Dienstag, 26. Mai 2020

Nahrungsmittel Preisschub treibt Konzerne in die Enge

Weizen, Zucker, Kaffee: Welche Agrarrohstoffe teurer werden
[M] mm.de; DPA

Die Lebensmittelbranche steht unter einem Preisschock. Kakao, Weizen, Gewürze und andere Rohstoffe verteuern sich rasant. Die Nahrungsmittelkonzerne wollen die Preise für ihre Produkte auf breiter Front anheben. Der Widerstand von Supermärkten und Discountern bröckelt.

Hamburg - Rein optisch erweckt die Meerrettichwurzel (Armoracia rusticana) nicht den Eindruck, ein begehrtes Mangelprodukt zu sein. In ihrer dicken, krummen und knöchernen Form erinnert die gelbliche Stange eher an all die robusten Wintergemüse, mit denen sich so manche Kriegsgeneration über die eisige Jahreszeit gerettet hat.

Tatsächlich hat Meerrettich für die Nahrungsmittelindustrie inzwischen fast den Status von Trüffel erreicht - als knappes, exklusives Gut. "Der Markt ist leer", sagt der Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Hersteller kulinarischer Lebensmittel, Dirk Radermacher, gegenüber manager magazin. "Es droht blanke Knappheit."

Im wichtigen Anbaugebiet Ungarn hätten die Landwirte in diesem Winter angesichts der hohen Preise sogar die Setzlinge mitverkauft - was die Lage bei der kommenden Ernte noch verschärfen dürfte. Die besonders in Franken beheimateten deutschen Meerrettichhersteller versuchen erstmals, ihre Rohware für viel Geld aus den USA zu importieren.

Meerrettich steht stellvertretend für eine breite Palette von Lebensmitteln, die in den kommenden Monaten teurer werden, die Inflation kräftig anheizen und Nahrungsmittelkonzerne vor manche Schwierigkeit stellen dürften. Schlechte Ernten in Asien, eine wachsende Nachfrage in Schwellenländern und Finanzwetten von Investoren verteuern Rohwaren wie Kakao, Weizen oder Gewürze derzeit rasant. Manche Produkte könnten gleich ganz aus den Supermarktregalen verschwinden.

Das schlägt inzwischen voll auf die Importpreise durch, die im Dezember vergangenen Jahres um 12 Prozent über Vorjahresniveau lagen. Im Nahrungsmittelsektor kletterten die Importpreise vor allem bei Rohkaffee (65,1 Prozent), Getreide (56,7 Prozent) und Rindfleisch (12,1 Prozent).

Produktivitätsreserven sind nahezu ausgeschöpft

Die Nahrungsmittelhersteller geraten unter Zugzwang. "Die anziehenden Preise lassen sich nur zu einem Teil durch bessere Produktivität abfedern", heißt es bei einem bekannten Lebensmittelhersteller, "die Steigerungen sind einfach zu groß". Der Präsident des Schweizer Nahrungsmittelgiganten Nestlé Börsen-Chart zeigen, Peter Brabeck-Letmathe, rechnet nicht damit, dass sich die Lage rasch entspannt: "Dieses Mal, so fürchte ich, könnte der Anstieg von Dauer sein", sagte er in einem Zeitungsinterview.

Folglich versuchen viele Konzerne wie Nestlé, Unilever Börsen-Chart zeigen, Oetker und Kraft Börsen-Chart zeigen sowie all die kleinen namhaften Hersteller von Schokolade, Keksen oder Brot ihre höheren Einkaufspreise an Handel und Verbraucher weiterzugeben. Ein Unterfangen, bei dem die Produzenten in der Vergangenheit zumindest in Deutschland oft auf Granit bissen. Discounter unterboten sich 2010 mit zahlreichen Preissenkungsrunden; im europäischen Vergleich gelten Lebensmittel in deutschen Supermärkten als spottbillig.

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