Milliardenbürde Ölpreis Ölhysterie kann deutschen Aufschwung kippen

Alarm an den Ölmärkten, Sorge um den deutschen Aufschwung: Sollte der Ölpreis langfristig auf dem aktuellen Krisenniveau verharren, droht er unsere Wirtschaftserholung abzuwürgen. Erste Experten ziehen Parallelen zu einer Desasterphase der deutschen Wirtschaft - der Ölkrise der 70er Jahre.
Von Kristian Klooß
Überschießender Ölpreis: Kann zur Gefahr für den Aufschwung werden.

Überschießender Ölpreis: Kann zur Gefahr für den Aufschwung werden.

Foto: DDP

Hamburg - Der Ölpreis steigt und steigt. Knapp 120 Dollar kostete ein Barrel der Marke Brent am Donnerstag. Das Szenario weckt bei Investoren am Ölmarkt, aber auch bei deutschen Verbrauchern unangenehme Erinnerungen: Im Sommer 2008 war das Nordseeöl sogar noch teurer. Der Preis pro Fass lag damals bei fast 150 Dollar. Und doch gibt es einen wesentlichen Unterschied.

"Der Anstieg von 2007 und 2008 war durch die hohe Nachfrage getrieben", sagt Roland Döhrn, Leiter des Kompetenzbereichs Wachstum und Konjunktur beim Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI). Dieses Mal sei es anders: "Es ist ein exogener Schock, der eher an die Ölkrisen der 70er und 80er Jahre erinnert." Anders als noch 2007 und 2008 stehe der aktuellen Preisentwicklung keine vergleichbar günstige reale Entwicklung entgegen. "Wir profitieren also nicht von einer gleichzeitig guten Konjunktur", sagt Döhrn.

Der Ölpreis, so der Wissenschaftler, könne die Konjunktur, die sich in vielen Ländern erst zaghaft erholt, vielmehr abwürgen. Dies gelte allerdings nur, wenn der zurzeit am Spotmarkt gezahlte Ölpreis langfristig auf hohem Niveau verharrt. "Man darf da nicht Panikszenarien verbreiten", sagt Döhrn.

Ölpreisanstieg um zehn Dollar kann Wachstum um 0,3 Prozent bremsen

Sollte der Ölpreis langfristig die Schwelle von 120 Dollar für längere Zeit überschreiten, wäre dies jedoch ein empfindlicher Dämpfer für die Konjunktur. "Rechnungen mit unserem Konjunkturmodell ergeben, dass eine Ölpreissteigerung um zehn Dollar eine Wachstumsminderung um 0,2 bis 0,3 Prozent bedeutet", sagt Döhrn.

Andere Konjunkturexperten rechnen ähnlich. Die Analysten der WestLB gehen davon aus, dass ein Ölpreisanstieg um 10 Prozent übers Jahr das deutsche Wirtschaftswachstum um etwa 0,25 Prozent schmälern würde.

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag rechnet vor, dass ein Prozent Ölpreissteigerung die Energiekosten der deutschen Wirtschaft um rund 500 Millionen Euro verteuert. "Da der Ölpreis derzeit um rund 30 Prozent über dem durchschnittlichen Ölpreis des vergangenen Jahres liegt, ergibt sich somit rechnerisch ein Energiekostenanstieg um 15 Milliarden Euro", sagt Felix Neugart, stellvertretender Bereichsleiter International bei der DIHK.

Nicht nur die Nordafrika-Krise ist für den Preisanstieg verantwortlich

"Die Folgen auf der Nachfrageseite werden Konsumenten zum Beispiel über ihre Benzinrechnungen zu spüren bekommen", sagt Neugart. Auf Seiten der Unternehmen seien vor allem die energieintensiven Branchen betroffen, also zum Beispiel Transport- und Logistikfirmen, aber auch die Stahl-, Chemie- und Glasindustrie.

"Einen Teil der Kostensteigerungen können diese Unternehmen über Preissteigerungen an ihre Kunden weitergeben, der andere Teil wird die Margen drücken", sagt Neugart. Dies wiederum mindere die Mittel für Investitionen und Arbeitsplätze.

Vor diesem Hintergrund wundert es nicht, dass nach einer aktuellen Umfrage der DIHK drei Viertel der Industrieunternehmen angaben, dass steigende Preise für Rohstoffe die größte Gefahr für die wirtschaftliche Entwicklung darstellen.

Dämpfer für die Kaufkraft

Christian Dreger, Konjunkturchef des DIW, sieht bei einem anhaltend hohen Ölpreis ebenfalls höhere Produktionskosten auf die Unternehmen zukommen. Außerdem betont er den daraus entstehenden Inflationsdruck. "Die Kaufkraft der privaten Haushalte sinkt, und der Konsum, der einer der Stützen der Konjunktur ist, wird schwächer zunehmen", sagt Dreger.

Im Vergleich zu den Ölkrisen der 70er und 80er Jahre seien die Effekte des Ölpreisanstiegs allerdings gering. "Dies liegt zum einen an der geringeren Energieintensität der Wirtschaft, zum anderen am Ausbleiben von Zweitrundeneffekten", sagt der Ökonom. So hätten die Ölkrisen der 70er und 80er Jahre auch deshalb zu Rezessionen geführt, da durch sie Lohn-Preis-Spiralen in Gang gesetzt worden seien, auf die dann die Geldpolitik reagiert habe. "Heute hat man dazugelernt, indem man nicht mehr versucht, die Kosten zwischen den Tarifparteien umzuverteilen", sagt Dreger.

Entwarnung mag der DIW-Experte allerdings nicht geben. "Hinter den steigenden Ölpreisen stehen schließlich nicht nur Libyen und die anderen Krisenländer", sagt er. Zu den hohen Preisen habe auch die extrem lockere Geldpolitik in den USA geführt, die das Entstehen von Spekulationsblasen begünstige. Zusätzlicher Preisauftrieb entstehe dadurch dass das weltwirtschaftliche Wachstum immer mehr von Schwellenländern wie China, Indien oder Brasilien getragen werde. "Dort ist die Produktion energieintensiver, was den Preisdruck auf Öl hoch hält", sagt Dreger.

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