Samstag, 20. Juli 2019

China Von der Werkbank zur Denkfabrik

Überblick: Diese Firmen setzen auf den F&E-Standort China
REUTERS

China wird vielerorts als verlängerte Werkbank des Westens wahrgenommen. Doch die Volksrepublik ist inzwischen auch ein begehrter Entwicklungsstandort ausländischer Firmen. Erstmals hat das Land 2010 mehr F&E-Leistungen in die EU exportiert als importiert.

Vancouver - Es ist der Paukenschlag, der zum Jahreswechsel am wenigsten beachtet wurde: China ist laut der Statistikbehörde Eurostat zum Nettoexporteur von F&E-Leistungen gegenüber der Europäischen Union aufgestiegen.

In dieser Zahl verbirgt sich eine globale Umwälzung, die den Westen über Jahre hinaus in Atem halten wird. Was sie bedeutet, liegt auf der Hand: Die Dominanz in den Regalen europäischer und amerikanischer Discountmärkte hat China kaum errungen, da führt es den nächsten großen Schlag.

Das Reich der Mitte startet einen globalen Großangriff bei High-Tech-Produkten. Es will in Windeseile den Sprung vom Fließband der Welt zur globalen Denkfabrik schaffen. Den schnellsten Supercomputer haben die Chinesen schon gebaut. Die schnellste Linien-Zugverbindung betreiben sie ebenfalls, zwischen Peking und Tianjin. Vor einer Woche machte das Land dicke Schlagzeilen mit der neuen "Ostwind"-Rakete, die Flugzeugträger zerstören kann.

Doch es steht einiges mehr auf dem Spiel als nationales Eisenbahnprestige oder die Vormacht der US-Marine im Pazifik: China will das globale Gleichgewicht im High-Tech-Sektor kippen. So, wie es heute bei anspruchslosen Billigprodukten die Preislimits setzt, will es künftig die Industriestandards für hochwertige Güter diktieren. Daher geht es um nicht weniger als die Dominanz des Westens bei Forschung, Entwicklung und moderner Elektronik sowie bei Autos, Maschinen und Chemie. Kurz, um die Wertschöpfung, die Firmen im Dax und im S&P 500 so reich gemacht und Millionen Arbeitsplätze geschaffen hat.

Innerhalb eines Jahrzehnts könnte sich China komplett wandeln

Die Wachablösung könnte sich binnen eines Jahrzehnts vollziehen. "Wir sollten die Chinesen nicht unterschätzen und zu sehr auf unsere Innovationskraft vertrauen", warnt zum Beispiel der Leiter des Patentwesens bei Siemens Börsen-Chart zeigen, Winfried Büttner. Seine Befürchtung - und die vieler anderer Beobachter: Schafft China sein ehrgeizig formuliertes "2020-Ziel", dann werden neue Technologien nicht wie bisher automatisch im Westen entwickelt und im Osten billig nachgeahmt.

Der Innovationsfluss könnte sich stattdessen in zahlreichen Branchen komplett umkehren. Dies ist keine Zukunftsmusik mehr, wie die guten Aussichten der Chinesen als Mitbieter beim Schnellzugprojekt in Kalifornien zeigen, oder der massive Vormarsch in den Segmenten Elektroautos und Windenergie.

Der Aufbau Chinas zum High-Tech-Bollwerk bis 2020 ist kein Geheimplan, das Land hat die Ziele des strategischen Großprojektes längst auf den Tisch gelegt: Die F&E-Ausgaben sollen von 1,4 auf 2,5 Prozent des BIP steigen; die Abhängigkeit von ausländischen Technologien soll von der Hälfte auf 30 Prozent sinken; der Prozentsatz von High-Tech-Produkten an der industriellen Wertschöpfung des Landes soll von 14 auf 28 Prozent klettern.

Der Startschuss für die Großattacke ist längst gefallen. Und er zeigt erste Wirkung. Die DB Research sieht in ihrer neuen Studie "Forschung folgt Fertigung" erste Hinweise "für einen dynamisch wachsenden Transfer von Wissen und Innovationen aus Schwellenländern zurück in Industrieländer". Das bezieht sich auf die Zahlen von Eurostat, wonach China bereits Nettoexporteur von F&E-Leistungen in die EU ist.

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