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Mischfutterhersteller: Die Top Ten in Deutschland

Foto: Tierschutzreporter/ picture-alliance/ dpa

Dioxin im Tierfutter Giftiger Wettbewerb

Der Dioxin-Skandal rückt eine Branche in den Fokus, die sonst kaum Beachtung findet. Dabei bewegen bundesweit einige hundert Futtermittelunternehmen Jahr für Jahr Milliardensummen. Jetzt zwingt sie immer stärkerer Wettbewerbsdruck, extrem knapp zu kalkulieren. Gefährlich knapp?

Hamburg - Bei Deutsche Tiernahrung Cremer in Düsseldorf will keiner etwas sagen. Bei der Agravis in Münster hat niemand Zeit. Und bei Firma Rothkötter in Meppen ist die Geschäftsführung just nicht erreichbar. Die drei Unternehmen gehören zu den ganz Großen in der deutschen Futtermittelindustrie. Viele Millionen Tonnen Tiernahrung liefern sie Jahr für Jahr an landwirtschaftliche Betriebe.

Alle drei hätten also wohl einiges zu berichten über ihre Branche. Über den zunehmenden Wettbewerb etwa und die seit Jahren laufende Konsolidierung. Oder über die Schwächen des Marktes. Schwächen, die es möglich machen, dass immer wieder Lebensmittelskandale wie der aktuelle rund um die Dioxin-Funde in Hühnereiern möglich sind, die ihren Ursprung regelmäßig in der Futtermittelbranche haben. Doch von den Firmen ist nichts zu erfahren. Beinahe nichts.

Der ganze Wirtschaftszweig, so viel wird klar, befindet sich in heller Aufregung. Kunden, Geschäftspartner, Banken - alle wollen wissen, was da los ist. Was hat es auf sich mit dem Dioxin im Futter? Welche Betriebe sind betroffen? Und welche nicht?

Wettbewerb wird immer schärfer

Die Branche, die plötzlich so rotiert, das sind in Deutschland zuallererst einige hundert Unternehmen, die Jahr für Jahr Millionen Tonnen Tierfutter an tausende Bauernhöfe liefern. Denn dort wollen viele hungrige Mäuler und Schnäbel gestopft werden: Fast 13 Millionen Rinder, 26,6 Millionen Schweine und mehr als 128 Millionen Geflügeltiere zählte der Deutsche Verband Tiernahrung (DVT) bundesweit im Jahr 2009, und alle müssen gefüttert werden. Entsprechend viel Geld geben die Bauern für Futter aus: Im Schnitt entfallen fast 70 Prozent ihrer Kosten darauf. Und da kommen Firmen wie Cremer, Agravis und Rothkötter ins Spiel.

Ihre Branche macht mit den Bauern Jahr für Jahr Milliardenumsätze. Rund 330 Mischfutterhersteller mit einer Jahresproduktion von jeweils mehr als 500 Tonnen zählte der DVT zuletzt deutschlandweit.

Viele Betriebe haben allerdings ein Problem: Wie in anderen Branchen auch wird der Wettbewerb in der Futtermittelindustrie schärfer. Während die Platzhirsche ihre Vorteile etwa im Einkauf und bei den Produktionskosten ausspielen, können immer mehr kleine Firmen dem Druck nicht standhalten. Zuletzt wurden laut DVT innerhalb von zwölf Monaten 16 Betriebsstätten dicht gemacht. Um durchschnittlich 4 Prozent geht deren Zahl derzeit Jahr für Jahr zurück, so der Verband. Kein Wunder, dass auch der Preisdruck im Einzelhandel Wirkung bei den Futtermittelunternehmen hierzulande zeigt: Auf 5,6 Milliarden Euro belief sich der Jahresumsatz der Branche zuletzt nur noch. Im Jahr 2008 waren es noch 7,4 Milliarden Euro.

Haben Hersteller an der Qualität gespart?

Die Gründe dafür liegen laut DVT vor allem in der Internationalisierung des Geschäfts. Speziell die EU-Osterweiterung seit 2004 habe den Wettbewerb enorm verschärft. "Größere Agrarflächenstaaten wie Polen, Ungarn, Tschechien weisen wesentlich niedrigere Lohn- und Produktionskosten auf, als in westeuropäischen Industriestaaten", so Knut Schubert vom DVT. Zudem hätten die Fortschritte der internationalen WTO-Verhandlungen in den vergangenen zehn Jahren den Druck auf den bislang von Außeneinflüssen eher geschützten EU-Binnenmarkt erhöht. "Der Abbau von Handelshemmnissen hat gerade bei Agrarprodukten zu einem enormen Konkurrenzkampf geführt", sagt Schubert.

Die Folge ist, dass die Betriebe immer knapper kalkulieren müssen. Experten zufolge darf beispielsweise ein Schlachthähnchen in der Produktion heute kaum mehr als 50 Cent kosten. Entsprechend billig müsse das Futter sein. Die Industrie kalkuliert knallhart, so die Fachleute: Etwa 1,5 Kilogramm Futter ergibt ein Kilogramm Hähnchenfleisch. Nicht weniger - aber auch nicht mehr.

Die Frage drängt sich auf: Sind der scharfe Wettbewerb und der immer größere Kostendruck die Ursache dafür, dass immer wieder Lebensmittelskandale wie der aktuelle Dioxin-Fall ihren Anfang in der Futtermittelindustrie nehmen? Wird möglicherweise am falschen Ende gespart, bei der Qualitätsüberwachung etwa oder bei der Sauberkeit?

Risikofaktor Spezialisierung

Nicht zum ersten Mal schließlich sorgen Giftfunde in Agrarprodukten für Schlagzeilen. Zuletzt durften im Mai des vergangenen Jahres bundesweit zahlreiche Bauernhöfe keine Eier mehr verkaufen, weil Dioxin aus der Ukraine in ihr Hühnerfutter geraten war. Insgesamt, so das Umweltbundesamt, nehmen wir 90 bis 95 Prozent dieses krebserregenden Giftes über das Essen auf. Ein Problem, dem die Verbraucherschützer von "Foodwatch" schon 2005 einen umfangreichen Report widmeten (Überschrift: "Lug und Trog").

Die Branche jedoch weist den Verdacht von sich, am falschen Ende zu sparen. In den vergangenen Jahren seien die gesetzlichen und gesellschaftlichen Anforderungen an die Sicherheit der Lebens- und Futtermittel enorm gestiegen, so DVT-Verteter Schubert. Neue Qualitätssicherungsystemen seien deshalb eingerichtet worden. "Die hohen Qualitätsmaßnahmen haben auch dazu geführt, dass deutsche Agrargüter eine hohe Nachfrage auf den Exportmärkten erfahren", sagt Schubert. "Deutsche Lebensmittel genießen im Ausland einen guten Ruf."

Auch Josef Kamphues sieht den Schwachpunkt an anderer Stelle. "Entgegen der öffentlichen Wahrnehmung haben die Mischfutterhersteller ihre Qualitätsstandards in den vergangenen Jahren tatsächlich kontinuierlich verbessert", bestätigt zwar der Leiter des Instituts für Tierernährung an der Tierärztlichen Hochschule in Hannover. "Ein Risikofaktor, der noch nicht ausreichend beachtet wurde, ist jedoch möglicherweise die zunehmende Spezialisierung unter den Zulieferern."

Auch künftig gelegentlich Dioxin im Frühstücksei?

Hintergrund: Die Hersteller von Mischfutter sind selbst lediglich ein Glied in der Kette. Auf der einen Seite nehmen die Bauern ihre Produkte ab - und auf der anderen beziehen die Firmen zahlreiche Futterbestandteile von Zulieferern. Von diesen jedoch, so Experte Kamphues, fokussieren sich viele zunehmend auf spezielle Komponenten. "Im Mischfutter befindet sich eine Vielzahl von Zusatzstoffen", erläutert der Fachmann. "Zum Beispiel Spurenelemente, Emulgatoren und Vitamine. Viele dieser Bestandteile, die so genannten Minorkomponenten, haben einen Anteil von weniger als einem Prozent."

Das Problem ist laut Kamphues, dass einige Zusatzstoffe nur noch von sehr wenigen Zulieferern angeboten werden. Unterläuft einem davon ein Fehler, so kann die Wirkung entsprechend gewaltig sein. "Wenn beispielsweise Stoff A nur von drei Firmen hergestellt wird, und eine davon verbreitet schadhafte Ware, dann kann leicht ein Drittel des Marktes betroffen sein", sagt der Fachmann.

Praktisch lässt sich das am aktuellen Fall nachvollziehen. Denn auch die Firma Harles und Jentzsch im schleswig-holsteinischen Uetersen, die im Zentrum des Skandals steht, weil sie technische Mischfettsäuren für Futtermittel verwendet haben soll, gehört laut Kamphues zum Kreis der Zulieferer. Harles und Jentzsch liefert das Fett, das die Hersteller in ihr Futter mischen. Am Endprodukt macht dieses Fett laut Kamphues lediglich zwischen 2 und 3 Prozent (für Küken) und bis zu 8 Prozent (für ausgewachsenes Geflügel) aus.

Was also ist zu tun? Wie können solche Skandale künftig vermieden werden? Einige schärfere Kontrollen im Zuliefersegment könnten vielleicht helfen, meint Kamphues. Unregelmäßigkeiten aufgrund von Dummheit, Fahrlässigkeit oder gar krimineller Energie könne man jedoch auch mit noch so guten Systemen nie vollständig ausschließen.

Deutschland wird sich also wohl auch künftig auf gelegentliche Dioxin-Funde im Frühstücksei einstellen müssen.

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