Unternehmerkultur Deutschland Die Wüste lebt - ein kleines bisschen

In Deutschland gibt es im internationalen Vergleich wenig Unternehmer und wenige Menschen, die sich selbstständig machen. Auch Gründungskampagnen des Staats verpuffen regelmäßig. Doch nun keimt mitten in der vermeindlichen Gründerwüste Deutschland ein wenig Hoffnung.
Von Arne Gottschalck
Hoffnung: Sollte sich die Unternehmerkultur in Deutschland doch noch durchsetzen?

Hoffnung: Sollte sich die Unternehmerkultur in Deutschland doch noch durchsetzen?

Foto: Corbis

Zahlen sind erbarmungslos. Sie beschönigen nichts - Fälschungen einmal außen vor gelassen. Und da weder das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung noch die Leibnitz Universität Hannover im Ruf steht, unseriös zu sein, bleibt es bei ihrer unpopulären Aussage: Deutschland ist Entwicklungsland in Sachen Unternehmertum.

Zu diesem Ergebnis kommen beide Institute in ihrer gemeinsamen Studie "Global Entrepreneurship Monitor" (GEM), einmal mehr. Besonders im internationalen Vergleich sieht es düster aus. Denn Deutschland liebt auf Rang 15 von 20 vergleichbaren Ländern, betrachtet man die Gründungsaktivitäten der Deutschen, wie es sich im GEM liest. Dafür wurde der Anteil der 18- bis 64 Jährigen untersucht, die Mitte 2009 versuchten, ein Unternehmen zu gründen oder das in den vergangenen dreieinhalb Jahren taten. Ihre Quote liegt bei 4,1 Prozent. Das ist deutlich weniger als in der Schweiz oder auch in Großbritannien. In den Vereinigten Arabischen Emiraten liegt diese Quote sogar über 10 Prozent.

Offenbar vor allem, weil viele Angst vor dem Scheitern haben. Nur für 57 Prozent der befragten Deutschen war das kein Grund, von einer Gründung abzusehen, schreiben die Wissenschaftler. Anders gefasst: Für fast die Hälfte der befragten Deutschen war das ein Grund, von der Selbstständigkeit die Finger zu lassen. Das gleiche Bild mit anderen Zahlen des GEM ausgewiesen - 2009 sahen nur 24 der Befragten für die Gründung eines Unternehmens gute Chancen. Da passt es ins Bild, dass man sich hierzulande eher aus wirtschaftlicher Not für die Gründung eines Unternehmens zu entscheiden, nicht aber aus Berufung, stellt die jedes Jahr aufs neue erhobene Studie fest.

Für den Einzelfall ist dieser Befund kein Problem. "Gott sei Dank gibt es auch unselbständig Erwerbstätige, nicht jedem ist es in die Wiege gelegt", schreibt Roland Grün, Mitglied der manager-lounge und Marketingleiter von VisoCon. Doch die Einzelfälle, sie summieren sich. Zu mehr als nur einem bloßen statistischen Effekt. Vielmehr haben sie tiefgreifende Folgen für das Wirtschaftsgefüge Deutschlands. So hat die Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft Ernst & Young (E&Y) jüngst herausgebracht, dass die internationale Bedeutung von Deutschlands Unternehmen schwindet. So fanden sich Ende 2010 nur noch vier deutsche Unternehmen unter den teuersten Firmen der Welt. Zum Ende des Jahres 2008 waren es noch 8 gewesen. Das hat nach Einschätzung von E&Y viele Gründe - unter anderem die fehlende Gründerkultur. "Deutschland bringt zu wenige junge Unternehmen mit einer echten Wachstumsstory hervor, die es bis in die internationale Top-Liga schaffen", sagt Hendrik Hollweg, Mitglied der Geschäftsführung von Ernst & Young Deutschland. "Top-Ingenieure gehen in Deutschland eher zu den etablierten Großkonzernen, als selbst ein Unternehmen zu gründen."

Fehlende Vorbilder

Tatsächlich scheinen erfolgreiche Vorbilder zu helfen, die Scheu vor dem Unternehmertum abzubauen. Denn der Rückstand in Sachen Gründungaktivität auf zum Beispiel die USA oder Großbritannien ist "erheblich", so die Studie. Und er könnte "als Reflex auf entsprechende - eher positive - Erfahrungen mit eigenen Gründungsaktivitäten in den genanten Ländern gedeutet werden. Vorbilder, wie sie in den USA offenbar öfter aufzufinden sind. Paradoxerweise ist dort der Einfluss des Staates deutlich geringer als in Deutschland. So werden Förderprogramme von den lokalen Befragten weitaus schwächer bewertet als in Deutschland. Dafür verzeichnen die Forscher dort komparative Stärken für Amerika, wie sie komparative Schwächen für Deutschland ausmachen - bei den gesellschaftlichen Normen und Werten, wie zum Beispiel der Betrachtung des Unternehmerstatus als erstrebenswerte berufliche Tätigkeit. Es mag auch etwas mit dem Ruf, dem Bild des Unternehmers zu tun haben, dass in Deutschland schon immer schlechter war als anderswo.

Umso wichtiger, dass es positiv aufgeladen wird. "Fest steht, dass nur Unternehmertum, das ökonomische, ökologische und soziale Interesse in allen Bereichen der Wertschöpfungskette gleichermaßen berücksichtigt, dauerhaft erfolgreich ist", skizziert zum Beispiel Wolfgang Griepentrog, Unhaber von WordsValues und Mitglied der manager-lounge, so ein Bild. "Viele große Unternehmen beziehungsweise Executives großer Unternehmen tun sich bisweilen schwer mit der Umsetzung von Corporate Responsibility, der unternehmerischen Verantwortung."

Immerhin, etwas Hoffnung gibt es offenbar. Denn die Forscher verzeichnen zarte Verbesserungen. So hätten die 18- bis 64jährigen ihre Gründungsfähigkeiten als auch ihre Gründungschancen Ende 2009 deutlich besser als im Jahr 2002. Und daraus schlussfolgern die Experten, dass die Angst vor dem Scheitern stetig sinkt. Die Zahlen des Statistischen Bundesamts deuten in die gleiche Richtung. So haben sich 2009 mehr Deutsche selbständig gemacht als im Jahr zuvor. 153.700 Unternehmen wurden in dem Jahr gegründet, immerhin 3 Prozent mehr als 2008. Über die Gründe indes schweigen sich die Statistiker aus. Aber immerhin - in diesem Fall sehen die Zahlen nicht mehr ganz so erbarmungslos aus.

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