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Weizen, Zucker, Kaffee: Welche Agrarrohstoffe teurer werden

Foto: A3250 Oliver Berg/ dpa

Nahrungsmittel Preisschub treibt Konzerne in die Enge

Die Lebensmittelbranche steht unter einem Preisschock. Kakao, Weizen, Gewürze und andere Rohstoffe verteuern sich rasant. Die Nahrungsmittelkonzerne wollen die Preise für ihre Produkte auf breiter Front anheben. Der Widerstand von Supermärkten und Discountern bröckelt.

Hamburg - Rein optisch erweckt die Meerrettichwurzel (Armoracia rusticana) nicht den Eindruck, ein begehrtes Mangelprodukt zu sein. In ihrer dicken, krummen und knöchernen Form erinnert die gelbliche Stange eher an all die robusten Wintergemüse, mit denen sich so manche Kriegsgeneration über die eisige Jahreszeit gerettet hat.

Tatsächlich hat Meerrettich für die Nahrungsmittelindustrie inzwischen fast den Status von Trüffel erreicht - als knappes, exklusives Gut. "Der Markt ist leer", sagt der Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Hersteller kulinarischer Lebensmittel, Dirk Radermacher, gegenüber manager magazin. "Es droht blanke Knappheit."

Im wichtigen Anbaugebiet Ungarn hätten die Landwirte in diesem Winter angesichts der hohen Preise sogar die Setzlinge mitverkauft - was die Lage bei der kommenden Ernte noch verschärfen dürfte. Die besonders in Franken beheimateten deutschen Meerrettichhersteller versuchen erstmals, ihre Rohware für viel Geld aus den USA zu importieren.

Meerrettich steht stellvertretend für eine breite Palette von Lebensmitteln, die in den kommenden Monaten teurer werden, die Inflation kräftig anheizen und Nahrungsmittelkonzerne vor manche Schwierigkeit stellen dürften. Schlechte Ernten in Asien, eine wachsende Nachfrage in Schwellenländern und Finanzwetten von Investoren verteuern Rohwaren wie Kakao, Weizen oder Gewürze derzeit rasant. Manche Produkte könnten gleich ganz aus den Supermarktregalen verschwinden.

Das schlägt inzwischen voll auf die Importpreise durch, die im Dezember vergangenen Jahres um 12 Prozent über Vorjahresniveau lagen. Im Nahrungsmittelsektor kletterten die Importpreise vor allem bei Rohkaffee (65,1 Prozent), Getreide (56,7 Prozent) und Rindfleisch (12,1 Prozent).

Produktivitätsreserven sind nahezu ausgeschöpft

Die Nahrungsmittelhersteller geraten unter Zugzwang. "Die anziehenden Preise lassen sich nur zu einem Teil durch bessere Produktivität abfedern", heißt es bei einem bekannten Lebensmittelhersteller, "die Steigerungen sind einfach zu groß". Der Präsident des Schweizer Nahrungsmittelgiganten Nestlé , Peter Brabeck-Letmathe, rechnet nicht damit, dass sich die Lage rasch entspannt: "Dieses Mal, so fürchte ich, könnte der Anstieg von Dauer sein", sagte er in einem Zeitungsinterview.

Folglich versuchen viele Konzerne wie Nestlé, Unilever , Oetker und Kraft  sowie all die kleinen namhaften Hersteller von Schokolade, Keksen oder Brot ihre höheren Einkaufspreise an Handel und Verbraucher weiterzugeben. Ein Unterfangen, bei dem die Produzenten in der Vergangenheit zumindest in Deutschland oft auf Granit bissen. Discounter unterboten sich 2010 mit zahlreichen Preissenkungsrunden; im europäischen Vergleich gelten Lebensmittel in deutschen Supermärkten als spottbillig.

Aufgestauter Frust entlädt sich

Doch dieses Mal baut die Nahrungsmittelbranche einen ungewöhnlich großen Druck auf. Die Unternehmen wollen ihre Anteilseigner auf keinen Fall mit weiter sinkenden Margen auf dem deutschen Markt vergrätzen. Unter den litten zuletzt viele Hersteller, weil Supermärkte und Discounter ihre Preiskämpfe oft auf dem Rücken der Lieferanten austrugen.

Das zeigt sich an der Umsatzentwicklung der beiden Branchen: Nach ersten Prognosen ist der Umsatz der Händler im vergangenen Jahr um 1,5 Prozent gewachsen, der der Ernährungsindustrie lediglich um ein Prozent. Im Krisenjahr 2009 war der Unterschied noch deutlicher. Die Nahrungsmittelhersteller büßten 4,6 Prozent Umsatz ein, die Händler lediglich 2 Prozent.

Der aufgestaute Umsatzfrust dürfte sich nun entladen. Deshalb müssen die Händler in diesem Jahr darüber nachdenken, wie sie ihre Waren - möglichst unbemerkt - verteuern. "Aufgrund der Verknappung bei einigen Rohstoffen können wir wohl von Preiserhöhungen ausgehen", sagt Handelsexpertin Susanne Eichholz-Klein von der Kölner Beratungsfirma IBH Retail Consultants. Insbesondere Backwaren, Gewürze und Schokolade seien vermutlich betroffen.

Auch die Händler selbst stehen steigenden Preisen nicht ablehnend gegenüber. Schon Anfang des Jahres schimpfte Rewe-Chef Alain Caparros via Bild-Zeitung über seine Kunden, sie trügen ein "Aldi-Gen" in sich und würden an Lebensmitteln sparen. Beobachter werteten die Worte auch als Signal an die Konkurrenz, die ewigen Rabattschlachten doch bitte zu beenden.

Sogar die Wurstproduktion ist gefährdet

Die Botschaft ist offenbar angekommen. "Fakt ist, dass die Rohstoffpreise an den Weltmärkten stark unter Druck sind", sagt der Geschäftsführer des Handelsverband Deutschland (HDE), Kai Falk, gegenüber manager magazin. "Steigende Rohstoffpreise hätten Auswirkungen auf die Endverbraucherpreise." Allerdings werde der Wettbewerb verhindern, dass die Preise "durch die Decke schießen".

Dennoch spricht vieles dafür, dass die Lebensmittelpreise stärker steigen als die allgemeinen Lebenshaltungskosten und damit inflationsfördernd statt -dämpfend wirken. "Nach Jahren, in denen Inflation in der Lebensmittelindustrie mehrheitlich ein Fremdwort war, könnten die Lebensmittelpreise 2011 sogar erstmals oberhalb der Inflationsrate liegen", sagte Nestlé-Deutschland-Chef Gerhard Bersenbrügge.

Die Umstände für höhere Preise sind aus Sicht der Branche günstig. Aufgeschreckt vom Skandal um dioxinbelastete Eier und Fleischwaren, sind viele Verbraucher bereit, mehr Geld für Lebensmittel zu bezahlen. Fraglich ist allerdings, ob das auch für konventionelle Massenware gilt, die sich nicht wegen verbesserter Qualität, sondern steigender Rohstoffpreise verteuert.

Viele Produzenten müssen zunächst ohnehin sicherstellen, dass sie überhaupt die benötigten Waren bekommen. So verzweifeln die deutschen Feinkosthersteller vor allem an dem Gebaren indonesischer Händlern, die manche Gewürze wegen der steigenden Preise einfach horten. Knapp unter Zimmertemperatur sei dies etwa bei Pfeffer problemlos möglich.

Vor allem Muskat könnte bald knapp werden, sagt Verbandssprecher Radermacher und warnt vor schwerwiegenden Folgen für die Industrie. "Eine Hausfrau kann auf diese Gewürze vielleicht eine Weile verzichten, eine Wurstfabrik jedoch nicht."

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