Investoren in Asien Dem Patriarchen schutzlos ausgeliefert

Keine uabhängigen Kontrollinstanzen, dafür willfährige Clan-Mitglieder auf wichtigen Konzernposten: Nicht wenige Unternehmerlegenden Asiens haben sich ihre Konzerne zum Untertan gemacht, und die Aktieninvestoren in ihren Firmen gleich dazu. Auch deutsche Anleger sind betroffen.
Patriarch Huang Guangyu: Der Gome-Gründer versuchte noch aus dem Gefängnis heraus, an der die Unternehmengsführung teilzuhaben

Patriarch Huang Guangyu: Der Gome-Gründer versuchte noch aus dem Gefängnis heraus, an der die Unternehmengsführung teilzuhaben

Foto: CLARO CORTES IV/ REUTERS

Hongkong - Er wollte sein Unternehmen zurück, doch seine Attacke ist erst einmal verpufft. Eine Atacke, geführt aus dem Gefängnis heraus, in das Huang Guangyu vor zwei Jahren wegen Bestechung, illegalen Geschäftspraktiken und Insidergeschäften gesteckt worden ist. Für 14 lange Jahre. Doch Huang Guangyu, der Gründer des größten chinesischen Elektonikeinzelhändlers Gome, ficht das nicht an.

Huang will die Unternehmensleitung trotz Gefängnisstrafe behalten. Deshalb wollte er den neuen Gome-Chairman Chen Xiao beiseite räumen, der diesen Job des in Hongkong notierten Unternehmens für ihn übernommen hat. Und deshalb sollten mit Chen Xiao auch noch zwei Vertreter des amerikanischen Gome-Anteilseigners Bain Capital wieder aus dem Unternehmen verschwinden. Den Ersatz für sie hatte der verurteilte Huang Guangyu schon parat - seine Schwester und sein Anwalt sollten die Fremden verdrängen. Huangs dreister Angriff sollte europäischen Anlegern in Asien ein Warnsignal sein.

In Sachen Transparenz hinken chinesische Firmen, aber auch Unternehmen aus ganz Asien, weit hinter ihren Wettbewerbern aus Europa und Nordamerika her. Das gilt vor allem auch für die verantwortungsvolle Unternehmensführung, englisch Corporate Governance.

"Selbst die reifen Finanzmärkte der Region wie Japan, Hong Kong und Singapur schneiden nicht gut ab", sagt Jamie Allen, Generalsektretär der Asian Corporate Governance Association in Hong Kong. In einer aktuellen Studie des Brokerhausers CLSA erreichen sie 57, 65 und 67 von möglichen 100 Punkten. Zum Vergleich: In Märkten in Westeuropa und Nordamerika liegen die Werte über 80 Punkten. Korea, Indonesien und die Philippinen, die Schlusslichter der Region, schaffen es nicht einmal über 45 Punkte hinaus.

Konzerne oder Personen-Gesellschaften?

Das asiatische Problem dürfte mit Asiens Patriarchen zusammenhängen. Viele der großen Konzerne sind komplett auf eine Person oder Familie zugeschnitten. Im Hintergrund steht ein starker Mann, oft noch der Gründer persönlich. Das gilt für Gome mit dessen Gründer Huang Guangyu, auch wenn ihm die Anteilseigner Ende September das gewünschte sogenannte Generalmandat verweigerten, neue Aktien ohne Beteiligung bestehender Aktionäre auszugeben - und Huang so eine deftige Niederlage bereiteten.

Das gilt aber auch für die Hongkonger Mischkonzerne Cheung Kong und Hutchison Whampoa, bei denen der 82 Jahre alte Li Ka-Shing das letzte Wort hat. Und mehr noch: In dem ursprünglich malaysischen Firmenimperium, das Kerry Properties und die Shangri-La-Hotels umspannt, laufen alle Fäden beim 87-Jährigen Robert Kuok zusammen. Lucio Tan, 76 Jahre, hat dagegen auf den Philippinen das Sagen bei so unterschiedlichen Firmen wie der Asia Brewery und Philippine Airlines.

Ausnahmen bilden nur Japan, Südkorea und Taiwan. Nach einer Untersuchung der Chinese University of Hong Kong sind in diesen drei Ländern weniger als 50 Prozent der Firmen im Besitz einer Familie; in Japan nur unter 10 Prozent. In Thailand und Malaysia gehören dagegen rund zwei Drittel der Firmen einflussreichen Clans, auf den Philippinen und in Indonesien liegt der Anteil noch höher. Der genaue Anteil ist schwer zu ermessen - verschachtelte Beteiligungen verschleiern den Einfluss.

Der starke Familieneinfluss steht oft auch der Einsetzung unabhängiger Verwaltungsräte entgegen. Bei zahlreichen Firmen sind Vorstands- und Aufsichtsratschef Brüder oder Vater und Sohn. "Das ist nicht gerade das, was wir unter unabhängig verstehen", sagt Allen. Etwa bei Sun Hung Kai Properties , mit einer Marktkapitalisierung von 35 Milliarden Euro einer der größten Immobilienentwickler in Asien. Kwong Siu Hing steht dem Verwaltungsrat vor, ihre Söhne Thomas und Raymond Kwok sind Geschäftsführer. Und das ist alles andere als belanglos.

Weniger als die Hälfte der Verwaltungsratschefs unabhängig

Ramalinga Raju beispielweise, Gründer, langjähriger Vorstands- und Verwaltungsratschef des inzwischen verkauften indischen IT-Unternehmens Satyam, wird vorgeworfen dank seiner Ämterhäufung einen Bilanzbetrug in großem Stil verschleiert zu haben.

Die verstrickungen reichen längst tief. In der Volksrepublik werden in börsennotierten Unternehmen, die noch mehrheitlich in Staatsbesitz sind, gelegentlich aus heiterem Himmel auf Geheiß der Partei Vorstände und Verwaltungsräte konkurrierender Konzerne ausgetauscht. So zum Beispiel im Herbst 2008: China Eastern ersetzte seinen Verwaltungsratschef mit jenem von China Southern, hinzu kam ein Geschäftsführer vom dritten großen Wettbewerber Air China. Der ehemalige China-Eastern-Chef zog dagegen zu Air China weiter. Alle drei Konzerne sind in Hong Kong notiert. "Auch hier stellt sich die Frage, wessen Interessen diese Personen letztlich verfolgen", moniert Allen.

Laut den Untersuchungen von CLSA sind in sämtlichen Märkten der Region weniger als die Hälfte der Verwaltungsratschefs unabhängig, in Indien, Hong Kong und China sogar weniger als zehn Prozent. Den Vogel schießt Indonesien ab: In keiner der betrachteten Firmen steht ein Unabhängiger dem Verwaltungsrat vor.

Hinzu kommt nach Ansicht vieler Beobachter, dass sich die Anteilseigner nicht ausreichend einbringen und Schwächen in der Unternehmensführung anmahnen. David Webb gehört zu den wenigen Ausnahmen. Der frühere Investmentbanker hat es sich zur Aufgabe gemacht, für das Wohl der Kleinaktionäre zu kämpfen. Er war es, der Anfang 2009 Unregelmäßigkeiten bei der geplanten Reprivatisierung der Hongkonger Telefongesellschaft PCCW  aufgedeckt hat. Vor der Abstimmung über den Rückzug von der Börse war eine große Anzahl Aktien als Bonus an mehrere hundert Versicherungsvertreter von Fortis  übertragen worden. Nach Protest von Kleinaktionären verurteilte ein Gericht den Vorfall als Manipulation der Abstimmung. PCCW, das von Li Ka-Shings Sohn Richard Li kontrolliert wird, zog den Privatisierungsplan daraufhin zurück.

Aufsichtsbehörden knicken ein

Es gibt noch weitere möglicher Gründe für die Intransparenz vieler asiatischer Unternehmen. Einen sieht Jamie Allen, Generalsektretär der Asian Corporate Governance Association, bei den Aufsehern. Regierungen und Regulierungsbehörden seien teilweise nicht strikt genug bei der Umsetzung der Regeln. Oder sie knicken ein vor den Forderungen der Unternehmenslobby. Beispiel Hongkong: Ende 2008 hatte die Börse eine Anpassung der Black-out-Frist vorgeschlagen, der Zeitspanne, innerhalb der die Geschäftsführung eines Unternehmens aufgrund eines möglichen Informationsvorsprungs nicht handeln darf. Statt wie bisher lediglich im Monat vor der Veröffentlichung der Zahlen sollten Manager ab dem Abschluss der Berichtsperiode bis zur Veröffentlichung nicht mehr mit den Papieren der eigenen Firma handeln dürfen.

Angesichts einer laxen Zeitvorgabe für die Erstellung der Zahlen von drei beziehungsweise vier Monaten nach Ende des Halbjahres respektive des Geschäftsjahres (Quartalsberichte sind in der Stadt nicht verpflichtend) hatte es nach Ansicht von Experten viel Potenzial für Insiderhandel gegeben, das ausgiebig genutzt wurde. Die neuen Regeln hätten als Nebeneffekt auch zu mehr Geschwindigkeit angetrieben.

Doch ein Sturm der Entrüstung brach los. In einem offenen Brief an Regierung und Aufseher protestierten 236 börsennotierte Unternehmen und ihre mächtigen Chefs, darunter unter anderem der Casino-Magnat Stanley Ho, Bank of East Asia-Chef David Li und Li Ka-Shing, Chef der Konglomerate Cheung Kong und Hutchison Whampoa , über unnötig strikte Vorgaben. Schließlich knickte die Börse ein - und ließ die Vorschrift im Grunde wie sie war.

Hoffnungsschimmer Staatskonzerne

Hoffnung für eine Verbesserung der Unternehmensführung in der Region sehen die CLSA-Analysten ausgerechnet in der noch in großen Teilen staatlich kontrollierten Volksrepublik China. "Interessanterweise sind es einige der in Hongkong notierten Firmen aus der Volksrepublik, die mit ihrem Interesse an verantwortungsvoller Unternehmensführung das Thema treiben", sagt Amar Gill. Sie versprechen sich davon eine höhere Bewertung durch die Anleger. So bekommen der Papierexperte Nine Dragons und die Industrial and Commercial Bank of China  (ICBC) gute Noten.

Gome dagegen, der Media Markt Chinas, ist weit davon entfernt, zu dieser Spitzengruppe zu gehören. Der Popularität des inhaftierten Ex-Chefs Huang in der Volksrepublik tut das keinen Abbruch. Auch dessen sollten sich deutsche Anleger bewusst sein, die ein Teil ihres Geldes direkt in Aktien so mancher asiatischer Gesellschaft stecken.

Der Mann, der es vom Sohn armer Bauern in der Provinz Guangdong zwischenzeitlich an die Spitze der Milliardärsliste des Landes geschafft hat, wird in China weiterhin als Self-made-Mann bewundert. In einer Umfrage des Internetportals QQ sprachen ihm kürzlich fast eine Million Nutzer oder 79 Prozent der Teilnehmer das Vertrauen aus, er solle die Kontrolle über den Konzern behalten, Insiderhandel und Korruption hin oder her. Huang hat dann auch schon klar gemacht, dass der Kampf um die Vorherrschaft bei Gome weitergeht.

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