Konjunktur Wirtschaft warnt vor überzogenen Lohnerhöhungen

Mit dem Anziehen der Konjunktur in Deutschland steigen auch die Forderungen nach Lohnerhöhungen. Wirtschaftsinstitute, Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt und DIHK-Präsident Hans Heinrich Driftmann mahnen allerdings zur Besonnenheit.
Maßvolle Tarifabschlüsse: Die Mehrheit der Arbeitnehmer rechnet in 2011 nicht mit einer Lohnerhöhung

Maßvolle Tarifabschlüsse: Die Mehrheit der Arbeitnehmer rechnet in 2011 nicht mit einer Lohnerhöhung

Foto: Oliver Berg/ picture alliance / dpa

Berlin - Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt warb am Sonntag für "flexible und produktivitätsorientierte Tarifabschlüsse". Dabei müsse die wirtschaftliche Lage in den einzelnen Branchen berücksichtigt werden.

Auch der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Hans Heinrich Driftmann, warnte vor zu umfangreichen Lohnerhöhungen im neuen Jahr. Er sagte: "Dort, wo es wieder gut läuft, wird es zweifellos auch wieder mehr Geld geben." Man dürfe jedoch "das Augenmaß nicht verlieren".

"Zur Beschäftigungssicherung während der Krise und zur aktuell guten Arbeitsmarktentwicklung haben die verantwortungsbewussten Abschlüsse der letzten Jahre wesentlich beigetragen", sagte Driftmann. Die Unternehmen hätten "in der Krise hohe Kosten in Kauf genommen, um an ihren Mitarbeitern festzuhalten". Der DIHK-Präsident fügte hinzu: "Noch haben längst nicht alle Unternehmen das Vorkrisenniveau wieder erreicht."

Ähnlich äußerte sich Hundt. Der Arbeitgeberpräsident sagte, die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland sei zwar "besser als erwartet". Dies gelte aber nicht für alle Branchen und Unternehmen. Hundt fügte hinzu: "Wir dürfen unsere Wettbewerbsfähigkeit nicht einschränken."

Wirtschaftsforscher sehen nur geringen Spielraum für Lohnerhöhungen

Auch führende Wirtschaftsforschungsinstitute warnen vor zu starken Lohnerhöhungen im neuen Jahr. Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Klaus Zimmermann, sagte: "Bei aller Freude über den Aufschwung sollten wir nicht übermütig werden." Es gebe "immer noch etliche Branchen und Betriebe, denen es nach wie vor nicht gut geht".

Der Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW), Dennis Snower, sieht nur einen "geringen Spielraum" für Lohnerhöhungen. Die Arbeitnehmer seien bereits am Wirtschaftsaufschwung beteiligt, "da die Arbeitslosigkeit gesunken und die Beschäftigungssicherheit gestiegen ist". Eine Beteiligung in Form höherer Löhne sei nur dann angemessen, wenn sie "den längerfristigen Marktverhältnissen entspricht oder mit einer Risikoteilung verbunden ist".

Der Präsident des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen, Christoph Schmidt, warnte vor einer Gefährdung von Arbeitsplätzen. Er mahnte, Lohnerhöhungen sollten sich "am trendmäßigen Produktivitätsfortschritt und an den Preisüberwälzungsmöglichkeiten der Unternehmen orientieren". Dies spreche "für eine Lohnanhebung von knapp 2,5 Prozent im gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt".

Nur 34 Prozent der Arbeitnehmer erwarten höhere Einkommen

Die Arbeitnehmer rechnen offenbar schon damit, dass sich der Aufschwung kaum auf ihrem Lohnzettel niederschlagen wird: Nur 34 Prozent der Bundesbürger erwarten für 2011 höhere Einkommen als im vergangenen Jahr, wie aus einer repräsentativen Umfrage des Emnid-Instituts im Auftrag der "Bild am Sonntag" hervorgeht. 63 Prozent teilen diesen Optimismus demnach nicht.

Westdeutsche sind der Umfrage zufolge optimistischer als Ostdeutsche, Männer optimistischer als Frauen. Während 37 Prozent der Westdeutschen für 2011 höhere Einnahmen erwarten, sind es in Ostdeutschland nur 23 Prozent. 44 Prozent der männlichen Befragten sind überzeugt, 2011 mehr Geld zur Verfügung zu haben als 2010, hingegen nur 25 Prozent der Frauen.

Besserverdienende mit einem Monatsnettoeinkommen von mehr als 2500 Euro sind zu 47 Prozent zuversichtlich, dass es ihnen 2011 finanziell noch besser geht als 2010. Doch auch hier überwiegen mit 52 Prozent die Skeptiker. Für die Erhebung wurden 500 in Deutschland lebende Menschen ab 14 Jahren befragt.

Jörg Säuberlich, dapd