Lebensversicherer "Die Vier vor dem Komma wird halten"

Die Ratingagentur Fitch sieht für die Lebensversicherer einen Silberstreif am Horizont. Sie hat ihren Ausblick für die Branche auf "stabil" angehoben. Das Niedrigzinsniveau bleibe für die Unternehmen aber eine Herausforderung. Und das werden die Kunden im kommenden Jahr zu spüren bekommen.
Drahtseilakt: Die Niedrigzinsen bleiben für die Lebensversicherer eine Herausforderung, sagen Experten der Ratingagentur Fitch. Die meisten Anbieter werden sie aber meistern und ihre Zusagen an die Kunden noch lange erfüllen können, ist Fitch überzeugt. Die Agentur hat den Ausblick für die Branche von "negativ" auf "stabil" angehoben. Gleichwohl werden die Kunden 2011 Einbußen bei der Überschussbeteiligung hinnehmen müssen, erwartet Fitch

Drahtseilakt: Die Niedrigzinsen bleiben für die Lebensversicherer eine Herausforderung, sagen Experten der Ratingagentur Fitch. Die meisten Anbieter werden sie aber meistern und ihre Zusagen an die Kunden noch lange erfüllen können, ist Fitch überzeugt. Die Agentur hat den Ausblick für die Branche von "negativ" auf "stabil" angehoben. Gleichwohl werden die Kunden 2011 Einbußen bei der Überschussbeteiligung hinnehmen müssen, erwartet Fitch

Foto: A9999 Bayerische Zugspitzbahn/ dpa

Hamburg/Frankfurt am Main - Die Ratingexperten der Agentur Fitch beurteilen die nahe Zukunft der deutschen Lebensversicherer wieder etwas optimistischer und haben ihren Ausblick für die Branche von "negativ" auf "stabil" angehoben. Im Oktober vor drei Jahren hatte das Team um Tim Ockenga den Ausblick für die Branche auf "negativ" gesetzt und seitdem 12 Gesellschaften herabgestuft.

"Das Niedrigzinsumfeld bleibt für die Branche eine starke Herausforderung. Deshalb sehen wir sie auch noch nicht ganz über den Berg", sagt Senior Director Ockenga im Gespräch mit manager magazin. Grund für Euphorie besteht also nicht. Bedeutet die Hochstufung im Verständnis der Experten doch nicht mehr, dass sich die meisten Ratings in den kommenden 12 bis 18 Monaten auf dem niedrigeren Niveau voraussichtlich stabil halten werden.

Ockenga und sein Team begründen ihren Schritt vor allem mit der verbesserten Bilanzstruktur der 26 von ihnen bewerteten Gesellschaften, die ein Großteil des Marktes abdecken. Die Lebensversicherer hätten im Zuge der Finanzkrise in risikoärmere Anlagen umgeschichtet und damit die Risiken in ihren Kapitalanlagen reduziert. "Die Aktienquote liegt im Schnitt deutlich unter 5 Prozent", sagt Ockenga.

Stille Lasten deutlich reduziert, Bewertungsreserven kräftig gewachsen

Positiv wirkte auf die Bilanzen auch die Erholung an den Kapitalmärkten seit dem zweiten Halbjahr 2009, so dass die Unternehmen stille Lasten deutlich reduzieren und im Zuge des niedrigen Zinsniveaus erhebliche Bewertungsreserven im Portfolio der festverzinslichen Anlagen aufbauen konnten. Derzeit dürften die Bewertungsreserven auf mehr als 7 Prozent (2009: 3,6 Prozent) der Kapitalanlagen gestiegen sein.

Nach Einschätzung von Fitch wird das niedrige Zinsniveau den Anlageerfolg der Branche aber weiter schmälern. So dürfte die Nettoverzinsung der Kapitalanlagen im Schnitt auf rund 4,0 Prozent nach 4,2 Prozent im Vorjahr fallen - und mit ihr auch die laufende Verzinsung der Kundenguthaben für das Jahr 2011, deren Höhe die Unternehmen zum Jahresende festlegen. "Die Vier vor dem Komma wird die Branche im Schnitt halten", ist Ockenga gleichwohl überzeugt. Dabei könnten einige Marktteilnehmer ihre Kapitalpuffer aber wieder erheblich angreifen, um bei der Überschussbeteiligung nicht gänzlich zurückzufallen, sagen die Experten von Fitch voraus.

Überschussbeteiligung dürfte 2011 wohl leicht sinken

Um die durchschnittlich garantierten Zinsen von 3,4 Prozent und obendrauf noch etwas Überschussbeteiligung erwirtschaften zu können, haben die Unternehmen nach Beobachtung von Fitch im laufenden Jahr offenbar verstärkt in höher rentierliche Unternehmensanleihen und höher verzinste Staatsanleihen der Euro-Zone investiert. "Das passiert aber nicht kopflos, die Unternehmen opfern um der Rendite willen, nicht jegliche Vorsicht. Sie achten sehr genau auf die Qualität ihres Portfolios", berichtet Ockenga. Die Bonität des festverzinslichen Portfolios der Branche sei weiterhin hoch. Fitch schätzt, dass 90 Prozent dieser Anlagen mit einem Rating von "A" oder besser besser eingestuft seien.

Im Branchenschnitt dürfte sich der Neuanlagecoupon in diesem Jahr auf "knapp 4 Prozent" belaufen, bei einer Spannbreite von 3,7 bis 4,3 Prozent. Das gesamte Portfolio festverzinslicher Anlagen werde - dank älterer höher verzinster Assets - im Branchenschnitt 4,4 Prozent abwerfen, schätzt Fitch. Also ein allemal ausreichend hohes Niveau, um die zugesagten Garantien von 3,4 Prozent einzuhalten.

Absturz im Kerngeschäft offenbar gestoppt

Hier wurde in der Vergangenheit mehrfach spekuliert, dass einzelne, schwächere Unternehmen bei einem anhaltend niedrigen Zinsniveau Probleme bekommen könnten, die zugesagten Garantien zu erwirtschaften. Auch vor diesem Hintergrund schloss die Deutsche Aktuarvereinigung (DAV) nicht aus, dass sie für das Jahr 2012 einen niedrigeren Garantiezins empfehlen wird, der für Neuverträge derzeit bei 2,25 Prozent liegt.

Fitch glaubt hier die Befürchtungen der Kunden zerstreuen zu können. Unter Berücksichtigung aller Erlösquellen - also auch der versicherungstechnisch bedingten und nicht zu unterschätzenden Risikogewinne - könnten die meisten Unternehmen den Garantiezins auch bei niedrigen Wiederanlagezinsen voraussichtlich bis zum Jahr 2030 bedienen. Um ihre Abhängigkeit vom notwendigen Kapitalertrag zu verringern, würden die Lebensversicherer gleichwohl versuchen, künftig verstärkt Produkte mit biometrischem Schwerpunkt zu verkaufen, also Risikolebensversicherungen und Berufsunfähigkeitspolicen.

Dabei scheint es den Lebensversicherern in diesem Jahr zumindest zu gelingen, den tiefen Fall des Geschäfts gegen laufenden Monatsbeitrag (2009: minus 15,4 Prozent) - das eigentliche Kerngeschäft der Branche - zu stoppen. "Nach unseren Informationen dürfte sich das Geschäft auf dem niedrigen Niveau des Vorjahres stabilisieren", sagt Ockenga. Von einer Trendwende will der Analyst gleichwohl nicht sprechen.

Das wäre aber immerhin eine überraschend positive Nachricht, die nach einer aktuellen, repräsentativen Allensbach-Umfrage so nicht zu erwarten wäre. Demnach hat nämlich jeder fünfte Deutsche im Zuge der Finanz- und Wirtschaftskrise seine private Altersvorsorge entweder gekürzt oder gekündigt. Selbst jene, die ursprünglich ihre Sparanstrengungen erhöhen wollten, haben sich millionenfach anders entschieden - von ihnen kappte oder kündigte jeder Vierte seinen Vertrag.

Jenseits dessen werde laut Fitch das nicht unumstrittene Geschäft gegen einen hohen Einmalbeitrag auch in diesem Jahr wieder eine ähnliche hohe Bedeutung für das Neugeschäft der Lebensversicherer haben und damit "keine Eintagsfliege" sein. Im vergangenen Jahr wuchs dieses Geschäft mit vor allem wohlhabenden Kunden im Gegensatz zum abgestürzten Kerngeschäft um rund 60 Prozent.

Das Einmalbeitragsgeschäft ist umstritten, weil es zu einem nicht unerheblichen Teil aus kurzfristig orientierten, hoch verzinsten Policen (Kapitalisierungsgeschäft) besteht, aus denen sich die Kunden ohne größere Verluste zurückziehen können, sobald sich ihnen am Kapitalmarkt eine attraktivere Anlagealternative bietet. Die Finanzaufsicht Bafin hat jetzt zumindest jenem Teil des Einmalbeitragsgeschäfts strengere Regeln auferlegt, um damit die Altkunden vor Spekulanten zu schützen.

Wie sich das Geschäft mit diesen Kapitalisierungsprodukten im kommenden Jahr auf Grund der Intervention der Bafin entwickeln wird, sei schwer einzuschätzen, sagt Ockenga. Karsten Zielke, Analyst und Bilanzexperte der Société Générale, hingegen rechnet damit, dass das Neugeschäft der Lebensversicherer einbrechen wird. Letzteres habe auch in den vergangenen Monaten vor allem aus dem kurzfristig orientierten Einmalpolicen bestanden.

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