Montag, 16. September 2019

Abfallwirtschaft "Der Grüne Punkt hat sich selbst überflüssig gemacht"

Verpackungen plus andere Wertstoffe: Der Grüne Punkt hat sich überlebt
Der Grüne Punkt
Verpackungen plus andere Wertstoffe: Der Grüne Punkt hat sich überlebt

Der Grüne Punkt wird zwanzig Jahre alt. Genug Zeit, um die Deutschen zu einem Volk der Müllsortierer zu machen. Doch die Unterscheidung zwischen Verpackungen und anderem Müll ist alles andere als sinnvoll. Und Maschinen können den Müll längst besser trennen als Menschen.

Hamburg - Um große Worte war Umweltminister Norbert Röttgen nicht verlegen. Er sprach von "natürlichen Lebensgrundlagen", von "Verantwortung" und "künftigen Generationen". Anlass war das Jubiläum des Grünen Punktes, der vor 20 Jahren eingeführt wurde. Am Mittwoch trat Röttgen auf einem Festakt in Berlin als "Keynote Speaker" auf. Wohlgemerkt, nicht als Redner.

Seit der Grüne Punkt 1990 vorgestellt wurde, sind alle Deutschen gehalten, ihre Abfälle auf mindestens zwei Tonnen zu verteilen: Eine für Verpackungsmüll, der den Grünen Punkt trägt, eine für alles andere. Meist kommt noch eine getrennte Sammlung von Altpapier und Altglas hinzu. Dabei geht es nicht einfach um schnöden Abfall. Das Mülltrennen ist in Deutschland inzwischen so verbreitet, dass es im Ausland als Ausdruck unserer kulturellen Identität verstanden wird. Auch große Worte - beschreiben sie also eine Erfolgsgeschichte?

Fragt man Abfallexperten nach dem Stand der Dinge, werden die Begriffe kaum kleiner, aber der Zungenschlag ändert sich. Stefan Gäth, Professor für Landschaftsökologie und Ressourcenmanagement in Gießen spricht von einem "Anachronismus". Klaus Wiemer, emeritierter Professor für Abfallwirtschaft und Altlasten in Kassel, kritisiert eine "falsche Denke". Der Grüne Punkt - ein Desaster?

Den Anstoß für das System gab die Verpackungsverordnung von 1990, die Unternehmen verpflichtete, ihren Verpackungsmüll zurückzunehmen und dem Recycling zuzuführen. Also wurde das Duale System Deutschland (DSD) gegründet, eine Gesellschaft, die sich um die Beseitigung der Packungen kümmert. Die Kosten dafür wollte man möglichst gerecht zuordnen. Deshalb soll nur entsorgt werden, worauf der Grüne Punkt prangt - und den darf nur aufdrucken, wer eine Lizenzgebühr bezahlt. So bekam Verpackungsmüll einen Preis.

"Aus Abfall eine Ressource"

"Mit dem Grünen Punkt ist es gelungen, aus Abfall eine Ressource zu machen", befindet etwa Thorsten Grenz, Chef der Firma Veolia Umweltservice. Veolia ist ein Beispiel dafür, wie aus dem Müll nicht zuletzt ein Geschäft wurde. Das Unternehmen bietet Müllentsorgung für Gewerbe- und Industriekunden sowie für Kommunen an und kooperiert mit dem DSD.

2,7 Millionen Tonnen Leichtverpackungen werden in Deutschland aktuell pro Jahr mit dem Grünen Punkt markiert, der Umsatz des Systems liegt bei 1,5 Milliarden Euro. Die Wiederverwertungsquoten stiegen über die Jahre, die Restmüllmenge sank. Nicht zuletzt reagierten die Produzenten von Verpackungsmüll. "Verpackungen sind in den vergangenen 20 Jahren deutlich ressourcenschonender geworden", bescheinigt Wissenschaftler Gäth dem Grünen Punkt als größten Erfolg.

Doch schon in den frühen Jahren wurde die Ineffizienz des Grünen Punktes kritisiert. Viel von den mühsam sortierten Wertstoffen landete in der Müllverbrennung. Außerdem störten sich viele an den Kosten: Die Lizenzgebühren für das grüne Logo auf den Verpackungen zahlt der Kunde bei jedem Einkauf mit. Nach älteren Schätzungen trägt jeder Bürger im Durchschnitt 1,90 Euro pro Monat zum Grünen Punkt bei.

Am meisten Kritik zieht aber die Sortiererei auf sich. 40 Prozent des Inhaltes der gelben Säcke ist vom Verbraucher falsch eingeordnet und muss in derzeit bundesweit über 200 Sortierwerken aufgeteilt werden. Die Fehlbestückung der Säcke ist seit Jahren konstant hoch. So identitätsstiftend Mülltrennung für Deutsche sein mag, ein Lerneffekt ist nicht zu beobachten.

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