Luftfahrt Eine Allianz fürs Überleben

Der milde Januar in Europa hat die Sitzreihen von Air Berlin, Air France-KLM und der Lufthansa gefüllt. Doch der Wettbewerb tobt längst woanders. In verschiedenen Allianzen ringen die drei Airlines derzeit um die Zukunftsmärkte der globalen Luftfahrt.
Von Kristian Klooß
Konkurrenzkampf: Die Lufthansa hat das führende Netzwerk "Star Alliance" im Rücken. Konkurrent Air Berlin will 2012 zum Bündnis "Oneworld " dazustoßen. Air France arbeitet derzeit daran, das Bündnis "Skyteam" zu vergrößern

Konkurrenzkampf: Die Lufthansa hat das führende Netzwerk "Star Alliance" im Rücken. Konkurrent Air Berlin will 2012 zum Bündnis "Oneworld " dazustoßen. Air France arbeitet derzeit daran, das Bündnis "Skyteam" zu vergrößern

Foto: Marius Becker/ dpa

Hamburg - Das Jahr 2011 beginnt mild. Dies erfreut vor allem die vom Winter durchgerüttelten europäischen Fluggesellschaften. Air Berlin meldete am Montag wieder steigende Passagierzahlen: knapp 2,15 Millionen Fluggäste beförderte die Nummer zwei der deutschen Airlines im Januar - 5,7 Prozent mehr als vor einem Jahr. Die deutsche Nummer eins, die Lufthansa, meldete an diesem Mittwoch einen Passagierzuwachs von 11,7 Prozent auf rund 6,6 Millionen.

Auch der große europäische Lufthansa-Konkurrent Air France-KLM war mit dem Januar zufrieden. Die Zahl der Fluggäste wuchs im Jahresvergleich um 6,7 Prozent auf 5,4 Millionen.

Doch die kurzfristige Ruhe täuscht. Denn lämgst spielt sich der Wettbewerb um Passagierzahlen und Auslastungen nicht mehr nur in Europa ab, sondern auf allen Kontinenten der Welt. Mit welchem Dampf die Airlines ihr weltweites Engagement stärken, lässt sich derzeit beobachten.

Air France forciert Allianz "Skyteam" - Aufholjagd zur Star Alliance

So forciert Air France-KLM  den Ausbau der vor allem von ihr und der US-Fluggesellschaft Delta getragenen Luftfahrtallianz "Skyteam". Noch in diesem Jahr nimmt Skytean zwei asiatische Fluggesellschaften auf: die chinesische China Eastern und die taiwanesische China Airlines.

Fast im Wochentakt vermeldete Air-France-KLM-Chef Pierre-Henri Gourgeon zuletzt weitere Bündnisvereinbarungen: von Aerolíneas Argentinas, über Saudi Arabian Airlines bis hin zur libanesischen Middle East Airlines, die in diesem Monat ihren offiziellen Mitgliedsantrag stellen wird. Spätestens in zwei Jahren soll sie der Luftfahrtallianz beitreten.

Bis 2012 will Skyteam die Zahl der Bündnismitglieder von derzeit 13 auf dann 19 Mitglieder erhöhen. Damit würde das Bündnis den Abstand zur Nummer eins, der von der Lufthansa  unterstützten Star Alliance, mit dann voraussichtlich 32 Mitgliedern, ein wenig verringern. Der Vorsprung zu Oneworld, mit dann voraussichtlich 14 Mitgliedern, würde wachsen.

In Europa verdienen viele Airlines ihre Kapitalkosen nicht

Air-France-KLM-Chef Gourgeon will mit den neuen Bündnissen vor allem von den wachstumsstarken Märkten Lateinamerika, Asien und dem Nahen Osten profitieren. Die International Air Transportation Association (IATA) präsentierte dazu Anfang Februar die passenden Zahlen: In Lateinamerika lag der Passagierzuwachs bei 8,2 Prozent, im Raum Asien-Pazifik bei 9 Prozent, im Nahen Osten bei 17,8 Prozent. Die Passagierzahlen in Europa und den USA wuchsen im selben Zeitraum um 5,1 und 7,4 Prozent.

"Gerade in Europa und den USA verdienen die meisten Airlines ihre Kapitalkosten nicht", sagt Sebastian Hein, Analyst mit Schwerpunkt Luftfahrt beim Bankhaus Lampe. Dies führe dazu, dass sie in weltweiten Bündnissen versuchen, die Kosten zu senken, Vielfliegerprogramme attraktiver zu machen und Zugang zu Märkten zu bekommen.

So hat nicht nur Skyteam die Wachstumsmärkte längst im Blick. In Indien begrüßt die Star Alliance in den kommenden Wochen offiziell die Fluggesellschaft Air India in ihrem Bündnis. Im Sommer wird die afrikanische Ethopian Airlines folgen, die an der Schnittstelle zum Nahen Osten agiert. In Südamerika einigte sich die Star Alliance im November 2010 auf eine Zusammenarbeit mit der vor allem in Kolumbien, Peru und Mittelamerika fliegenden Airline Avianca-Taca und mit der Luftfahrtgesellschaft Copa Airlines aus Panama.

Air Berlin will mit Oneworld zu den Großen stoßen

Auch die Nummer drei unter den Luftfahrtallianzen, das Bündnis Oneworld, knüpft fleißig am eigenen globalen Netz. Hinter Oneworld stehen unter anderem British Airways  und die spanische Iberia . Beide werden künftig als Holding unter dem Namen International Airlines Group firmieren. In den kommenden Monaten wird die Allianz den Beitritt der indischen Airline Kingfisher  vollziehen.

Noch bedeutsamer dürfte der für 2012 geplante Beitritt der deutschen Fluggesellschaft Air Berlin  werden. Dies gilt indes nicht allein für Oneworld, dies gilt vielmehr für Air Berlin. Denn die zweitgrößte deutsche Fluggesellschaft gilt nach Ansicht einiger Experten als angeschlagen. Das Unternehmen um den schillernden Konzernchef Joachim Hunold teilte Ende Januar mit, statt des angestrebten operativen Gewinns einen Verlust im einstelligen Millionenbereich zu erwirtschaften. Unterm Strich schreibt Air Berlin seit drei Jahren Verluste.

Gründe für die aktuelle Gewinnwarnung waren nach Angaben der Airline das schlechte Wetter im Dezember, Streikdrohungen der Piloten und Streiks der Fluglotsen in Spanien. In Branchenkreisen weden aber auch andere Gründe genannt: für die Größe, die Air Berlin mit fast 30 Millionen Fluggästen im Jahr inzwischen erreicht hat, gilt die auf Konzernchef Hunold zugeschnittene Organisationsstruktur als nicht mehr adäquat. Air Berlin gilt darüber hinaus als Hybrid zwischen Billiganbieter und klassischer Netzwerk-Fluggesellschaft. Das heißt, im Gegensatz zu Ryanair  hat das Unternehmen beispielsweise zu viele verschiedene Flugzeugtypen im Einsatz, was die Wartungskosten erhöht. Im Vergleich zur Lufthansa fehlen Air Berlin hingegen noch lukrative Langstrecken.

Oneworld ist von elementarer Bedeutung für Air Berlin

"Oneworld ist daher die beste aller Zukunftsstrategien für Air Berlin", sagt Gerd Pontius, Chef der auf Luftfahrt spezialisierten Unternehmensberatung Prologis. Aus eigener Kraft heraus könne das Unternehmen kaum noch wachsen. Zwar müsse sich Air Berlin als Juniorpartner künftig an den Interessen des Bündnisses orientieren. Dennoch sieht Pontius die Fluggesellschaft auf dem richtigen Weg. "Oneworld ist in Zentraleuropa schwach vertreten", sagt er. Und Air Berlin habe die kritische Größe erreicht, um diese Lücke zu füllen.

Die Vorbereitungen für die vor einem halben Jahr verkündete Mitgliedschaft haben bereits begonnen. So hat Air Berlin im Zuge des Beitrittsprozesses bereits erste Codeshare-Agreements beispielsweise mit American Airlines getroffen. Das heißt, Air Berlin bietet künftig 15 weitere Reiseziele in den USA an, wobei die Deutschen einfach Linienflüge des Oneworld-Mitglieds American Airlines mitnutzen.

Darüber hinaus bringt die Allianz über den Wolken langfristig weitere Vorteile für die Deutschen: zum Beispiel die gemeinsame Nutzung von Flughafenlounges und die Abstimmung von Vielfliegerprogrammen.

Die Lufthansa blickt nach England - Virgin neuer Partner im Bündnis?

Dass sich die Gewinnsituation für Air Berlin kurzfristig bessert, ist indes fraglich. Denn der Oneworld-Beitritt zieht für das Unternehmen zunächst Investitionen nach sich. So müssen zunächst mehrere Millionen Euro in die Anpassung der Informationstechnologie gesteckt, Vielfliegerprogramme vorbereitet, Qualitätsstandards angeglichen, Flugpläne und Netze überarbeitet werden.

Gerade an letzterem hakt es bei Air Berlin. Während die Oneworld-Mitglieder American Airlines, British Airways und Iberia vor allem Frankfurt und München anfliegen, starten und landen die Deutschen am häufigsten in Berlin und Düsseldorf. In England fliegt Air Berlin hingegen vor allem nach Gatwick südlich von London, nicht aber zum westlich der Metropole gelegenen Heathrow-Airport, wo Oneworld-Partner British Airways sein Drehkreuz hat.

Was Air Berlin für British Airways darstellt, könnte Virgin Atlantic für die Lufthansa in England sein. Denn die von Deutschlands größter Fluggesellschaft vorangetriebene Star Alliance hofft darauf, die englische Airline noch in diesem Jahr für die Star Alliance zu gewinnen.

"Wir brauchen einen großen Bruder, der uns durch die nächsten dreißig Jahre bringt", sagte Virgin-Gründer Richard Branson jüngst. Bei der 1984 gegründeten Fluggesellschaft zieht der Multimilliardär bis heute die Fäden. Er hält 51 Prozent der Anteile. Die restlichen 49 Prozent hält Star Alliance-Mitglied Singapore Airlines. Mit der Partnersuche hat Branson im Übrigen die Deutsche Bank beauftragt.

Wichtige Entscheidungen in Südamerika

Die vielleicht wichtigste Entscheidung für Star Alliance, Skyteam und Oneworld wird in diesem Jahr aber wohl nicht in Europa getroffen. Sie wird in Südamerika fallen. Dort, wo die chilenische Fluggesellschaft LAN und die brasilianischen Fluggesellschaft TAM noch in diesem Jahr die größte Airline Südamerikas formen wollen. "Latam" würde sie heißen und im Jahr rund 44 Millionen Passagiere befördern - wenn die Kartellbehörden zustimmen. Letztere streuben sich allerdings noch.

Die schiere Größe der neuen Fluggesellschaft im Vergleich zur Konkurrenz und die entsprechend hohe Zahl der Umsteigepassagiere weckt das Begehren aller drei globalen Luftfahrtbündnisse.

Abgesehen davon würde eine Fusion den südamerikanischen Markt vermutlich aufmischen. Denn bislang ist die chilenische LAN mit Oneworld verbündet. Die brasilianische TAM hingegen kooperiert mit der Star Alliance. Und Skyteam, das jüngst mit Aerolíneas Argentinas das erste südamerikanische Mitglied auf die Warteliste gesetzt hat, wäre wohl nur zu gerne bereit, innerhalb kürzester Zeit vom Nobody zum Marktführer in Südamerika aufzusteigen.