Sonntag, 16. Juni 2019

Imageprobleme Formel 1 soll zur Formel Grün werden

Neue Rennsportvorgaben: Geringere Motorenleistung aus Klimaschutzgründen

Formel-1-Boliden verbrauchen nicht weniger als 80 Liter Sprit auf hundert Kilometern, ihr Kohlendioxid-Ausstoß erreicht gigantische Größen. Deshalb hat die Formel 1 ein Klimaproblem. Jetzt steuern die Autohersteller dagegen - und nutzen die Autorenn-Show gekonnt, um ihr Öko-Image zu verbessern. 

Hamburg - Weil die Formel 1 ein Imageproblem als eine einzige Klimasünde hat, steuert die Rennsportserie um. Plötzlich kämpft sie gegen ihr Image als Umweltverschmutzer und trumpft mit neuen Regeln auf, die das Renngeschehen aus der Kritik nehmen sollen.

Die Formel-1-Teamvereinigung Fota hat deshalb in Genf ein Umweltprogramm präsentiert, mit dem die Kohlendioxid-Emissionen der Rennserie bis zum Jahr 2012 um 12,4 Prozent gegenüber 2009 reduziert werden könnten. Die Formel-1-Boliden sollen dazu statt der aktuellen 2,4-Liter-Maschinen mit acht Zylindern künftig nur noch kleinere 1,6-Liter-Turbo-Motoren mit vier Zylindern antreiben. Die Drehzahl der neuen Aggregate wird zudem auf 12.000 pro Minute begrenzt, Motoren und Getriebe müssen noch länger halten als bisher und, ja, selbst aus Biomasse gewonnene Treibstoffe werden zugelassen. Nach Meinung der Fota werden die neuen Motoren rund 35 Prozent weniger Benzin verbrauchen als die aktuellen - und ein Viertel billiger in der Herstellung sein. Das zumindest lässt die Autohersteller auf jeden Fall aufatmen.

"Der gefundene Kompromiss garantiert ein Limit bei den finanziellen Aufwendungen. Wir müssen die saubersten Autos bauen, aber wir dürfen nicht glauben, dass ein 700 PS Auto, das grünste aller Zeiten wird", stellt Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug klar. Durch die aktuellen Entscheidungen ist die Formel 1 auch wieder ein Thema für Volkswagen. "Wir begrüßen das sehr. Es ist wichtig, das Thema Umwelt auch in der Formel 1 anzugehen. Es muss nicht gleich ganz grün werden, aber es muss in diese Richtung gehen," so Volkswagen-Motorsportrepräsentant Hans-Joachim Stuck.

Das neue Interesse des größten europäischen Autoherstellers an der Formel 1 kommt nicht von ungefähr. Zwar ist die Rennserie bei vielen als Dreckschleuder und Luftverpester verpöhnt, und das aus gutem Grund: Der Verbrauch der Boliden liegt im Schnitt bei 80 Litern auf 100 Kilometern, ihr Kohlendioxid-Ausstoß bei gigantischen 1500 Gramm pro Kilometer; ein normaler Pkw-Motor bläst auf der gleichen Strecke gerade einmal 160 Gramm CO2 durch den Auspuff. Doch die Formel 1 ist eine der bedeutendsten Marketing-Plattformen für die großen Automobilhersteller und somit die ideale Bühne, etwas für das eigene Öko-Image zu tun. Mit der Verbesserung der aktuell extrem ungünstigen Klimabilanz der Formel-1-Autos könnten sie ihr technisches Umwelttechnik-Know-how reklamewirksam unter Beweis stellen.

Relationen erkennen

Schon heute ist ein Formel-1-Auto im Spritverbrauch effizienter als ein normales Serienauto. Während der 900 PS starke Rennbolide pro einem PS 0,078 Liter Benzin verbrennt, sind es bei einem Kompaktwagen mit 75 PS 0,093 Liter. Der Anteil der Formel 1 an der weltweiten CO2-Emission beläuft sich auf etwa 0,0000035 Prozent. 99 Prozent des Kohlendioxids bei einem Formel-1-Rennen werden durch die mit dem Auto anreisenden Zuschauer verursacht. Rechnet man diesen Wert ein, ist eine Fußball-Bundesliga-Saison schmutziger.

Schlaue Köpfe haben errechnet, dass 2007 alle im Feld befindlichen 22 Fahrzeuge bei 17 Rennen inklusive aller Trainingseinheiten und Qualifikationen etwa 150.000 Liter Kraftstoff verbrauchten. Aber eine Boeing 747-400 benötigt genau gleich viel auf einem einzigen zwölfstündigen Flug von Frankfurt am Main nach Tokio.

Lebenselixier Benzin

Seit Jahren schon wird versucht, den Treibstoff umweltfreundlicher zu machen, wie die kleine Chronolgie zeigt. Bis Ende 1957 noch war die Benzinmixtur alleine Sache der Chemiker. Nahezu alles war erlaubt von Benzol und Methylalkohol, über Flugbenzin bis zu Aceton und Nitrobenzol. Später wurde reines Flugbenzin verwendet und dann adaptierter Autosprit. 1992 beschränkte man das Kraftstoffgemisch auf Anteile von Stickstoff, Sauerstoff und Kohlenwasserstoffe. Alkohol, Stickstoffverbindungen und andere Additive wurden verboten. Der Umwelt zuliebe war ab sofort bleifreies Benzin vorgeschrieben, das allen Sicherheits- und Gesundheitsvorschriften der Europäischen Union (EU) entsprach.

Seit 1995 muss der verwendete Kraftstoff erst vom Motorsportweltverband FIA vor der Saison freigegeben werden. Das heute verwendete Benzin entspricht weitestgehend üblichem Tankstellensprit, dennoch wird weiter geforscht. Zur Entwicklung neuer Mischungen verfügt Shell über einen einzigartigen 20.000 Dollar teuren "optischen Motor", der es den Ingenieuren ermöglicht, Prozessen im Inneren zuzusehen um die Effizienz und die Art, wie das Benzin abbrennt, besser beurteilen zu können.

Neben dem Benzin spielt auch das Öl eine wichtige Rolle. Es ist ausschließlich synthetischer Natur und wird speziell für die Anforderungen der Formel-1-Motoren optimiert. Das heutige Öl ist beinahe so flüssig wie Wasser und seine Hauptaufgabe ist die Reibung zu minimieren um dadurch die Hitzeentwicklung und Abnutzung der Bauteile im Motor und Getriebe zu reduzieren. Ohne Öl würde ein Motor, der bis auf 19.000 Touren dreht, binnen Sekunden den Hitzetod sterben. Laut Volkswagen-Motorsportrepräsentant Stuck ist dies alles aber nur bedingt wichtig, denn "in spätestens 20 Jahren wird sowieso kein Weg an Elektroantrieben vorbeiführen."

Bremsenergie und Biogummis

2008 gab es einen weiteren "grünen" Schub als vorgeschrieben wurde, dass mindestens 5,75 Prozent des verbrauchten Treibstoffes aus Biokraftstoff bestehen und Technologien zur Schadstoffeinsparung entwickelt werden müssen. In einem ersten Ansatz wollte man die Energie bei Bremsvorgängen der Rennwagen speichern, um sie dann als "Power Boost" entladen zu können. Damit war die KERS Idee geboren.

Doch das K(inetic) E(nergy) R(ecovery) S(ystem) wurde zu schnell durchgepeitscht und erwies sich nicht als der große Wurf. Das Gerät war zu schwer, funktionierte nicht fehlerfrei und mehrere Mechaniker erlitten bei Tests Stromschläge. 2010 wurde KERS wieder abgeschafft, überarbeitet und soll in der nächsten Saison ein Comeback feiern. Für 2013 soll die Leistungsfähigkeit von 60kW auf 120kW gesteigert werden.

Durch die krasse Reduktion der jährlich zu fahrenden Testdistanz auf jeweils 30.000 Kilometer, wurde der Benzinverbrauch bereits für 2010 deutlich begrenzt. Dies soll nun mittels Spritlimit und der Einführung einer maximalen Kraftstoffkapazität noch verstärkt geschehen.

Potenzial für Kraftstoffeinsparung schlummert auch in der Bereifung. Dem japanischen Reifenhersteller Yokohama, der etwa die Tourenwagen-WM WTCC ausstattet, gelang 2009 die Entwicklung ökologisch fortschrittlicherer Renngummis. Neben verringertem Rollwiderstand und damit einhergehender Spritersparnis, besitzen die asiatischen Reifen umweltfreundlichere Gummi- und Ölrezepturen. Pirelli, ab 2011 exklusiver Ausrüster der Formel 1, kann dieser Idee allerdings noch nichts abgewinnen.

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