-Plattform umgewandelt werden soll.

Der Trend ist indes eindeutig. "Egal, ob ein Kunde eigene Videos, Musik, Fernsehen, Internet, Kino auf Abruf oder künftig aufbereitete Chats über soziale Netzwerke nutzen möchte, wird er dafür künftig nicht mehr verschiedene Plattformen nutzen wollen", sagt Commerzbank-Experte Liskamm. In diesem Punkt seien die internetbasierten Plattformlösungen gegenüber den klassischen, zum Beispiel Satellit oder Kabel, im Vorteil.

Hilfe kommt auch aus England

Sky Deutschland hat sich mit dem Wandel inzwischen arrangiert. Im November brachten die Münchener die "Sport App" für das iPad im hochauflösenden Format High Definition (HD) heraus. Und erst in dieser Woche gab das Unternehmen den Beitritt in den Bundesverband Glasfaseranschluss bekant. Die eigene Video-on-Demand-Platform befindet sich in der Beta-Phase. Und auch in England, dem Sitz des britischen Schwestersenders BSkyB , wird ebenfalls an der Zukunft von Sky Deutschland gearbeitet.

Im Dezember 2010 übernahm BSkyB das Unternehmen The Cloud Networks, einen der führenden W-Lan-Anbieter Europas. Zu diesem Unternehmen gehört auch die The Cloud Networks Germany GmbH. Die Sky-Sender können durch die Übernahme auf ein etabliertes umfangreiches W-Lan-Netzwerk mit mehr als 7200 Einwahlpunkten in Europa zugreifen.

Achim Möhrlein, Geschäftsführer von The Cloud Networks Deutschland, ließ zur Bekanntgabe der Übernahme mitteilen: "Wir gehen davon aus, dass wir unseren Kunden in absehbarer Zeit zusätzliche Online- und Mobile Content-Dienste anbieten können."

Ob dies dann auch dazu führt, dass Sky Deutschland in absehbarer Zeit schwarze Zahlen schreibt, wird die Zukunft zeigen. Bis dahin wird Rupert Murdoch, der in einigen Tagen 80 wird, wohl noch die ein oder andere Million ins "Pay"-TV investieren müssen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.