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Überblick: Diese Firmen setzen auf den F&E-Standort China

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China Von der Werkbank zur Denkfabrik

China wird vielerorts als verlängerte Werkbank des Westens wahrgenommen. Doch die Volksrepublik ist inzwischen auch ein begehrter Entwicklungsstandort ausländischer Firmen. Erstmals hat das Land 2010 mehr F&E-Leistungen in die EU exportiert als importiert.
Von Markus Gärtner

Vancouver - Es ist der Paukenschlag, der zum Jahreswechsel am wenigsten beachtet wurde: China ist laut der Statistikbehörde Eurostat zum Nettoexporteur von F&E-Leistungen gegenüber der Europäischen Union aufgestiegen.

In dieser Zahl verbirgt sich eine globale Umwälzung, die den Westen über Jahre hinaus in Atem halten wird. Was sie bedeutet, liegt auf der Hand: Die Dominanz in den Regalen europäischer und amerikanischer Discountmärkte hat China kaum errungen, da führt es den nächsten großen Schlag.

Das Reich der Mitte startet einen globalen Großangriff bei High-Tech-Produkten. Es will in Windeseile den Sprung vom Fließband der Welt zur globalen Denkfabrik schaffen. Den schnellsten Supercomputer haben die Chinesen schon gebaut. Die schnellste Linien-Zugverbindung betreiben sie ebenfalls, zwischen Peking und Tianjin. Vor einer Woche machte das Land dicke Schlagzeilen mit der neuen "Ostwind"-Rakete, die Flugzeugträger zerstören kann.

Doch es steht einiges mehr auf dem Spiel als nationales Eisenbahnprestige oder die Vormacht der US-Marine im Pazifik: China will das globale Gleichgewicht im High-Tech-Sektor kippen. So, wie es heute bei anspruchslosen Billigprodukten die Preislimits setzt, will es künftig die Industriestandards für hochwertige Güter diktieren. Daher geht es um nicht weniger als die Dominanz des Westens bei Forschung, Entwicklung und moderner Elektronik sowie bei Autos, Maschinen und Chemie. Kurz, um die Wertschöpfung, die Firmen im Dax und im S&P 500 so reich gemacht und Millionen Arbeitsplätze geschaffen hat.

Innerhalb eines Jahrzehnts könnte sich China komplett wandeln

Die Wachablösung könnte sich binnen eines Jahrzehnts vollziehen. "Wir sollten die Chinesen nicht unterschätzen und zu sehr auf unsere Innovationskraft vertrauen", warnt zum Beispiel der Leiter des Patentwesens bei Siemens , Winfried Büttner. Seine Befürchtung - und die vieler anderer Beobachter: Schafft China sein ehrgeizig formuliertes "2020-Ziel", dann werden neue Technologien nicht wie bisher automatisch im Westen entwickelt und im Osten billig nachgeahmt.

Der Innovationsfluss könnte sich stattdessen in zahlreichen Branchen komplett umkehren. Dies ist keine Zukunftsmusik mehr, wie die guten Aussichten der Chinesen als Mitbieter beim Schnellzugprojekt in Kalifornien zeigen, oder der massive Vormarsch in den Segmenten Elektroautos und Windenergie.

Der Aufbau Chinas zum High-Tech-Bollwerk bis 2020 ist kein Geheimplan, das Land hat die Ziele des strategischen Großprojektes längst auf den Tisch gelegt: Die F&E-Ausgaben sollen von 1,4 auf 2,5 Prozent des BIP steigen; die Abhängigkeit von ausländischen Technologien soll von der Hälfte auf 30 Prozent sinken; der Prozentsatz von High-Tech-Produkten an der industriellen Wertschöpfung des Landes soll von 14 auf 28 Prozent klettern.

Der Startschuss für die Großattacke ist längst gefallen. Und er zeigt erste Wirkung. Die DB Research sieht in ihrer neuen Studie "Forschung folgt Fertigung" erste Hinweise "für einen dynamisch wachsenden Transfer von Wissen und Innovationen aus Schwellenländern zurück in Industrieländer". Das bezieht sich auf die Zahlen von Eurostat, wonach China bereits Nettoexporteur von F&E-Leistungen in die EU ist.

China hat Japan als zweitgrößten F&E-Standort eingeholt

Einen wichtigen Anteil an dieser technologischen Gezeitenwende haben westliche Firmen, die nach der Produktion seit den 90er Jahren auch Entwicklungszentren im Reich der Mitte aufgebaut haben. Die OECD schätzt, dass bis zu 30 Prozent der Unternehmensausgaben für F&E in China von ausländischen Firmen oder deren Beteiligungen erbracht werden. Die Zahl der ausländischen F&E-Standorte in China hat sich von 700 im Jahr 2004 auf über 1200 im Jahr 2008 erhöht.

Die jüngsten Zahlen aus China zeigen alles andere als nur eine plumpe Nachahmernation: Chinas F&E-Aufwendungen wachsen vier Mal so schnell wie die der USA, heißt es im "2011 Global R&D Funding Forecast" des F&E-Konzerns Battelle.

In der Prognose findet sich ein entscheidender Hinweis: "In absoluten Zahlen wachsen Chinas F&E-Ausgaben schon so schnell wie die Amerikas, etwa 10 Milliarden Dollar pro Jahr". Während die F&E-Budgets im Krisenjahr 2009 weltweit um 3,5 Prozent gestutzt wurden - in Deutschland um 3,1 Prozent - legte China bei F&E laut der Beratungsgesellschaft Booz & Company um satte 41,8 Prozent zu.

China hat laut Battelle im abgelaufenen Jahr Japan als zweitgrößten F&E-Standort eingeholt. Das Land wird in der Rangliste des Instituts für Länder mit der größten technologischen Kraft bis 2015 einen Sprung vom 4. auf den 1. Platz machen, sagt Battelle voraus.

F&E-Importe aus China um über 400 Prozent gestiegen

Die ersten Konkurrenten im Westen sind abgehängt. China hat bei der Ausgabenintensität für F&E "Länder wie Spanien und Italien hinter sich gelassen", heißt es im statistischen Monatsheft des Landes Baden-Württemberg. Demnach konnte China seit Beginn des vergangenen Jahrzehnts seine F&E-Ausgaben jährlich um 21 Prozent steigern.

Dass China seine neue Karriere als Forschungsproduzent schon begonnen hat, ist in dem Papier der DB Research zu lesen: "Während die Importe von F&E-Leistungen nach Deutschland zwischen 2004 und 2008 insgesamt um 23 Prozent zugelegt haben, sind die Einfuhren von Forschungsleistungen aus Indien um über 270 Prozent und aus China um über 400 Prozent gestiegen".

Das sind enorme Zuwächse von kleinen Anfängen. Aber sie machen sich bereits in der bilateralen Bilanz bemerkbar: "Die Importe von F&E-Dienstleistungen aus China in die EU sind seit 2004 um den Faktor 3 gestiegen, in der Folge hat sich der einst robuste Außenhandelsüberschuss in ein kleines Defizit gewandelt", so die DB Research. Dass der Fluss von Knowhow und Technologie zwischen dem Westen und Asien keine reine Einbahnstraße mehr ist, zeigen auch Zahlen aus deutschen Firmen: Diese bezogen 2008 von China Dienstleistungen im Bereich F&E für 92 Millionen Euro.

Im Klartext: Das bisherige Hauptmotiv für die Verlagerung von F&E in die Schwellenländer - die Anpassung bereits entwickelter Produkte an lokale Geschmäcker - hat eine neue Variante bekommen: Jetzt liefern die Labors in chinesischen Niederlassungen deutscher Firmen auch Zutaten für die Forschungsaktivität zuhause. "Die Vorstellung, in China wird produziert und verkauft, was in den innovativen Zentren des Westens erdacht und entwickelt wurde, ist längst überholt", sagte schon 2005 der Chefökonom für Asien-Pazifik bei der Deutschen Bank  in Hongkong, Michael Spencer.

China ist für Bosch bereits der zweitwichtigste Entwicklungsstandort

Bei führenden Technologiefirmen wie Bosch ist das längst bekannt. Laut Bosch-Chef Franz Fehrenbach heißt das Prinzip jetzt nicht mehr "local for local", sondern auch "local for global". Im Klartext: In Sachen F&E wird China zunehmend von führenden Technologiekonzernen in ein weltweites Firmennetzwerk eingebunden, als gleichberechtigter Partner. Beim weltgrößten Autozulieferer Bosch schätzt man, dass der in Schwellenländern herrschende Druck zu einfachen und kostengünstigen Lösungen auch für die Produktentwicklung in heimischen Laboren etwas abwirft.

China ist für Bosch hinter Deutschland bereits der zweitwichtigste Entwicklungsstandort. Von 33.000 Beschäftigten im Bereich Forschung und Entwicklung sind 8000 in Asien-Pazifik beheimatet, davon über 4000 in China.

Zu einem ähnlichen Ergebnis wie Fehrenbach bei Bosch kommen auch Autoren der Otto Beisheim School of Management bei Koblenz. In ihrer Studie "Industrielle Forschung und Entwicklung in Emerging Markets" heben sie hervor, welche Bedeutung sogenannte "Gut-genug-Produkte" aus den Tüftel-Abteilungen westlicher Firmen in Ländern wie China für die F&E daheim haben. Neu entwickelte Produkte, die gerade nicht zu viele und zu fortschrittliche Eigenschaften haben, dienen westlichen Konzernen in wachsendem Maße dazu, "das Over-Engineering zu bekämpfen, das für zentrale F&E-Abteilungen im Heimatland eines Unternehmens typisch ist".

In der Fachzeitschrift "Performance" wird aus einer Umfrage unter deutschen Firmen mit Engagement in China berichtet, die befragten Firmen hätten bereits 10 Prozent ihres globalen F&E-Personals in China lokalisiert. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung bestätigt in der Studie "Internationalisierung von Forschung und Entwicklung in multinationalen Unternehmen" die prominente Position, die China inzwischen im globalen F&E-Netzwerk deutscher Firmen einnimmt: "Damit haben die asiatischen Tigerstaaten und China als Auslandsforschungsstandorte deutscher multinationaler Firmen in der Summe inzwischen etwa das gleiche Gewicht wie Japan".

Auch Bayer will in China expandieren

Doch der Ausbau von F&E-Kapazitäten deutscher Firmen in China kommt jetzt erst so richtig in Fahrt. Beispiel Bayer: Vorstandschef Marijn Dekkers kündigte Mitte Dezember Pläne an, den Konzernumsatz im Großraum China bis 2015 auf etwa fünf Milliarden Euro zu steigern, von 2,1 Milliarden in 2009. Teil der Strategie sind Investitionen von einer Milliarde Euro allein am Standort Shanghai, darunter der Ausbau des Forschungs- und Entwicklungszentrums für Polymere. Es soll sich auf Bereiche konzentrieren, in denen China als ein global führender Anbieter gilt, zum Beispiel Solarenergie und Windkraft. Der Chiphersteller Infineon  unterzeichnete im Januar 2010 mit der Stadtregierung von Peking die Absichtserklärung für ein Entwicklungszentrum, das dritte im Land nach Xian und Shanghai.

Auch die Bayer Schering Pharma AG baut ein F&E-Zentrum in Peking. Dafür sollen in den kommenden fünf Jahren rund 100 Millionen Euro investiert werden. "Peking wird ein wichtiger Standort im Rahmen unserer weltweiten Entwicklung innovativer Arzneimittel werden", gab Vorstandschef Andreas Fibig bei der Ankündigung zu Protokoll. Der Darmstädter Pharma- und Chemiekonzern Merck KGaA  baut seine F&E-Aktivität mit einem Forschungszentrum in Peking aus.

Die BASF  will ihren Umsatz in Asien-Pazifik bis 2020 verdoppeln. Teil dieser Expansion, die das Wachstum des regionalen Marktes jedes Jahr um 2 Prozent übertreffen will, ist eine Verdoppelung der Beschäftigten im Bereich F&E.

Und Siemens, das mit einem F&E-Budget von über 3,8 Milliarden Euro weltweit über 30.000 Forscher und Entwickler beschäftigt, weist in der F&E-Weltkarte seiner Webseite für Asien in der Zentralabteilung Corporate Technology elf Kooperationen mit führenden Forschungseinrichtungen aus, so viele wie in Nordamerika. Fünf der elf asiatischen Kooperationen haben chinesische Standorte, darunter die Tongji-Universität in Shanghai und die Tsinghua-Universität in Peking. Und Volkswagen , das bis Ende 2012 für Investitionen in China mehr als vier Milliarden Euro locker macht, will umweltfreundliche Motoren und Getriebe künftig verstärkt in China entwickeln lassen - nicht nur für den lokalen Markt.

In China mehr Studienanfänger als in der EU, den USA und Japan zusammen

Westliche Firmendependencen in China sind aber bei weitem nicht der einzige Treiber für Chinas mächtige Expansion bei F&E-Leistungen. Auch Eigengewächse wie der Telekomausrüster Huawei, der inzwischen die Kommunikationsbedürfnisse von jedem dritten Menschen auf dem Planeten sichert, schieben mit ihrer globalen Expansion die groß angelegte F&E-Attacke an. Huawei gab vor Weihnachten bekannt, bis 2015 rund zwei Milliarden Dollar in ein riesiges Entwicklungszentrum in Indien zu investieren. Huawei betreibt weltweit schon 16 F&E-Zentren, darunter in München, Dallas, Paris und Moskau. Mehr als die Hälfte der 60.000 Beschäftigten arbeitet im Bereich F&E.

Mehr noch: Während in Europa - zuletzt in London - Studenten gegen hohe Uni-Gebühren protestieren und akademische Ausbildung teurer wird, erreicht China einen weiteren denkwürdigen Meilenstein: 2010 begannen im Reich der Mitte erstmals mehr Menschen ein Studium, als in der EU, den USA und Japan zusammen. Die Anziehungskraft solcher Zahlen für westliche Firmen, die zunehmend über Fachkräftemangel klagen, ist offensichtlich.

Dass sich China mit großen Schritten von der Rolle als verlängerte Werkbank löst und mit F&E auch in höherwertige Fertigungsbereiche vorstößt, zeigt auch die jüngste Prognose der OECD. Demnach soll 2011 Chinas Weltmarktanteil bei F&E auf 12,9 Prozent steigen, nach 11,2 Prozent im Jahr 2009. Die Anteile der EU, Japans und der USA sollen dagegen leicht zurück gehen.

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